Schoolboy Q Blue Lips

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ALL GOOD Punchline Bockt!

Sie lassen die Jalousien herunter; er selbst öffnet die Vorhänge. Das schreit nach Optimismus. Seine prächtige Villa auf dem Hügel – inklusive »big-ass kitchen« – sei unglaublich, die allermeisten Narben wären mittlerweile verheilt und mit der eigenen Tochter könne er problemlos abhängen. Womit er das verdient hat? Weiß er selbst nicht.
Ja, es ist ein (größtenteils) positives Mindset, das Schoolboy Q auf seinem Sechstwerk »Blue Lips« an den Tag legt.

Der Wille, das einst von Drogen geprägte Leben zu verbessern, saß und sitzt immer noch tief: »Man I gotta shake this shit, wake up and move with a purpose«, rappt er in »Blueslides«, untermalt von jazzigen Lounge-Pianos und herrlichen Retro-Streichern. Er sei »back in love with this shit«, erklärt der Musiker an anderer Stelle und meint damit sicherlich auch die eigene Kunst. »Still in my prime«, für ihn gibt es daran keinen Zweifel. Würde er jetzt sofort sterben, sei das kein Problem mehr – schließlich ist das Leben zuletzt sehr angenehm gewesen. Alles in allem ging’s Schoolboy Q schonmal schlechter, könnte man also sagen.

Passend dazu beginnt der Opener »Funny Guy« verspielt und auch luxuriös – erinnert fast ein bisschen an die sonnenbadenden Momente auf Tyler, the Creators opulentem Flex-Meisterwerk »Call Me If You Get Lost«. Ausgesprochen selbstsicher ist Schoolboy Q auf diesem Album, also lässt er sich in »Funny Guy« auffällig viel Zeit mit dem wirklichen Loslegen. Fünf Jahre mussten wir auf seine neue Platte warten, da machen ein paar Minuten den Braten auch nicht mehr fett. Wir hören ihm sozusagen dabei zu, wie er sich kurz noch frisch macht, mit anderen Worten: »Blue Lips« beginnt nicht gerade wie ein Album, das ganz gezielt darauf aus ist, ein unmittelbar einschlagender Meilenstein zu sein. Ultra-angenehm ist das.

Sehr frei und unbedacht darauf, dass alles unbedingt einen spezifischen Platz haben muss, ist »Blue Lips« dementsprechend. An glatter Perfektion habe ich momentan eh wenig Freude, glücklicherweise ergibt das Album also wenig Sinn, stellenweise, und funktioniert häufig eher nach dem Prinzip: »Ach ja, diesen einen Beat haben wir noch gar nicht benutzt. Egal, kleben wir ihn einfach an den Anfang irgendeines Songs.«

Es wird auf »Blue Lips« also viel herumgehüpft und ständig zwischen Beats gewechselt. Soul-Samples werden von Aggro-808s unterbrochen, dann geht’s wieder zurück und im Anschluss nochmal ganz woanders hin. »Thank God 4 Me« beginnt entspannt, ehe der pompöseste Bläser-Beat seit »Burfict!« von JPEGMAFIA & Danny Brown einsetzt – so als hätte Schoolboy Q eine Sache ausprobiert und dem Produzenten dann relativ schnell zugerufen: »Next one!« Der Rapper hat sich diesmal für keinen konkreten Vibe entschieden und dadurch eine fragmentarische, ganz tolle Stimmung erschaffen.

Im Highlight »Cooties« rappt Schoolboy Q passenderweise auf eine Weise, die repräsentativ für das gesamte Album ist: (im bestmöglichen Sinne) abgehackt. Sein letztes Album »Crash Talk« hat sich einem schneller erschlossen, stimmt, doch auf diese eher eindimensionale Platte hatte man ja schnell keine Lust mehr. »Blue Lips« hingegen bockt – immer und immer wieder.