Kinderzimmer Productions Todesverachtung to go

KIPRO-TODESVERACHTUNG-TO-GO-DIGITAL
ALL GOOD Punchline Zurück und in Höchstform!

Bezüglich Plattenkritiken wird in den tiefen Weiten des Web immer mal wieder von unqualifizierten Stellen die Forderung laut, eine Review solle möglichst objektiv sein – ein Paradoxon an sich, denn eine objektive Meinung gibt es nicht. Ich verzichte an dieser Stelle daher ausdrücklich darauf, den Anschein von Wertneutralität zu wahren, im Gegenteil: Dieser Text ist nichts anderes als eine als Review getarnte Liebeserklärung an Kinderzimmer Productions – die beste deutsche HipHop-Band der Welt.

Ich höre beim Schreiben des soeben verfassten Satzes bereits die Aufschreie Andersdenkender im inneren Ohr, doch die prallen an mir und der Wahrheit ab wie Schallwellen bei der Echoortung. Denn das unerreichbare Skill Level des Dream Teams Textor/Quasi Modo ist über jeden Zweifel erhaben, ergibt im stimmig-sperrigen Zusammenspiel since 1994 weitaus mehr als die potenzierte Summe der vielbeschworenen einzelnen Teile. Vor allem deshalb, weil die Band etwas besitzt, das nur ganz wenige Acts ihr eigen nennen können, und das insbesondere in der heutigen Zeit von algorithmusgesteuerter Musikproduktion besonders ins Ohr sticht: Einzigartigkeit.

Es gibt de facto keine Band, die auch nur ansatzweise so klingt wie Kinderzimmer Productions, weder in puncto Instrumentierung, Soundbild, Inhalt, Rapstil oder Attitüde (außer vielleicht die Band Zweimal das Gleiche und deren 1999er Album »Klartext«, an dessen Entstehung Kinderzimmer Productions seinerzeit allerdings beteiligt war). Kinderzimmer Productions waren seit ihrem ersten Album unique – und sind es bis heute geblieben. Wohl ebenfalls ein Grund dafür, dass die Band stets nichts nur eine Ausnahme-, sondern auch eine Außenseiterstellung innehatte.

Für mich als Fan war das immer schön. Es gibt ja dieses merkwürdige und vollkommen sinnlose Phänomen, dass man eine liebgewonnene Band ungern mit anderen teilt und sie am liebsten nur für sich hätte. Natürlich war Letzteres (zum Glück) nie der Fall, doch es fühlte sich stets ein bisschen so an. Kinderzimmer Productions waren eben immer ein bisschen zu polterig, zu jazzig, zu klug, zu eckig und kantig, sprich: zu anders, als dass sich ein Mainstreampublikum dafür interessiert hätte. Doch genau das macht sie aus! Man (lies: ich) könnte zu jedem einzelnen Track der Band ganze Doktorarbeiten schreiben. In vielen Sätzen von Textor steckt oft mehr Wisdom als in kompletten Playlisten einschlägiger Streaming-Anbieter der Jetztzeit.

Als sich die Band 2008 auflöste, war das daher wahnsinnig schmerzhaft, aber natürlich nachvollziehbar. Die Meldung über das nun vollzogene Comeback mit »Todesverachtung to go« dementsprechend für mich einer der schönsten Momente des vergangenen Jahres. Und was noch viel schöner ist (und nun kommen wir endlich zum eigentlichen Review-Teil): Kinderzimmer Productions sind sie selbst geblieben. Es rumpelt und rauscht, es flirrt und klirrt, es scheppert und wummst immer noch genauso wie im namensgebenden Kinderzimmer, in dem vor mehr als einem Vierteljahrhundert die ersten Tracks entstanden (damals noch zu dritt mit Schlagzeuger Klaus unter dem Namen Die drei Rüben); im Kinderzimmer, das im Keller des Hauses von Quasi Modos Eltern in Ulm-Söflingen übrigens nach wie vor existiert.

Schon der Anfang des Openers »Baeng« gibt die Richtung vor: Ein rückwärts geflipptes Sample bringt uns »Back« (»caught you lookin‘ for the same thing«) zu »neuem Ungewohntem«. Der Beat schleppt sich zäh darüber als sei er angeschossen worden von einem Gangstarapper mit Schreckschusspistole, dazu ein eingeklemmtes Piano. Nicht zu vergessen: dieser hochschulstudierte Kontrabass. Wenn dann die bekannte Stimme von Textor einsetzt, er mit Intellekt und Signature-Flow durch das dichte Dickicht der jazzig-verrauchten Rumpelhölle watet, dann fühlt sich das wie nach Hause kommen an. Zurück ins Kinderzimmer, und zwar nicht nur in das der Band nach Ulm-Söflingen, sondern auch ins eigene.

Zurück in eine Zeit, als Mama noch die Wäsche für einen wusch, man beim Stichwort »Friday« noch in love war und nicht an den Klimanotstand dachte; als Autotune noch nicht erfunden war und man zum Start einer erfolgreichen Rapkarriere mehr als nur ein Handy und eine treue Followerschaft auf den damals noch nicht existierenden sozialen Medien brauchte. Wie rappt Textor doch so schön: »Jetzt ist jederzeit, überall ist hier/Entweder du machst es oder es macht mit dir/Ein selbstverstärkender freigesetzter Sinn, der sich selbst ein Lied davon singt, wie es klingt, wenn alles stimmt.« Mehr klar formulierte Unklarheit geht nicht. Die Erfinder von Dadaismus im deutschem Rap sind zurück – und sie sind in Höchstform.

Das beweist auch das nächste Stück: »Attacke«. Auf einem Stop-and-go-Beat stapeln sich Vocal-Samples und Eighties-Science-Fiction-Sounds meterhoch wie bei einem überdimensionierten Jenga-Spiel. Alles wirkt voll und eng, einsturzgefährdet und heillos überfrachtet – aber: es muss so klingen, schließlich steckt ja auch viel drin. »Vegan oder blutiges Steak/Ich bin die Spannung, die dazwischen entsteht«, bringt Textor die nervöse Energie des Stücks auf den Punkt. »Attacke« ist wieder mal einer dieser Kinderzimmer-Songs, der nicht zu greifen ist, der sich wuselig windet wie ein olivenöliger Regenwurm bei der Ayurvedamassage auf einer Bohrplattform. Ein Stück wie alles und nichts, das kein oben und unten, kein rechts und links kennt, aber es sich auch dazwischen einfach nicht bequem machen will, weil es eben nicht bequem ist. »Ich bin grün und blau und ich bin Trumpf/Ich bin halb Incredible Hulk und halb Schlaubi-Schlumpf/Ich denke scharf nach, und dann handele ich stumpf.« Nuff said.

Kinderzimmer Productions waren immer schon unangepasst, haben sich nie geschert um Trends und Hypes und Mainstreammechanismen. Heute, im Jahr 2020, in einer Zeit also, in der viele Rap-Acts ihre Songs aufs Maximale minimieren im Sinne von Einfachheit und dadurch Zugänglichkeit, wirken Textor und Quasi Modo sogar noch mehr aus der Zeit gefallen als sie es immer schon waren, weil die künstlerische Kluft zwischen ihnen und den austauschbar wirkenden Acts auf den oberen Streamingcharts-Rängen noch größer geworden ist; ein Umstand, durch den sie sich jedoch einmal mehr den Status künstlerischer Zeitlosigkeit erarbeitet haben.

Ein solch zeitloses Dokument ist nun auch ihr siebtes Studioalbum »Todesverachtung to go« geworden, das sich trotz zwölfjähriger Pause nahtlos in ihre grandiose Diskografie einreiht, und zwar in jeglicher Hinsicht. Wenn Kinderzimmer Productions auf der musikalischen Bildfläche erscheinen, kann der Rest einfach kacken gehen, weil die Band es über ihre gesamte Karriere hindurch geschafft hat, ihre routinierte Andersartigkeit zu un(an)greifbarer Kunst für die Ewigkeit zu erheben. Oder um mit den Worten Textors zu schließen: »Business unusual, die krassen Sachen/Wir sind die, die im Darkroom das Licht anmachen.« Word.

  • Toeffi

    Sau gutes Album. Nur schade, dass die Tour so wenige Termine hat.
    Ich höre die Jungs schon seit einiger Zeit und war immer traurig, dass ich sie nie live sehen konnte.
    Mal schauen, ob sie in diesem Jahrzehnt besser ankommen oder weiterhin nur Musikliebhaber als Fans haben.