Freddie Gibbs & Madlib Piñata

Freddie Gibbs & Madlib - Pinata
ALL GOOD Punchline Album des Jahres!

Shitsville, USA ist ein hektischer Ort. Alles schießt, alles tickt, alles lügt und betrügt dort, wo Freddie Gibbs auf »Piñata« seine symbolische Heimat ansiedelt. Was da hilft? Gangsta Gibbs hat die Antwort parat: ein kühler Kopf, ein brennender Blunt, Sinn für Humor und eine saftige Dose Madlib-Instrumentals.

Oxnards immer noch feinster Beatschrauber hilft dem von Indiana nach Los Angeles übergesiedelten Rapper, die Verheißung seiner jahrelangen, eindrucksvollen Mixtape-Odyssee endlich mit einer hervorragenden LP zu erfüllen. Im Vorjahr war diese auf Gibbs’ eher durchwachsenem »ESGN« Album noch vertagt worden. Auf »Piñata« kloppt, tritt und ringt Gangsta Gibbs jegliche Zweifel mit Nachdruck nieder.

Das Zusammentreffen des Untergrund-Petrus mit einem raubeinigen Tunichtgut aus dem mittleren Westen hätte in einem vorigen Jahrzehnt bei einigen Rucksackträgern noch für hochgezogene Monobrauen gesorgt. Dass die Kombo aber aufgeht, stellten Madlib und Gibbs bereits 2011 mit ihrer »Thuggin’« EP überzeugend unter Beweis. Die Bestätigung auf Albumlänge führt beide Beteiligte an einen Meilenstein ihrer jeweiligen Karriere: Madlib zeigt mit seinen klassisch gechoppten Sample-Brettern endlich wieder, dass er weiterhin in die Königsklasse der Rap-Produzenten gehört, während Gibbs sich zum ersten Mal unumstritten geglückt als Albumkünstler auszeichnet und ein durch und durch rundes Bild seiner kantigen Persönlichkeit präsentiert.

Man täte Gibbs aber ungeheuerliches Unrecht, wenn man seine Metamorphose zum ausgewachsenen Gangsta-Rap-Falter einzig der Produktion seines Gefährten zuschriebe. Fein gezeichnete, narrative Nuancen – die sich ohne Frage auch in der Vielfalt der Beats widerspiegeln – erwecken die Action-Figur Gibbs wie noch nie zuvor zum Leben. Das lässt sich auch gut an den Feature-Gästen ablesen, die Gibbs für »Piñata« rekrutiert: Die schwere, in sich gekehrte Melancholie eines Scarface verschmilzt mit der verspielten Kiffermentalität eines Danny Brown, Raekwons rüde Straßeneskapaden reihen sich ein neben der juvenilen Wortgewalt von Domo Genesis und Earl Sweatshirt. Gibbs hält alle unterschiedlichen Teile zusammen und stopft sie rein in die Piñata.

Auf »Scarface« kommt er knallhart über Funk-Breaks ins Bild gestürmt. »Deeper« lässt Gebrochenheit und Kränkung durchscheinen. »Broken« zeigt Gibbs demütig und einsichtig sein Hustler-Leben von außen betrachten. Auf »Lakers« dichtet er eine liebevolle Ode an seine neue Heimat. Er zeigt Seiten von sich, die in einem enger geschnürten Gangsta-Rap-Korsett – wie es ihm sein Ex-Boss und neuer Erzfeind Young Jeezy angelegte – erdrückt würden.

Der Witz geht Freddie Gibbs bei aller ernsthaften (und unschlagbar glaubhaften) Straßentreue nie verloren. TLC und Jodeci dienen dem schrägen, Gibbs’schen Karoake-Talent als Gesangsvorlage. An anderer Stelle werden die New York Knicks zur Metapher reduziert und mit einem Augenzwinkern auf den Arm genommen. Gibbs muss niemandem mehr beweisen, wie knallhart er sein kann. Mit »Piñata« gelingt ihm der Kunstgriff, sich selbst als Mensch mit Macken und Fehlern darzustellen. Er hätte dafür keinen besseren Partner-in-Crime finden können, als den ewig exzentrischen, doch stets geerdeten Madlib. Möge ihre Freundschaft für immer währen.

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