Beastie Boys Ill Communication

Beastie Boys_Ill Communication
ALL GOOD Punchline So viel auf einmal.

1994 war beileibe kein schwaches Jahr für Rap, von »Illmatic« und »Ready To Die« über »The Diary« bis »Stress: The Extinction Agenda«, die alle ihren Platz in der Geschichtsschreibung des Genres gefunden haben. Darum geht es hier aber nicht. Sondern um die Sonderstellung von »Ill Communication«, das am 24. Mai 1994 in die Läden kam und auf den ersten Blick herzlich wenig mit dem State of the Art am Hut hatte, sondern lieber in seinem eigenen Kontext neue Maßstäbe setzte – in der Welt der Beastie Boys.

Das Trio hatte zuvor mit jedem Album eine neue Rolle eingenommen. Die rüpeligen Rotznasen von »Licensed To Ill« wurden die hyperaktiven Bohemiens von »Paul’s Boutique« wurden die DIY-Jamsession-Experimentalisten, die mit »Check Your Head« zünftig Dampf abließen. Der Schritt von »Check Your Head« zu »Ill Communication« war der erste, mit dem die Band keine neue wurde. Produzent Mario Caldato blieb ebenso an Bord wie Keyboarder Money Mark und DJ Hurricane, während die auf die Dreißig zusteuernden Boys an ihren Instrumenten (Ad-Rock spielt Gitarre, Mike D trommelt und MCA spielt Bass) merklich besser werden. Der allererste Vorbote von »Ill Communication« aber … hm, was war dieses »Sabotage«? Eine paranoide Planierraupe aus auf Anschlag verzerrtem Rap-Rock-Crossover und lauten Scratches, gegen den Rage Against The Machine fast schon feinmechanisch präzise wirkte. Und so wenig repräsentativ »Sabotage« für das ganze Album sein mag (wirklich: null), so typisch sind Ansatz und Ausführung, denn »Ill Communication« schert sich herzlich wenig um Perfektion.

Auf beinahe jedem Rap-Song (nur auf elf der 20 Stücke wird gerappt) findet man nämlich, wenn man will, schwächelnde Zweckreime und mehr oder weniger grobe Flow-Verfehlungen, die wirklich keinen direkten Vergleich mit Nas oder Biggie brauchen. Die Geheimwissenschaft Sampling ist hier eher ein offen herumliegendes Notizbuch, von Lee Perry bis Lee Dorsey tauchen pausenlos Samplequellen und Einflüsse in den Texten auf. Und wie »Root Down« halt einfach ausschließlich große Teile des gleichnamigen Songs von Jimmy Smith loopt, ist ganz typisch für die Arbeitsweise und die alles durchziehende Lockerheit dahinter. Passt? Passt. Auf den acht Instrumentals wuseln die Beastie Boys sich mit Money Mark und Eric Bobo (Percussion) durch dubbigen, warm flirrenden Jazz-Funk, ohne sich dabei an Fancyness zu übernehmen, und ihre Hardcore-Vergangenheit tritt mit den verbleibenden zwei kurzen Stücken ein wenig Geschirr kaputt.

Als »Ill Communication« rauskam, war ich gerade 15. Es war mein erstes Beastie-Boys-Album, ich wollte nie wieder ohne es sein. Aber ganz ehrlich: Ich habe vielleicht ein Viertel verstanden. Das lag natürlich an meinem Schulenglisch, aber auch an den völlig hirnrissig übersteuerten Billigmikro-Vocals, die einen ordentlichen Fick auf Klarheit und Artikulation gaben (»I use a bullshit mic that’s made out of plastic«), und an dicht gedrängten textlichen Popkultur-Nerdismen, die nicht nur einem unbedarften Kleinstadt-Gymnasiasten das eine oder andere Rätsel aufgaben. Auch die formale Andersartigkeit des Albums war für mich neu. »36 Chambers« hin, »Doggystyle« her. Ich kannte damals nichts, was so viele Dinge auf einmal war. »Ill Communication« hat mir maßgeblich musikalischen Eklektizismus beigebracht, lange vor unserer Mashup-Kultur.

Viele Jahre später ist es immer noch erhellend – und ungleich einfacher – sich mit den benutzten Samples zu befassen, die Texte tatsächlich mitzulesen, auf Pause zu drücken und zu checken, was es mit Anthony Mason, Mike McGill oder Al Goldstein auf sich hat. Dann merkt man nämlich nicht nur, dass »Tough Guy« sich um Basketball dreht und dass die Beasties echt Bock auf Golfspielen hatten, sondern versteht vor allem die spannende Phase, in der MCA sich schon intensiv dem Buddhismus zugewandt hat und ein bisschen ernsthafter als seine Freunde begreift, was für ein mächtiges Kommunikationsmittel diese Band inzwischen sein kann. Auf »The Update« und »Bodhisattva Vow« (eingeleitet von tibetischen Gesängen auf »Shambala«) thematisiert Yauch dann auch solo den bedenklichen Zustand von Welt und Gesellschaft, seinen Glauben und sein neu erlangtes Bewusstsein. Ein Teil der Erlöse wurde zugunsten von Tibet gespendet. 1996 fand auf Betreiben der Beastie Boys das erste Tibetan Freedom Concert statt.

»Ill Communication« hat natürlich seine ewigen Hits, es hat »Get It Together« mit dem ziemlich druffen Q-Tip und es hat mit »Sure Shot« und »Transitions« die beste Intro-Outro-Kombination, die man sich wünschen kann. Es ist aber vor allem jenseits der Singles kein besonders offensichtliches Album, es wollte und will erschlossen und erarbeitet werden. Nicht weil es absichtlich kompliziert ist, sondern weil es das Produkt eines freien, assoziativen Prozesses ist, der die Beastie Boys als autarke Band in der Zeit nach Rick Rubin und den Dust Brothers ausmacht. »Ill Communication« ist ganz sicher nicht das beste Rap-Album seines Jahrgangs. Aber es bleibt ikonisch, komplett eigensinnig und für mich das definitive Album der Beastie Boys nach Ende der Achtziger.

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