Sinti im Rap:
Auf der Suche nach den Chabos (2/2)

Im Deutschrap ist schon viel über Sinti – vielmehr über »Zigeuner« – gesprochen worden. Selten bis gar nicht kamen sie dabei selbst zu Wort. Nach Teil 1 des »Sinti im Rap«-Specials folgt jetzt der zweite Teil der Sinti-Rap-Reihe von Philipp Killmann.

Chawo | Sinti Rap

Im deutschen HipHop geistern – wie im Rest der Gesellschaft auch – unwidersprochen allerhand Stereotype über »Zigeuner« herum: M.O.R. rappten »Wir kommen rum wie Sinti. Du Zigeuner!« (»Bei mir«), von Bushido kam »Ich bin nicht primitiv, deine Eltern sind Zigeuner/ Sei du selbst, zieh mit deinen Eltern um die Häuser!« (»Besoffene Kinder«), Mauli erzählte »Meine Jungs sind auf Tour, deine Jungs sind Zigeuner« (»Alles gut«) – alle drei streuten das Klischee vom »Wanderzigeuner«. Farid Bang griff in Massivs Track »Wir randalieren im Knast« ein altes Ammenmärchen auf und behauptete, »Zigeuner« würden keine Steuern zahlen. Marteria bündelte nahezu alle Ressentiments in dem Track »Marsi der Zigeuner« und rappte: »Ein waschechter Zigeuner ist ein dreckiger Gauner«.

Marteria sah sich infolgedessen mit der Kritik von Sintezza Dotschy Reinhardt konfrontiert. Die Autorin, Musikerin und Aktivistin schildert in ihrem 2014 erschienenen Buch »Everybody’s Gypsy«, dass die »meisten Angehörigen dieser Minderheit« sich von Zeilen wie jener »in hohem Maß beleidigt« fühlten. Entschuldigt habe sich Marteria in ihrem per E-Mail geführten Streitgespräch zwar nicht, aber beteuert, politisch »tiefrot ausgerichtet« zu sein und dass »Miss Platnum, eine Romni, zu einer seiner besten Freundinnen« zähle. Doch diese Argumentation überzeugte Dotschy Reinhardt nicht. Sie ist der Auffassung, dass »Hobby- und Profi-Nazis« doch nur darauf warteten, »dass jemand, der als ›cool‹ gilt, sich ähnlich äußert wie sie« und »Zigeuner« als Diebe, dreckig und so weiter bezeichnet. Deshalb verstehe sie nicht, wie Marteria »trotzdem hinter diesem Text stehen kann«.

Eine Antwort auf all die Stereotype, die in der Gesellschaft über Sinti im Umlauf sind, hat auch der 22-jährige Chawo aus Köln. In seinem 2017 veröffentlichten Song »Sinti« rappt er: »Dieser Chawa hier zeigt, dass es nichts nutzt zu hassen. Schon dein Blick auf die Sache zeigt mir, du bist stark geprägt von Rassismus, du Affe/ Zum Beispiel denkst du, dass wir unsere Kohle hochstapeln/ Steuerfreie Schwarzarbeit und leben in einem Wohnwagen/ Doch was du Spacken mir jetzt sicherlich nicht glaubst/ Ich habe Abitur und lebe in einem ziemlich schicken Haus«.

»Das können wir auch! Das könnt nicht nur Ihr!«
Auf der anderen Seite gibt es auch Songs von Sinti, in denen die Interpreten selbst manches Klischee oder Vorurteil zu bestätigen scheinen. So feierte die Sinti-Rap-Old-School-Legende Mr. Tomkat aus Osnabrück 2005 in seinem wohl populärsten Track »Chaboz wie wir« die »Gauner bei der Schwarzarbeit, die den Staat betrügen/ die die Chalos ackern lassen und ihre Kunden belügen«. (»Chalos«, eigentlich: Chale, sind alle Nicht-Sinti.) Auf die Line angesprochen, sagt der 42-Jährige heute im ALL GOOD-Gespräch, er habe damals »viel mit solchen Klischees rumgespielt«. Schließlich habe er schon von klein auf zu spüren bekommen, anders zu sein und von Nicht-Sinti abgelehnt zu werden, obwohl er als Kind nur habe dazugehören wollen. »Ich wollte provozieren und sagen: ›Das können wir auch! Das könnt nicht nur Ihr!‹«, sagt er. »Ich wollte mich nicht beklagen und sagen: ›Der Staat ist so Scheiße zu uns‹. Da war ich auf Angriff. Das ist dann so ein bisschen diese ›Hit ‚Em Up‹-/Tupac-Mentality.«

Eine ähnliche Line gab es auch mal von Jeffrey, ebenfalls aus Osnabrück, als er sich noch G.M.C. nannte. »Das geht an meine Chabs, die Chale knechten lassen/ 20 Euro geben und abgebrüht ins Gesicht lachen«, rappte er 2009 in »Chabz«. Heute sehe er den Song »skeptisch« und würde ihn »anders schreiben«, sagt der 36-Jährige gegenüber von ALL GOOD. Aber man solle aus der Line auch nicht mehr machen, als sie ist. »Viel zu lange waren wir die Sklaven der deutschen Gesellschaft und darüber verliert auch niemand ein Wort«, findet er.

Mit Sido (38) outete sich vor wenigen Jahren ein populärer HipHopper öffentlich als Rapper mit Sinti-Hintergrund. Allerdings geriet sein Outing spätestens mit seinem 2016 veröffentlichten Track »Geuner« zur Farce. Zum einen, weil er in dem Song allerhand Stereotype über Sinti kolportiert, zum anderen, weil er in dem dazugehörigen Video offenbar rumänische Roma zeigt, die noch dazu in tiefster Armut leben und wenig bis gar nichts mit der Lebensrealität der Sinti in Deutschland gemeinhaben. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten – damals wie heute.

»Was in diesem Song bildlich, aber auch inhaltlich gezeigt wird, hat nichts mit der Sinti-Kultur zu tun«, sagt der 37-jährige Sinti-Rap-Vorreiter Sin2, ein Produzent, Talkboxer und Rapper aus Karlsruhe, im Gespräch mit ALL GOOD – nicht ohne anzumerken, dass Sido an sich »ein Wahnsinns-Künstler« sei. »Der Song wäre eine super Chance gewesen für Sido und für uns alle – aber die hat er leider vergeigt.« Die Geschichte von Sidos Identität hat eine gewisse Tragik. Ende 2017 sagte er in der Fernseh-Talkshow »3 nach 9«, sich inzwischen selbst nicht mehr im Klaren über seine vermeintlichen Sinti-Wurzeln zu sein. Er sei in dem Glauben aufgewachsen, Sinto zu sein. Bis er bei Dreharbeiten zu dem Film »Eine Braut kommt selten allein«, in dem er eine Hauptrolle spielt, die sich in eine Romni verliebt, von Sinti darauf hingewiesen worden sei, er gehöre eigentlich zu den Roma. Daraufhin habe er den Entschluss gefasst, sich fortan »einfach Zigeuner« zu nennen. Der Bitte von ALL GOOD um eine Stellungnahme zum Thema wurde von seiner Pressebearbeiterin leider nicht stattgegeben.

Wer sind die Sinti?
Aber wer sind überhaupt die Sinti? Sinti sind neben Dänen, Friesen und Sorben eine der vier anerkannten autochthonen nationalen Minderheiten in Deutschland. Ihren Ursprung haben die Sinti in der Region des heutigen Indiens. Seit dem frühen 15. Jahrhundert ist ihre Existenz in Deutschland und anderen westeuropäischen Ländern nachgewiesen. Später, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, wanderten die Lovara aus Ungarn in Deutschland ein, die sogenannten »deutschen Rom« (gesprochen: Romm). Deren Wege kreuzte sich später auch sporadisch mit der frühen »Frankfurter Schule«. Einen eindrucksvollen Einblick in die Kultur der Lovara ihrer Zeit bietet das 1982 erstmals auf Deutsch erschienene Buch »Die Zigeuner« (später: »Das wunderbare Volk: Meine Jahre mit den Zigeunern«), in dem der belgische Künstler Jan Yoors (1922-77) seine Erlebnisse mit einer Gruppe Rom schildert, der er sich 1934 noch als Kind angeschlossen hatte und mit der er mehrere Jahre lang durch Europa reiste. In jüngerer Zeit wanderten weitere Roma-Gruppen insbesondere aus ost- und südosteuropäischen Ländern nach Deutschland ein.

In der Fachwelt werden sämtliche Roma-Gruppen unter dem Oberbegriff Roma zusammengefasst – was von vielen deutschen Sinti abgelehnt wird. Sie begreifen sich ausschließlich als Sinti, nicht als Roma. Einige stören sich auch an dem vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma geprägten Begriffspaar »Sinti und Roma«. Sie legen Wert auf die Unterscheidung von Sinti und Roma, da es sich dabei um verschiedene Völker handele, deren Unterschiede größer seien als ihre Gemeinsamkeiten. »Sinti und Roma sind zwei verschiedene Völker mit zwei Gemeinsamkeiten: Sie kommen beide aus dem damaligen Indien und wurden beide im Dritten Reich verfolgt«, sagt Sin2, der eine Zeit lang für den Verband Deutscher Sinti & Roma in Mannheim tätig war. »Sonst haben wir mit den Roma nichts gemeinsam.« An dem Begriff »Zigeuner« scheiden sich innerhalb der Sinti-Community die Geister. Während viele den Begriff als Beleidigung oder abwertend empfinden, gibt es andere, die ihn auch als Selbstbezeichnung verwenden. Zutreffend und nicht beleidigend ist in jedem Fall die Bezeichnung Sinti. Sinto für den Mann, Sintezza für die Frau. Je nach Schätzung leben etwa 100.000 Sinti in Deutschland.

Die deutschen Sinti haben – wie etwa auch die deutschen Rom – die deutsche Staatsangehörigkeit. Sie haben eine eigene Kultur mit eigenen Sitten und Bräuchen sowie eine eigene Sprache: das Romanes. Die meisten Sinti sind Christen, viele katholisch oder evangelikal. Immer wieder waren Sinti und Roma in ganz Europa Diskriminierung, Ausgrenzung und mörderischer Verfolgung ausgesetzt. Im Dritten Reich fielen sie dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer. Abertausende wurden verfolgt, deportiert und in dem Vernichtungslager Auschwitz sowie in anderen Konzentrationslagern und Ghettos ermordet.

»Wohnwagen Flow«
Auch heute haben die Sinti keinen leichten Stand. Einer 2014 veröffentlichten Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zufolge lehnen die Deutschen keine andere Minderheit stärker ab als Sinti und Roma. Folglich sind eigene Rassismuserfahrungen und die in der kollektiven Erinnerung tiefverwurzelte Verfolgung in der NS-Zeit unter Sinti-Rappern wiederkehrende Themen in ihren Lyrics. So hat Mr. Tomkat mit seinem Alter Ego Don Schizo bereits 2003 die Lebenssituation der Sinti in »Schwarza Zigeuna« beschrieben. Ähnlich setzt sich auch Maio aus Cloppenburg mit einem Track gleichen Titels (»Schwarzer Zigeuner«) mit dem Alltagsrassismus auseinander, genau so auch jüngst Chawo mit dem Song »Sinti«. Cash Ray aka Fuxo und Sinto Benzino haben der Erinnerung an die erlittene Verfolgung der Sinti und »Reisenden« in der Nazizeit mit »Wohnwagen Flow« einen Track gewidmet.

Für Beunruhigung sorgt derweil der Aufstieg der rechtspopulistischen AfD. »Es ist schlimmer geworden, denn jetzt nimmt keiner mehr ein Blatt vor den Mund«, sagt Tomkat. »Letztens erst erlebt: Da wollten wir in ein Lokal, als jemand von hinten rief ›Oh, nein, die Scheiß-Zigeuner kommen‹. Das hätte sich in den 90ern keiner getraut. Aber jetzt, wo die AfD salonfähig ist und im Bundestag sitzt, wird so was öffentlich rausposaunt.« Diese Entwicklung lasse nichts Gutes erahnen, meint auch Sin2. »Unsere Alten sagen: ›So hat es damals auch angefangen.‹« Auf humorvolle Weise greift Dizzy Bone, ein 23-jähriger Sinto aus Köln, das Thema auf und nimmt in seinem Track »AfD« die Partei aufs Korn, die immer wieder durch rassistische Äußerungen oder durch Holocaust-Relativierungen von sich reden macht.

Sinti-Jazz oder Gypsy-Swing
Berühmt sind die Sinti seit langer Zeit für ihre Musik, vor allem für ihren Jazz: den Sinti-Jazz oder Gypsy-Swing. Zu verdanken haben sie diesen vor allem dem großen Gitarristen Django Reinhardt (1910-1953), einem französischsprachigen Sinto beziehungsweise Manusch, wie sich die Sinti in Frankreich nennen. Nachdem seine linke Hand infolge eines Brandunfalls verkrüppelt war, entwickelte er eine ganz eigene Technik, die Gitarre zu spielen. Zudem vermischte er französische Walzer und Sinti-Musik mit dem Jazz aus Amerika: Sinti-Jazz war geboren. Berühmtheit erlangte er nicht zuletzt an der Seite von Violinist Stéphane Grappelli mit dem Quintett Hot Club de France. In den USA stand Django Reinhardt gemeinsam mit Jazz-Pianist Duke Ellington auf der Bühne.

Bis heute eifern ihm zahlreiche Musiker nach, darunter viele Sinti. Künstler wie Schnuckenack Reinhardt (1921-2006), Häns’che Weiss (1951-2016), Ziroli Winterstein (1954-2007), Biréli Lagrène, Jimmy Rosenberg, Dorado Schmitt, Stochelo Rosenberg, Danny Weiss, Wawau Adler oder Kussi Weiss führten oder führen seine Art zu spielen fort, interpretieren seine Kompositionen neu und halten sein Vermächtnis auf zahlreichen Django-Reinhardt-Festivals in Ehren. Wohl kaum ein Sinto oder eine Sintezza, die nicht mit seiner Musik groß wird. Evil $weet und Brusher 187, zwei Rapper der German Northsiders in Bremerhaven, haben Django Reinhardt mit einem Sample aus seinem vielleicht bekanntesten Stück, »Minor Swing«, in Rap-Form ein Denkmal gesetzt. Aber der Sinti-Jazz ist nicht der einzige musikalische Einfluss.

Viele Sinti-Rapper haben die musikalische Sozialisation, die sonst vornehmlich von US-amerikanischen Rap-Musikern bekannt ist. Sie wachsen auf mit altem Jazz, Soul, Funk und R&B, mit der Musik, die ihre Eltern oder ihre älteren Geschwister hören: Earth, Wind & Fire, Jackson Five, Stevie Wonder, Delegation, Marvin Gaye, George Benson oder Johnny Guitar Watson lauten die Namen, die in den ALL GOOD-Gesprächen wiederholt fallen – und immer wieder Barry White. »Dadurch, dass wir im Jazz sehr stark zuhause sind, liegt es auf der Hand, dass wir uns Genres aussuchen, die darauf aufbauen«, sagt Sin2. Diese Ansicht teilt auch der 30-jährige Baro Dano, ein Rapper und Produzent aus Karlsruhe, der sich dem G-Funk verpflichtet hat – in seinem Fall steht das für: Gypsy Funk. »Ich denke, dass Django Reinhardt den Grundstein gelegt hat: Nach Jazz und Blues kamen Soul und Funk – da sind wir einfach mitgegangen und drauf hängengeblieben«, sagt er. In den 90er Jahren kam dann G-Funk als prägender Einfluss hinzu. »Wir wurden damit geimpft«, sagt Chawo gegenüber von ALL GOOD. Keine Geburtstagsparty, auf der nicht Nate Dogg oder Snoop Dogg gespielt werden würde.

Allen neuen Einflüssen zum Trotz bleibt auch die traditionelle Musik der Sinti allgegenwärtig. Das gilt ein Stück weit auch für Schlagermusik. Schließlich ist die wohl bekannteste deutsche Sintezza Marianne Rosenberg (»Er gehört zu mir«). Auf Anraten ihres Vaters, dem Auschwitz-Überlebenden und Aktivisten Otto Rosenberg (1927-2001), gab sie ihre ethnische Zugehörigkeit lange Zeit nicht preis. Sin2 schließt daher nicht aus, dass sich manche Sinti-Rapper auch einfach nicht trauen, sich als Sinti zu outen. Zumindest von einigen Produzenten im Rap-Geschäft wisse er, dass sie Sinti sind, ohne dass sie das je öffentlich gemacht hätten. Kein Wunder, gebe es doch selbst große Geschäftsleute in namhaften Unternehmen, die ihre Sinti-Identität geheim hielten, um möglichen Repressalien vorzubeugen.

B-Boys mit Sinti-Hintergrund
Längst zählt auch Rap zu der Musik, die vielen jungen Sinti von ihren älteren Geschwistern, von Cousins und Cousinen, Tanten und Onkels in die Wiege gelegt wird. Dennoch ist der Anteil der Sinti, die sich als solche zu erkennen geben, in der HipHop-Szene verschwindend gering. Dabei liegt die Vermutung nahe, dass auch Sinti von Anbeginn daran beteiligt waren, HipHop in Deutschland zu etablieren. »Mit Sicherheit gab es auch schon in den 80ern Sinti, die gerappt haben«, meint Chawo. Auszuschließen ist das nicht. Da wäre zum einen die besagte musikalische Sozialisation jüngerer Sinti, durch die sich viele früh zur in den späten 70er Jahren auch in Deutschland ankommenden Rap-Musik hingezogen gefühlt haben dürften. Zum anderen wurden die Sinti, die den Holocaust überlebt hatten und nun mittellos waren, nach ihrer Rückkehr aus den Ghettos und Konzentrationslagern erneut »ghettoisiert«, wie Sin2 sagt.

»Wir wurden in Ghettos gedrängt«, führt er aus. »Einige haben sich dagegen gewehrt und trotzdem versucht, wieder erfolgreich zu sein, und haben es auch geschafft. Andere hatten nicht die Kraft. Viele haben Familienangehörige im Dritten Reich verloren, waren psychisch und physisch dementsprechend geschädigt und haben es nicht geschafft, sich wieder aufzurappeln. Sie haben sich damit arrangiert oder akzeptieren müssen, nun in einem Randgebiet zu wohnen und sozial und gesellschaftlich schlecht dazustehen.« Besonders in solchen Randgebieten und weniger guten Wohngegenden der Städte schlug HipHop auch in Deutschland früh Wurzeln. So wisse Sin2 von wenigstens einem Sinto, einem talentierten Freestyle-MC namens Romano, der bereits in der Crew »E.P. 126« aktiv gewesen sei, einer Posse aus der Heidelberger Hochhaussiedlung in Emmertsgrund. Der Heidelberger Toni »Toni L.« Landomini von Advanced Chemistry bestätigt auf Anfrage von ALL GOOD eine gewisse Präsenz von Sinti in den Anfangstagen von HipHop in Deutschland: »Ich habe mit B-Boys mit Sinti-Hintergrund in den 80ern getanzt«, sagt der 49-Jährige. Und aus Frankfurt am Main ist überliefert, dass sich an der Hauptwache in jener Zeit vorübergehend auch deutsche Rom als Breaker versuchten.

Wenig begeistert sind manche Sinti davon, dass Wörter aus ihrer Sprache bei Nicht-Sinti inzwischen andere Bedeutungen erlangen oder grammatikalisch anders verwendet werden. »Mittlerweile wird Chai als Slangwort übersetzt als Schlampe oder Hure«, klagt Sin2. »Es heißt aber einfach nur Mädchen, mehr nicht. Das wurde schon extrem zweckentfremdet und ärgert mich.« Maio aus Cloppenburg geht es damit ähnlich, etwa mit Blick auf Nuras Song »Chaya«, in dem sie rappt: »Ich bin deine Chaya«. »Das ist schon komisch, weil Chaia die Mehrzahl von Chai ist«, kritisiert er. »Sie sagt ›Ich bin deine Frauen‹ – das ergibt also gar keinen Sinn.«

Chawo ärgert es, dass sich viele nicht darüber im Klaren seien, wo diese Begriffe ihren Ursprung haben. »Die wissen gar nicht, dass es eigentlich von uns kommt«, sagt er. »Ich hab‘ mich früher in der Schule darüber mit Leuten gestritten. Wenn ich sagte, der hat ›Chabos‹ von uns geklaut, dann hieß es oft ›Bist du doof?! Das ist bestimmt Kurdisch oder Arabisch.‹« Baro Dano hat auch seine Meinung dazu. »Andere nutzen das und kommen groß raus, aber im Endeffekt sind wir die Echten – erreichen damit aber nichts«, meint er. Für andere Musik würden die Sinti anerkannt, für Rap nicht.

Aber das kann sich ja noch ändern. Denn inzwischen gibt es zahlreiche Sinti, die rappen und ihre Identität selbstbewusst nach außen tragen. So haben sich unter den Sinti neben einigen Straßenrappern, unter denen etwa Gypo aus Hamburg hervorzuheben ist, auch straßensmarte Rapper wie Latsches aus Karlsruhe oder klassische Battle-MCs entwickelt. Eine weitere Nische, in der sich viele Sinti-Rapper zuhause fühlen, ist der G-Funk, den sie entweder eins zu eins adaptieren oder kurzerhand zum Gypsy Funk weiterentwickeln. Darüber hinaus hat sich innerhalb der Sinti-Community über die Jahre ein Subgenre etabliert, das sich Romno Rap nennt und in dem ausschließlich auf Romanes gerappt wird. Vereinzelt sind inzwischen auch rappende Sintezza zu hören.

ALL GOOD wollte mehr über diese von den Medien bislang völlig unbeachtete Entwicklung im Deutschrap erfahren und hat einige ihrer Protagonisten besucht: die beiden Sinti-Rap-Pioniere Mr. Tomkat in Osnabrück und Sin2 in Karlsruhe, den vielleicht besten Romno-Rapper, Wesley von The Looneys, in Duisburg, die Gypsy-Funk-Speerspitzen Baro Dano in Landau und Maio in Cloppenburg, Panorama aus der Nachfolgegeneration von Curse & Co. in Minden sowie die Jungspunde Dizzy Bone, Chawo, G-Rain und Giano98 in Köln. Darüber hinaus haben wir mit Italo Reno vom legendären Klan aus Minden gesprochen und Jeffrey aus Osnabrück interviewt, der ein Album mit dem kontroversen Titel »Zigeuner« veröffentlicht hat. In der Reihe »Original Chabos« werden die einzelnen Gesprächspartner von ALL GOOD porträtiert.

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