The Streets Mit dem Wort gebrochen

Während Slowthai mit seiner klassenkämpferischen Fackel fröhlich den Union Jack und all seine Werte anzündet, hat sich Mike Skinner, der mehr oder minder heimliche Spiritus Rector aller modernen, britischen Tresenpoeten, mit seinem neuen Album »None Of Us Is Getting Out Of This Alive« gemütlich in der Banalität eingerichtet und nebenbei einen seiner Markenkerne über Bord geworfen.

TheStreets

Mike Skinner war seinerzeit ein Superstar, was selbst verklärt rückblickend höchst erstaunlich ist, denn absolut nichts von seinem Werk eignet sich für den allumfassenden Siegeszug seit Anfang der Nullerjahre. Mike Skinner kann nicht singen, tut es aber trotzdem. Sein Rap entzieht sich jeglicher Bewertungsdimension. Seine Produktionen sind hemdsärmeliges Gerumpel, dessen Energie sich aus dem UK Garage speist. Seine Hooks? Oi! Oi! Oi! Sein »Original Pirate Material« aus dem Jahr 2002 war dennoch – und vollkommen zurecht – ein Meilenstein für die britische Musikwelt und schwappte völlig verdient über alle Grenzen. Die Leiden des jungen Werther reloaded – die vollkommen nahbare Lebenswelt eines Guiness-getränkten und Ketamin-befeuerten Bauchtaschenträgers. Einfache, aber große Probleme, verpackt in einfache, aber große Sprache. Literatenshit, Hobos Unite, Exzess als Antwort, Details als Geschichte. Das war Mike Skinner.

Das kann natürlich niemand lange durchhalten. Wer einmal mit Briten abends unterwegs war, kennt die zerstörerische Komponente ihres Daseins. Addiert man hier noch die Herausforderungen, die globale Bekanntheit und der Arbeitsraum Musikindustrie per se mit sich bringt, muss das Ergebnis folgerichtig Karriereende lauten. Mike Skinner hat seinen Weg dahin, also zum temporären Karriereende im Jahr 2011, immer musikalisch illustriert. Jedes The Streets-Album lebte von den Lebensumständen, die Mike Skinner nunmal eben vorfand. »Original Pirate Material« (2002), »A Grand Don’t Come For Free« (2004), »The Hardest Way To Make A Living« (2006), »Everything Is Borrowed« (2008), »Computer Blues« (2011). You get the picture, mate. Storytelling bis zum bitteren Ende. So einfach wie möglich, so deutlich wie nötig. Oder, Mike Skinner?

Mitarbeiterin des Labels: »Thanks for waiting there, Daniel, you are now in interview with Mike from The Streets. Please go ahead.«

Mike Skinner: »Politicians and the media trying to keep the story simple, in order to keeping everything really simple. I understand that, but I don’t know what the answer to that is. Because I don’t think that simplicity alone makes a good story. That’s propaganda, actually. Whereas a good story, even, you know, even in Star Wars, Darth Vader probably had a point. You know, because if the dark side is going to win anyway, you might as well join them, too. But at the same time, I’m doing the same as the media and and the politicians because I’m making everything really simple as well. Only difference in motivation is: I only have three minutes to get my point across. I mean, I want to rule the world, too. You know, who doesn’t? I want to dominate all humanity. But it’s hard to do it in three minutes.«

Der lakonische Teil der britischen Weltanschauung erlaubt solche Interviewantworten, ohne dabei komplett wahnsinnig zu wirken. Zwischen Weltherrschaft, einem ignorierten WhatsApp-Call und einer gepflegten Kneipenschlägerei liegt ja meist nur ein Pint. Auf »None Of Us Is Getting Out Of This Alive« bleiben Skinner und seine Duettpartner – ja, Duettpartner – erfreulich bodenständig. Richtige Tiefe hat hier nichts, auch wenn Skinner hier vermutlich widersprechen würde. Paradoxerweise ist diese fehlende Tiefe auch gar kein Problem, sondern auf eine angenehme Art entschleunigend, bisweilen entspannend. Die insinuierte Dramatik des Albumtitels wird an keiner Stelle musikalisch erfüllt, auch wenn die Erwartungshaltung in Zeiten von Brexit, Corona, brennenden Kontinenten und Co. anders lauten mag. »Everything Is Borrowed« erschien 2008 ja passend zur Weltwirtschaftskrise und hatte ebenfalls nichts damit zu tun. Der Albumtitel bedeutet nicht mehr als das gleichlautende Mottoshirt, welches Menschen gerne tragen, die alles nicht so ernst nehmen wollen und für die das »Take It Easy«-Motiv zu cheesy klingt.

Mike Skinner:»Daniel Ek from Spotify once called it the ubiquity strategy. It basically means, that we should aim for solutions or approaches that make everything, and he means everything, less complicated. I didn’t understand that for quite a long time, but now I think I’m getting there.«

Es ist kein Verlust, dass Mike Skinner die Chance ziehen lässt, erneut als Chronist in bewegten Zeiten aufzutreten. Angesichts der intellektuellen Tiefflüge manch anderer Protagonisten sollten wir ihm sogar dankbar sein, dass seine Ubiquity-Strategy so casual daherkommt, wie ein Abend mit den Freunden in der Bar. Gespräche über Beziehungen, Instagram, Telefone, Arbeit, Frauen, Männer – mehr Futter braucht ein Storyteller nicht, nur eben anderen Input, den er sich auf diesem Album nunmal geholt hat.

Mike Skinner: »A lot of rappers that I really like, I don’t think would have worked on my mixtape, because you’re exactly right. It’s something about realism. There’s always a realism to it.«

Na, dann mal ganz realistisch: Dieses Album ist das Ergebnis von Mikes Privileg und Leidenschaft mit anderen Menschen Musik zu machen und sich auszutauschen. Das Ende der Komplexität, die Umarmung der Neugier. Mike Skinner war schon immer ein übermäßig neugieriger Künstler, der mit voller Begeisterung Dokumentationen für »Noisey« gedreht und gehostet hat. Da steht er dann als Junge aus Birmingham im Gazastreifen und spricht über Rap und die dahinterliegenden Konflikte im Nahen Osten. Ein Künstler, der sich immer als Mentor für die nachwachsende Generation verstanden hat, und dem es sichtlich Freude gemacht hat, vermutlich dasselbe »Noisey«-Team nach Birmingham zu verschiffen, um sich dort dem Phänomen Birmingham Rap zu widmen. Das Gute an seiner Neugier: Er leidet nicht am Morrissey-Komplex, ist nicht verbittert. Der Nachteil an seiner Neugier: Sie fließt an keiner Stelle in seine Kunst ein. Keine Erfahrungen der letzten Jahre wird auf »None Of Us Is Getting Out Of This Alive« in Worte gefasst.

Mike Skinner: »It’s just that it’s just an emotional process. I think if you spend a lot of time in nightclubs, you end up thinking about everything in that way. You think about music. You know that that becomes music. Yeah. And there was definitely a time in my life where I the only purpose were the words. It was just like the only thing that matters are what’s the word. You know, the story here. And I I still carry all of that. I still work in that way. But not all the time. That has changed. Yeah, I think actually would be different when I’m performing with The Streets. You only have one job to do, you literally get given a microphone. And as long as you remember the words, you’ve done your job. Whereas with deejaying, you get this really weird thing where it’s like what you’re actually doing is quite technical and you sort of have to focus on that. But then at the same time, you’re in a party and everyone wants to have a good time. It’s a very strange thing, but it’s genuinely creative and a lot more creative than singing songs that you wrote, you know, 10 years ago.«

Mike Skinner beschreibt hier also die unausweichliche Drift weg von alten Mustern, alten Prioritäten, alten Kontexten. Er beschreibt aber auch die neue Gewichtung innerhalb seiner Musik. Drastisch formuliert: Mike Skinner hat mit dem Wort gebrochen. Er könne sich sogar vorstellen, ein weiteres The Streets-Album völlig in die Hände einer künstlichen Intelligenz zu geben. Die Worte eines mitteilungsbedürftigen Tresenpoeten sind das nicht, eher die eines Forschungsreisenden in Sachen Exzess durch Technik. Sein Label hat das ebenfalls begriffen und möchte diesen Umstand so formuliert wissen: »Die Idee für das neue Mixtape lautete, die Energie von The Streets eigenen Tonga-Partynächten ins Studio zu überführen – und dazu mindestens genauso viele Gäste einzuladen.«

Mike Skinner: »I don’t think that I’m trying to translate the energy from Tonga. I think the energy from Tonga is trying to translate me and it’s winning.«

Die bittersüße Wahrheit zu »None Of Us Is Getting Out Of This Alive« ist, dass wirklich niemand dieses Album braucht. Mike Skinner braucht es nicht, um seine Karriere voranzutreiben. Er hat schon eine Karriere. Die Gesellschaft braucht dieses Album nicht, um künstlerisch verpackte, unangenehme Wahrheiten entgegengeschleudert zu bekommen. Diese Alben machen andere. Das ist der bittere Teil. Der süße Teil schmeckt hingegen wie die verbotene Frucht der Musikautoren und lautet: Es ist die Einladung eines Menschen, ihm und seinen Freunden beim Musikmachen zuzuhören. Ich zahle hiermit freiwillig in die Wortspielkasse ein.