Albert Parisien Deutschrap-Visionär ohne Wirken

Die Musik des Bremer Vorreiters Albert Parisien hat im letzten Jahrzehnt mehrfach Impulse eingefangen, die seinen Peers weit voraus waren. Erfolg hatte er damit trotzdem nicht. Über das ebenso beeindruckende wie beschauliche Œuvre eines aus seiner Zeit gefallenen Exoten.

Albert Parisien

Rückblick, 2014. Es ist die Zeit, in der die alte Deutschrap-Garde noch immer ihre Reime zählt und die Kunstfertigkeit ihrer Songs an Doubletime-Einlagen und aggressiven Drohgebärden misst. Gleichzeitig feiern Ausreißer wie Casper und Marteria Erfolge als Mainstream-Artists und stehen damit in der Linie von Hipster-Superstar Cro, der mit »Melodie« gerade seine vorerst letzten Momente als Gesicht seiner Generation genießt. Doch den nahenden Paradigmenwechsel ahnt in diesen Monaten noch niemand – wenigstens niemand, der sich nicht in Szene-Nischen à la dem Forum des einstigen Battlerap-Mekkas »r-b-a.de« oder einer um den Wiener Exzentriker Money Boy geformtem Facebookgruppe herumtreibt.

Dort deutet bereits alles auf den kommenden Umbruch. Nicht, dass Money Boy dafür nicht schon seit Jahren die Flagge hissen würde, aber manchmal braucht es eben einen Katalysator, der nicht nur Rolemodel, sondern auch talentierte*r Musiker*in ist. Denn während Mbeezy beim Jugendsender »Joiz« im November zwar einen legendären Auftritt hinlegt, in dem er Jugendlichen unter anderem den Konsum von Heroin empfiehlt, sorgen seine Musik und gesamte Inszenierung immer noch für Fragezeichen und ironische Belustigung. Das spielt der doch nur, oder? Spielt er nicht.

Mit LGoonys »Fly Shit« und seinen folgendenden Tapes »Space Tape Vol.1« und »Grape Tape« springt der Funke auf musikalischer Ebene zum ersten Mal richtig über. Goony wird zum Impulsgeber der Stunde und packt den Sound aus Schweden und den USA in den kommenden Monaten zu massentauglichen Hits auf Deutsch zusammen. Während besagte Reime-Zähler (bis heute) nicht hinter sich lassen können, dass diese Musik mit ihrem HipHop-nichts-mehr-zu-tun™ hat, sind es ironischerweise gerade die benachbarten Pioniere aus dem »r-b-a«-Forum, die LGoony ebenfalls zum Erzfeind erklären, den es vom eigenen künstlerischen Schaffen stilistisch abzugrenzen gilt. COSMO heißt das Kollektiv, das dort um Wunderjunge Holy Modee einen Film aufzieht, der nicht weniger Speerspitze, aber deutlich ernster, strenger, elitärer anmutet. Unter ihnen befindet sich auch der Bremer Albert Parisien, ein schnöseliger Mode-Feingeist mit nasaler Stimme und orangefarbenem Afro.

Der Zug rollt. Nach Goonys musikalischer Vorarbeit ruft der Wiener Yung Hurn das verstaubte Alt-Herren-Genre im Juni 2015 mit »Nein« unwiderruflich zum Lebensgefühl einer konsumwütigen neuen Generation aus. Crack Ignaz, Haiyti, Holy Modee, Goony und viele weitere schlagen – mit unterschiedlich langer Lebensdauer – in den Folgemonaten Karrieren aus ihrer Kunst, prägen die Szene, inspirieren die nächste Welle. Nur einer bleibt vom Spotlight unberührt, bis heute: Albert Parisien, der damals zwischen Weed und teuren Loafers in aller Seelenruhe Pionierarbeit leistet. Am 28.12.2014 bringt er zusammen mit Producer AsadJohn die EP »Future Lean« heraus, deren knapp 15 Minuten Länge beschaulich, aber deswegen nicht weniger bahnbrechend sind. »Future Lean« ist ein Pusher-Drama in 5 Akten: der Aufstieg und Fall eines Lean-Dealers. Ihr Spielfeld, die Instrumentals, der Voicemix, ihre Drogen – diese Platte ist genauso unique wie progressiv. Gastbeiträge von Holy Modee und Adi Space unterstreichen, wie ahead Cosmo damals ist. Doch »Future Lean« erscheint ohne Videos, ohne Social Media und ist bis heute nicht auf Spotify zu hören. Die EP versinkt im Nichts und verkümmert als Untergrund-Rarität, die es im Streaming-Zeitalter eigentlich gar nicht mehr geben sollte.

Zeitsprung, zwei Jahre später. Jede*r hört Rap, jede*r Zweite rappt selbst. Rap steht im Mittelpunkt unserer Popkultur und ist der Sound der Zeit. Aus Cosmo wurde Immer Ready und Parisiens Homie Holy Modee schraubt mittlerweile zusammen mit Morten weiter an der Speerspitze. Von Albi kam in der Zwischenzeit nicht viel – außer einem komplett verkackten Splash!-Auftritt 2015 und der Single »Reloaded«, in der genau dieser mit den Zeilen »Sorry wegen Splash!, das war’n paar Cups zu viel, ich war motherfucking faded, ich bin motherfucking real« Image-gerecht aufgearbeitet wird. »Reloaded« ist grandios und teast einen Parisien, den es danach nie wieder zu hören geben wird. Denn 2016 meldet er sich zwar mit einer neuen EP zurück, doch hat die Trap dort bereits hinter sich gelassen. Nur, um erneut als Vorreiter aufzutreten.

Die 80s sind back. Statt Modedroge Lean zu ticken, vertont Albert das Gefühl von Koks und tischt mit AsadJohn eine Synthpop-Platte auf: »Highway Chronicles«. Heute haben wir uns an Rollschuhe, tanzbare Retro-Drums, Vintage-Videofilter und all das längst gewöhnt. Der erfolgreichste Sänger der Welt ist seit über einem Jahr The Weeknd, mit einem 80s-Album. Vor fünf Jahren sah das anders aus. »Highway Chronicles« ist erneut Material eines stilistischen Meilensteins und beweist Parisiens Sensibilität für Strömungen und Zeitgeist ein weiteres Mal.

Hier ein Interview, da eine Rezension. Albi ist kein Anhänger der Generation Selbstvermarktung und »Highway Chronicles« geht den gleichen Weg wie seine Vorgänger-EP. Mehr noch: Mit ihr endet die Karriere von Albert Parisien. Man kann sich streiten, ob seine teilweise schleppenden Rap-Flows, sein nasaler Sprech, die ganze Inszenierung nicht ohnehin zu speziell und vielleicht auch stellenweise unausgereift waren, um größeren Impact verdient zu haben. Ein Streit, in dem sich allerdings auch mit guten Gründen für Parisien argumentieren ließe. Aber vielleicht ist das gar nicht der springende Punkt.

Zeitsprung, 2021. Deutschland zählt zu den drei umsatzstärksten Musikmärkten der Welt und das zu großen Teilen wegen Rap. Während Streamingzahlen astronomische Höhen erreichen, ist die* nächste deutsche Newcomer*in in der Regel kaum mehr als ein Abziehbild eines internationalen Stars, dessen Stil sich in Deutschland noch niemand anderes angeeignet hat. Ausnahmen bestätigen der Regel, doch mehr als einmal wurde die Frage nach der Innovation gestellt: Gibt es eigentlich richtig kreative deutsche Rapper*innen, die den (US-amerikanischen) Zeitgeist nehmen und etwas ganz Eigenes daraus machen? Mit Blick auf Albert Parisien muss diese Frage nicht nur mit »Ja!« beantwortet werden, sie lädt auch zur Gegenfrage ein: Gibt es in unserer Musiklandschaft überhaupt Platz für kreative Ausreißer oder spiegelt die (fehlende) Diversität der aktuellen Generation nicht genau das Gegenteil? Ist nicht Kommerzialität längst das Maß der Daseinsberechtigung von deutschem Rap geworden? Und: Ist nicht alles, was nicht formgerecht in die Schablonen der Industrie passt, zum Scheitern verurteilt? Wer entscheidet eigentlich darüber, welche Kunst Teil des Diskurses werden darf? Und, vor allem: mit welcher Fachkenntnis?

Wir werden nie erfahren, wie viele Albert Parisiens in den vergangenen zehn Jahren auf der Strecke geblieben sind. Fest steht: Wenn wir über Visionäre des Deutschraps der 2010er sprechen, kommen wir um ihn nicht herum. Und wenn wir bunte und facettenreiche (Rap-)Musik wollen, dann sollten wir dringend lernen, genau das zuzulassen, was Parisien zur Excellence verkörperte: das Andere.