Childish Gambino »Are you eatin' though?!«

Childish Gambino hat es nicht leicht, sein Image als Comedian, der auch ganz gut rappen kann, abzustreifen. Dabei blickt er selbst ganz selbstbewusst auf den Thron. Darf er das? Ja, er darf.

Childish Gambino

Kendrick Lamar? Drake? Seit Childish Gambino am letzten Freitag das »STN MTN«-Mixtape veröffentlicht hat und einen halben Tag später die »Kauai«-EP nachlegte, sollte auch dem Letzten klar sein: Der Bursche meinte das mit seinem Anspruch auf einen Platz unter den derzeitigen Top-5-MCs durchaus ernst. Vollkommen zurecht.

Aber es ist ja nun mal so: Wenn man das Showbusiness durch die Tür betritt, auf der in großen bunten Lettern »Comedy« steht, dann hat man an irgendeinem Punkt seiner Karriere immer das gleiche Problem: Dann kann man tun und lassen was man will – man wird nicht richtig ernst genommen. Die Leute hören einem schon zu, klar, aber alles was du da sagst, machst und trägst, wird für einen Witz gehalten. Ein Problem, das auch Childish Gambino kennt.

Gestartet als Drehbuchschreiber, Stand-up-Comedian und Schauspieler in der sehr guten NBC/Yahoo-Serie »Community« von Dan Harmon so wie »30 Rock«, wurden seine beiden Alben »Camp« und »Because The Internet« zwar durch die Bank für gut befunden – aber das Image vom nerdigen Hipster-Weirdo mit Gag-Garantie wird Childish Gambino genauso wenig los wie Leidensgenosse Drake, der ja bekanntlich über den Umweg als Jimmy Brooks in der Telenovela »Degrassi« als Rapper berühmt wurde. Das sieht man gerade am sogenannten »Draking«-Phänomen, bei dem Leute im Gedenken an seine schauspielerische Jugendsünde ein Foto von Drakes Kopf auf Rollstuhlfahrersymbole in ganz Toronto pappen.

Dass der 30-Jährige immer noch nicht ganz für voll genommen beziehungsweise alles, was er sagt, in einen Witz umgemünzt wird, konnte man zuletzt wieder sehen, als er vor ein paar Wochen bei DJ Envy, Angela Yee und Charlamagne im Breakfast Club zu Gast war. Eine gute halbe Stunde sprach Donald Glover dort über seine Erfahrungen mit der Polizei, das New-Black-Movement und den Fakt, dass er sich mindestens auf einer Stufe mit Kendrick, Drake und – dem sich zugebenermaßen nicht so recht in diese Top-MC-Trias fügende – Schoolboy Q sieht. Childish Gambino versuchte in dieser halben Stunde Mitte September das Niveau im Breakfast Club so hoch wie selten zu halten und bei diesem Versuch konnte man wunderbar beobachten, wie Childish Gambino am laufenden Band nicht für voll genommen wurde.

Natürlich ist es auch dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom von Radiomoderatoren geschuldet, dass niemand länger als 30 Sekunden am Stück hochtrabende Grüße über den Äther rausschicken darf. Aber selbst beim Talk über sein löchriges Opa-Jackett oder das gemeinsame Sit-in mit Jaden Smith – ständig wurde Donald Glover in seinem Redefluss von Gelächter oder Gerede gestoppt. Dann sah man ein unbehagliches Lächeln über ein verunsichertes Gesicht huschen und dachte sich: Genau da liegt das Problem.

Denn Childish Gambino wäre gerne er selbst und möchte genau dafür auch akzeptiert werden. Mit einem musikalischen, ja, gesamtkünstlerischen Anspruch, der ein Gros des US-HipHop-Gehampels locker in die Tasche steckt. Nicht ohne Grund hat er auf dem Artwork seine erste Namenshälfte, das Childish, bereits abgelegt. Vielleicht muss man auch erst ein bisschen Geld verdient haben, um mit dieser finanziellen Absicherung machen zu können, was man möchte. Kanye hat das ja schon vorgemacht: Vom arroganten Alumnus mit hochgeklapptem Polokragen, Louis-Rucksack und okayen Rap-Skills zum selbstbezogenenen Zellkern des Zeitgeistes, dessen Einfluss erst langsam akzeptiert wird, war es schließlich auch ein langer und mitunter schwerer Weg.

Den geht jetzt auch Childish Gambino. Mit Twittergedichten, genialen Freestyles und jetzt eben seiner Multi-Format-Veröffentlichung »STN MTN/Kauai«. Multi-Format deshalb, weil das Ganze konzeptuell vom »STN MTN«-Tape (frei downloadbar) in die »Kauai«-EP (käuflich zu erwerben) übergeht und die beiden Veröffentlichungen konzeptuell eng miteinander verzahnt sind. Schon allein dieser Move macht Kendrick Lamars »good kid, m.A.A.d city«- Konzeptalbum Konkurrenz und lässt Drakes dreifach geflipptes und ineinanderfließendes Whitney-Houston-Sample im »Nothing Was The Same«-Intro wie Kinderkacke aussehen.

Aber der Reihe nach. »STN MTN« ist, auch wenn es das sehr minimalistische Coverdesign nicht gleich verrät, ein Mixtape aus der »Gangsta Grillz«-Reihe, wird von DJ Drama gehosted, ist folglich bis oben hin mit dessen Drops vollgestapelt und wirklich ein Mixtape-Mixtape für das Childish Gambino Futures »Move That Dope« genau so neu interpretiert wie Maceos »Nextel Chirp« oder »AssShots« von O Lyfe und, ja, auch Ushers »U Don’t Have To Call« – allesamt, der findige Rap-Afficiando wird es schon bemerkt haben, Songs von Rappern und Sängern aus Atlanta.

Denn »STN MTN« steht natürlich für Stone Mountain in Georgia und ist ein Vorort von Binos Heimatstadt und macht durchaus Sinn, ist es doch Gambinos erklärtes Ziel, mit dem Mixtape seinen Status als ambitionierter MC Aus Atlanta zu manifestieren. Denn genauso wenig wie man weiß, was Childish Gambino jetzt eigentlich ist (Schauspieler, Comedian, Rapper), weiß man über seine Herkunft (New York, Atlanta, das Internet) Bescheid. Unlängst erklärte Childish Gambino gegenüber Complex noch dazu, dass Iggy Azalea vermutlich eher als ATL-Rap-Native durchgehe und es schon allein deshalb an der Zeit für eine solche Standortbestimmung sei.

Eine Standortbestimmung, die durchaus selbstbewusst daherkommt. Das ist interessant, da man derartiges Vertrauen in das eigene Selbst und das Können vom introvertierten Childish Gambino eher weniger gewohnt ist. Der »STN MTN«-Show-off, welcher in Sachen Rap-Lastigkeit mitunter an das »Royalty«-Mixtape erinnert, wird aber dadurch ermöglicht, dass er ein Traum ist. Bino beginnt das Mixtape mit den Worten »I had a dream, I ran Atlanta, and I was on every radio station« um dann den ortskundigen Utopisten zu geben, der Dank seiner Popularität den 112-Club und das Jazzy T’s wieder aufmachen will, außerdem das legendäre LaFace-Label (auf dem OutKast einst veröffentlichten) reaktivieren möchte und jetzt eben sein eigenes »Gangsta Grillz«-Mixtape hat.

Ein geschickter Kunstgriff. Denn das Schlüpfen in die Rolle des angesehenen Atlanta-Representers erlaubt es Childish Gambino folglich, nach Lust und Laune zu flexen und richtig Ansagen zu machen. Ansagen, die natürlich dann doch irgendwie ernst zu nehmen sind. Denn wie eingangs bereits erwähnt, hat Childish Gambino nach diversen Mixtapes und zwei Alben mittlerweile zu einer schier beängstigendenForm gefunden, die es ihm erlaubt, den anderen Thronewatchern K-Dot und Drizzy im hohen Bogen an die Karren zu pissen und endlich mal wieder bisschen Competition in das ganze Ding zu bringen. Schließlich rappt sich Childish Gambino auf den elf Songs richtig den Arsch ab. Und so ist »STN MTN« letzten Endes ein als trojanisches Traumpferd getarnte Kampfansage, die den Status Childish Gambinos vom mittelmäßigen Actor-turned-Rapper mit Kunstfimmel zu einem ernsthaften Aspiranten auf den Titel macht.

Und dann klingelt der Wecker und wir wachen gemeinsam mit Bino am Strand von Hawaii auf. Denn die »Kauai«-EP, welche einen halben Tag später via iTunes käuflich zu erwerben war, dockt an das »STN MTN«-Mixtape an und spiegelt die Realität wieder, die doch ein wenig anders aussieht als die ATL’schen Allmachtsfantasien. Childish Gambino als ambitionierter Ansagenmacher bei Rosenberg und auf dem »STN MTN«-Mixtape in allen Ehren: Aber letzten Endes ist er halt doch immer noch das gefühlsduselige Schmerzensmännchen, dem das mit der großen Liebe genau so wenig gelingen will wie das Loslassen von den Erinnerungen an unbeschwerte Abende als Teenager auf Kaua’i – mit Sand zwischen den Füßen, Möwengekreische und Meeresrauschen im Ohr.

So sehr das »STN MTN«-Mixtape auf die Kacke haut, so sehr ist die eher R&B-orientierte »Kauai«-EP auf sieben Stücken Selbstfindungsprozess und Ergründung von Sehnsüchten. Aber Childish Gambino wäre nicht Childish Gambino, wenn er dieses Themenspektrum nicht durch raffinierte Tricks und Kniffe auflockern würde. So geht der schwärmerische Monolog auf die unbeschwerten Jugendtage direkt über in das passenderweise »Retro« betitelte Stück, das sich als selbstreferenzielles Remake von »Love Is Crazy« entpuppt, welches sich auf Childish Gambinos ersten Mixtape »Sick Boi« aus dem Jahr 2008 befand und folglich eine Zeit wiederspiegelt, die deutlich sorgloser gewesen sein dürfte.

Im Stück »Pop Thieves (Make it Feel Good)« rappt Gambino erst »These haters can’t say shit« um dann die nächste Zeile »I know you miss this di-« rapide abzuschneiden und binnen Sekunden eine neue Vocalspur darüberzulegen, auf der er das erwartbare »dick« durch »love« ersetzt wird. Das ist genauso genial, wie den gleichen sehnsüchtigen und unberührten Jungen von Jaden Smith verkörpern zu lassen, dessen altruistisch-spirituell anmutende Twitter-Bonmots zwischen Verschwörungstheorien und Zen-Küchenphilosophie auf den ersten Blick vielleicht reichlich abgedreht wirken, auf den zweiten Blick in ihrer Naivität und Unberührtheit aber doch sehr gut unser aller Sehnsucht widerspiegeln dürften. Oder etwa nicht?

Schon Gambinos letztes Album »Because The Internet« hat Konzeptkunst im HipHop neu definiert und wurde von einem Script und dem Kurzfilm »Clapping For The Wrong Reason« begleitetet. »STN MTN/Kauai« setzt dieses intermediale Rezeptionskonzept fort: Ich behaupte, dass ein unabhängiges Hören dieser beiden Veröffentlichungen keinen Sinn macht. Nicht umsonst muss man sich die Chose auf www.stonemounta.in/kauai in Gänze anhören. »STN MTN« wirkt ohne »Kauai« und die Traumauflösung wie your average Überheblichkeits-Talk und die EP klingt ohne Mixtape-Prequel nach den üblichen Binoismen.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Zum Beispiel, das Childish Gambino mit diesem Mixtape- bzw. EP gewordenen Dualismus in Form eines auf die musikalische Metaebene gehievten Mise en abyme auch die mitunter materialistische HipHop-Schauspielerei und unter Designerklamotten versteckten Selbstzweifel ad absurdum führt. So langsam sollte man den Jungen dann doch mal ernst nehmen.

  • Jimbo Jones

    Gude Jan, kleiner Rechereche-Fehler: „wurden seine beiden Alben »Camp« und »Because The Internet« zwar durch die Bank für gut befunden“ kann man so nicht stehen lassen, dafür wurde vor allem Camp viel zu sehr gehatet – siehe stellvertretend dazu die Pitchfork-Review (1,6!)

  • Jimbo Jones

    dennoch natürlich lesenswerter Artikel – Gambino is King und Because the Internet eines der besten Alben des letzten Jahres

  • GrantHilltrinktSprite

    Ich brauch das alles nicht wenn Ich ehrlich bin. Ist das Etablieren von „Konzeptkunst“(ist es das?) im Rap jetzt wirklich was erstrebenswertes? Ein neues King Louie Tape wär mir lieber.

  • MaxiMenschenhass

    Du hast es gelesen, du hast es kommentiert, du brauchst es nicht. Merkste selbst.

  • GrantHilltrinktSprite

    Danke für diesen wertvollen Beitrag.