Visualizing Music – die besten Musikvideos des Monats März 2021

An dieser Stelle sprechen Till Wilhelm und Charlie Bendisch monatlich über die besten Musikvideos, weil das einfach zu wenig getan wird. Im März mit Lil Nas X, Luciano und Danger Dan.

VISUALIZING MÄRZ21
Es brennt die Sonne, es hagelt, es schneit, all das noch im März. Ebenso wechselhaft wie das Wetter sind die besten Musikvideos aus dem März 2021. Und trotzdem lassen sich Gemeinsamkeiten finden. Während Danger Dan ganz bewusst versucht, die Grenzen der Kunstfreiheit auszuloten, werfen konservative Hardliner in den USA dem Rapper Lil Nas X vor, mit seinem neuen Video Satanismus zu propagieren. Was auch immer das bedeuten soll. Im Fokus von Lucianos »Peppermint« steht eine Frau, die zum Orgasmus kommt, das Video dreht sich um Begehren und sexuelle Selbstbestimmung. Jorja Smith hingegen will selbst begehrt werden und präsentiert sich im Homevideo-Style. Auch, wenn die improvisiert wirkende Oberfläche immerzu bröselt und den darunterliegenden Organisationsaufwand preisgibt. Damit sprechen Charlie Bendisch und Till Wilhelm sogar diesen Monat zweimal explizit über den Entstehungskontext der Videos. Brockhamptons »Buzzcut« hat dann vielleicht sogar etwas mit »no sense« von Baby Keem gemein: Die Fluidität einer wahrgenommen Realität. Wie bei Brockhampton die Hintergründe ineinander übergehen, lässt die allgegenwärtige Paranoia Baby Keem fast wahnhaft wirken. Das eine Video übersaturiert, das andere grau und apokalyptisch. Und ein Songtitel der Geto Boys passt zu fast all diesen Visuals: »My Mind Playin Tricks On Me«.

Die Playlist zur Kolumne findet ihr hier.

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  • Luciano »Peppermint« (R: FEMALE FORCE)

    Till: Dieses Video ist das erste Projekt des Kollektivs FEMALE FORCE, die sind verbandelt mit den 100BLACKDOLPHINS. Letztere kennt man auf jeden Fall durch Videos für beispielsweise Shindy, Ufo361 und Shirin David. Bei FEMALE FORCE wird jede Führungsposition mit einer Frau besetzt – dieses Video wurde mit einem komplett weiblichen Team gedreht. Es gibt dazu auch einen ganz interessanten Artikel bei der »SZ«, in dem sie erklären, aus welcher Intention FEMALE FORCE entstanden ist. Lucianos Team wollte im Video eine Frau haben, die zum Orgasmus kommt – So ziemlich alles weitere stammt dann aus der Feder dieses Kollektivs. Ich glaube, nur durch diese Konstellation hinter den Kulissen konnte überhaupt ein so intimes Video entstehen. Auf der Instagram-Seite der Produktionsfirma gibt es auch ein Story-Highlight mit Behind-The-Scenes vom Videodreh. Da sieht man schon recht schnell, dass hier einfach durch die Teambesetzung eine angenehme Atmosphäre geschaffen wurde. Natürlich wird im Video dann eine masturbierende Frau betrachtet, aber nicht durch einen genuin männlichen Blick. Und es geht um Selbstakzeptanz und Erkundung des eigenen Körpers. Viele versuchen, in Musikvideos eine Intimität weiblicher Sexualität herzustellen, das verkauft sich ja auch gut. Aber so gut umgesetzt habe ich das in Deutschland noch nicht gesehen.

    Charlie: Der Kontext, in dem das Video entstanden ist, wird dadurch super wichtig. Das ist sonst eher eine Seltenheit. Vor allem, dass Luciano diesen Videodreh komplett abgibt. Abgesehen vom Entstehungskontext fand ich interessant: In Lucianos Videos sieht man ihn normalerweise immer als Protagonisten. Und vor allem auch sehr oft alleine. Selten ist in den Videos auch nur eine Gang zu sehen.

    Till: Und ganz spezifisch: Weibliche Darstellerinnen sind in Lucianos Videos fast nie zu finden, schon gar nicht als Sexobjekte, wenn, dann als Featuregäste, wie beispielsweise Shirin David.

    Charlie: Dann ist die Frage: Wie geht man formal vor, sodass der männliche Blick, der durch die Stimme präsent ist, untergraben wird? Es gibt zwei starke Brüche im Video. Zunächst bei 00:44, wenn ihre Lippen sich mit Lucianos Stimme synchronisieren.

    Till: Sie spricht die Zeile »Wo ich bin? Bitte frag mich nicht« mit – und damit gleich die erste Zeile des ersten Parts. Das ist ja auch ein Satz, der sehr genderneutral ist.

    Charlie: Eine Stimme aus dem Off hat häufig etwas erhabenes. Indem sie das mitspricht, wird die Kontrolle des männlichen Erzählers gebrochen. Der zweite Bruch entsteht eher schleichend, wenn zunehmend deutlich wird, dass sie sich selbst befriedigt. Das ist ja nicht von Anfang an klar. Erst später wird deutlich, dass das Model nicht für die Kamera, nicht für ein Publikum agiert, sondern für sich selbst.

    Till: Der Song ist auch explizit an eine Frau geschrieben, von der Luciano wahnsinnig beeindruckt ist. Er begehrt und vergöttert sie. »Peppermint« ist Rap über Sex, aber auch Rap über Einvernehmlichkeit und Respekt.

    Charlie: An der Kameraarbeit ist dann doch interessant, dass natürlich trotzdem mit dem Blick in die Kamera und der Fragmentierung des weiblichen Körpers gespielt wird. Der Körper wird in einzelne Teile zerstückelt, die zur Schau gestellt werden. Die glänzenden Lippen, die Schultern. Die feministische Filmtheoretikerin und Filmemacherin Laura Mulvey verknüpfte in ihren frühen Texten die Schaulust mit dem aktiven, männlichen Träger des Blicks, wohingegen die Frau meist das Bild, das passive Objekt des Blicks bleibt. Das Video stellt diese ganz grundlegenden Koordinaten einer visuellen Kultur infrage und bringt sie durch leichte Verschiebungen ins wanken.

    Till: Es gibt drei Einstellungen, in denen man das Model gänzlich sieht. Bei 01:13, bei 02:20 und am Ende des Videos.

    Charlie: Bei 02:20 erinnert diese Ausgestelltheit und das ausgeleuchtete Setting an eine Werbe-Ästhetik.

    Till: Einerseits ist das Fragmentierung, andererseits entsteht diese Intimität nur durch Nahaufnahmen. Im Interview mit der »SZ« betont Dahlia Ibrahim, dass hier nicht nur Brüste und Po im Fokus sind und sagt ebenso: »Wenn ich dem Model erkläre, wie sie beispielsweise ihre Lippen bewegen soll, dann weil ich das als Frau nachempfinde und nicht, weil es für einen Mann gut aussehen soll.« Die Kamera verfolgt hier gewissermaßen auch die Empfindungen, die während der Masturbation durch den Körper jagen.

  • Jorja Smith »Addicted« (R: Jorja Smith & Savanah Leaf)

    Till: Das Regie-Debüt von Jorja Smith. Das Video ist ästhetisch recht nah an »Binz« von Solange, dieser Home-Video-Stil bekam dann durch die Pandemie neuen Aufschwung und findet sich beispielsweise auch bei »forever« von Charlie XCX. Interessant ist hier natürlich, dass diese Ästhetik zwar hergestellt wird, aber in den Credits stehen noch fast 40 andere Namen. Sie selbst hat Regie und Kamera übernommen. Allein an Styling und Makeup sind sechs Personen beteiligt. Seit dem Beginn der Pandemie gab es viele solcher Home-Videos, mit dem Laptop gedreht. Hier wird die Ästhetik total professionalisiert umgesetzt.

    Charlie: Und das wird erst nach und nach deutlich. Die erste Einstellung ist ja total typisch für diese Art von Video.

    Till: Als Schauplatz kommen dann später Wohnsituationen, die sicher nicht ihre sind. Protzige Villen, eine Art Spiegelkabinett. Sie steht in einem Hof, während um sie herum Möbel abbrennen.

    Charlie: Die Skepsis wächst Stück für Stück. Man wundert sich immer mehr über ihre angebliche Wohnsituation. Später sitzt sie auf einem Pferd in der Natur. Das wird immer unglaubwürdiger und verspielter. Die Aufnahme des Feuerwerks könnte aber sogar aus dem privaten Fundus stammen. Man könnte vermuten, dass sie das einfach an Silvester gefilmt hat. Es bleibt intransparent.

    Till: Bis man dann in die Credits schaut und sieht, dass das Feuerwerk von der Firma Pyroheadz Fireworks durchgeführt wurde. Es gibt auch einige Shots, die total photographisch inszeniert wirken. Wie bei 01:34, sie liegt auf dem Bett und ein Lichtkegel fällt genau auf ihr Gesicht. Ein total gestelltes Bild, andere wirken aber komplett improvisiert.

    Charlie: Interessanter Kontrast auch zum Video vom Luciano: Hier geht es zwar auch um Begehren, aber Jorja möchte begehrt werden. Sie ist hier das absolute Zentrum des Videos. Sie soll der Schauwert sein.

    Till: Stark ist auch, dass sie durchgehend für diese Kamera performt. Und ihr Verhalten schwankt so zwischen Verzweiflung und Verführung. Sie singt das Lied in die Webcam, als würde sie mit dem Objekt der Begierde facetimen.

    Charlie: Einige Szenen wirken wie ein Videotagebuch, andere könnten Social Media-tauglich sein. Die Feuerwerk-Shots wirken wie eine private Konversation. Ganz unterschiedlich. Bei 02:32 wirkt das Set fast Bühnen-artig.

    Till: Das ist auch ein Moment, der wieder komplett von der Illusion der eigenen Wohnung weggeht. Da hängt ja ihr Gesicht riesig an der Wand.

    Charlie: Das Video spielt auch mit der Frage, inwieweit man die eigene Person inszeniert, um den anderen zu gefallen. Dabei soll trotzdem eine spontane Oberflächenwirkung beibehalten werden. Das wirkt fast manisch. Stell dir mal vor, jemand schickt dir aus dem nichts ein solches Video.

  • Brockhampton feat. Danny Brown »Buzzcut« (R: Dan Streit)

    Till: Erstmal habe ich auf Instagram gesehen, dass die das ganze in einem kompletten Greenscreen-Raum gedreht haben, das ist schon mal interessant. Dann würde ich jetzt einfach ein paar Assoziationen vom Stapel lassen: Durch die extreme Saturation erinnert mich das Video an sogenannte »Deep Fried«-Memes. Was das ist, kann man beispielsweise bei der »Vice« nachlesen. Dann sitzen sie beispielsweise ab 00:30 in der Runde und die Gesichter der Rapper zucken. Das erinnert an Deep Fake-Videos, die gerade vor allem einer Parodie von »American Boy« viral gehen. Die Hintergründe im Video bestehen schon aus konkreten Dingen, gehen aber immer wieder ineinander über. Dadurch sind die Gegenstände, die ursprünglich verwendet wurden, beinahe unkenntlich. Das wiederum erinnert an Bilder, die von Künstlicher Intelligenz erstellt werden, nach dem Muster realer Bilder. Auch da gab es ein Meme: »Name one thing in this picture«. Die Hintergründe wirken ein wenig, als wären sie aus Produktfotos von Autos, Computern und technischen Geräten zusammengebastelt. Aber so richtig weiß man’s nicht. Dazu kommt bei »Buzzcut« eine Videospiel-Optik. Das kommt durch die Sättigung, aber natürlich auch durch die Kämpfe, Mutationen und Bewegungen. Das erinnert an Games wie »Street Fighter« oder »Tekken«.

    Charlie: Wir hatten jetzt immer öfter Videos, in denen AI eine Rolle spielt. Zuletzt bei Blackhaine, LEECH haben das Verfahren auch ganz interessant verwendet. Ich musste ansonsten stark an trippy Visuals aus den 80ies denken. Da gibt es beispielsweise das Video zu »Dirty Cash« von Adventures Of Stevie V. Auch hier haben wir Figuren vor Greenscreen-Hintergrund, auch hier haben wir Verzerrung. Aber natürlich nicht in einem zeitgemäßen Ausmaß. Krass bunt, permanente Bewegung. Bei »Buzzcut« werden bei 01:02 alle Gesichter im Kreis herum gezeigt. Das ist ähnlich zu älteren HipHop-Covern wie De La Souls »3 Feet High and Rising«. Das Video ist wie eine Zeitreise.

    Till: Und ein ewiges Referenzgeballer. Man kennt das ja von Grafikdesignern, die haufenweise Material zur Inspiration sammeln. Das kann dann alles sein. Kanye West hatte mal eine Phase, in der er recht willkürlich Bilder von Alufolien, Architektur und Kunstwerken getwittert hat. Da wird dann alles gesammelt, was irgendeine kreative Regung auslöst. Das Video wirkt, als würde man im Zimmer eines Grafikdesigners stehen, der die letzten 20 Jahre komisches Zeug gesammelt hat. Ich glaube aber auch, dass das Pandemiejahr für Brockhampton sehr bedeutend war. Gerade für die Fragen, wie man Musik macht und wie man Musik präsentiert. Das Kollektiv hat beispielsweise stundenlang auf Twitch gestreamt, neue Songs dort performt und sich damit direktes Feedback geholt. Dazu gab es auch die »Technical Difficulties«-Radioshow, in der immer wieder neue Songs präsentiert und später zum Download auf der Website angeboten wurden. Zum neuen Album gibt es drei Releasekonzerte im Livestream, dazu hatte Kevin Abstract eben gesagt, dass da viel Arbeit reingesteckt wurde. Und dass diese Streams keine Konzerte im klassischen Sinne sind, sondern eben Konzertfilme.

    Charlie: Konzertfilme gibt es natürlich auch schon lange, aber es ist ohne reale Konzerte durchaus etwas anderes.

    Till: Diese Gedanken, so meine Ansicht, spiegeln sich auch im Video zu »Buzzcut« wieder. Brockhampton hat Wege gesucht und gefunden, Musik auf ästhetisch anderen Wegen zu präsentieren. So performt man 2021.

    Charlie: Bei 02:37 musste ich an »The Last Angel of History« denken. Ein krass ikonischer Film des Afrofuturismus.

    Till: An der Stelle sind die Hintergründe wieder sehr prägnant. Wie Postkarten, die ineinander verschwimmen.

    Charlie: Und am Ende nur noch Farbübergänge, auch schön.

  • Baby Keem »no sense« (R: Savannah Setten)

    Charlie: Das Video ist jetzt das erste musikalische Projekt von pgLang, der Kreativagentur von Kendrick Lamar.

    Till: Naheliegend, weil Baby Keem der Cousin von Kendrick ist. Sein Album »Die For My Bitch« ist durch den Song »Orange Soda« letztes Jahr recht bekannt geworden.

    Charlie: Das Video knüpft schon durch das Format und den ersten Shot stark an Blockbuster-Filme an. Als Genre bezieht es sich auf Puzzle-Films bzw. Mindgame-Filme wie »Inception« und »Tenet«. Paranoia spielt eine große Rolle, auch apokalyptische Ängste, räumliche Desorientierung, diese übernatürlichen Momente.

    Till: Diese Ängste sind auf persönlicher Ebene mit dem Song verbunden. Da geht es um Angst vor Manipulation und vor dem Erfolg. Das wird auf eine globale Blockbuster-Ebene übertragen. Er versucht dann aus seinem Leben auszubrechen, steckt mit dem Auto in einer Spirale fest. Der Ausbruch gelingt, aber er stürzt in die Tiefe. Wir sehen zwar nicht, wie Keem aufkommt, aber die Konsequenz der Befreiung scheint recht deutlich.

    Charlie: Das Ende fand ich ein bisschen lame, das war vorhersehbar. Aber dadurch passt es natürlich zur zwanghaften Stimmung. Spannend sind vor allem die Rätsel, die nicht aufzulösen sind. Wir hatten schon mal über diese Art von Film gesprochen, in Bezug auf »Wert« von Ansu. Hier haben wir einen Kontrast zwischen dem extrem hellen Sonnenlicht und den extrem hohen Türmen. Die stellen sofort diese endzeitliche Stimmung her.

    Till: Das gleiche gilt für die Menschenmassen, die auf den Hof rennen. Es gibt in »no sense« wirklich viele Aspekte, die keinen Sinn ergeben. Wenn Baby Keem aber bei 00:37 aus dem Fenster schaut, wirken die Menschen wie Ameisen, die blind umherirren. Das ist ein schönes Gewusel. Er ist total abgegrenzt, ein Beobachter. Das bringt das Gefühl des Songs gut auf den Punkt: Sich auf der Party einsam fühlen. Keem hat Erfolg und trotzdem Angst und Paranoia.

    Charlie: Interessant ist auch das Motiv des Tunnels. Die Menschen draußen rennen in Strudeln, er ist gefangen in der Spirale. Sein zuckendes, dunkles Auge springt im Kreis.

    Till: Und das Dominospiel, das keinen offensichtlichen Zweck hat, transportiert auch ein Gefühl von Endlosigkeit. Das Video erklärt sich nicht, besitzt aber eine krasse Atmosphäre. Die muss man einfach fühlen. Auch wichtig: In den Credits steht ein gewisser »K.L.« als Executive Producer. Wenn es schon keine neue Musik von Kendrick gibt, dann doch zumindest eine Beteiligung an diesem schönen Video.

  • Danger Dan »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« (R: David Bruchmann)

    Till: Ich habe bereits ein Interview mit Danger Dan führen dürfen, über diesen Song haben wir allerdings gar nicht viel gesprochen. Er ist der Ansicht, mit diesem Lied auf der sicheren Seite zu sein und falls nicht, wäre es doch ein schönes Gesamtkunstwerk. Also, wenn das Lied »Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt« verboten werden würde.

    Charlie: Das schlimmste, was ihm passieren kann, ist, dass sich niemand aufregt. Dann würde eben gar nichts passieren.

    Till: Das Musikvideo ist allerdings auch schon in die Youtube-Trends gekommen, auch ohne rechten Shitstorm. Mittlerweile hat das Video auch über eine Million Aufrufe, sogar einige Prominente haben das geteilt.

    Charlie: Er singt dann ja auch: »Nein, ich wär nicht wirklich Danger Dan / Wenn ich nicht Lust hätte auf ein Experiment«. Die Grenzüberschreitung gehört also schon fest zur Marke dazu. Auch wenn das jetzt musikalisch etwas anderes ist, ist dieses Release nicht abgekoppelt von der Antilopen Gang. Das Logo wird sogar ästhetisch nochmal aufgegriffen, wenn er bei 02:30 im Scheinwerferlicht steht. Es gab ein kleines Interview im »Spiegel«, einen Beitrag im »Deutschlandfunk«. Es war gewissermaßen zu erwarten, dass dieses Lied in einen Kontext mit Schlingensiefs »Tötet Helmut Kohl« und vor allem Böhmermanns Schmähgedicht gesetzt wird. Eine kalkulierte Auslotung der Grenzen der Kunstfreiheit. Im Gespräch mit ihm meinte er auch, dass die genannten Namen im Song wohl kaum »über jedes Stöckchen springen«, dass ihnen hingehalten wird. Um etwas zum Video zu sagen: Das ist keineswegs provokativ, eher ziemlich zurückhaltend. Er zeigt zu Beginn die Munition, etabliert Suspense. Die bürgerliche Ästhetik am Klavier wird dann etwas karikiert, inklusive eines furchtbaren Sepia-Filters.

    Till: Da habe ich lange drüber nachgedacht, gerade weil es so scheußlich aussieht. Zuerst ist es Sepia, dann Schwarz-Weiß, dann wieder Sepia, dann schlussendlich gesättigt. Ich glaube, dass diese Filter etwas mit der Thematik der Grauzone zu tun hat. Der Song verläuft durch die verschiedenen Arten der juristischen Grauzonen.

    Charlie: Und Konkretisierung spielt eine Rolle. Zu Beginn nutzt Danger Dan den Konjunktiv, später den Indikativ. Zuerst wird die Kritik analog zu den Farben versteckt, später kontrastreich offengelegt.

    Till: Abgesehen davon: Im Video kommen einige Inhalte vor, die auf dem erscheinenden Album im Fokus stehen. Fragen der Militanz beispielsweise. Aber auch das Verhältnis zu Publikum und Erfolg. Das Video wurde im Theater in Aachen gedreht, wo Danger Dan schon früher Klavier gespielt hat. Biographische Zugänge sind da sehr wichtig. Dass das Piano in diesem Video so im Mittelpunkt steht, ist auch relevant: Das Album ist sehr musikalisch, das Klavierspiel dabei ebenso wichtig wie die Texte.

  • Lil Nas X »MONTERO (Call Me By Your Name)« (R: Tanu Muino & Lil Nas X)

    Till: Eigentlich eine simple und klare Storyline: Er hat zunächst Gay Sex mit der Schlange im Garten Eden, wird dann vorgeführt und gesteinigt, auf dem Weg zum Himmel nimmt er die Poledance-Stange nach unten Richtung Hölle, wo er dem Teufel einen Lapdance gibt, ihn tötet und seinen Platz einnimmt. Gar nicht so kompliziert. Jetzt sagen die Christen: Lil Nas X propagiert Satanismus.

    Charlie: Da sind wir wieder bei der Kunstfreiheit.

    Till: Selbst einige Social Media-Persönlichkeiten, die sich sonst als progressiv präsentieren, fanden das Video nicht gut. Bei Satanismus sind sich konservative Hardliner:innen und spirituelle Influencer:innen wohl einig: Das gehe nicht, das habe einen schrecklichen Einfluss auf die armen Kinder. Da gab es echt einige Takes auf Twitter, die ich nicht erwartet hätte. In dem Video geht es ja eigentlich um Lil Nas X Homosexualität. Der Rapper hat selbst lange Ablehnung erfahren innerhalb der christlichen Gemeinschaft, er hat die Erfahrung gemacht, dass seine Sexualität mit Satanismus in Verbindung gebracht wurde. Das ist viel Belastung für einen jungen Mann, der versucht, seinen Platz in der Welt zu finden.

    Charlie: Das strotzt vor Wut gegenüber diesen konservativen Ideen. Es ist eine vollkommen logische Reaktion, dass in den Dreck zu ziehen oder sich zumindest darüber lustig zu machen. Sich das auch anzueignen, er setzt sich ja zum Schluss die Teufelshörner auf. Ich finde es interessant, dass alles aussieht wie im Videospiel. Nicht nur das Landschaftsdesign, sondern auch, wie die Körper sich bewegen.

    Till: Es ist alles so glatt. Im Kolosseum besteht das Publikum aus Statuen, das hat etwas fabelhaftes. Auch super: Lil Nas X spielt alle Personen in diesem Video. Jede einzelne Figur hat sein Gesicht. Das bringt ja nochmal zum Ausdruck, dass es hier vorrangig um einen innerlichen, identitären Konflikt geht.

    Charlie: Dabei rückt auch das Thema der Fluidität weiter in den Mittelpunkt. Auch das Wechselspiel aus dem Film »Call Me By Your Name« wird aufgegriffen und auf sein Verhältnis zu seiner Fangemeinde adaptiert. Im Song liegt etwas zutiefst persönliches, wohingegen das Video jede Festlegung auf ein Subjekt negiert. Als Reaktion gab es abgesehen von ekelhaften Kommentaren homophober Rapper dann noch die Geschichte mit FKA twigs und ihrem Video zu »cellophane«. Die Poledancing-Szene bei Lil Nas X ist daran angelehnt.

    Till: FKA twigs hatte dann allerdings auch gepostet: »thank you @lilnasx for our gentle honest conversations and for acknowledging the inspiration cellophane gave you and your creative team in creating your iconic video! i think what you have done is amazing and i fully support your expression and bravery in pushing culture forward for the queer community.« Im Anschluss bedankt sie sich bei den Sexworker:innen, die ihr bei ihrem Video geholfen haben und erkennt das kulturelle Verrmächtnis von Sexworker:innen an. Das ist schon alles sehr einvernehmlich.

    Charlie: Die Hölle, die er hier darstellt, ist auch fast schon lächerlich. Mit den riesigen Totenköpfen. Alleine im Setdesign steckt schon viel Augenzwinkern.

    Till: Es gab dann noch die Schuhe, die menschliches Blut in der Sohle haben. Das ist schon ziemlich weird, aber jetzt auch nicht so schlimm. Nike hat die Customizing-Firma verklagt, die Schuhe werden wohl nicht unbedingt den Markt erreichen. Lil Nas X hat dann so getan, als würde er sich entschuldigen, das entsprechende Video war dann allerdings wieder der teuflische Lapdance. Deutschland ist Lil Nas X natürlich schon weit voraus: Massiv hatte schon 2016 sein Blut in Deluxe-Boxen verkauft.