Classic Cuts: SD

SD war und ist bis heute einer der besten deutschen Rapper überhaupt. Nach einer gut zehnjährigen Karriere, die als Teil der Stammtisch-Clique begann und ihren Höhepunkt in dem über German Dream veröffentlichten Debütalbum »21 Gramm« fand, wurde es ruhig um Stefan Duschl. Jan Wehn hat die 20 besten Tracks von SDiddy herausgesucht.

SD
Wie kaum ein anderer Rapper reflektierte SD in seinen Songs seine Existenz, die den Ansprüchen der Menschen um ihn herum und der Gesellschaft nicht gerecht werden konnte. Er vermengte drogeninduzierten Battlerap ober- und unterhalb der Gürtellinie mit selbstreflektierenden, komischen und tragischen Inhalten und verpackte seine Texte in Doppel- und Dreifachreimkaskaden, Hochgeschwindigkeits-Flows und melodiöse Hooks. Nach ersten Veröffentlichungen als Teil der Stammtisch-Clique auf Tapes von DJ Amir, Beiträgen für Beatz aus der Bude, der »Aufsässig & frech/Stoned«-Maxi auf Headrush, zwei EPs über Kool Savas’ Optik Records, diverse Freetracks und Mixtape-Beiträge erschien 2008 über Eko Freshs damaliges Label German Dream sein bisher einziges Soloalbum: »21 Gramm«.

Das Album war ein großartiges Debüt, das all die Stärken, aber auch die Schwächen von Stefan Duschl in gewohnt genialer SD-Manier in Szenen zu setzen wußte. Von Kritikern blieb es aber weitestgehend unbeachtet. Lediglich eine kleine Fanbase verfolgte die Machenschaften von SD, der nach der Platte nur noch eine Handvoll Tracks aufnahm. 2010 machte das Gerücht die Runde, Eko Fresh sei wieder mit SD im Studio. 2011 hieß es, dass man mit einer EP oder vielleicht sogar einem weiteren Album rechnen könnte. Danach wurde es endgültig still um SD.

»Ab und an treffe ich ihn noch zufällig. Das Letzte, was ich gehört habe, ist, dass er in Köln in einem Burgerladen arbeitet. Ich habe natürlich auch immer probiert, ihn auf meine Alben zu holen, aber auch das irgendwann aufgegeben. Wenn ich ihn mit ins Studio genommen habe, war es immer sehr anstrengend, weil ihn ständig Gewissensbisse plagten, ob er überhaupt noch rappen soll. Und wenn man wie ich fokussiert an einem Album arbeitet, dann passt das nicht so richtig. Ich habe ihm gesagt, er soll was aufnehmen und es mir bringen, dann helfe ich ihm auch dabei, es herauszubringen. Ich bin schließlich riesiger Fan von seinen Sachen«, erklärte Eko in einem Interview mit uns 2014.

Auch wenn Eko SD für eine extrem fragwürdige Promoaktion zu seinem neuen Album vor die Kamera zerrte, gibt es acht Jahre nach »21 Gramm« leider noch immer kein raptechnisches Lebenszeichen von SD. Ja, es scheint fast, als würde der mittlerweile 35-Jährige ein Schicksal mit Hollywood Hank und Profan 78 teilen und auf ewig einer dieser Rapper bleiben, die mit dem größtmöglichen Talent gesegnet waren, sich aber an irgendeinem Punkt ihrer Karriere selbst im Weg standen und nie ihr volles Potential ausschöpften.

Gerade deshalb kann nicht oft genug betont werden, was für ein überdurchschnittlich guter Rapper SD war – und vielleicht immer noch ist. Darum hat Jan Wehn sich durch die Diskographie des Kölners gehört und die 20 besten Songs in eine Liste gepackt: die Classic Cuts von SD.

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  • SDiddy »2 Crazy«

    2008 schaffte Eko Fresh etwas, das bis dahin niemand geschafft hatte: Er veröffentlichte ein 19-Track-starkes Album von Stefan Duschl – und schon der erste Track war nicht von dieser Welt: Ein Fünf-Minuten-Loop von Prodycem mit Gniedel-Synth und ordentlich Bummtschack, dazu ein aggressiver SD mit Endlos-Part über Pillen in der Magengrube und killende Mörderbienen, einer onomatopoetischen Bridge über Rundungen bei Autos und Frauen sowie einer alles umklammernden Sing-Sang-Hook.

  • SD »Für Kenna« (2004)

    Auch wenn Eko SD zu einem Album bewegen konnte, so kann Kool Savas sich immerhin für zwei EPs von SD auf die Schulter klopfen. Die zweite, »Dirrrty«, wurde am 12. Januar 2004 – dem sogenannten Optik Day – zeitgleich mit den EPs »Willkommen im Dschungel« von Ercandize und »Sieben« von Caput veröffentlicht. Der dritte Song der »Dirrrty«-EP ist »Für Kenna«: ein auf melancholischen Pianotupfern basierendes Selbstbild in tieftraurigen Farben Song für SDs verstorbenen Homie Kenna (Dank an Nino Brown aus dem MZEE-Forum, Anm. d. Red.) – mit gesprochenem Intro von Jay Z und »One Love«-Nas-Referenz in der Hook.

  • SD »Wie es geht« (2003)

    Schon vor der »Dirrrty«-EP erschien im Jahr 2003 mit »Wie es geht/Oh« die erste Extended Play von SD über Optik Records. Auf dem Titeltrack: G-Style of »Ganxtaville«- und »Ich bin jung und brauche das Geld«-Fame. Der damals 21-jährige SD stellte Lines wie »Damals, als ich klein war, war mein Lieblingsort ein Baum / irgendwann stand dort ein Zaun und ich verlor den Glauben« neben Morddrohungen gegen Raptile und schaffte mit derart abgedrehten Assoziationsketten das Kunststück, sich thematisch mit Adoleszenz und Arroganz gleichermaßen auseinanderzusetzen.

  • Kool Savas, Eko Fresh, Sentence & SD »X und quer« (2002)

    Dass es vom »Optik Mixtape« nur einen einzigen Teil gab, sei an dieser Stelle mal geschissen. Denn was diese vier MCs anno 2002 auf »X und quer« veranstalteten, sucht bis heute eigentlich seinesgleichen. Neben SD waren hier mit Eko und Sentence noch zwei weitere Jungspunde zu hören, die nur noch selten wieder zu einer derart guten Form wie in den Jahren 2002 und 2003 zurückfinden sollten.

  • SD »Rhyme Skit« (2002)

    Wem die Ansagen auf »X und quer« noch nicht reichten, der bekam mit dem »Rhyme Skit« noch einen Nachschlag in Sachen Zungenbrecher-Spits auf Doppel- und Dreifachreim-Basis von fuckin’ flowin’ SD.

  • Fuckin Flowin SD »DJ Amir Stammtisch Vol. 20 Freestyle« (2001)

    Kleine Geschichtsstunde: Bereits 1998 gründete SD gemeinsam mit DJ Amir, MC Spontan, Rano und Laas Unltd. die Kölner Rap-Crew Stammtisch. DJ Amir droppte in einer Tour Mixtapes, auf denen er seine Jungs spitten ließ. Im Netz ist dieser Track von 2001 noch zu finden: ein bisschen Samy, ein bisschen Eminem, aber durch den, vielleicht chemisch bedingten, Schelm in der Stimme und Synapsenkaspereien jenseits von Gut und Böse und ganz eigen.

  • SD »Stoned« (2002)

    Die erste richtige Veröffentlichung von SD war im Jahr 2002 die Doppelsingle »Aufsässig & frech/Stoned« über Headrush Records. Lange vor Restrapdeutschland bewies SDiddy hier ein unglaubliches Gespür für hyperschnelle Flow-Experimente und Stimmenspiele, auch wenn es inhaltlich nur um das Dasein als lattenstrammer Rheinland-Resident ging.

  • Ercandize »Was sie wollen« feat. Kool Savas, SD & Amar (2004)

    Als Kool Savas mit diesem Song 2004 auf einer Juice-CD den noch jungen Amar vorstellte (der übrigens damals mit Wörtern wie »Moruk« und »Habibi« schon den neuen deutschen Straßenrap-Slang vorwegnahm) und nebenbei einen seiner besten Parts aller Zeiten (»Vom Underground an die Spitze/Deutschraps Karate Kid«!) ablieferte, steuerte SD zwar nur eine Hook bei, aber machte den Song damit trotzdem erst so richtig rund.

  • SD »Oh« feat. MC Spontan (2003)

    Der zweite Track von SDs erster Optik-EP featurete nicht nur Stammtisch-Spezi MC Spontan und noch einmal G-Style, sondern vor allem auch einen gewissen Benny Blanco. Der ist heute besser bekannt als Bazzazian und gab damals schon eine Vorschau auf sein Können.

  • SD »Feinde für immer« (2004)

    Natürlich klang SD auf diesem Live-Schlagzeug und mystischem Klavierlauf wieder stark nach Eminem, aber er reimte eben auch »Phänomen« auf »Demotape« und kam so wunderbar schizo rüber, dass man es fast mit der Angst bekam.

  • SD »Die Lastschrift« (2005)

    2005 kam es zum Bruch zwischen Kool Savas und SD. Dass sein ehemaliger Labelboss dann noch das Cover der »Wie es geht«-EP im Video zu »Das Urteil« zerriss, ließ das Fass überlaufen und SD mischte sich erst mit »Die Auferstehung«, danach mit »Die Lastschrift« in den Beef zwischen Eko Fresh und Kool Savas ein. Er zerrupfte den »Ether«-Beat von Nas und gab SAV obendrein noch eine lyrische Schelle für seine Cameo im Rosenstolz-Clip zu »Ich will mich verlieben« mit auf den Weg.

  • Eko Fresh »Aus dem Weg« feat. SD (2005)

    Auch an der Seite von Eko Fresh schoss SD gegen den ehemaligen gemeinsamen Mentor Kool Savas. Weniger spielerisch, düster, grimey, böse, aber dafür immer noch so präzise wie ein Uhrwerk, insbesondere in der Hook.

  • Elektro Eko »Savas Hunters« feat. Capkekz, Ice-H, Farid Urlaub, Emily & SD (2005)

    Auch wenn »Fick deine Story« nie offiziell erschienen ist und nur in der abgespeckten Version in den Verkauf ging, machte das Original-Tape dank ein paar CDs – die der Legende nach in Köln-Gremberg in Shisha-Bars liefen – die Runde und fand so den Weg ins Internet. Glücklicherweise! Denn auch wenn Farid Bang (damals noch Farid Urlaub) und auch Ice-H, Capkekz und Emily nicht gerade glänzten, kam SD hier gegen Ende mit einem gottgleichen Einstieg und definierte Battlerap unter Zuhilfenahme von Sicherheitsgurten und Discokugeln neu.

  • SDiddy »Hoffnungslos« (2008)

    Dass SDiddy auch anders kann, bewies er spätestens 2008 auf seinem Album »21 Gramm«. Loser-Lyrik zwischen Schichtschieben, Planlosigkeit, Pleitesein und einer gepfiffenen Hook über gniedelnde E-Gitarren, die trotzdem zu keiner Zeit an die Scorpions und ihren »Wind Of Change« erinnerte, sondern vielmehr die Alltagstristesse des Stefan Duschl perfekt auf den Punkt brachte. Das Fanmade-Video ist übrigens auch heute noch sehenswert.

  • SDiddy »Aus & fertig« (2008)

    Über Spieluhr- und Quetschkommoden-Loops gab es auf »21 Gramm« auch selbstbewusste Representer fernab von größenwahnsinnigem Drug Talk. »Du bist nicht der Mack, spar dir dein Hate, du Spast/Ich lass jeden von euch Idioten stehen wie ein Grapefruitsaft« Nuff said, aus und fertig.

  • SDiddy »Kölsch Bloot« feat. Capkekz (2008)

    Eine Hymne. Und was für eine! Nervöses Geklimper und stumpfe Orgelpfeifen, irgendwo noch ein paar Samples aus der Dragonball-SFX-Bank und dazu ein Rundgang durch die Stadt am Rhein von zwei Originalen.

  • SDiddy »Palim Palim« (2008)

    Der mehr als glaubhafte Versuch, das Ganze mit drückendem Uptempo-Beat und einprägsamem C-Teil auf das nächste Level zu hieven. Der Titel »Palim Palim« basierte auf Dieter Hallervordens Sketch aus der Serie »Nonstop Nonsens« und inszenierte Stefan Duschl als deutsche Entsprechung von Bloodhound Gang und Eminem mit aufgequollenem Gesicht, riesigen Pupillen und einem Mund voller Tanztabletten.

  • Roey Marquis II. »F.F.« feat. SD (2002)

    Eine Kombination, die eigentlich zu gut und genial ist, um tatsächlich wahr zu sein: Roey Marquis II. holte SD 2002 auf sein Produzenten-Album »Herzessenz« und spendierte ihm einen minimalistisch zuckenden Bläserbeat, auf den er nach allen Regeln der Kunst freidrehte. B-Bounce, b-bounce, b-bounce-bounce.

  • SDiddy »Hook« (2008)

    Wenn wir schon bei Oldschool-Connections sind: Auf »21 Gramm« fanden sich neben Beats von Kingsize und Prodycam tatsächlich auch eine Produktion von Martin Stieber. Wie es wohl dazu kam?

  • SD »Radio Skit Freestyle« (2003)

    Gut, ein Freestyle war das nicht, vielmehr ein recycelter Part vom Song »Business Class Vol. 1« mit Spontan von DJ Lifeforces’ »Beatz aus der Bude«-Sampler aus dem Jahr 2002. Aber wie SD hier von Schilderungen als Mehrfamilienhaus-Mobbing-Opfer in Sachen Putzplan zu Mordanschlägen mit kaputtgeschlagenen Sektflaschen auf die Hamburger Schule kam, war Wahnsinn.

  • SD »Wenn er geht« (2008)

    »Hi, Baby, wie geht es? Ich bin ein Penner / Meine Lieder werden niemals laufen auf einem Radiosender / Immer wenn sich mein Mund öffnet, merk ich: Der Satz, den ich sagen wollt’, ist schon fertig / Ehrlich, ich bin fertig, meine Wenigkeit ist wenig geil / Ich bin 26, aber mein Leben ist ein Pflegefall / Früher spielte ich mit meiner Oma im Garten Federball / Meine Gegend ist kalt, meine Oma ist tot/ Ich geh durch den Nebel bald / Wie Dämonen und suche den Mond / Ich bin stoned. / Ich habe seit zwei Tagen nicht geschlafen / Mein Herzschlag hört nicht auf wie die Zeit zu rasen / Ich zieh Nasen, scheiß drauf« Der vorletzte Track auf »21 Gramm« wurde zur self fulfilling prophecy: Hier und da gab es noch ein paar letzte Freetracks und Featurebeiträge, danach wurde es – leider, leider – ruhig um SDiddy.

  • yrjxop

    so krass gut gewesen der typ
    extrem schade dass er nichts mehr macht :(

  • Alexander Höhn

    Danke fürs AUFMERKSAM MACHEN. Gute Seite anyway, der Pi Verriss kann ich unterschreiben. Jungendheld dahin. Berlin, Grosse Liebe war mal…

  • Davud

    Stefan Dussel ich nehm dir dein Geld ab Schwuchtel

  • Sven Pingel

    Mies seine Parts auf Fick deine Story, kannte ich gar nicht. Es ist nie zu spät. SD bleibt top.