Rack-Lo & Thirstin Howl »Wir nahmen uns, was uns gefiel und erschufen einen eigenen Lebensstil. «

Ralph Lauren ist HipHop – ein Umstand, der in der breiten Bevölkerung noch nicht wirklich angekommen ist. Verbindet man den Poloschläger schwingenden Reiter doch hierzulande noch immer eher mit München-Grünwald als mit Brooklyn, New York.

Thirstin Howl_Rack-Lo

Dabei ist Ralph Lauren, geboren als Ralph Lifshitz, unter ärmlichen Bedingungen in den Straßen der Bronx aufgewachsen und schuf in den amerikanischen Armenviertel eine Identifikationsbasis, die im New York der achtziger Jahre eine obskure »Kulturerscheinung« hervorbrachte: die Lo-Life Gangs. Wie bekannt, identifizieren sich Gangs über bestimmte Codes, oftmals in Form ihrer Kleidung. Bei den Lo-Lifes wurde jedoch nicht Blau oder Rot getragen, sondern Ralph Lauren. Polo Sport wurde so zum Markenzeichen dieser Gangs und fand sich irgendwann auch an den Leibern verschiedener Rap-Größen wieder.

Der New Yorker DJ J-Ronin trägt sehr gerne Polo und auch Rapper und Hustler Rack-Lo ist Mitglied der Lo-Lifes. Zudem ist der Brownsville-MC Thirstin Howl ebenfalls ein Polo-Sport-Aficionado. ALL GOOD-Autor Stefan Zehentmeier hat mit allen dreien über ihre Faszination für Polo Sport gesprochen.

  • Was kannst du zu Polo und den Lo-Lifes erzählen?

  • J-Ronin: Jeder trug Polo, als ich noch ein Kind war. Polo hat einfach zur Street Fashion in Brooklyn dazugehört. Das haben die Lo-Lifes geschafft. Die Lo-Lifes kauften jedoch keine Polo-Sachen. Vielmehr liefen 30 Mann in die Läden, schlugen Security-Männer K.O. und klauten die Klamotten. Das nannten sie dann den »Million Men Rush«. Heute sind die Lo-Lifes eher zu einer Kulturbewegung geworden. Es geht nicht mehr um diese Raubzüge. Es geht um Mode und die Musik, die damit einhergeht. 

  • Wie war es, damals in Brooklyn aufzuwachsen?

  • Rack-Lo: Ich wuchs in den Stadtteilen Crown Heights und Brownsville auf. Damals drehte sich dort alles um HipHop. Wir hatten die besten HipHop-Clubs und die ausgefallenste Mode. Und Graffiti war auch sehr populär.

  • Thirstin Howl: Brooklyn hatte damals einen besonderen Ruf. Die Leute wussten: Wenn ich nach Brooklyn fahre, werde ich ausgeraubt. Ich war damals ein Teenager. Ich kam aus einer kaputten Familie und keiner passte auf mich auf. Und so war ich bei so ziemlich allen üblen Sachen dabei, die dort so abliefen.

  • »Lo-Lifes sind gefährlicher und ihr Style ist um einiges extremer als der eines regulären Polo-Typen.«Auf Twitter teilen
  • Was unterscheidet einen Lo-Life von einem normalen Polo-Fan?

  • Thirstin Howl: Lo-Lifes sind einfach gefährlicher und ihr Style ist um einiges extremer als der eines regulären Polo-Typen. Außerdem würde so jemand nicht dorthin gehen, wo Lo-Lifes leben. Dann wäre er nämlich seine Klamotten direkt wieder los.

  • Gab es damals noch andere Gangs in Brooklyn?

  • Rack-Lo: Ja, definitiv. Es gab die Decepticons, die Autobots. In den Siebzigern gab es die Tomahawks, die Wolfpacks. Diese gab es auch noch 1988, als die Lo-Lifes gegründet wurden. Wir hatten mit unseren Aktionen ein festes Ziel: Wir wollten überleben, Geld machen, dabei gut aussehen und somit in unserem Leben vorankommen.

  • Wie ging die ganze Sache überhaupt los?

  • Rack-Lo: Wir schlossen uns aus zwei so genannten »Boostin‘ Crews« zusammen, also zwei Banden, die bereits ihre Raubzüge durchführten. Damals waren das Crews aus Crown Heights und Marcus Garvey Village in Brownsville, Brooklyn. Ich hatte in beiden Nachbarschaften gewohnt, deshalb konnte ich beide Crews vereinen. Ich wusste, dass beide die gleichen Ziele verfolgten und für die gleichen Werte eintraten.

  • Thirstin Howl: Ich war damals auch dabei. Von mir stammt der Name Lo-Life.

  • Und der Slogan »Love and Loyalty«?

  • Rack-Lo: Das sind einfach die beiden »L«s der Lo-Lifes. Wir haben Liebe für einander und für HipHop. Außerdem sind wir unserer Kultur gegenüber loyal.

  • Wie viele Mitglieder hatten diese beiden Boostin‘ Crews denn?

  • Rack-Lo: Aus St.  Johns kamen etwa 50 oder 60 Leute. Und Marcus Garvey Village hatte rund 25 Boosters. Als sich beide zusammenschlossen, wuchs das Movement jedoch noch weiter. Es breitete sich bis nach Philadelphia, Connecticut und Boston aus.

  • Könnt ihr mal ein paar der wichtigsten Charaktere unter den Lo-Lifes nennen?

  • Rack-Lo: Es gab da Fritz Lo, einer der Typen, der als erster Polo-Klamotten in St. Johns trug. Er führte viele Jüngere in unsere Kultur ein. Dann gab es diesen Typen namens Dollar Bill Dave, das ist Boostin‘ Billies Onkel. Auch er trug schon 1987 Polo Wear. Dann gab es noch Leute wie Oliver, Boostin‘ Kev, Sherif und John Lo. Es gibt eine ganze Menge an O.G.s und Mitbegründern, die anfangs eine große Rolle spielten.

  • Thirstin Howl: Anfangs ging es darum, wer der Stärkste und Härteste war. Das waren so Leute wie Bar Lo, Franky Boo, Boostin‘ Billie, G George und natürlich ich, Thirstin Howl aka Big Lo. Die Liste geht endlos weiter. Bar Lo darf man aber nicht vergessen.

  • Hattet ihr damals eine feste Struktur?

  • Rack-Lo: Nein, jeder stand für sich selbst. Wir waren einfach nur ein Haufen Leute aus der gleichen Community mit ähnlichen Interessen. So etwas wie einen Boss gab es nicht. Wir blieben einfach nur sichtbar und aktiv. Bald gab es Polo BBQs, die eigene Mode und unsere eigenen Accessoires.

  • Thristin Howl: Vielleicht starteten wir als eine Crew, vielleicht als eine Gang. Heute hat es sich zu einer eigenen Kultur gewandelt. Heute sind viele Leute dabei, die nichts mit Gangs am Hut haben, die keine Gangster oder Schläger sind, die aber unsere Kultur leben. 

  • Wie verliefen eure Tage in der Zeit, als ihr mit den Lo-Lifes am aktivsten wart?

  • Rack-Lo: Mein Leben war völlig verrückt. Ich habe mir auf jeden Fall meine Lorbeeren verdient. Meine Tage bestanden eigentlich nur daraus, das nächste Ding zu planen. Wir trieben es so weit, dass wir drei Raubzüge an jedem Tag durchführten. 9 Uhr früh, 12 Uhr mittags und 17 Uhr nachmittags.

  • »Es wurde zu einer kleinen Competition, wer am meisten Polo-Klamotten hatte, wer die Farben am besten kombinieren konnte.«Auf Twitter teilen
  • Der Empire Skating Rink in Brooklyn wurde zu einem wichtigen Spot für euch.

  • Rack-Lo: Genau, dort sind wir immer herumgehangen. Wir trafen uns dort jeden Sonntag, um unsere neuen Polo-Klamotten zu präsentieren. Es wurde zu einer kleinen Competition, wer am meisten Polo-Klamotten hatte, wer die Farben am besten kombinieren konnte. Und natürlich, wer mit den meisten Leuten kam.

  • Erinnerst du dich an euren verrücktesten Raubzug?

  • Rack-Lo: Oh, da gab es einige verrückte Aktionen. Zum Beispiel in diesem Department Store: Dort holten wir immer unsere Sachen, denn sie hatten die gesamte »Polo USA«-Kollektion dort. Das muss so in den frühen Neunzigern, späten Achtzigern gewesen sein. Eines Tages entschlossen wir uns, dem Laden wieder einen Besuch abzustatten. 25 von uns machten sich auf den Weg, darunter einige der verrücktesten Booster, die es damals gab. Boostin‘ Billie war dort, ich natürlich auch, Poppy Thirstin‘ war dabei und Rudy, ein Typ, der wirklich immer total durchdrehte. Als wir in dem Laden ankamen, war dieser beinahe leer. Wir sahen kein Security-Personal. Wir waren so ziemlich alleine, also drehten wir richtig durch. Jeder griff, was er in die Hände bekommen konnte. Wir waren so gierig nach den Polo-Sachen, dass wir überhaupt nicht mehr aufpassten. Als wir wieder abhauen wollten, erschienen fünf Kaufhausdetektive aus einer geheimen Tür. Sie schlossen die Eingangstüren ab. Wir hatten keinen Fluchtweg mehr, deshalb sprangen wir einfach aus den Fenstern. Mein Homie Boostin‘ Billie war der erste und schnitt sich den kompletten Arm dabei auf. Dabei versaute er alle seine Klamotten. Wir liefen also den Block hinauf und überall lagen Polo-Klamotten. Die Leute gerieten natürlich in Panik. Das Verrückte aber war: Niemand wurde erwischt. Nur Billie musste mit einigen Stichen genäht werden.

  • Ab wann wurden eure Raubzüge dann schwieriger?

  • Rack-Lo: Ich hörte mit den Raubzügen so 1995 oder 1996 auf. Ich wollte mein Leben ruhiger gestalten und mich produktiveren Dingen zuwenden. Ich ging aufs College, machte meinen Abschluss und begann, mein Geld als Sozialarbeiter zu verdienen. Ich heiratete und bekam einen Sohn. Das lief alles ziemlich gut und zur gleichen Zeit blieb ich immer noch Teil des Movements, allerdings in einem positiveren Sinne. Während dieser Zeit der persönlichen Veränderungen wurde die Aufmerksamkeit um die Lo-Lifes immer größer. Wir landeten auf den Covern von vier großen New Yorker Zeitungen. Außerdem bekam ich die Chance, an einer Diskussionsrunde mit Bill Cosby teilzunehmen. Dabei ging es um Gang-Kriminalität, das Leben auf der Straße und wie die Communitys besser damit umgehen könnten.

  • »Wir nahmen uns, was uns gefiel und erschufen einen kompletten eigenen Lebensstil.«Auf Twitter teilen
  • Hattet ihr jemals Kontakt mit Ralph Lauren?

  • Rack-Lo: Nein, wir haben nie mit ihm Kontakt aufgenommen. Wenn sich jedoch die Möglichkeit dafür ergeben sollte, wären wir natürlich offen. Wir selbst sind uns aber am wichtigsten. Keiner von uns trägt die Klamotten wegen Ralph Lauren als Person allein. Wir nahmen uns, was uns gefiel und erschufen einen kompletten eigenen Lebensstil. Das ist HipHop. 

  • Wo wir schon beim Thema HipHop sind: Welche bekannten Rapper gehören denn zu den Lo-Lifes?

  • Thirstin Howl: Sadat X ist ein Lo-Life. Hurricane G von der Hit Squad ebenfalls. Dann gibt es noch Mayhem Lauren, J-Love, P.F. Cuttin und einige weitere Lo-Life-Crews, die für uns representen.

  • Wie geht es den Lo-Lifes heute?

  • Rack-Lo: Wir sind immer noch sehr relevant. Wir designen nun unsere eigenen Polo-Accessoires, die es so bisher noch nicht gab. Außerdem veranstalten wir zwei bis drei Events jeden Monat. Zudem gibt es noch das jährliche Polo BBQ, das stetig wächst. Das Schöne daran: Wir haben keine Vorurteile, wir sind farbenblind. Bei uns geht es nur um Zusammenhalt und Mode. 

  • Thirstin Howl: Ich befinde mich in meiner aktivsten Zeit überhaupt. Nicht dass ihr denkt, es drehe sich alles nur um diese Raubzüge. Wir machen Musik, haben einige Filme gedreht. Ich habe eine eigene Kochshow im Internet. Die Vergangenheit ist die Vergangenheit. Jetzt blicke ich nach vorne. Unsere Kultur wird immer bestehen bleiben.