Peanut Butter Wolf »Niemand wollte glauben, dass sich Instrumental-HipHop verkauft.«

Die Geschichte des kalifornischen Kult-Labels Stones Throw wird endlich in einer Dokumentation aufgearbeitet: »Our Vinyl Weighs A Ton« heißt der so aufschlussreiche wie stylishe Streifen. Im Interview spricht Peanut Butter Wolf über die Doku, Madlibs Umgang mit den Medien und einen Dilla-Beat für Snoop.

Peanut Butter Wolf

Es gab eine Zeit, in der Stones Throw die treibende Kraft des weltweiten Untergrunds war — trotz, vor allem aber wegen der (Anti-)Haltung und Verweigerungstaktik des kalifornischen Kreativ-Kollektivs. Chris Manak, notorischer Plattensammler, DJ, verkannter Musiker und Kopf hinter dem einflussreichsten HipHop-Indie der letzten Dekade, ist dennoch bescheiden geblieben. Unter rund 5.000 Katalognummern veröffentlichte er Szene-Klassiker wie »The Unseen«, »Soundpieces: Da Antidote«, »Champion Sound«, »Madvillainy« oder »Donuts«, die eine ganze Generation von Home-Produzenten beeinflussten und durch begeisterte Neo-Rucksackträger wie Just Blaze, Kanye und Marsimoto ihre Spuren auch im Mainstream hinterließen.

Der Mythos und die Entstehung von Stones Throw geht auf einen traurigen Schicksalsschlag zurück: Charles Hicks, mit dem Manak als Rap-Duo Charizma & Peanut Butter Wolf bereits lokalen Fame in der Bay-Area erlangt hatte, wurde 1993 bei einem Raubüberfall ermordet. Kreativ betäubt vom Tod seines besten Freundes versuchte Manak, das gemeinsame Material zu veröffentlichen, fand aber kein Outlet für das Erbe Charizmas. Peanut Butter Wolf machte sich daraufhin selbständig. Und aus einem idealistischen DIY-Garagen-Label wurde über die Jahre ein kultisch verehrtes Indie-Imperium und weltweites Qualitätssiegel.

Die Geschichte von Stones Throw — ursprünglich als Reportage fürs französische Fernsehen geplant — schmückte Jeff Broadway jetzt mit grafischer Detailverliebtheit, verstaubtem VHS-Material, Insiderwissen befreundeter Künstler und einer Storyline für die Filmfestivals aus. Die Dokumentation »Our Vinyl Weighs A Ton« erzählt die verschiedenen Epochen des Indies auf mehreren Ebenen: von den Prä-Madlib-Jahren und der Jaylib-Dominanz bis zur Experimental-Phase, der zweiten Generation um James Pants und Dâm-Funk und der Soul-Renaissance unter Mayer Hawthorne und Aloe Blacc.

  • »Our Vinyl Weighs A Ton« erzählt neben der Label-Historie auch deine persönliche Lebensgeschichte. Stones Throw ist bekannt für Geheimniskrämerei und mystische Charaktere, die die Öffentlichkeit meiden. Wie schwer fiel es dir, so viel preiszugeben?

  • Es wird schon einiges aufgedeckt. Und bei den offenen Diskussionsrunden zu den Filmvorstellungen mussten wir wirklich knifflige Fragen beantworten. Aber ich bin glücklich, das teilen zu können. Ich denke, der Film enthält immer noch genug Mystik und lässt Dinge im Unklaren. Viele Künstler des Labels, wie Madlib und DOOM, interessiert es einfach nicht, vor der Kamera zu stehen und sich selbst darzustellen. Madlib sagte zwar zu, den Score zusammenzustellen, wollte aber erst kein Interview geben. Als er die erste Rohversion sah, stimmte er doch noch zu. Für die Regisseure, mich und besonders die Zuschauer ist das natürlich eine schöne Bereicherung.   

  • Madlib war in letzter Zeit sehr präsent, wirkte in der Promophase zu »Piñata« sogar gesprächig. Ist er gegenüber den Medien offener geworden? 

  • Er hat in letzter Zeit mehr Interviews gegeben, das stimmt. Aber Madlib muss niemandem etwas beweisen, was das angeht. Es ist, wie ich es auch im Film sage: Madlib will nicht berühmt sein. Für ihn hat das alles eine tiefere Bedeutung. 

  • Du warst Musiker, bevor du Stones Throw gegründet hast. Wie wichtig war diese Sichtweise für dich als Labelchef?

  • Ganz ehrlich, ich bin ein beschissener Musiker und ein anständiger HipHop-Beatmaker/Produzent. Die Idee, ein Label zu gründen, bestand schon 1985, als ich meinen ersten Beat produzierte. Als Künstler und besonders als DJ kann man eine andere Perspektive einnehmen. Ich will mich nicht mit Jimmy Iovine vergleichen, aber auch er war Produzent, bevor er Interscope aufmachte. Dass daraus eines erfolgreichsten Labels der Welt wurde, hängt bestimmt auch damit zusammen.

  • »Ich war nie ein Businessman.«Auf Twitter teilen
  • Stones Throw ist ein Kollektiv querdenkender Künstler. Du musstest die undankbare Rolle des Geschäftsmanns übernehmen.

  • Ich war nie ein Businessman. Ich arbeite nur mit Leuten, die sich so nennen. 

  • Bei euren ersten Veröffentlichungen hat das Internet als Vertriebsmöglichkeit noch keine Rolle gespielt. Jeff Jank erkannte das technische Potenzial aber früh und wusste es zu nutzen. Wie hart traf euch die Krise der Musikindustrie? 

  • Was Technologien angeht, war Jeff immer seiner Zeit voraus. Aber das ist schwer zu sagen: Ich erinnere mich, wie wir vor zehn Jahren »Madvillainy« rausbrachten und das Album schon vor dem Veröffentlichungstag geleakt war. Alle beim Label und Vertrieb wollten es stoppen und die Verantwortlichen dafür ausfindig machen. Wir gingen wirklich davon aus, dass es sich nicht verkaufen würde. Dann wurde es unser bis dato größtes Album und zählt heute noch zu den drei meistververkauften Alben auf Stones Throw. 

  • Hat sich das Internet nicht als Rettung der Indie-Labels erwiesen?

  • Lass es mich so sagen: Es ist unser bester Freund und schlimmster Feind zugleich. 

  • Die »Low End Theory«-Partys und das Brainfeeder-Camp brachten elektronische Einflüsse in die Beat-Szene von Los Angeles zurück. Du bist mit New Wave und Synth-Pop in den Achtzigern sozialisiert worden. Wie hast du die Entwicklung miterlebt? 

  • Es ist schön zu sehen, wie ein jüngeres Publikum das aufninmmt, einbaut und weiterspinnt. Und Leute wie Egyptian Lover, der damals schon riesig in ganz Kalifornien war, jetzt um die Welt touren können. Ich denke, Dilla hat dazu einen großen Teil beigetragen. Er samplete bereits für »Raise It Up« ein Nebenprojekt von Daft Punk, oder Throbbing Gristle für Jaylib. Und coverte auf seinem BBE-Album »Trans Europe Express« von Kraftwerk. Damit ging er ganz bewusst einen Schritt weiter und weg von traditioneller Sample-Ware wie Soul und Funk. Ich denke, erst danach war es für alle anderen legitim, diese Stile einzubauen.  

  • In einem Auszug aus dem »33 1/3«-Buch über »Donuts« schreibt Jordan Ferguson, dass die EMI das Album erst nicht pressen wollte: Sie glaubten nicht an ein verrücktes, schwieriges Instrumental-Album eines Untergrundproduzenten.     

  • Das ist etwas aus dem Kontext genommen. Der Typ, der das gesagt hat, arbeitet nicht mehr bei der Firma und ich will nicht schlecht über meinen Vertrieb reden. Das war schlicht die typische Reaktion, wenn ich von dem Projekt schwärmte. Keiner wollte mir glauben, dass sich Instrumental-HipHop verkaufen könne. Ich sagte: DJ Shadows »Endtroducing« hat sich verkauft. Dann hieß es, das könne man nicht vergleichen. Die Rezeption von »Donuts« wäre heute eine ganz andere, wenn Dilla nicht wenige Tage später verstorben wäre. Ich habe das Album gleich geliebt, als er es mir übergab und war frustriert, diese Liebe mit keinem teilen zu können.   

  • »Ursprünglich sollte Snoop auf Dillas Album für MCA rappen.«Auf Twitter teilen
  • Snoop hat letztes Jahr mit Dâm-Funk über Stones Throw veröffentlicht. In der Doku sieht man euch gemeinsam im Studio. Er scheint das Label bestens zu kennen.

  • Er kannte auf jeden Fall Dilla und Madlib. Ursprünglich sollte Snoop auf Dillas Album für MCA (»Pay Jay«, das später als Bootleg erschien; Anm. d. Red.) rappen. Dilla nennt ihn sogar auf dem Track und ließ extra eine Strophe für ihn frei. Aber der Track wurde nie fertiggestellt. Snoop schwärmte von Madlibs Beats und natürlich von Mayer, mit dem er ja schon zusammengearbeitet hat. Und er fragte mich sogar nach Folerio. (Ein verkleidetes Trash-Kunstprojekt von Peanut Butter Wolf; Anm. d. Red.) Er meinte: »I fucks with Folerio.« Ich denke, der Bezug zu Dâm-Funk war einfach am naheliegendsten. Sie lernten sich völlig zufällig kennen: Dâm legte auf einem Adidas-Showcase auf, Snoop war auch da und ging einfach spontan auf die Bühne und rappte. 

  • Aloe Blacc wollte kein Interview für den Film geben. Er veröffentlicht mittlerweile wie Mayer Hawthorne über einen Major. Stimmt es, dass du »I Need A Dollar« gar nicht rausbringen wolltest?

  • Zum Glück habe ich da eine Ausnahme gemacht und dann auch das Album rausgebracht. Meiner Meinung nach waren die Lieder noch nicht ganz ausgearbeitet. Finanziell hat uns der Track dann gerettet. Hätte ich die Single zurückgestellt – ich weiß nicht, ob es Stones Throw heute noch geben würde.