Yael »Meine Kunst ist ein Experiment.«

Ihr Debüt hieß »Story Of A Stranger«, im Gespräch mit ALL GOOD-Autorin Zina Luckow gibt die Künstlerin Yael weitere Geschichten über sich bekannt.

Yael

»Story Of A Stranger« heißt das Debütalbum der Künstlerin Yael, das Ende 2019 über das Berliner Label Urban Tree Music veröffentlicht wurde. Die gebürtige Pfälzerin spielt mit deutschen und englischsprachigen Lyrics und lässt sich auch sonst auf keine klare Linie festnageln. Gemeinsam mit Loop, Peso und Leam geht sie als FiftyFifty Crew einen ähnlichen Weg. In Interviews spricht sie gern von »ihrer Szene«. Welche Szene damit gemeint ist und welchen Herzenswunsch Herbert Grönemeyer ihr erfüllen könnte, hat sie im Interview erzählt.

  • Ich habe schon mit Leuten diskutiert, wie dein Künstlername richtig betont wird, würdest du mir das nochmal sagen?

  • Ich spreche ihn »Ya-el« aus. Ich sage den Leuten immer, sie müssten sich zwei Silben vorstellen: Ya-el. Es gibt eigentlich keine Regeln. Manche sprechen es auch englisch aus, das ist mir Wurst. 

  • Ich hatte letztes Jahr ein Interview mit Ari Lennox, die meinte, dass es ihr sehr schwerfällt, sich als R&B-Künstlerin in der vom HipHop dominierten Musikszene durchzusetzen. Wie siehst du das?

  • Ja, das sehe ich schon auch so mit R&B, vor allem in Deutschland. Ich finde in Amerika geht das eigentlich noch, weil da der Markt noch sagen relativ groß ist. In Deutschland aber sieht man ja, wie wenig Erfolg R&B-Künstler haben, am Beispiel von Künstlern, die schon super lange dabei sind, wie Joy Denalane. Oder wenn du was Neueres nimmst: Rola. Die könnten viel krasser gepusht werden, als sie es sind. Ich finde es aber auch schwer einzuschätzen, weil ich selbst ja nicht nur R&B mache, sondern dann in so einer Mischwelt bin. Da freuen sich die HipHop-Leute über ein bisschen Melodien und Gesang. Da habe ich bisher sehr positives Feedback bekommen. 

  • Ist es dir selber wichtig, in dieser »Mischwelt« zu bleiben, auch soundtechnisch? Experimentierst du eher noch?

  • Für mich ist das alles so ein Weg. Und irgendwo ist meine Kunst auch ein Experiment. Es entwickelt sich natürlich immer weiter. Ich möchte mich eigentlich nie auf eine Art festfahren. Deswegen bleibe ich immer gerne zwischen HipHop und R&B und bewege mich da einfach gern hin und her.

  • Songs wie »Allein« und »Narben« sind sehr intim. Fällt es dir einfacher, solche Gefühle auf Deutsch auszudrücken?

  • Hm, das ist eine gute Frage. Vielleicht ist es tatsächlich ein bisschen schwieriger auf Deutsch. Ich schreibe manchmal auch auf Englisch, das passiert dann öfter einfach so in einer Session, weil es mir so leichter fällt, Dinge zu sagen. Auf Deutsch ist es schwieriger, für deepe Themen coole Worte zu finden und das irgendwie noch so zu verpacken, dass es nicht so schlagerartig rüberkommt. 

  • Es wurde ja schon viel über dein (Album-)Artwork gesprochen, bist du neben deiner Passion zur Musik auch anderweitig künstlerisch aktiv? Verfolgst du die Schauspielerei noch?

  • Gerade bin ich so fokussiert auf die Musik. Ich habe Zeit und gerade habe ich Bock und Energie und Fokus für die Musik. Aber ich kenne mich. Das kann sich auch sehr schnell irgendwann ändern. In zwei Jahren denke ich mir vielleicht: »Okay, ich habe mehr Bock auf Schauspielern, dann fange ich wieder da an.« Aber es macht mir Spaß und ich werde mich da auch noch verbessern, deswegen möchte ich erst mal diese Sache weitermachen. 

  • »Ich war schon immer ein bisschen nerdy.«Auf Twitter teilen
  • Wurden dir die Zugänge zur Kunst schon früh mit auf den Weg gegeben oder hast du für dich selbst dahingehend ein Interesse entwickelt?

  • Ja, ich glaube jeder und jede, die in Deutschland aufgewachsen ist, kennt den klassischen Blockflötenunterricht. Mehr als das habe ich aber nicht mitbekommen. Meine Familie ist relativ unmusikalisch, bis auf meine Schwester. Dadurch bin ich dann an andere Musik gekommen und dann ist das Interesse gewachsen und ich habe immer irgendwelche komischen Sachen in der Schule gemacht. Theater-AGs und so…

  • Warum komisch?

  • Ich weiß nicht, ich war schon immer ein bisschen nerdy. Die anderen aus der Klasse haben gechillt und waren mit anderen Dingen wie Sport oder andere Teenagersachen beschäftigt und ich hatte halt immer Bock auf komische Trommel-AGs. Da war Musik schon immer irgendwie am relevantesten. 

  • Was war der Auslöser, selber mit der Musik anzufangen?

  • Es gab ganz viele Auslöser. Einerseits hatte ich musikalisch immer auch Vorbilder, die auch PoC waren, weil ich da diese Ebene der Identifikation hatte. Shakira fand ich mega gut, Rihanna, Beyoncé – das waren Personen für mich, auch in den Medien, mit denen ich mich identifizieren konnte. In meiner Familie wurde zwar keine Musik gemacht, aber mein Vater hat immer Eric Clapton und Muddy Waters gehört – also so ganz deepen Blues und Rock. Das fand ich auch immer mega cool. Meine Schwester hat ganz viel Punkrock und Grunge, also Nirvana und solche Sachen gehört und mich in diese Richtung beeinflusst. Das war alles irgendwie so ein Mix. Andererseits habe ich auch Bestätigung bekommen, wenn ich einen Auftritt hatte und gemerkt habe, dass ich in dem gut bin, was ich mache. Das hat mich dann natürlich auch beeinflusst 

  • Wie weit bist du mit der Schauspielerei gekommen?

  • Da war ich ja noch in der Schule und habe Abitur gemacht. Das hat sich schon immer so durchgezogen. Bei uns in der Pfalz hatten wir in so einem Theater unsere Auftritte. Aber irgendwann nach der Schule hatte ich gar keinen Bock mehr. Alle waren auf BWL-Studieren, für mich gab es die Theaterakademie in Mannheim, wo ich gewohnt und Mucke gemacht habe. Da hat sich dann irgendwie doch herausgestellt, dass ich mehr Bock und Motivation auf Mucke hatte.

  • In einem Interview mit »laut.de« sprichst du von »meiner Szene«. Wer ist diese Szene und wodurch wird sie gekennzeichnet?

  • Naja, es ist halt immer ein bisschen schwierig. Ich denke, mit »meiner Szene« an die Leute, wo ich eingeordnet werde mit meiner Musik. Die meisten Magazine oder Radiosender, mit denen ich Interviews mache, ist meistens HipHop oder Rap das Thema. Ich identifiziere mich auf jeden Fall auch ein stückweit mit HipHop, aber auf einer sehr persönlichen Ebene und auf jeden Fall nicht mit dieser, wie hier gelebten, Deutschrap-Szene. Mit meiner Szene meine ich meine Mitrapperinnen, Sängerinnen und Sänger, alle die Black Music machen, HipHop, R&B, Trap, irgendwie sowas in die Richtung, diese Jugendkultur halt. 

  • »Gerade bin ich super positiv überrascht von der Deutschrap-Szene.«Auf Twitter teilen
  • Was wünschst du dir für diese Szene?

  • Ganz viel. Gerade bin ich super positiv überrascht von der Deutschrap-Szene, vor allem auch hier in Berlin. Da sind gerade so viele Projekte am Start, die ich gar nicht auf dem Schirm hatte. Eine ganz neue Richtung, ein ganz neuer Sound für Deutschrap. Das finde ich mega interessant. Ich selbst achte natürlich auf Lyrics und fände es spannend, coolere Themen anzusprechen, die die Leute direkt betreffen und abholen. Ich bin einfach ein bisschen over mit diesem ganzen oberflächlichen Scheiß. Es gibt sehr coole Entwicklungen. Manche bleiben halt stehen, ist auch okay, sollen sie machen. Es gibt zum Glück heutzutage genug Auswahl für mich und für Mädels. Nicht nur Mädels, sondern für Leute, die nicht nur an Oberflächlichkeiten interessiert sind, im Deutschrap was zu machen.

  • Meinst du damit so ein politisches Bewusstsein?

  • Was auch immer man mag. Ich finde das immer ein bisschen schwer zu sagen, weil ich höre ja auch Tracks, in der sexistische Sprache genutzt wird und feiere das und habe darauf im Club Spaß. Ich höre aber auch gerne Erykah Badu oder irgendwelche deutschsprachigen tiefergehenden Sachen. Ich sehe das nicht so schwarz und weiß. Ich finde es wichtig, dass man da differenzieren kann. Es gibt eine sexistische Sprache und es gibt Sexisten – und das ist für mich ein Unterschied. Im normalen Leben, aber genauso auch in der Musik.

  • Gibt es Features, die du gerne machen würdest?

  • Ich bin jetzt gerade dabei, mich für den Feature-Gedanken zu öffnen.

  • Wieso vorher nicht?

  • Es war mir zu anstrengend, auch ego-mäßig, glaube ich. Ich hatte keinen Bock darauf, im Studio andere kreative Ideen in meine einzubauen. Dafür war ich einfach nicht ready, weil ich mir mit meinem eigenen kreativen Prozess nicht so sicher war. Jetzt habe ich eine Routine und glaube, ich kann mit anderen zusammenarbeiten und auch Spaß dabei haben. Darum geht es ja auch. Jetzt kommt bald ein Projekt mit Adidas zur »About You«-Kampagne. Da habe ich mit zwei Mädels einen Song gemacht und das hat super Spaß gemacht. Deswegen bin ich jetzt auf jeden Fall damit down. Ich habe immer noch Bock auf Herbert Grönemeyer, das wäre einfach der Hammer. (lacht) Ich sage das schon so oft, das ist meine Hoffnung, deshalb sage ich das immer als erstes. Irgendwann gibt es so einen Zusammenschnitt davon. Jede Woche entdecke ich außerdem Artists, die ich gar nicht kannte und die ich jetzt gar nicht als Feature Partner erwähnen würde, die aber super dope sind. Nappy, super krass, Frances, so ganz viele Leute aus dieser neuen New-Wave-Richtung, Yun Mufasa. Es kommt für mich sehr auf den Moment an, ob es passt, gerade auch menschlich. 

  • Kannst du noch ein wenig mehr über deine Crew erzählen?

  • Wir kommen ja alle aus derselben Region, kennen uns auch schon alle sehr lange. Jeder hat schon vorher Mucke und sein eigenes Zeug gemacht. Als wir dann 14 Jahre alt waren, haben wir gemerkt, dass wir aus der Gruppe von unseren Freunden irgendwie Bock darauf haben, das wirklich zu machen, also uns mehr damit zu befassen. Nachdem wir unsere Erfahrungen gesammelt haben, CDs gemacht und sie in unserer Stadt verteilt haben, haben wir uns entschieden, das richtig zu machen. Und dann wird wir zusammen rüber. Seitdem machen wir alle Mucke zusammen, mal mehr und mal weniger. Die anderen sind schon sehr Rapper. Es hat natürlich jeder so seine eigenen Ideen. Deshalb nennen wir es eigentlich Kollektiv. Wenn wir gerade alle Bock und frei haben, machen wir Mucke zusammen, aber jeder macht auch mal sein eigenes Album oder seine eigene EP. Lukas produziert auch mal mit anderen Leuten, das ist eher so ein kollektiver Verband die Fifty Fifty Crew.

  • Wie hat Berlin deinen musikalischen Horizont verändert?

  • Ich brauche Inspiration. Ich kann nicht einen Song ohne ein Thema schreiben. Also das geht schon auch, aber ist nichts, worauf ich richtig Bock habe. Durch meine Freundinnen oder Partys habe ich mich auch dieser elektronischen Musik geöffnet und natürlich die UK-Sachen, die hier in Berlin gespielt werden: UK-Garage und UK-Jungle, dieser ganze Kram. Es gibt genug Dinge, die mich hier inspirieren, deshalb würde ich auch ungern wieder in eine kleinere Stadt ziehen oder es ruhiger haben. Das würde mich eher langweilen. Das klingt sehr elitär. (lacht)

  • Gibt es Projekte, die du uns noch mitteilen möchtest?

  • Jetzt kommt bald ein Album, das ich noch rausbringe, ein kleines Album. Das habe ich mit einem Rapper Loop aus meiner Crew zusammen gemacht. Das ist ein Kollaboprojekt, mit coolen Songs, easy going. Wir haben uns ein bisschen was dazu überlegt, aber wenn es so weit ich, werden wir das auch nochmal weiter erklären. Das Projekt heißt »Up and Out« und kommt irgendwann in den nächsten zwei Monaten. Sonst arbeite ich immer an neuen Songs, bin gerade viel im Studio und versuche weiter so einen konstanteren Sound zu finden. Außerdem mache ich jetzt Sessions mit anderen Produzenten und Künstlerinnen und Künstlern und schaue, was dabei rauskommt. 

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