Mark Ronson »Beats sind das Hoheitsgebiet der jungen Leute.«

Mit »Uptown Funk« hat Mark Ronson gerade einen Welt-Hit. Mit »Uptown Special« ein sehr gutes Album. ALL GOOD-Autor Davide Bortot traf den Londoner, der es jetzt auch in den USA geschafft hat, zum Interview in Berlin.

Mark Ronson

Glockenbeats für Ghostface. Retro mit der Winehouse. Toll dreister Kleptopop mit Bruno Mars. Mark Ronson kann, einfach so, verschiedene Dinge – und füllt dabei das Klischee vom Mehr-so-wie-Quincy-Jones-Produzenten mit Leben. Soeben hat er sein viertes und bislang bestes Album »Uptown Special« veröffentlicht. Ein kurzer Plausch mit dem beruflichen Weltbürger und ewigen HipHop-Kid.

  • Mit »Uptown Funk« hast du gerade deinen ersten Hit unter eigenem Namen in den USA. Ist das immer noch der Endgegner, es »in Amerika schaffen«?

  • Ja, irgendwie schon. Aber ich muss da etwas weiter ausholen. Der Chef von meinem US-Label ist ein Typ namens Peter Edge. Ich kenne ihn seit fast 15 Jahren. Seitdem arbeiten wir zusammen. Ich habe so viel Respekt vor ihm, dass ich ihm nicht noch einmal mit einer Sammlung »irgendwie interessanter« Sachen kommen wollte, die vielleicht mal auf Radio 1 oder auf triple J in Australien gespielt werden, aber keinerlei Chance haben, in seiner Welt ernst genommen zu werden. Das schien mir einfach sinnlos. Daher hatte ich bei diesem Album meine kleine Mission. Zum Glück hat mich diese Mission nicht dazu geführt, plötzlich einen auf Avicii zu machen. Stattdessen hat sie mir Fokus gegeben: Bleib’ bei deiner Lieblingsmusik – Funk, Soul und R&B, Black Music aus Amerika eben – und verlier’ dich ausnahmsweise nicht in irgendwelchem kruden Synth-Kram, den du noch nicht mal besonders gut beherrscht. Vor diesem Hintergrund ist »Uptown Special« entstanden. Und natürlich auch »Uptown Funk«.

  • Wie merkt man, wenn man einen Hit hat? 

  • »Uptown Funk« hat sich direkt gut angefühlt beim Schreiben. Es gibt nie eine Garantie, dass es auch tatsächlich aufgeht. Aber das Gefühl war da und Bruno ist ein unglaubliches Talent. Dass es jetzt geklappt hat, ist toll, wobei sich an deinem Leben natürlich rein gar nichts ändert. Und an den Qualen, die man bei jedem Album durchläuft, schon drei mal nicht.

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  • Die Qualen umfassten diesmal die Arbeit mit einem Co-Produzenten (Jeff Bhasker), einem Co-Autoren (Michael Chabon) und einem guten Dutzend Gastmusiker sowie einen für dich neuen Sound. Wie beginnt man so ein heilloses Durcheinander?

  • Es gibt nichts, was du tun kannst, außer jeden Morgen ins Studio zu gehen. Ich habe das neun Monate lang getan, ohne dass irgendwas passiert wäre, vielleicht sogar ein Jahr. Ich bin jeden Tag ins ehemalige Island-Studio in West London gelatscht – das jetzt übrigens Trevor Horn gehört – und habe so lange prokrastiniert, bis acht Stunden rum waren und ich guten Gewissens wieder heimgehen konnte. Davon habe ich im Schnitt vielleicht zwei Stunden gearbeitet, und weitergekommen bin ich auch nicht. Die Hemmschwelle zu sagen: »So, das ist jetzt Track 1 meines Album« war einfach zu groß für mich.

  • Warum?

  • Ach, einfach die ganze normale Unsicherheit eines neuen Albums… Ich mache mich da gerne mal ein bisschen verrückt. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt: In einer Welt voller Hudson Mohawkes und Disclosures, braucht es da eigentlich noch mich und meine Planlosigkeit? Erst als ich im Oktober 2013 nach Los Angeles gefahren bin, um gemeinsam mit Jeff Bhasker in seinem Studio in Venice zu schreiben, hat sich das geändert. Und selbst da hat es eine Woche gedauert, bis ich genug Abstand zu meinem Londoner Trott hatte und Musik herausgekommen ist. Gute Musik. Ehrliche Musik.  

  • Wieso ausgerechnet Jeff Bhasker?

  • Er ist ja so ein Berklee-Jazz-Wunderkind, also technisch schon mal völlig verrückt. Und zusätzlich hat er noch Geschmack. Diese Akkorde auf »808s & Heartbreak«, auf »Paranoid« oder so… das sind richtige Jams! Als ich dann noch Alicia Keys »Try Sleeping With A Broken Heart« gehört habe, wusste ich endgültig, dass ich mit dem Typen arbeiten muss. 

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  • Wie hast du die Zusammenarbeit empfunden?

  • Als Produzent will man ja prinzipiell immer der schlauste Typ im Raum sein. Das ist also nicht ganz einfach, wenn da plötzlich jemand schlauer ist. Aber ich kann mich noch an die letzte Release-Party von Kanye West erinnern. Das war eine Art Schlüsselerlebnis für mich. Da standen plötzlich all diese Leute neben ihm auf der Bühne, und ich dachte mir: Okay, wenn man schon all diese Leute zu sich auf die Bühne lässt, dann sollte sie wenigstens in einer Sache deutlich besser sein als man selbst. In der Zusammenarbeit mit Jeff Bhasker ist mir dann noch einmal bewusst geworden, wie cool das eigentlich ist, wenn man jemanden hat, der den Prozess und das Ergebnis besser macht. Das gilt übrigens genauso für Emile Haynie. Ich komme nicht zu diesen Leuten, weil ich faul bin – sondern weil ich weiß, dass sie eine ganz bestimmte Lücke füllen können. 

  • Du hast Hudson Mohawke erwähnt. Hörst du viel neue Musik?

  • Auf jeden Fall. Muss ich ja. Ich bin DJ, das ist mein Job. Was ich auflege, hat halt wenig mit meiner eigenen Musik zu tun. Wenn ich so ein richtiger, post-moderner Künstler wäre, hätte ich vermutlich auch zwei verschiedene Namen für diese beiden Dinge. Aber ich bin nun mal kein post-moderner Künstler. Ich bin aus den Neunzigern.

  • Anfangs war deine Musik ja auch noch viel stärker beeinflusst von deinem DJ-Job.

  • Wenn ich an mein erstes Album denke, habe ich immer das Bild meiner MPC 3000 vor Augen. Ich habe damals drei Viertel meines Tages damit verbracht, auf diese MPC zu starren. Produzent zu sein hieß für mich: DJ Premier, RZA, Just Blaze. Aber dieser ganze Prozess – Diggen, Samplen, Choppen, Beats – ist das Hoheitsgebiet der jungen Leute. Ich weiß auch nicht, warum das so ist. Aber sobald man 32, 33 Jahre alt wird, verliert man diese besondere Fähigkeit. Das ist wie mit Videospielen: Es muss da irgendeine unerforschte Hand-Auge-Hirn-Sonstwas-Verknüpfung geben, irgendeinen Stimulationsprozess, der dann einfach nicht mehr so gut funktioniert. It’s a young man’s game. 

  • Also ist 40 doch nicht das neue 30?

  • Moment mal, noch bin ich nicht 40, ja? (lacht) Das Lustige ist: Als ich 2013 angefangen habe, darüber nachzudenken, was ich auf diesem Album tun könnte, gab es plötzlich all diese interessanten neuen Rapper, die mich sehr an die Zeit erinnert haben, in der sich in mir der Wunsch entwickelte, DJ zu sein. Joey Bada$$, Danny Brown, Chance The Rapper, Action Bronson, all diese Leute. Also dachte ich mir: »Vielleicht ist es das, was ich tun sollte: so ein richtig schönes Rap-Album.« Ich meine, ich liebe diese Musik, also warum nicht? Also saß ich da sechs Monate lang in meinem Studio und habe an irgendwelchen Drum Machines rumgespielt. Das klang auch alles ganz okay, aber irgendwann ist mir klar geworden: Das ist einfach nicht meine Superkraft. 

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  • Was ist deine Superkraft?

  • Was ich vielleicht besser kann als alle anderen zur Zeit, ist: Sachen mit Live-Musikern so hinzubiegen, dass sie auf dem Dancefloor immer noch gut klingen. Das ist keine Raketenwissenschaft. Aber mein großes Glück ist, dass es sonst kaum mehr jemand macht. In den Siebzigern und Achtzigern war das ja noch der Standard, da war Tanzmusik fast immer live gespielt. Aber im Laufe der letzten 15 Jahren hat sich das natürlich komplett geändert, also habe ich da jetzt meine Nische. Ich liebe Ross (Hudson Mohawke), Rustie und all diese Leute. Aber wenn ich versuchen würde, auch so etwas zu machen, käme am Ende nur eine schlechte Imitation davon heraus.

  • Gab es denn einen konkreten Moment, in dem sich dieser Wandel vom Beatmaker zum Produzenten dieser Art vollzogen hat?

  • Ja. Das war am ersten Tag der Aufnahmen zu »Back To Black«. Ich kam in den Control Room von Daptone’s House of Soul in Brooklyn, und die Jungs waren gerade dabei, alles vorzubereiten. Homer (Steinweiss, Drummer der Dap-Kings) saß hinterm Schlagzeug und hat sich warmgespielt. Er hat einfach irgendwas gespielt, aber es war der beste Drumbreak, den ich je gehört hatte! Ich hätte sofort 40 Dollar dafür bei East Village Records abgedrückt – und dann wurde der da auch noch live vor meinen Augen gespielt. Die Tatsache, dass sie auf Tape aufgenommen haben und ich daher alles mit einer leichten Verzögerung gehört habe, hat es nur noch surrealer und unfassbarer gemacht: Das war wie eine außerkörperliche Erfahrung. Ich werde diesen Moment nie vergessen, und er hat tatsächlich mein Leben verändert.

    Andererseits war das alles auch ein sehr langer, schleichender Prozess. Der allererste Track, der mir in New York so etwas wie Aufmerksamkeit verschafft hat, war 2001 »Like A Feather« von Nikka Costa. Ich hatte diesen Beat gemacht, der ein wenig nach DJ Premier klang, und habe dann so George-Harrison-hafte Fuzz-Gitarren und einen Sly-and-the-Family-Stone-mäßigen Bass draufgepackt. Ich war einfach nur ein DJ-Kid aus London, und plötzlich haben Leute wie Jay Z oder Busta Rhymes über meinen Track geredet. Das hat sich natürlich mega angefühlt. Aber gleichzeitig war mir damals schon bewusst, dass ich die Drums nie so gut hinbekommen würde wie DJ Premier und die anderen Leute, denen ich nachgeeifert habe – geschweige denn selbst solche Drums zu spielen. Was den Song irgendwie einzigartig gemacht hat, war nur meine verschrobene Art, verschiedene Sachen zusammenzubringen, und genau das tue ich heute immer noch.

    Es waren also mehrere Momente. Aber Amys Songs waren definitiv der Auslöser, eine Band anzuhauen und sie zu fragen, ob sie das mit mir aufnehmen wollen. Ich wusste: Diese Songs kannst du nicht einfach auf ein paar programmierte Beats legen. Und das meine ich überhaupt nicht abwertend. DJ Premier wird immer ein Held bleiben.

  • »Ich war einfach nur ein DJ-Kid aus London, und plötzlich haben Leute wie Jay Z oder Busta Rhymes über meinen Track geredet. Das hat sich natürlich mega angefühlt.« Auf Twitter teilen
  • Ist er der G.O.A.T. in Beatfragen?

  • Für mich schon, ja.

  • Und der beste Rapper?

  • Ich habe immer Rakim gesagt. Aber unter Still-in-the-game-Gesichtspunkten würde ich sagen: Jay Z.

  • Das beste Album?

  • Uff, das ändert sich ständig. Aber Pete Rock & CL Smooth »Mecca and The Soul Brother« und Brand Nubian »All For One« gehen immer.

  • Bester Song?

  • »T.R.O.Y.« von Pete Rock & CL Smooth.

  • Bestes Rapkonzert?

  • Outkast 1999 in Miami, in einem kleinen Club während des Super-Bowl-Wochenendes. Ganz Atlanta war da und es war Wahnsinn.

  • Die Traumkollabo, die nicht auf deinem Album ist?

  • Da gäbe es sehr, sehr viele. Aber ich habe tatsächlich einen Song mit A$AP Rocky und Miguel, an dem ich gemeinsam mit Hudson Mohawke gearbeitet habe. Leider haben wir das Sample nicht geklärt bekommen und konnten ihn nicht mit aufs Album nehmen. Aber der ist Wahnsinn. Hoffentlich können wir den irgendwann noch mal rausbringen.