»Niemals ganz auf der Höhe der Zeit« –
ein Auszug aus Andrew Emerys »Wiggaz With Attitude«

Wiggaz With Attitude


 »Wiggaz With Attitude: My Life as a Failed White Rapper« ist eine einzigartige und humorvolle Geschichte über die Versuche des Autors Andrew Emery, der größte HipHop-Star von Leeds zu werden. Und es ist eine Geschichte über HipHop selbst. Einem neuen Sound, der alles veränderte: unsere Art zu tanzen, uns zu kleiden und zu sprechen. Ein Sound, der der Generation des Autors eine völlig neue, frische Perspektive auf die Welt verschaffte. Das Buch, das im August 2017 bei Fat Lace Publishing erschienen ist, ist diese Geschichte, erzählt von einem Möchtegern-Rapper mit all seinen Höhen und Tiefen. Für das Interview mit ALL GOOD hat Autor und Selbstverleger Andrew Emery einen exklusiven Buchauszug zur Verfügung gestellt. ALL GOOD-Autor Philipp Killmann hat übersetzt.

Als Kind waren mir Turnschuhe völlig egal. In ihnen spielte ich Fußball, das war’s. Bis ich zu HipHop kam und sie mir alles andere als egal wurden. Dass einige Mitschüler Schuhe trugen, die höchst begehrenswert waren, machte die Sache nicht leichter. Die »Tecs« von Hi-Tec zählten zu den ersten Sneakers, die ich unbedingt haben wollte. Außerdem wird an ihnen deutlich, wie weit ab vom Schuss Bingham war: Als der Trend für Basketballschuhe aufkam, sprach jeder, den ich kannte, von ihnen als Baseballschuhe. Klobig, weiß mit roter Detaillierung und einer großen Lasche – es dauerte nicht lange und all die coolen Kids an der Schule hatten sie an. Und ich fing an, meine Mutter damit zu nerven, mir auch welche zu kaufen.

Wahrscheinlich war sie ein wenig überrascht, weil ich bis dahin nie irgendein Interesse daran erkennen gelassen hatte, wie ich beschuht war. Aber nun, da ich wusste, was ich wollte, war ich darauf versessen, diese Schuhe zu bekommen. Doch nur um mir ein paar Turnschuhe zu kaufen, wollte meine Mutter mit mir nicht bis nach Nottingham fahren. Daher war mir klar, dass ich auf die dünne Auswahl von Binghams Einkaufszone und damit auf das einzige Sportgeschäft der Stadt angewiesen war: Eliv Pele.

Jeden Tag kam ich bei Eliv Pele vorbei und drückte mir die Nase am Schaufenster platt, um nach den einen oder anderen Sneakers in der Auslage zu gieren. Man stelle sich vor: Die neusten, angesagten Schuhe kosteten beträchtliche 29,99 Pfund! Sie hatten sogar »Tecs« von Hi-Tec und die Windjacke von Nike, die auf dem Spielplatz unerlässlich war. (Sogar Falco hatte eine, noch dazu eine Campri-Jacke, dieser glückliche Bastard.) Ich konnte es kaum erwarten, dass meine Mutter mit mir in diese Höhle Aladdins ging. Leider hatte meine Mutter nicht parallel zu meinem wachsenden Interesse an Kleidung ein Interesse daran entwickelt, mich einzukleiden. Ich durfte keine Windjacke haben, und 29,99 Pfund für ein Paar Turnschuhe waren unverschämt viel Geld. Also keine »Tecs« von Hi-Tec für mich. Meine Freude sank in sich zusammen. Die »Baseballschuhe« von Le Coq Sportif für 14,99 Pfund, die wir uns leisten konnten, wurden ordnungsgemäß anprobiert, und meine zwölfjährige Antwort auf meine Mutter, die trällerte, dass die Schuhe doch schön aussähen, reichte wohl nicht über ein grummelndes »Ich glaub, sie sind okay.« hinaus.

In Shane Meadows brillantem Film »This Is England« gibt es eine Szene, in der Möchtegern-Skinhead Shaun von seiner Mutter zum Schuhe-Shopping mitgenommen wird. Während er hinter Doc Martens her ist, so wie der Rest von seiner neuen Clique, konspiriert seine Mutter mit dem Schuhverkäufer, ihn von anderen, günstigeren Schuhen zu überzeugen, indem sie ihm sagen, sie seien »aus London«. Das ist so bezeichnend, weil all unsere Eltern auf solche billigen Tricks zurückgriffen, um unsere teuren Wünsche in Schach zu halten. Meine neuen Schuhe waren sowas von übertrieben weiß, dass das Weiß keine fünf Minuten lang anhielt. Und sie zogen, wie von mir vorhergesagt, nicht das geringste Lob von meinen Freunden in der Schule nach sich. Nicht mal Falco – mein eigener DJ, gab einen Kommentar ab. Et tu?

Das war meine Laufbahn in Sachen HipHop-Mode. Bis ich erwachsen wurde und über ein eigenes Einkommen verfügte, lief ich dem Trend immer hinterher. Und wenn nicht, dann trug ich die falschen Sachen. Als ich heranwuchs und mich auf HipHop-Konzerten und in großen Gruppen von Fans zuhause fühlte, war mir immer klar, dass meine Klamotten minderwertig waren, dass meine Sneakers von vorgestern waren und meine Garderobe den Beigeschmack eines Discounters hatte. Die Mode im HipHop veränderte sich so schnell, es war gnadenlos. Ich glaube, ich war niemals ganz auf der Höhe der Zeit. Als Jugendlicher war es unmöglich. Aus dem einfachen Grund, dass wir nicht das nötige Geld dafür hatten und erst in Bingham und später, noch schlimmer, in Barnstone festsaßen. In dem Prä-Internet-Zeitalter, in dem wir uns befanden, bedeutete das: Wir waren wie diese Stämme am Amazonas, die gerade erst entdeckt worden waren und mit Feuerpfeilen auf Helikopter schossen. Aber die hatten wahrscheinlich immer noch bessere Sneakers an als ich im Jahr 1984.

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