ALL GOOD READS #1 / 2015

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Man lernt ja nie aus: Zehn »Pro-Tips« zum Beispiel, wie man mit HipHop-Journalismus erfolgreich wird, gab es kürzlich an, nun ja, interessanter Stelle zu lesen. Auf der Webpräsenz von Getränkehersteller Pepsi nämlich. Das bringt einen ja schon ein bisschen zum Schmunzeln. Auch weil darin behauptet wird, dass der HipHop-Journalismus »one of the most fast-paced and exciting industries« ist, wo gibt. Puh, das ist schon viel Holz. Aber weil es ebenso darin heißt, dass man kein Fan sein sollte, sondern professionell, bleib ich jetzt lieber still.

 

Wie dem auch sei – hier sind die ALL GOOD READS #1 / 2015:

 

»Why 2014 Was One Of The Best Years For Rap« (Cuepoint)
Gleich zu Anfang noch ein Jahresrückblick von 2014. Ihr wisst schon – letztes Jahr! DJ, Produzent und Labelboss A-Trak rekapituliert das vergangene Jahr und macht auf zwei, drei sehr interessante Dinge aufmerksam – neue Vertriebswege, die fruchtbaren DIY-Möglichkeiten und die absurdesten Künstlernamen.

 

»Son Raw’s 2014 Grime-related wrap up« (Passion of the Weiss)
Ja gut, noch ein Jahresrückblick. Der letzte. Muss aber sein. Weil das Comeback von Grime im Jahr 2014 so wirklich niemand erwartet hätte. (Wir sind immer noch ein wenig verwundert darüber, dass mit »That’s Not Me« ein Grime-Song auf Platz 1 unserer Jahrescharts gelandet ist!) Jetzt ist es natürlich auch nicht das Allerbeste, auf einen Artikel über die zutiefst britische Musik-Bewegung Grime hinzuweisen, der von einem US-Amerikaner geschrieben wurde – aber es ist »Passion of the Weiss«‘ Son Raw, also geht das schon klar.

 

»NahRight & UpNorthTrips Present: 0 To 14 / The Wrap Up« (NahRight)
Ok ok, einer noch. Aber jetzt wirklich der letzte. Die Blogger-Dinosaurier von »NahRight« und Stan Ipcus von »UpNorthTrips« blicken zurück auf das vergangene Jahr in Form von den ach so geliebten Listen: Die besten Remixes des Jahres, die besten Drake-Songs, die besten Duetts, die besten Newcomer und und und – da ist alles dabei und handlich verlinkt. Großartig.   »›Es gibt bestimmt 500 Gründe, nach Syrien zu gehen – aber keinen einzigen guten‹« (Musikexpress) Wie umfassend Haftbefehl vom Feuilleton zur Veröffentlichung von »Russisch Roulette«, dem besten Album des Jahres, liebkost wurde, darüber wurde an dieser Stelle bereits berichtet. Der »Musikexpress« legt jetzt etwas verspätet mit einem starken Interview mit dem Babo nach. Auch wenn der Satz im Intro – »Das HipHop-Jahr 2014 war geprägt von kaum verhohlenem Antisemitismus, Verschwörungsfantasien, Kokettieren mit dem Wahnsinn des ISIS…« – natürlich blanker Unsinn ist, schlägt sich Haftbefehl mehr als wacker bei den Fragen, die sich auch an diesen Schlagworten entlang hangeln.

 

»Mike Tyson interviewed by Earl Sweatshirt« (Citizens of Humanity)
Earl Sweatshirt interviewt Mike Tyson – mehr Argument als diese Überschrift gibt es wirklich nicht, oder?

 

»Why I Left The Major Label System« (Medium)
Nun, es gab Zeiten, in denen hatte ich größeren Respekt für Talib Kweli als in den letzten paar Jahren. Irgendwie erinnerte er an einen kleinen Jungen, der heult, weil seine Klassenkameraden ihn dafür hänseln, dass er immer heult. Irgendwie hatte er immer ein Problem damit, zu ernst genommen zu werden, obwohl er derjenige war, der sich selbst immer ernster nahm als alle anderen. Von seinem musikalischen Output mal ganz abgesehen. Aus seiner schriftlichen »Abrechnung« mit der Major-Industrie auf der Platform »Medium« kann man jetzt herauslesen, dass das durchaus mit seiner Frustration über die Mühlen der Major-Industrie zu tun hatte. Eine interessante Sichtweise auf eben diese Mühlen bekommt man darin sowieso.

 

»›When you’ve reached the end of the frontier and you’ve explored everything, where do you go?‹« (Medium)
Richard Nichols war der langjährige Manager von The Roots – das klingt aber viel zu simpel, um seinen Einfluss auf die Band und das, ja, Movement zu beschreiben. Richard Nichols war viel mehr als nur ein Manager. Am 17. Juli 2014 verstarb Nichols nach langer, schwerer Krankheit. Brian Coleman führte mit Nichols zwei Jahre vor seinem Tod ein ausführliches Interview. Eigentlich geht es darin um die Band The Roots – aber eigentlich geht es um viel mehr.

 

»The Believer Interview: Ice Cube« (Longreads)
Ein Ice-Cube-Interview aus dem Jahre 2004, das die großartige Seite »Longreads« bereits im August online zugänglich machte, auf das ich aber erst jetzt gestoßen bin. Geschichten for days, ein wie selten aufgeschlossener Ice Cube und auch sonst wunderbarer Musikjournalismus.

 

»Smif-N-Wessun: The Big Banger Theory« (ego trip)
Es sei noch ein Trip die Memory Lane runter erlaubt. Vor genau 20 Jahren erschien Smif-N-Wessuns Debütalbum »Dah Shinin’«. Für das »ego trip«-Magazin schrieb damals der Autor Rob Marriott einen Artikel, der auch zwei Dekaden später zeigt, wie außergewöhnlicher HipHop-Journalismus sein kann. Oder wie Kollege Szillus sagt: »… der beste Text, der über Smif-N-Wessun je geschrieben wurde«.

 

»Kendrick Lamar on Ferguson, Leaving Iggy Azalea Alone and Why ›We’re in the Last Days‹« (Billboard)
Man kann die große »Billboard«-Coverstory über Kendrick Lamar mit Vorfreude lesen, wenn dort steht, dass Kendrick gerade sein neues Album mit Thundercat, Bilal, Anna Wise und dem Saxophonisten Terrace Martin aufnimmt. Man kann auch ein wenig den Kopf schütteln ob seiner Bemerkungen über Ferguson und Iggy Azalea. (Oder mit @DocZeus‘ Worten: »Sometimes your favorite artist’s genius can be hyper focused into one particular avenue and be a fool in another.«) Oder man kann versuchen, zwischen und hinter seinen zurückhaltenden Sätzen nach dem Menschen zu suchen, der uns Songs wie »Sing About Me, I’m Dying of Thirst« geschenkt hat.

 

»We Need to Stop Talking About Iggy Azalea« (Complex)
Laut einer nicht genannten deutschen HipHop-Webseite entfachte Iggy Azalea »eine Debatte, wie sie Ami-Rap in ihrer Intensität noch nie gesehen hat«. Puh, würde ich ja jetzt so nicht sagen. Da höre ich lieber auf den hervorragenden Rat von Kris Ex, der für »Complex« eine starke Zusammenfassung der Geschehnisse um Azealia Banks, Macklemore und eben jener Iggy Azalea geschrieben hat, und darum bittet, die liebe Iggy – zumindest temporär – zu ignorieren. (Auch sehr gut in diesem Zusammenhang: Der »Complex«-Artikel »Rap Game Christopher Columbus: A look at pop’s colonization of hip-hop«.)

 

»This is What They Do: The Dipset Reunion, 2015« (Passion of the Weiss)
Man kann es sich einfach machen und behaupten, man hätte damals™ auch 5XL-Shirts und Jeans mit Basketballteamlogos getragen und Dipset gefeiert wie nichts anderes. Weil da hatte ja noch niemand Handys mit Kamera und Instagram. Jedenfalls sind immer dann, wenn es nach Reunion riecht, plötzlich ganz schön viele früher schon Fans gewesen. Wer sich auch für einen Nerd-Talk über die Diplomats, Harlem, Freekey Zekey und Camborghinis fit machen will, kann sich hier bei Jeff Weiss ein wenig Info anlesen. (Im Dezember gab es an gleicher Stelle bereits »The Making of Cam’ron’s ›Purple Haze‹«!)

 

»Get Him to the Fever: In Memory of Larry Smith, Rap’s First Super-Producer« (Grantland)
Am 18. Dezember verstarb Larry Smith, HipHops erster Super-Producer, im Alter von 63 Jahren. Larry Smith mag den HipHop-Beat nicht erfunden haben, er war jedoch maßgeblich daran beteiligt, wie ein HipHop-Beat auf Jahrzehnte hinaus zu klingen hat. Run DMCs »Sucker MC’s« sowie »Rock Box« gehen quasi auf seine Kappe, genau wie Hits von den Fat Boys, Whodini und Kurtis Blow. Für »Grantland« reminisced Dave Tompkins und liefert dazu noch die Erklärung für Michael Jacksons zweitberühmteste Tanzeinlage. Rest in Power, Larry Smith.