Vince Staples Summertime '06

vince-staples-summertime-06
ALL GOOD Punchline Der Streber, den du nicht hatest.

Kurz vor seiner Album-Veröffentlichung erlebten Vince-Staples-Anhänger eine kurze Schrecksekunde: In der spätabendlichen Cypher- und Interview-Runde bei Peter Rosenberg rappte Tyler, The Creator Kreise um seinen kleinen Bruder dritten Grades. Staples wirkte nervös und übernächtigt, stopfte zu viele Zeilen auf das Notenpapier und verzettelte sich so häufig, dass er schließlich den eigenen Text vergaß. Tyler schüttelte anschließend lässig einige Zeilen aus dem Ärmel, die nicht nur »off the top« kamen, sondern auch richtig Spaß machten. Hatte Staples nur einen falschen Tag erwischt, oder sollte er doch nicht der Überrapper sein, für den wir ihn hielten?

Auf »Summertime ’06« erstickt Vince Staples mit sofortiger Wirkung alle Zweifel im Keim. Pointierte, knackig geflowte Black-Power-Rhetorik begrüßt auf »Lift Me Up« seine Hörer mit einem Faustschlag. So ein Part muss eigentlich erst einmal verdaut werden, nur kommt Staples gleich mit dem nächsten Hieb um die Ecke – explizit gegen die Unreflektierten unter seiner weißen Hörerschaft: »All these white folks chantin’ when I ask ’em where my niggas at? / Goin‘ crazy, got me goin‘ crazy, I can’t get with that«. Der Track ist gespickt mit schmerzhaften Betrachtungen eines real existierenden Rassismus und dennoch ist der Grundton ein hoffnungsvoller: »Lift me up, lift me up, lift me up, lift me up«.

Vince Staples‘ Debütalbum ist radikal politisch und macht um Klischees einen weiten Bogen. Er lässt seine Hörer die andauernde rassistische Polizeigewalt nicht vergessen, ist abwechselnd sensibel, clever, aufgeladen und gelassen und gibt ihnen trotzdem ein Album für den Whip. Ein ’92er Ice Cube – hätte er damals Sirup geschlürft, stets fleißig im »Was ist Was«-Buch geschmökert und wäre er von seiner Mom erzogen worden. Die Beats – fast exklusiv von einem Produzententeam um No I.D., DJ Dahi, Clams Casino und einem gewissen Kidd serviert – knallen, ohne ehrwürdig die Welle irgendwelcher Westcoast-Konventionen zu reiten. Und doch ist »Summertime ’06« so Long Beach, wie seit »Tha Last Meal« vielleicht nichts mehr.

Vince Staples hat den warnenden Zeigefinger am Puls seiner Generation. Wo andere sich zynisch (Tyler), in sich gekehrt (Earl), verwirrt (Ab-Soul), gemütlich (Schoolboy), oder genial an der Schwelle zum Größenwahn (Kendrick) zeigen, trifft Staples die goldene Mitte. Vince Staples ist der Streber, den du einfach nicht hatest, weil er auf dem Schulhof raucht, gute Witze reißt und smarten Scheiß droppt.

Dass »Summertime ’06« auf zwei CDs knapp unter »Illmatic«-Länge aufgeteilt ist, verleiht dem Album eine Spiegelwirkung. Wenn man sie auf Doppellänge hört – ein gutes Zeichen –, erwartet einem auf »3230« ein anderer Ton, als auf der vorherigen Hälfte. Stringer Bell wird zu Avon Barksdale. Amerikana-Gitarren kommen ins Spiel und »Like It Is« lässt einen der besten Parts aller Zeiten – André 3000 auf »The Art Of Storytelling Pt. 4« – widerhallen. Auf »Surf« kommt Kilo Kish wieder und macht ihre Sache abermals viel besser als SZA es könnte. James Fauntleroy channelt Travi$ Scott, der James Fauntleroy channelt. No I.D. macht den Kanye, der den No I.D. macht. A$ton Mattthews spiegelt Joey Fatts. Staples sucht sich also genau die passenden Leute zusammen, um seinem Album die richtige Würzmischung zu verpassen.

Und jetzt bitte mal Applaus für No I.D: An 15 der 20 Tracks ist er direkt beteiligt, elf dieser 15 produzierte er im Alleingang. Nach Cocaine 80s, Jhené Aiko, Big Sean, einem vergreisten Common und einem vergreisten Nas liest sich Vince Staples wie ein frischer Wind in seiner jüngeren Diskographie – und das hört man seinen Beats an. Der Veteran aus Chicago achtet auf technische Produktions-Hochwertigkeit, bringt ein exzellentes Bassverständnis sowie Experimentierfreudigkeit und ein Ohr für das Gesamtbild mit.

Als eingespieltes Duo wissen Vince Staples und No I.D., wie sich was für die Clubs, »die Ladies«, die Denkerstuben und die Kritiker anzuhören hat. Der Spannungsbogen bleibt durchgehend erhalten, die Beats variabel und die Lines reflektiert. Mit seinem Debütalbum spielt sich Vince Staples in die erste Liga seiner Rapper-Generation.

  • realtawk

    Anthony, ich sag’s mal geraderaus: Ich mag Deine Reviews nicht. Häufig hab ich das Gefühl, Du hörst ein Album einmal durch (manchmal scheinbar nicht mal komplett/aufmerksam) und schreibst dann wild drauf los, gerne auch mal zwischendrin mit falsch gestreuten Infos.
    Alleine der erste Satz vom letzten Absatz – Palmface to the fullest. Geht gar nicht.
    Aber hey, Du bist ja sicher noch jung und kannst dazulernen. Und es ist ja auch nicht so, als wenn Du nie etwas faktisch richtiges schreiben würdest. Vielleicht kommt ja noch der Tag, an dem ich eine Review von Dir lese und denke „jau, so is‘ das“.
    Bis dahin…

  • Popshot

    Ich finde das Album schon spannend, aber leider nicht so richtig eingängig, wobei gute Nummern drauf sind. Aber ähnlich geht es mir mit „Butterfly“ von Kendrick. Meine Kurzkritik dazu gibt’s hier: http://popshot.over-blog.de/2015/08/juli-2015-das-platten-sammelsurium-mit-u-a-vince-staples-und-omar-souleyman.html