ZinaLuckow
Ein Kommentar von Zina Luckow

Welcome to Violence: Reproduziert deutscher Rap (sexistische) Gewalt?

Sylabil Spill

Letztens bin ich auf der Suche nach einem in die Jahre gekommenen Battle von »Rap am Mittwoch« auf ein anderes Duell gestoßen. Dort wurde es knapp drei Minuten mit »seiner Mutter zum Acapella getrieben«. Klar, solche Formulierungen sind erst mal nichts Besonderes für »RAM«. Die Ausführungen waren allerdings in diesem Fall so intensiv und ausschweifend, dass es wenig mit dem allseits bekannten »deine Mutter« zu tun hatte. Am Ende war nicht mehr ganz klar, ob es nicht viel mehr um Vergewaltigungsfantasien, denn um die lyrische Zerstörung des Kontrahenten gehen sollte. Dieser und seine Mutter erschienen in der ausführlichen Darstellung des Zerreißens einer Frau gänzlich in den Hintergrund gerückt. Warum müssen immer Mütter, Schwestern oder Freundinnen herhalten? Ist das so, weil Deutschrap ein Abbild der Gesellschaft und diese halt sexistisch und gewalttätig ist?

Egal, wo man Rap vorfindet: Rap ist eine Competition, in der eine Imagepflege durch klare Worte unerlässlich erscheint. Befeuert Deutschrap aber Gewalt und Hass? Oder trägt er an einer eh schon verdorbenen und gewaltvollen Gesellschaft keinerlei tatsächliche Mitschuld? Fungiert Rap vielleicht sogar als Kanalysator, um den Fantasien nur lyrisch, nicht aber im real life freien Lauf zu lassen? Den Fragen kann man so nicht gerecht werden, aber es lassen sich ein paar Beispiele vorstellen.

Dieser Text wollte sich ursprünglich nicht auf das Thema Gewalt an Frauen im Deutschrap fokussieren. Doch genau diese Gewalt an Frauen bietet ein Beispiel um zu hinterfragen, ob strukturelle Gewalt (niedrigere Löhne für Frauen, Frauen als das vermeintlich schwache Geschlecht, negative Herabwürdigungen wie »Du benimmst dich wie ein Mädchen!« und so weiter) auch vom Rap institutionalisiert und kulturell verinnerlicht werden und somit die Gefahr steigt, dass sich auch die persönliche, direkte Gewalt – in diesem Beispiel gegen Frauen – verfestigt.

Der Bonner Rapper Sylabil Spill hat in seinem Song »Augenblick« das Intro aus dem 1965 gedrehten Schwarz-Weiß-Film »Faster, Pussycat! Kill! Kill!« verwendet. Im Prolog wird bereits festgehalten, wie faszinierend Sex und Gewalt für die Sensationslustigen ist: »Ladies and gentlemen, welcome to violence. The word and the act (…) its favorite mantle still remains sex.« Spills private und musikalische Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex Gewalt ist für diesen Text ziemlich spannend.

Doch zunächst ein Blick darauf, was denn unter Gewalt verstanden wird. Der Friedensforscher Johann Galtung verweist auf ein Dreieck der Gewalt: Ein Mensch schlägt einen anderen, ein Opfer liegt blutend am Boden – die Rede ist von körperlicher Gewalt. Spätestens seitdem Kinder aufgrund von Mobbingerfahrungen nur noch einen Ausweg im Selbstmord finden, wissen wir auch, welche psychischen Folgen nicht-körperliche Gewalt hat. Dann gibt es noch jene Gewalt, die gesellschaftlich verankert ist, und die ohne einen konkreten Täter auskommt. Diese wird als strukturelle Gewalt bezeichnet. Tief in der Gesellschaft verankert, äußert sich diese Gewaltform in ungleichen Machtverhältnissen und ungleichen Lebenschancen. Die Härte und Herabsetzung, mit der ganzen Gruppen (etwa aufgrund ihrer Kultur oder des Geschlechts) begegnet wird, ist gesellschaftlich geprägt.

Zur Rolle von Gewalt in Rap: Rap-Battles sollten die körperlichen Auseinandersetzungen von der Straße auf die Bühnen bringen, um dort die angestaute Gewalt und Rivalität verbal auszutragen. Doch der Weg dahin, Todesopfer in den Gangkriegen der USA zu vermeiden, ist steinig und schwer. Rap und Gewalt sind unmittelbar miteinander verbunden. Dieses Zusammenspiel kann aber auch positive Früchte tragen.

Sylabil Spill behauptete im Jahr 2017, dass Rap für ihn eine Art Therapie sei. Die Erlebnisse seiner frühen Kindheit im kongolesischen Kinshasa haben ihn tief geprägt. Er hat zum Rap gefunden und verteilt »nur« lyrische Backpfeifen in gesteigerter, auch mal grausamer Form, anstatt in der echten Welt. 2013 startete er die Kampagne »Respekt vor Gewalt«. Für ihn ist Rap eher ein Ventil, das nur bedingt Gewalt befeuert. Im Battle begegnet man Gegnern, die auch im alltäglichen Leben Gegner sein könnten. Aber man trägt die Konflikte eben verbal aus.

HipHop-Veteran Falk Schacht behauptete, dass Rap eine wegweisende Lösung zur Konfliktbekämpfung angeboten hat. Zwei Leute, die sich hassen, schlagen sich nicht gegenseitig aufs Maul, sondern regeln ihre Probleme über auf Beats gelegte Reime. Doch so einfach ist es dann oftmals doch nicht. Die beiden Battlerap-Kontrahenten hauen sich vielleicht nicht auf die Fresse, aber befeuern gesellschaftliche Gewalt und beeinflussen junge Menschen, wenn sie sich zum Beispiel rassistisch oder sexistisch äußern. Wer YouTube-Kommentare liest, merkt, dass Gewaltfantasien hier allgegenwärtig sind. Unter dem Track »Fick mich Finch« vom Battlerapper Finch Asozial finden sich Äußerungen, wie »Geiler Song…sehr inspirierend…hab jetzt bock meine alte zu verprügeln…«

Basti von Trailerpark verweist auf: »Meine richtigen Jungs steh’n für Hass und Gewalt.« Timi Hendrix führt aus, was man sich dann ungefähr darunter vorstellen kann: »Also leg dich auf den Boden. Halt am besten deine Fresse. Nimm das Acid, Nutte. Das hier wird ein wunderschöner Gangrape.«

MC Bomber sagt in einem Interview, dass sich die Menschen in Therapie begeben sollten, wenn sie seine Texte nicht ertragen können. Aber sein sexuelles Weltbild scheint schon ein wenig veraltet und strebt nach der Stärke des weißen heterosexuellen Mannes, wenn er sich gänzlich schockiert neben »reudigen Homos« wiederfindet und feststellen muss: »Nur noch R’n’B-Tänzer, Weiber und Schwuletten. Ich bleib auf Peppen und chill ab mit meinem Schwanz«. (»Drei Schwengel für Charlie«) Er tut seine Kunst als bloße Worte ab und verdrängt, dass sich diese in den Köpfen der Leute festsetzen. Wenn Leute über die Straße laufen und ihnen die Worte »reudige Homos« beim Knutschen von zwei Männern oder Frauen in den Kopf kommt, ist es eben doch viel mehr als harmlose »Kunst«.

Die »Dauerständer« von etwa Kurdo und Majoe gehören zum Image der Rapper, hier werden auch männliche Gewaltfantasien ausgelebt. Sie festigen dadurch – bewusst oder unbewusst – Geschlechterrollen. Frauen werden zu Sexobjekten. Das bietet den Ausgangspunkt für Gewalt an Frauen. Männer, die ihre Frauen erniedrigen, vertreten oftmals die Positionen, dass sie Frau und Kinder besitzen und sie ihnen untergeordnet seien – »denn nur echte Männer können Frau’n schlagen«.

Hunde die bellen, beißen nicht? Viele Männer verstehen sich selbst als dominante Wesen mit dem Recht auf Bedürfnisbefriedigung. Das Belastende daran? Die Idee vom Mann als das starke Geschlecht beinhaltet die Unterordnung von Frauen, im schlimmsten Fall ihre sexuelle Unterwerfung. Ist es nicht eine ignorante Haltung des Künstlers über Holocaust und Vergewaltigung zu rappen, sofern diese gesellschaftlichen Abgründe nur weit genug entfernt von ihrem eigenen Schmerzhorizont sind? Es werden häufig die Betroffenen – in diesem Fall Frauen beziehungsweise vermeintliche »Schlampen« aufgefordert etwas zu verändern. Angeblich würden sie sich durch etwas weniger nackte Haut selbst nicht so herabsetzen und sollten den derben Deutschrap endlich deutlicher boykottieren. Würden Männer dann nicht mehr über die Unterdrückung von Frauen rappen? Würden mehr Kontrahenten direkt gedisst, anstatt ihrer weiblichen Familienparts? So einfach ist es leider nicht.

Viele Girls lieben und hassen die kontroversesten Künstler. Sie entscheiden individuell für sich und aus ihren Erfahrungen heraus, welche Texte sie feiern, ertragen oder verabscheuen. In der Regel sind es nicht vereinzelte Ausdrücke die stören, sondern vor allem die Darstellung der oben beschriebenen männlichen Bedürfnisbefriedigung und Unterordnung von Frauen, die den Spaß an einem Beat nimmt. »Ich gib’s ihr (gib ihr, gib ihr), ich gib’s ihr (nimm sie Doggy) Ich gib’s ihr (gib ihr, gib ihr), ich gib’s ihr (Sie is‘ mein Hobby!)« (aus »Jim Beam & Voddi«)

Ok, soweit entlarvt. Dann wäre da aber noch das Totschlagargument »Kunst«. Rap ist Kunst. Kunst darf auch mal rückschrittlich und primitiv sein, wobei man sich seit eh und je gerne hinter fiktiven Charakteren versteckt.

Musik hat Verantwortung. Mit Blick auf Jugendkulturen wird schnell klar, dass oftmals erst die Musik und dann die politische Ausrichtung folgte. Musik besitzt, das wissen wir alle, eine hohe Emotionalität und Anschlussfähigkeit. Es gibt keine Kausalketten, aber ein Zusammenhang ist gegeben. Denn: »Gewalt erzeugt Gewalt«.

Grenzwertige und brutale Lines bedeuten nicht immer die positive Zurschaustellung von Gewalt. Es gibt jene, die gerade deshalb wegweisend sind, weil sie ein ernstzunehmendes Bild und eine Problemstellung verdeutlichen. Allerdings stellt sich Frage, wer in der Masse Satire, anprangernde und kritische Texte und echte Feindbilder voneinander unterscheiden kann.

Spill hinterfragt selbst, ob brutale Texte das Miteinander in einer Gesellschaft fördern. Denn: Nicht alle sind Rapfans und auch nicht alle könnten die Messages grenzwertiger MCs verstehen. So erscheint eine Zeile aus »Augenblick« aus dem Kontext gerissen inhaltlich nicht besser, als oben genannte Texte: »Nutte lutsch, bleibe hier, machst auf prüde, das ‚ne Lüge. Du und ich wissen du verdammte Schlampe stehst auf Prügel. Vielleicht bin ich auch zu direkt und deshalb nicht beliebt. Doch geb ‚nen Scheiß drauf, rap über Gewalt auf diesen Beat. Gewalt.« Aber sie steht im Kontext von Sylabil Spills Analyse: »Alles was du siehst man, entstand durch Gewalt (…) Die Sicherheit, die du genießt, alles durch Gewalt. Die Aufklärung und die Entwicklung, Gewalt, Demokratie, Revolution, Gewalt (…) Also zeig mal ‚n bisschen mehr Respekt vor Gewalt.«

Es ist ein Unterschied, ob man lyrisch abbildet, was in den eigenen vier Wänden, auf der Straße und in der Gesellschaft passiert oder Rap als Ware nutzt. Dient die Musik dazu, die Sensationslust der Außenstehenden zu stillen und Gewalt aktiv in den eigenen Texten zu reproduzieren, hat es an dieser Stelle nichts mit Selbstermächtigung zu tun und ist auch keine »Kunst der Unterschicht«.

Wir sind alle dafür verantwortlich, gesellschaftliche Verhältnisse aufzubrechen und Machtunterschiede anzuprangern, ob zwischen Frauen und Männern, Armen und Reichen oder Schwarzen und Weißen. Die Grenzen in einer Gesellschaft sind nicht immer so klar, wie hier plakativ dargestellt, aber Fakt ist: Frauen bringt es zum Beispiel gar nichts, wenn Männer sich hinter der künstlerischen Freiheit verstecken oder ihre Texte durch eine Kunstfigur verteidigen. Denn der alltägliche Struggle der Betroffenen ist real! Es handelt sich bei Gewalterfahrungen nicht um Einzelschicksale. Menschen, auch Künstler, sollte den eigenen Beitrag zu Herabwürdigungen und Ausschluss bestimmter Gruppen hinterfragen. Sie finden vielleicht sogar Möglichkeiten dem entgegenzuwirken. Die ersten Schritte wären: eigene Handlungen und Aussagen überdenken, dominantes Verhalten erkennen und laut kritisieren. Wer wäre da ein besseres Sprachrohr, um Denkprozesse anzustoßen, als die Kreativen auf den Bühnen dieses Landes?!