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Ein Kommentar von Mathias Hansen

Sounds Like A Melody

Vibe FML

Dem Video seiner Single »FML« hat Bausa einen aufschlussreichen Warnhinweis vorangestellt: »Das folgende Musikvideo enthält Szenen, die nichts mit Rap zu tun haben. Auch der Song hat nichts mit Rap zu tun. Weiterschauen auf eigene Gefahr.« Die wohl nicht ganz ernst-, aber dennoch wohl provokant gemeinte Einblendung spielt auf die altbackene Debatte über Genre-Grenzen an und soll Realkeeper aus der Reserve locken. Doch der vermeintliche Tabubruch ist im Jahr 2018 keiner mehr. Und bei genauerem Hinsehen war es auch noch nie einer.

Der Versuch, Rap von musikalischen Fremdeinwirkungen »rein« halten zu wollen, kam schon immer einem Paradoxon gleich. Schon die Entstehungsgeschichte zeigt, dass es eine grundlegende Eigenart von Rap ist, andere Musikstile aufzugreifen und sie anschließend zu etwas Eigenständigem und Neuem zu verarbeiten. Dazu zählen Jazz-, Funk- und Breakbeat-Elemente ebenso wie jene Gesangseinlagen, auf die Bausa mit seinem Disclaimer anspielt. Entzieht man Rap-Musik derlei Einflüssen, beraubt man ihn seiner Seele.

»Es ist eine grundlegende Eigenart von Rap, andere Musikstile aufzugreifen und sie anschließend zu etwas Eigenständigem und Neuem zu verarbeiten.«

So zeigt ein Blick in die Vergangenheit, dass Melodien und Gesang auch die Geschichte von Deutschrap schon von Beginn an mitprägten. Freundeskreis und der dazugehörige Dunstkreis experimentierten schon früh mit Soul- und Reggae-Elementen. Ebenso wie in Stuttgart konnte man auch in Hamburg schon früh die eine oder andere gesungene Hook vernehmen. Fettes Brot und Dynamite Deluxe waren »Nordisch by Nature« und sangen für »Ladies und Gentlemen«. Nur vereinzelt gab es Gegenwind aus der Szene – die Beginner können wohl ein (Liebes-)Lied davon singen.

Dennoch rissen die musikalischen Experimente nicht ab, vielmehr gingen Rapper dazu über, nicht nur Hooks, sondern komplette Songs zu singen. So ließ es sich Sido beispielsweise nicht nehmen, seine Platten augenzwinkernd mit kurzen Gesangseinlagen wie »Carmen« oder »Sarah« aufzulockern. Favorite wagte seit Ende der Nullerjahre auffallend oft Ausflüge in die Gefilde des gesungenen Vortrags und benannte sich dabei kurzerhand in »Favoriddy Cent« um, um seinem US-Vorbild Curtis Jackson diesbezüglich Tribut zu zollen. Und dass Tua seit »Grau« in einer komplett eigenen Liga spielt, ist szeneintern längst eine Binsenweisheit. In der jüngeren Vergangenheit stießen Künstler wie RAF und natürlich Cro in eine Richtung vor, bei der wieder vermehrt auf Melodien gesetzt wurde. Beide waren mit einer eingängigen Gesangsstimme gesegnet, wurden allesamt für ihren neuen Soundansatz gelobt und fuhren beachtliche Erfolge ein. Nicht wenige sehen daher in der aktuellen Sound-Entwicklung eine Spätfolge von »Raop«
.

Auch das vergangene Jahr stand ganz im Zeichen der Melodie. Künstler wie Rin, Trettmann, Haiyti, Sierra Kidd oder Bausa haben in ihrer Stimme ein Werkzeug wiederentdeckt, das neben geflowten Rhythmen auch einen deutlich melodiöseren Einsatz erlaubt. Lyrische Finessen blieben dabei zwar nicht grundsätzlich außen vor, doch lag der Fokus fortan deutlich mehr auf dem Wie als auf dem Was. Die Zuhörer nahmen dieses Mehr an Melodiösität dankbar an – Gesangseinlagen sind bei weitem kein K.O.-Kriterium mehr. Natürlich stellte und stellt sich in diesem Zusammenhang stets die Frage, inwiefern durchgehend gesungene Songs eigentlich dem Rap-Genre zuzurechnen sind. Die Toleranzgrenze ist hier jedoch überraschend hoch.

»Melodien sind aktuell das Stilmittel der Stunde.«

Auch deutscher Gangsta-Rap blieb von dieser Entwicklung nicht unberührt. Zwar dürften statt Cro in diesem Fall wohl eher diverse Südstaaten-Größen, Toronto-Zöglinge und Banlieue-Ikonen als Schablone hergehalten haben, doch war das Ergebnis im Endeffekt dasselbe: Das Soundbild steht im Vordergrund, der Text wird der Stimmung untergeordnet. Gesungene Hooklines, Sing-Sang-Flows und elektronische Stimmeffekte – Melodien sind aktuell das Stilmittel der Stunde.

Der Konflikt zwischen der KMN Gang und Farid Bang deutet als Folge ein Novum im deutschen Gangsta-Rap an: Einen Beef, bei dem es ausnahmsweise nicht um die schon x-fach durchgekaute Realness-Debatte geht. Stattdessen bahnt sich offenbar ein Generationenkonflikt an, bei dem es einzig und allein um unterschiedliche musikalische Visionen geht.

Andere Vertreter derselben Riege haben sich mittlerweile an den Zeitgeist angepasst. Summer Cem und KC Rebell versuchten, auf Albumlänge das »Maximum« aus dem neuen Soundentwurf rauszuholen. Nimo und Capo brachen noch einmal weit aus der »Blockplatin«-Schablone aus. Veysel lieferte plötzlich »besser als 50 Cent«, was Marcus Staiger unlängst in der »Spex« dazu veranlasste, das Genre »Straßencloud« auszurufen. Und nicht ohne Stolz verkündete RAF erst kürzlich: »Plötzlich waren Gangster am tanzen auf westafrikanischem Sample«.

Zweifelsohne ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt. Doch das gesamte Genre sieht sich aktuell einmal mehr mit der Frage konfrontiert, wie es mit dem Zeitgeist Schritt halten kann, ohne als Trittbrettfahrer zu agieren. Gleichzeitig steht mal wieder die Frage nach dem Selbstverständnis der Rap-Szene im Raum: Bis zu welchem Grad sind musikalische Fremdeinflüsse zulässig und zu begrüßen? Welche Einflüsse können überhaupt als »fremd« gelten in einer Kultur, die das Samplen zum obersten Stilmittel erhoben hat?

In einem Interview mit dem Bayrischen Rundfunk wagte RAF bereits vor gut einem Jahr eine kühne Prognose: »In fünf Jahren wird keiner mehr rappen, sondern jeder wird nur noch singend rappen.« Oberflächlich betrachtet klingt diese These, als würde mal wieder jemand das Ende von Rap vorhersagen. Doch letztlich kommt es dabei immer auch darauf an, wie man diesen eigentlich definiert – und in den meisten Definitionen scheinen auch Gesangseinlagen mittlerweile ihren festen Platz zu haben.

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