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Ein Kommentar von Mathias Hansen

Mühsam erkämpfte Monotonie

Modus Mio

Es ist nur wenige Jahre her, dass Kulturschaffende, Journalisten und Konsumenten gleichermaßen das Konzept einer Kulturflatrate heiß diskutierten und dessen Realisierung herbeisehnten. Dabei sollten Filme, Serien, Musik, Bücher, Hörbücher und ähnliche Inhalte gegen einen geringen Obolus in unbegrenzter Menge zur Verfügung stehen. In einer Art Mischkalkulation könnten so auch weniger wohlhabende Leute in den Genuss zahlreicher Kulturgüter kommen. Gleichzeitig würde der Ansatz als Lösungsvorschlag für die nach wie vor dramatische Anzahl an illegalen Downloads dienen, die sich nur sehr schleppend dadurch auffangen ließ, 99 Cent pro MP3 oder zwischen 5 und 15 Euro pro Film zu verlangen.



Im Jahr 2019 wollen die meisten Experten davon jedoch nicht mehr viel wissen. Tatsächlich sind Dienste wie Netflix, Maxdome oder Spotify der Kulturflatrate schon erstaunlich nahe gekommen. Die anfängliche Euphorie ist jedoch einem Technologiepessimismus gewichen, der Algorithmen verteufelt und den Untergang der Vielseitigkeit vorhergesagt, wie es beispielsweise der »Spiegel« getan hat. Auch die Deutschrap-Szene blieb von derlei Betrachtungen nicht verschont. Kaum ein Jahresrückblick kam ohne den Verweis auch, dass es mittlerweile relativ viel musikalischen Einheitsbrei geben würde, der Afrotrap-Hype sich unter früheren Bedingungen niemals so lang gehalten hätte und dass die »Modus Mio«-Playlist ja sowieso irgendwie der Todfeind sei.



Da heißt es beispielsweise, dass das Album-Format mit dem Aufstieg der Streaming-Dienste im Sterben begriffen sei, weil ein auf Singles basierender Release-Turnus den Algorithmen deutlich mehr in die Hände spielen würde – was sich am Ende wiederum auf dem Konto des jeweiligen Künstlers widerspiegelt. Gleichzeitig wird die Release-Wut eines Olexesh, der gerne mal Alben mit 20 Songs und mehr herausbringt, als Beispiel dafür angeführt, wie mit reichlich Füllmaterial eine Vielzahl an Plays und damit Geld generiert wird.



Ungeachtet der Tatsache, dass diese Argumentationsstränge nur schwerlich miteinander vereinbar sind, sollte man sich an dieser Stelle die Frage stellen, ob es nicht schon immer die Tendenz gab, seinen Release-Plan auf Singles aufzubauen. Ebenso darf man sich fragen, ob Songs, die tatsächlich unabhängig von einem Album-, EP- oder Mixtape-Release veröffentlicht werden, früher nicht einfach »Freetrack« genannt worden und über die eigene Website oder ein beliebiges HipHop-Magazin als MP3 zum Download angeboten worden wären. Neu wäre daran nur, dass der Künstler nun auch dafür Geld sieht. Und dass Künstler ihre etwas weniger guten Songs noch irgendwie verwerten wollen, ist schon bei Formaten wie Mixtapes oder Bonus-CDs nichts Neues mehr gewesen.



Eine andere These besagt, dass Spotify und Co. dafür sorgen, dass die Konsumenten nur noch Musik vorgeschlagen bekommen würden, die ihren vorherigen Vorlieben entsprechen würde. Eine musikalische Horizonterweiterung sei so kaum mehr möglich. Das klingt fast so, als wäre die CD, die man vor zehn Jahren im Laden oder im Internet erworben hat, nicht nach den eigenen Vorlieben ausgewählt worden, und als hätten Webshops wie Amazon nicht schon vor Urzeiten ähnliche Produkte empfohlen. Es klingt, als hätten Streaming-Dienste keine Suchleiste und als wären die Nutzer den Empfehlungen willenlos ausgeliefert. Dass Spotify jedem Hörer zum Jahresende nicht nur seine meistgehörten Songs als gesammelte Playlist, sondern mit der »B-Seite« auch gezielt von den Hörgewohnheiten etwas abweichende Musikstücke vorgeschlagen hat, wird ebenfalls gern verschwiegen.


Auf der anderen Seite sollen auch die Künstler selbst dafür verantwortlich sein, dass die Songs sich untereinander immer mehr ähneln würden und es kaum mehr Ausreißer nach links und rechts gäbe. Große Aufmerksamkeit würde man demnach nur noch erreichen, wenn man es schafft, von den Kuratoren prominenter Playlists entdeckt zu werden – und dafür muss man eben deren typischen, aktuell angesagten Sound bedienen. Klar gebe es diese Suchfunktion, mit der man den Homie von Homie vom Back-Up eines bekannten Rappers raussuchen kann – doch am Ende würden das doch die wenigsten Hörer tun.



Dabei stellt genau diese On-Demand-Funktion einen der großen Vorteile von Streaming-Diensten dar und ist einer der Gründe dafür, dass es das Radio zunehmend schwerer hat: Weil man eben nicht mehr das hören muss, was jemand anderes auswählt und einem vorsetzt. Besonders Deutschrap dürfte davon massiv profitiert haben. Davon abgesehen ist kurzsichtig, das Wechselspiel von Trendsettern und Nachahmern dem Streaming in die Schuhe schieben zu wollen. Haben wir wirklich schon vergessen, wie viele kleine Bushidos es gab? Wie plötzlich alle auf dem Dipset-Film waren? Wie Technopiloten dem Atzenmusik-Hype hinterherliefen? Bisher hat noch jeder Hype seinen Zenit erreicht. Wenn das Publikum erst einmal übersättigt ist, wird auch »Modus Mio« sich eine neue Soundschablone suchen müssen.



Nicht zuletzt heißt es dann, die Regularien zur Monetarisierung würden den Aufbau der einzelnen Lieder maßgeblich beeinflussen. Demnach würde ein Song erst dann als »gehört« gewertet werden, wenn er mindestens 30 Sekunden lang lief. Dies würde dazu führen, dass Rapper auf langatmige Intros und Produzenten auf sich langsam steigende Beats verzichten würden. Stattdessen müssten die Vocals möglichst unvermittelt zu Beginn einsetzen, damit der Hörer auf jeden Fall die Finger vom Skip-Button lässt – zumindest für die erste halbe Minute. Gleichzeitig würden die Songs immer kürzer werden, denn wer will sich schon für einen sechsminütigen Track entlohnen lassen, wenn der Hörer in derselben Zeit zwei Dreiminüter hören könnte, was dem Künstler das Doppelte an Geld einbringen würde?



Auch hier muss man sich fragen, ob derlei Entwicklungen wirklich neu sind. Gab es nicht schon vor 20 Jahren den Druck durch Radio-Stationen, die Songs möglichst kurz zu halten, da man sie andernfalls nicht ins Programm aufnehmen würde? Entstanden nicht auf diese Weise Singles, auf denen sowohl eine »Radio Version« als auch eine »Extended Version« zu finden war? Das mag für Deutschrap-Verhältnisse noch neu sein, da ihnen Zugang zum Radio lange Zeit verwehrt blieb. An und für sich ist dies aber eine ganz normale Entwicklung. Zudem sollte man bedenken, dass Musik schon immer abhängig von jenen Rahmenbedingungen war, die ihnen ihr Medium vorgab. Das Radio ist dabei nur eines der möglichen Beispiele. Zwar mag Beethovens Neunte Sinfonie dafür ausschlaggebend gewesen sein, wie viele Minuten auf eine CD passen, doch war durch diese technischen Vorgaben anschließend auf Jahrzehnte besiegelt, wie lang das Format »Album« maximal sein durfte. Das gilt sogar, wenn man versucht hat, das System mit einem Doppel-Album auszutricksen – die formalen Bestimmungen des Mediums haben schon immer das Format von Musik mitbestimmt.



Die Wurzel all dessen, was derzeit nur allzu gerne dem Streaming angelastet wird, scheint am Ende doch eine andere zu sein. Vielmehr hat es den Anschein, dass die genannten Kritikpunkte dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg des Genres anzulasten sind, das nun zunehmend von den Regeln des Marktes erfasst wird. Zu einer Zeit, in der die Aufmerksamkeit der Mainstream-Medien in genauso weiter Ferne lag wie ein Vertrag mit einem Major-Label, konnten zweiminütige Sommerhits noch keine todsichere Erfolgsformel sein, um den nächsten Lamborghini oder Supreme-Sweater finanzieren zu können. Das ist mittlerweile anders. Rapper haben heutzutage den Zugang zu allerlei Strukturen, die ihnen zu ihren Anfangstagen noch verwehrt blieben. Das Problem einer gewissen musikalischen Monotonie und einer kreativen Stagnation, die damit einhergehen, hat sich Deutschrap also mühsam erkämpft. Natürlich kann und darf man diese Entwicklungen kritisieren. Das Streaming jedoch ist nicht schuld daran – es macht lediglich bereits vorhandene Tendenzen besser sichtbar.