Julius Krämer
Ein Kommentar von Julius Krämer

Emo-Trap und wir Millenials – etwas kann nicht stimmen

Lil Peep

Nicht nur Trap ist anno 2019 Mainstream – Emo ist ihm dicht auf den Fersen. Nicht der Emo von Sunny Day, Real Estate oder Mineral, es ist ein neuer, deutlich erfolgreicherer Ableger aus einem Genre, das jahrelang eher Statussymbole statt die eigenen Gefühle in den Vordergrund stellte. HipHop-Künstler wie Juice WRLD, XXXTentacion, Lil Peep, $uicide Boy$ und nothing,nowhere. treffen eine ganze Generation mitten ins Herz. Ihre Popularität zeigt dabei, dass etwas nicht so ganz stimmen kann.

Sie machen traurige Musik für traurige Menschen. Sie rappen, singen und screamen über Suizidgedanken, Isolation, exzessiven Drogenmissbrauch und Selbstzweifel. Und sie bekommen zu hören, es handele sich um Luxusprobleme und Wehwehchen einer verhätschelten Generation narzisstischer Millenials, die zu einem Großteil nie in ernsthafte Nöte geraten sind. Kein Krieg, keine Hungersnot, keine politischen Umbrüche. Alles nur in der Tagesschau. Andere sagen, es muss einen Grund geben, wieso ein Künstler wie XXXTentacion, der neben seiner gewalttätigen Ausschreitungen immer für gnadenlose Offenheit seiner depressiven Gefühle und suizidialen Tendenzen stand, zeitweilig zum größten Künstler einer Generation wurde. Oder Pionier Lil Peep, dessen kurze Karriere genau wie bei XXX auf Soundcloud begonnen hat, und der genau wie XXX mit 20 beziehungsweise 21 Jahren verstorben ist.

»Suicide if you’ve ever tried to let go/I’m sad, I know«, sang XXXTentacion in den ersten Sekunden seines größten Hits »SAD!« – einem Song mit weit über einer Milliarde Klicks auf Spotify und YouTube. Nothing,nowhere. kombiniert noch konsequenter die Melancholie von 90er-Dreampop-Gitarren mit Trap-Beats, was seine Texte nicht weniger erschütternd macht: »I got pressure coming down, got me overly stressed/I got suicidal thoughts floating through my head«. »Bitch, who wanna die? Suicide«, nuschelte Lil Peep auf einem Feature-Part des unmissverständlich betitelten Tracks »Suicide« von Rapper Mackned. Und das Duo $uicideboy$ hat sich den Hang zu Selbstmordgedanken als Konzept auf die Fahne geschrieben: »Always boasting my emotions on how I’m so fucking broken/Think I’m joking when I’m talking about blowing my head open«, rappen sie in »Kill Yourself (Part III)«.

Weltweit flüchten sich Menschen in Melancholie, die Depressionsstatistiken von Schülerinnen und Schülern hierzulande steigen in die Höhe. Leistungsdruck und eine immer chaotischer werdende Welt lassen streckenweise Seelen und ihre Unschuld zurück. Der Alkoholkonsum bei jungen Erwachsenen sinkt, der Cannabiskonsum steigt, so eine Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung – anscheinend wollen die meisten nicht mehr vergessen, sondern ihm nur für einige kurze Momente entfliehen. Man lernt, mit dem Schmerz zu leben.

Wieso werden Künstler mit einer bestimmten Musik und bestimmten Texten zu einer bestimmten Zeit groß? Nur weil sie den Zeitgeist treffen. Die Emo-Attitüde eines Lil Peep und anderer Soundcloud-Rapper machte schlagartig Millionen Heranwachsender ihre eigene seelische Abgestumpftheit bewusst. Solange Musik den nötigen Ausgleich bilden kann, um durch den Tag zu kommen, macht sich die Verlorenheit unserer Jugend nur durch Streaming-Zahlen bemerkbar. Das tut es aber nicht! Die Selbstmordraten unter Minderjährigen steigen seit 2008 wieder an, Betroffene psychischer Erkrankungen werden immer jünger. Auch wenn auf westlichem Boden momentan weder Krieg noch Hungersnot herrscht – je weniger es draußen zu bekämpfen gibt, desto lauter schreien die eigenen Dämonen von innen.

Selbstverständlich kommen zu den realen mentalen Problemen der Künstler (und noch wichtiger: ihrer Hörerschaft) eine große Stilisierung und Idealisierung der besagten Themen. Casper, retrospektiv betrachtet ein nicht zu verachtender Vorreiter des neuen Crossovers, fasste das Phänomen schon Anfang des Jahrzehnts auf dem Titeltrack des Deutschrap-Meilensteins »xoxo« treffend zusammen: »Depression war nie tragbar, doch steht uns so gut«. Eine Zeile, zielsicher formuliert für jeden Tumblr-Post und jedes Tattoo, aber eben auch, um die Krankheit als Modeerscheinung, als Lifestyle zu zeigen.

Die international erfolgreichen Lieferanten für Emo-Texte in den letzten zehn Jahren hießen Bring Me The Horizon oder My Chemical Romance – natürlich hatten sie und das ganze Sub-Genre auch großen Einfluss auf die Ästhetik und musikalische Sozialisation zeitgenössischer HipHop-Künstler. Und heute dominiert ihre Musik die Playlists der 14- bis 22-Jährigen. Und die Frage bleibt, wieso niemand darüber redet.

Wieso wird eine Generation stigmatisiert, die durch das Aufwachsen in fast flächendeckendem Wohlstand einfach mehr Kapazitäten hat, über ihren seelischen Zustand zu reflektieren? Eine Generation, die sich vor der Politisierung durch Bewegungen wie Fridays For Future ständig den Vorwurf anhören musste, sich nicht mit den »realen« Problemen zu beschäftigen? In Deutschland nehmen sich jedes Jahr um die 10.000 Menschen das Leben, fast 80% davon sind männlich. Viel realer wird es nicht.