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Ein Kommentar von Mathias Hansen

Aus dem Kofferraum in die Cloud

Eminem_Soundcloud

»Rapper lassen jetzt locker und sie kacken einfach raus/ Und egal wohin man schaut, türmen sich Scheiße-Berge auf« rappte Testo unlängst auf »Alle gegen Alle« und schien damit den Zeitgeist des Jahres 2017 mit nur zwei Zeilen nicht nur auf den Punkt gebracht, sondern gleichzeitig auf seine Folgen abgeklopft zu haben. Allerorts veröffentlichen Nachwuchsrapper Song um Song um Song, um mit der medialen Brechstange einen Hype zu kreieren. Dass mit dem höheren Output-Level automatisch auch die musikalische Qualität sinkt, erscheint da nur allzu logisch.



Mittlerweile wurde das Phänomen auch journalistisch aufbereitet und eingeordnet – der »Soundcloud-Rapper« war geboren. Überschwänglich begrüßte man die Entwicklung auf der Metaebene und verstand sie als längst überfälliges Statement gegen die starren Mechanismen der Musikindustrie. Wer braucht heutzutage noch Labels, wenn er doch das Internet hat? Wer braucht teure Videobudgets, wenn er einfach eine Handycam benutzen kann? Wer braucht Marketingkonzepte in Zeiten von Facebook, Instagram und Twitter?



Tatsächlich jedoch ist der Ansatz alles andere als neu. Streng genommen war der »Do it yourself«-Gedanke schon immer ein fester Bestandteil der HipHop-Kultur – vorbei an den Majors, ohne große Ausgaben für Werbung oder Equipment, alles auf eigene Faust. Nur wenig unterscheidet die Zeiten, in denen die Diplomats und Konsorten gefühlt alle drei Wochen ein neues Mixtape draußen hatten, von jenen, in denen Lil Uzi Vert, Ski Mask the Slump God, Lil Pump und XXXTentacion ihre neuesten Songs direkt ins Social Web katapultieren, während das Mikrofon noch warm ist.



Der Ansatz ist derselbe, lediglich die Mittel haben sich verändert. Aus Kofferräumen wurden zunächst Online-Shops, aus Kassetten wurden selbstgebrannte CDs, später »Datpiff«-Archive und MP3s, heute Soundcloud- oder YouTube-Links und Spotify-Playlisten. Man kann dieses Bild ohne Weiteres romantisieren: Der Künstler, der sich keinen Kopf über Marketingkonzepte macht und einzig und allein die Musik sprechen lässt. Der seine Songs alle gleichermaßen als wertvoll erachtet und sie nicht erst auf ihre Verwertbarkeit hin abklopft. Sieht so nicht der ideale Künstler aus: Nur die Kunst im Sinn, kein Auge aufs Geschäft?



Man kann dieses Bild jedoch auch politisieren und es geradezu als Speerspitze der Verwertungslogik verstehen. Was gibt es Kapitalistischeres als den Versuch, selbst aus halbgaren Songs noch einen Nutzen ziehen zu wollen? Den Markt überfluten, ständig Präsenz zeigen, das Maximum an Aufmerksamkeit erregen wollen? Hatten nicht auch jene Artists Mitte der 2000er ihre Mixtape-Songs stets als zu unausgereift angesehen, um sie auf ein Album zu packen, und sie dennoch veröffentlicht? Einzig und allein die Währung scheint sich mit der Zeit verändert zu haben: Aus Geld wurde mittlerweile Aufmerksamkeit, die über Views, Likes und Favs am Ende dann doch wieder in Geld übertragen werden soll.



Doch vielleicht werden die althergebrachten Machtstrukturen der Musikindustrie auch dann aufgebrochen, wenn man letztendlich dieselben Ziele wie die großen Majorlabels verfolgt. Vielleicht geht mit der ungefilterten Veröffentlichung sämtlicher Aufnahmen nicht zwingend ein Qualitätsverlust einher. Läuft man bei der Auswahl für die Albumtracklist nicht stets Gefahr, sich zu sehr am Status Quo zu orientieren und dabei zu stark abweichende (lies: innovative) Stücke außen vor zu lassen? Und gab es nicht so manchen Künstler, der legendäre Mixtapes am Fließband gedroppt hat, doch an der Hürde eines überzeugenden Albums gnadenlos scheiterte? Erging es hierzulande nicht Snaga und Pillath oder Sentino ebenso wie einem Papoose oder einem Lil Wayne? Lag nicht genau der Reiz des »Freunde der Sonne«-Projekts in seinem spontanen Charakter?

Versucht man, den Auslöser für das erneute Aufflammen dieser betont unbeschwerten Arbeitsweise im Deutschrap ausfindig zu machen, landet man immer wieder bei ein- und demselben Namen: Money Boy. Wurde der Wiener anfänglich noch belächelt und – mitunter auch zurecht – als trashig abgetan, so kann beim Status Quo der Deutschrap-Szene mittlerweile nicht mehr verleugnet werden, dass der Boy einen großen Einfluss ausgeübt hat. Trotz massiver Kritik hielt er unbeirrbar an seinem seinerzeit noch etwas eigenwilligen Ansatz fest. Vier Mixtapes innerhalb von zwei Monaten droppen? Schon 2015 kein Problem. Ein Album in nur einer Nacht aufnehmen? Schon 2016 keine Herausforderung mehr.

Als Fixpunkt galten ihm dabei wiederum jene Helden aus Übersee: »Meine Vorbilder sind aus Amerika – Leute wie 2 Chainz, Lil Wayne oder Lil B und viele andere. Und da gibt es eben diese Mixtape-Kultur. Die droppen auch mehrere Sachen in einem Jahr, bringen teilweise im Wochentakt Mixtapes raus. Ich halte sogar noch Material zurück. […] Ich fragte mich zwar immer mal wieder: Muss man die Leute vielleicht ein bisschen hungrig werden lassen? Aber mittlerweile scheiß‘ ich auf dieses Taktieren, sagte er gegenüber »laut.de« schon 2013.

2017 war diese Denkweise längst selbstverständlich. Der Upload von spontanen musikalischen Eingebungen und verwackelten Smartphone-Aufnahmen ist den neuesten Akteuren der Szene in Fleisch und Blut übergegangen. So beruft sich beispielsweise Lgoony nur allzu gern auf den Impact des Wieners: »Ich find das sehr inspirierend, was Money Boy gemacht hat, weil das eine ganz unverkrampfte Herangehensweise an Musik insgesamt ist. Dass man sich nicht zu ernst nimmt und einfach macht, worauf man Bock hat. Davon hab ich bestimmt auch was mitgenommen«, so im Interview mit dem »Splash Mag«. Auch Künstler wie Juicy Gay, MC Smook oder Haiyti nutzen die vielfältigen Möglichkeiten des Internets für ein musikalisches Dauerfeuer – und stehen vermutlich nicht ganz zufällig allesamt mit Money Boy in Verbindung.

Doch auch Ahzumjot, dessen Nähe zum Wiener eher angezweifelt werden darf, hat das progressive Veröffentlichen über das Netz für sich entdeckt und mit »RAUM« eine Playlist ins Netz gestellt, die sich nach und nach mit Songs füllt – ähnlich Kanyes »The Life Of Pablo«, das zwar seit Februar 2016 hörbar ist, jedoch anschließend noch zahlreichen Updates unterworfen war. Auch Joshimizus Album »Kaviar & Toast« ist einem stetigen Wandel unterworfen: Das Werk erschien ausschließlich online und wartete mit einer neuen Veröffentlichungsstrategie auf, bei der die zwei am wenigsten gestreamten Lieder monatlich durch zwei neue ersetzt werden – womit wir wieder beim Stichwort Verwertbarkeit angelangt wären.



Man kann nur mutmaßen, welchen Verlauf der neue alte Ansatz noch nehmen wird. Der Mixtape-Hype zumindest flachte schleichend, aber doch beständig ab. Ob es daran gelegen hat, dass ein zu hohes Output-Level ohne Qualitätskontrollen die Marke verwässert? Ob es falsch war, sich dann doch in tradierte Muster zu fügen und ein klassisches Album aufzunehmen? Oder war die Zeit einfach noch nicht reif für ein revolutionäres Geschäftsmodell, weil das Internet noch in den Kinderschuhen steckte? Allein die Zukunft wird eine Antwort auf diese vielen Fragen liefern können – und uns nebenbei dabei helfen, die Vergangenheit besser zu verstehen.