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Ein Kommentar von Stephan Szillus

2015 / THE RAP UP:
Verse des Jahres 2015: Rapsody

Rapsody

Ich habe dieses Jahr verhältnismäßig wenig Rap gehört. Was nicht an Rap lag, sondern an mir. Wobei, vielleicht lag es auch ein bisschen an Rap. Aus den USA jedenfalls kamen 2015 nicht die Impulse, die man sich als entsprechend sozialisierter Hörer erwartet. Zur Ehrenrettung: Immerhin gab es die ganze Atlanta-Rutsche mit ihren schillernden, kreativen Protagonisten. Und dann gab es halt noch Los Angeles und »To Pimp a Butterfly«. Ich selbst habe einige Monate gebraucht, um dieses Album zu verdauen und seine Großartigkeit in ihrem ganzen Ausmaß zu erkennen.

Mein Lieblingsverse auf Kendrick Lamars Opus Magnum kam jedoch überhaupt nicht von ihm selbst, sondern von Rapsody. Von wem? Von Rapsody, einer 32-jährigen Rapperin aus dem winzigen Dorf Snow Hill in North Carolina. Von ähnlich talentierten Kolleginnen wie Azealia Banks oder Angel Haze unterscheidet sie vor allem der musikalische Background: Auf ihren Mixtapes bewegte sie sich zwischen Einflüssen aus NeoSoul und 90s-Boombap, ihre Beats kamen u.a. von 9th Wonder, dessen Band Little Brother der bislang wichtigste HipHop-Export ihres Heimatstaates war. Ein übersexualisiertes Image wie das von Nicki Minaj lehnt sie für sich ab, was ihr zusammen mit Musik und Texten zu Unrecht den Ruf einer hängengebliebenen Backpackerin einbrachte.

Musikalisch und inhaltlich Verbündete fand Rapsody in der TDE-Posse, denn auch in Los Angeles nahm man die Kunstform HipHop 2015 noch ernst und wollte lieber ihre Zukunft gestalten anstatt sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zwischen Radio und Stripclub herabzulassen. Trotzdem war es eine Überraschung, als man sie im Tracklisting von »To Pimp a Butterfly« entdeckte. Nicht einmal Kendricks Black-Hippy-Kollegen waren vollständig vertreten, dafür aber eine weitgehend unbekannte »Conscious-Rapperin« aus North Carolina? Doch Rapsody wusste den Moment, den Kendrick ihr bot, zu nutzen. Nicht für ein Doubletime-und-Akzent-Massaker, sondern für einen der smartesten Parts des Jahres, vorgetragen in einem Flow, dessen Lockerheit an Jay-Z in seinen besten Tagen erinnerte.

»Complexion (A Zulu Love)« heißt der Song, von dem die Rede ist und der als herrliches Midtempo-Geschoss in Soulquarians-Tradition beginnt: Satte Drums, gezupfte Akustikgitarre, Scratches, Chor. Thundercat spielt Bass, Multi-Instrumentalist Terrace Martin macht, was er eben im Studio so macht, und die Beats stammen von zwei der besten TDE-Produzenten überhaupt: Sounwave und The Antydote. Die ersten zwei Drittel des Songs gehören dem souveränen King Kendrick, doch oft genug jedoch bin ich direkt zu Minute 02:40 gesprungen, wenn sich der Beat langsam ändert und Kendrick den roten Teppich für die Kollegin ausrollt: »Where the homegirl Rapsody at? I need you to speak your mind real quick, loved one!«

Rapsody springt in den ersten vier Bars mitten hinein in die Thematik: Die Relevanz von Selbstliebe und Selbstrespekt als Afro-AmerikanerIn. Doch zu keinem Moment verfällt sie ins Dozieren. Ihr Flow wirkt herrlich unangestrengt, eben wie früher bei Jay-Z, wenn er Geschichten erzählte, als stünde er neben dem Hörer an der Bar. Ganz nebenbei lässt sie Bomben wie die Formulierung »solemn men up north« fallen – ein doppelbödiges Wortspiel mit dem Namen des versklavten Farmers Solomon Northup, auf dessen Memoiren der Film »12 Years a Slave« basierte. Autobiografische Details vermischt sie geschickt mit Verweisen auf Geschichte und Popkultur, arbeitet sich immer weiter an dem Thema ab, nur um am Ende zur Schlussfolgerung zu kommen: »Black as brown, hazelnut, cinnamon, black tea / and it’s all beautiful to me / call your brothers magnificent, call all the sisters queens / we all on the same team, blues and pirus, no colors ain’t a thing«

Dieser Verse erinnert mich an alles, was ich an Rap liebte und immer noch liebe. An die Intelligenz und den, sorry, Swag von Q-Tip und Andre3000, von Lauryn Hill und Mos Def, von Phonte Coleman und dem frühen Lupe Fiasco. Kein erhobener Zeigefinger, keine klugscheißerische Werte-Lektion, kein leeres Bekunden der eigenen Authentizität, kurz gesagt: nicht der Real-HipHop-Unsinn, den man ihr gerne unterstellte. Aber eben auch nicht der egozentrische, affirmative, materialistische Quark, der von vielen als einziges Gegenmodell verstanden wird. Einfach nur eine kluge, talentierte Frau und ihre Gedanken zu einem Thema, das mich persönlich noch nicht einmal direkt betrifft.

Mit ihrem »Complexion«-Verse hat Rapsody mich trotzdem mehr berührt als alle anderen RapperInnen in diesem Jahr. Da konnte Young Thug noch so kunstvoll über seine eigene Großartigkeit quäken oder Earl Sweatshirt noch so überzeugend den zynischen Jung-Intellektuellen markieren. Was soll’s, Rap war schon ganz okay in 2015, Kendrick hatte ja selbst einige großartige Strophen auf »To Pimp a Butterfly«. Hier jedoch ließ er sich ganz bewusst von Rapsody auf seinem eigenen Scheiß ermorden. Dass er ihr diesen Moment schenkte und sich von ihrer Qualität in keiner Weise bedroht fühlte, zeigt auch seine eigene Klasse ganz deutlich. Und hätte er Rapsody nicht gebeten zu rappen, wäre der Rap-Jahrgang 2015 um einen von den meisten »TPAB«-Rezensenten sträflich übersehenen Höhepunkt ärmer gewesen.