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#shitpeoplewrite

»Hier demütigt Kanye West einen Rollstuhlfahrer.«

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Lange kein #shitpeoplewrite? Nun, es gab auch lange nichts über Kanye West zu berichten. Die letzte Woche entschädigt uns und insbesondere die Presselandschaft aber angemessen dafür. Zuerst wurde Kanye nämlich in ein australisches Krankenhaus eingeliefert – vielleicht ein Schlaganfall? Die Antwort lautet natürlich nein. Wie immer, wenn die Überschrift mit einem Fragezeichen endet. Aber fragen wird man ja wohl noch dürfen. Was für Kanye weitaus bedrohlicher sein könnte als ein Schlaganfall, ist jedoch der tragische Promi-zweiten-Grades-Status, den er sich von der »Bunten« immer noch gefallen lassen muss, wenn sie besorgt fragt: »Kim Kardashian – Hatte ihr Kanye einen Schlaganfall?« Statt Superlativen also doch wieder nur Super-Anhängsel im Boulevardblatt, das ihn als »Ehemann von Reality-TV-Queen Kim Kardashian (33)« vorstellt.

Richtig in Fahrt geriet der Copy-Paste-Journalismus aber erst anhand der dankbaren Vorlage, die Kanye West am Wochenende lieferte, als er bei einem Konzert auch Rollstuhlfahrer zum Aufstehen bewegen wollte. »Peinliche Konzert-Aktion« schreibt die »Bild« in der ehrlich betitelten Rubrik »Hot aus dem Netz«. Der Schweizer »Blick« (»Mimose«) schmeißt den Rapupdate-Headline-Generator an, titelt mit »Hier demütigt Kanye West einen Rollstuhlfahrer« und fügt der lustigen Kanye-Berufsbezeichnungssammlung den »grössenwahnsinnigen Sänger« hinzu.

»Fieser Diss gegen behinderte Fans.«

Während der »Rolling Stone« erfreulich unaufgeregt reagiert, urteilt ProSieben: »Fieser Diss gegen behinderte Fans«. Kim ist dort übrigens ein Jahr jünger als sonstwo. Die scheint jetzt auch geschickt die Lage zu retten: »Will Kim Kardashian von Kanyes Shitstorm ablenken?«, fragt »IN« nämlich anlässlich eines »Selfies mit Koala-Bär« aus einem australischen Zoo. Bei »RP Online« reicht es schließlich für die höchste aller journalistischen Würdigungen – eine Klickstrecke mit Kanye-Sprüchen. Nur was Kanye mit »Es würde mir nie einfallen, ein Autogramm von einem Buch zu wollen« meinte, wird auch dort nicht erklärt.

Widmen wir uns lieber ein wenig der Politik. Die »Zeit« befasst sich beispielsweise mit der hier bereits diskutierten Frage, wie HipHop auf Ferguson reagiert und macht das merklich differenzierter als die »taz«, wenngleich man über »die Emo-Rapper Vic Mensa und Chance The Rapper« sowie über »Jay Z und Beyoncé (…) und andere Rap-Schwergewichte« dann doch kurz stolpert. Viel bizarrer wird es aber beim Thema Terrorismus, namentlich wenn es um Denis Cuspert geht, der zuletzt 2009 unter dem Namen Deso Dogg ein Rap-Album veröffentlicht hat und heute als radikaler dschihadistischer Salafist in Erscheinung tritt. Ohne auf seine genaue Rolle in der Organisation Islamischer Staat (IS) eingehen zu wollen, muss man sich doch die Frage stellen, wieso Cusperts Rolle als Ex-Rapper auch heute noch so ein wichtiges Detail zu sein scheint, dass beispielsweise »n-tv« im September 2014 einen ganzen Artikel lang den längst abgelegten Künstlernamen verwendet. Auch einzelne Rap-Berichterstatter werden nicht müde, ständig neue Meldungen über den »extremistische[n] Berliner Rapper Deso Dogg« zu verbreiten.

Die »Bild« hat noch einen weiteren ehemaligen Rapper unter den Dschihadisten gefunden, was locker für die Überschrift »Wie fanatisch ist die Rapper-Szene?« reicht. Anderswo findet man verqueren Mist wie »Musik ohne Grenzen: Rapper Deso Dogg rappt den Islamischen Staat ISIS«. Wenn man sich besorgt über die »Anziehungskraft des militanten Salafisten Cuspert« äußert, sich gleichzeitig aber nicht von seiner früheren Rap-Karriere lösen kann und immer noch zehn Jahre alte Deso-Dogg-Pressefotos mit HipHop-Insignien verwendet – wie bewusst oder mindestens fahrlässig beteiligt man sich dann an der Stilisierung einer irgendwie gefährlich schillernden Figur und einer zunächst willkürlichen Assoziation zwischen »Rapper« und »Terrorist«? Oder anders gefragt: wie erhellend wäre es, konvertierte Ex-Bäcker, Ex-Studenten, Ex-Tischler und Ex-Gitarristen so eng an ihre ehemalige Tätigkeit zu binden?

»Hip-Hop-Verbot soll Salafisten-Sumpf austrocknen.«

Sehen wir einmal bei der »Welt« nach, die neulich im Zusammenhang mit Bushido feststellte: »Auch ehemalige Gossenkinder cruisen jetzt im Benz«. In einer Satire-Ecke von »welt.de« findet sich die sicher extrem lustig gemeinte Überschrift »Hip-Hop-Verbot soll Salafisten-Sumpf austrocknen«, unter der ausgeführt wird: »Nachdem immer mehr gescheiterte und vollkommen unbekannte Rapper aus Europa zu radikal-islamischen Terroristen geworden sind, die Gräueltaten im Irak und in Syrien verüben, greift Deutschland endlich durch: Ab sofort gilt eine landesweite Verordnung, die die Ausübung von Hip-Hop-Tätigkeiten ohne geeignete Befähigung strengstens untersagt.« Weiter wird gewitzelt: »›Wer gegen diese Verordnung verstößt, riskiert drakonische Strafmaßnahmen‹, warnt Innenminister Thomas de Maizière. Die Sanktionen reichen von einer hohen Geldbuße über lebenslanges Baggy-Pants-Verbot bis hin zum Besuch eines Konzertes von Helene Fischer. (…) Kurz nach Inkrafttreten des Verbots von schlechtem und stümperhaftem Sprechgesang inhaftierten die Beamten bereits große Teile der deutschen Hip-Hop-Szene.«

Und selbstverständlich gibt es auch einen Beleg für die These, es gebe immer mehr solcher Rapper-gone-Terroristen: einen Link zum »Spiegel Online«-Artikel über Deso Dogg.

  • MarcD

    Ich hab mit Martin Seeliger zum angeblichen Salafismus-Rap in Deutschland und u.a. Deso Dogg vor gut einem Jahr mal einen soziologischen Artikel geschrieben, falls da einer Bock drauf hat:

    Dietrich, M. & Seeliger, M. (2013). Islami(sti)scher Rap in Deutschland? Sozial- und kulturwissenschaftliche Beobachtungen zum Diskurs um Integrationsverweigerung und Fundamentalismus. In K. Spenlen (Hg.), Gehört der Islam zu Deutschland? Fakten und Analysen zu einem Meinungsstreit (S. 253-275). Düsseldorf: University Press