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Die 153 Elemente

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Ich war vielleicht etwas voreilig, als ich schrieb: »Ich habe etwa tausend Fragen zu diesem ›Deutschrap-Periodensystem‹, dem es gelingt, Scope, Raptile und Prinz Pi zur gleichen Kategorie zu zählen. Aber irgendwie mag ich nicht.« Denn es führt kein Weg daran vorbei, dass Deutschrap schon seit vielen Jahren auf Chemie für Fortgeschrittene beruht. Die zweidimensionale Zuordnung in so einem Raster kann also nur zu Verwirrungen und Kuriositäten führen. Nun stell ich also doch Fragen – und gebe auch gleich die wichtigsten Antworten zu diesem hundertfach verbloggten Projekt des BR-Jugendprogramms Puls.

Schon in der Kategorie »Neue Schule«, die die »zweite große Deutschrap-Welle« um Fettes Brot, die Beginner und Dynamite Deluxe beschreibt, gibt es einigen Klärungsbedarf. Das ist die Kategorie, die nicht nur die eingangs erwähnte, wüste Kombination Scope-Raptile-Pi enthält, sondern auch Phänomene der zweieinhalbten Welle wie MB 1000, Nina MC, Moqui Marbles und Mr. Schnabel, deren Debüts kaum aus dem Kontext ihrer direkten Vorläufer und bereits bekannten Homies wegzudenken waren. Das gerät gegenüber Künstlern wie Olli Banjo und Mädness sofort in Schieflage, die unabhängig von den Rap-Metropolen und deren bekannten Cliquen eine eigenständige Entwicklung durchlebten, und nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich einen so großen Abstand zu dieser »Neuen Schule« hatten, dass das irgendwie alles keinen Sinn ergibt.

Taktloss und Prinz Pi, ebenfalls »Neue Schule« und jeweils ins Jahr 1998 einsortiert, passen so fraglos in diese Schublade wie, sagen wir mal, »Radiumreaktion« zu »Deluxe Soundsystem« und »Hoes, Flows, Moneytoes« zu »Bambule«. In welchem Stadium sich der fraglos extrem wichtige Berliner Rap-Untergrund kurz vor der Jahrtausendwende befand, fällt der Ordnung halber schnell unter den Tisch. Hauptsache, um es mit den Worten der Autoren zu sagen: »Humor, ausgefeilte Flows und Storytelling über fette Beats«. Diese Attribute zeichnen übrigens auch einen Jungspund namens Scopemann aus, der in voller Überzeugung ins Jahr 2001 einsortiert wird, vermutlich wegen der späten Maxi »Bundes-Rap-Publik Toyland« und knapp zehn Jahre nach seinem ersten musikalischen Output. Von dort aus winkt er seinem Bandkollegen Fast Forward, der mit all dem STF-Fame in der »Alten Schule« bleiben darf.

Mr. Schnabel gehört natürlich, das ist wohl ein Flüchtigkeitsfehler, nicht in die »Neue Schule«, sondern eindeutig zu Illo 77 in die »Conscious«-Ecke. Nicht umsonst werden die beiden oft als die deutschen Black Star bezeichnet: »Is’n Schnabelding« gilt manchen als das deutsche »Definition«, und Illos »Zurück wie verdautes Essen« (als Illo The Shit) zeigt deutliche Parallelen zum Spätwerk des Yasiin Bey. Oder? Als Teil der Formation Retro Brudis sowie Kollaborator des Dipset-Ablegers Eurogang gebührt Mr. Schnabel ob seiner Vielseitigkeit vielleicht sowieso eine eigene Kategorie. Auch mysteriös: während Platin Mardin ganz selbstverständlich in der Beginner-Illustration auftaucht, fehlt bei den Massiven Tönen der später ausgestiegene Wasi, der »Kopfnicker« fast im Alleingang produziert hatte. Und ja, da ist auch Raptile in der »Neuen Schule«. Tja. Keine Ahnung.

Apropos Ahnung, schauen wir doch mal genauer auf die Kategorie »Conscious«, die aus dem Vorhandensein einer wie auch immer gearteten »Message« ein komplettes Genre fabriziert und so eine direkte Linie von Advanced Chemistry (die somit nicht »Alte Schule« sind) zu Ahzumjot zieht. Nachrichtenrapper Blumio fühlt sich damit pudelwohl, Chefket und Amewu hier vorzufinden, verwundert nicht weiter, und auch bei Freundeskreis, Main Concept und Curse ist das noch irgendwie nachvollziehbar. Zumindest fragwürdig ist, ob Zugezogen Maskulin oder Audio88 & Yassin (jeweils »Untergrund«) nicht doch mehr »politisches Bewusstsein und sozialkritischen Anspruch« haben könnten als Errdeka, Demograffics oder eben Illo 77. Bei Falk von Doppelkopf fehlt zum Glück nur eine Vorsilbe, um seine Geschichten vom Mond, von Katzen und Tapiren ganz korrekt in »Subconscious« einzuordnen. Andererseits zählt »Du sollst immer auf die Schuhe achten, die du trägst« zu den am strengsten befolgten Messages der Deutschrap-Geschichte. Weiß nur keiner.

Konkret Finn und Kool Savas (letzterer »aus dem Berliner Untergrund – auch bekannt als Royalbunker«) dürften sich – hoffentlich – kurz verschluckt haben ob der Tatsache, dass ihr Schaffen in der gleichen Kategorie steht wie das von Majoe, nämlich »Battle Rap«. Der Begleittext erklärt, Rapper wie Kollegah und Farid Bang hätten Battle Rap wieder zum Mainstream gemacht, was formal sicher nicht falsch ist, führt aber auch das neue Subgenre ein, das leider nicht die verdiente eigene Abteilung bekommen hat: »Brust, Bizeps und Stiernacken«. Ohne Muskelrap-Nische steht jetzt also Farid Bang unmittelbar neben dem rappenden Münchener DJ-Kollektiv Vierzueins, und das muss man nun wirklich nicht verstehen.

Wenngleich »Straße« ein sehr weiter Begriff ist, der nicht nur im BR-Periodensystem vielleicht ein bisschen zu synonym mit »Migrationshintergrund« verwendet wird, drängt sich doch aus den unterschiedlichsten Gründen die Frage auf, ob man Leuten wie Shindy, Schwester S (!), Rhymin Simon, Motrip oder Genetikk mit der Umschreibung gerecht wird, sie erzählten »Stories aus den deutschen Ghettos«. Immerhin erinnert sich jemand an Cartel, wie »Straße« die auch immer gewesen sein mögen, und an, Achtung, Hecklah & Coch, die einen Track namens »Mein Block« und einen Beef mit der Gruppe Raportaz zur Straßenrap-Geschichte beitragen konnten.

Weiter hinten wird es dann wieder ziemlich beliebig. Die Atzen und MC Fitti sind »Pop«, Deichkind und Fettes Brot hingegen »Entertainment«. K.I.Z. und Marteria werden, ebenfalls »Entertainment«, irgendwie hilflos direkt neben die 257ers, Kitty Kat und Creme de la Creme sortiert. In »Pop« klemmen ausgerechnet Brixx und D-Flame zwischen den Fantastischen Vier und Kay One. Je kommerziell erfolgreicher Rap ist, so scheint es, desto schwieriger wird die Zuordnung. Casper ist beispielsweise so gefühlsbetont, dass er mit Mortis, Sierra Kidd und Egoland das Genre »Emo Rap« bildet, in dem man »auf übertriebenes Waffengelaber« verzichtet. Vor lauter »Seelenstriptease« hat man aber als »Emo« irgendwie weniger Message als »Conscious«-Rapper wie Ahzumjot und Errdeka, wird aber auch weniger »von den Instagram-Kids gefeiert« als Cro und Olson (Wirkungsstätte: Neuss), die »bekanntesten Vertreter« des Hipster-Rap.

Ist euch auch so schwindelig? Vollendet wird die Verwirrung für alle Leser außerhalb Bayerns durch die zwanghafte Einbindung von Acts aus dem Hoheitsgebiet des Bayerischen Rundfunks, immerhin eine faire Gegenleistung für deren Rundfunkgebühren. Für alle nördlich des Weißwurst-Äquators: Bbou ist nicht Boulevard Bou, sondern der Rapper Boarischa Bou (»Es gibt nix Bessas wey wos Guads«, »Bazis wissen wer da Bbou is«), Liquid ist nicht Liquit Walker, sondern der »Bavarian Barbarian«. Feinkost Paranoia solltet ihr ganz unbedingt hören. Und Raptile sowieso, auch wenn der längst Amerikaner ist.

Was lernen wir daraus? Die gute Nachricht ist, dass sogar die eindimensionalsten Rapper oft zu vielschichtig dafür sind, in nur eine Kategorie gequetscht zu werden. Die schlechte Nachricht ist, dass wir uns jetzt doch viel zu lange mit ebenjenem Versuch beschäftigt haben. Wir sprechen uns wieder, wenn endlich jemand Deutschrap in ein mindestens sechsdimensionales Koordinatensystem überträgt: Gefühle, Message, Humor, Sozialkritik, Muskeln und Waffengelaber.

  • horst michael

    lamer beitrag