Five Percent Nation Unter Göttern – 50 Jahre Five Percent Nation

Für ALL GOOD reiste Philipp Killmann nach New York, um mehr über die Five Percent Nation zu erfahren, die dieser Tage ihr 50-jähriges Bestehen feiert und von Anbeginn einen maßgeblichen Einfluss auf HipHop hatte.

Allah B

Wenn Jay Z ein Basketballspiel der Brooklyn Nets besucht, kann das sogar den deutschsprachigen Boulevard interessieren. Wieso? Weil Jay Z eine besondere Kette trägt. Eine Kette mit einem Medaillon, auf dem das Emblem der »Five Percent Nation«, auch bekannt als »Nation of Gods & Earths«, prangt, die im Ruf steht, eine antiweiße Hassgruppierung zu sein. Der Boulevard fragt sich also: Ist Jay Z ein Rassist? Vielleicht hätte man sich besser fragen sollen, was die Five Percent Nation ist. Eine Spurensuche in New York.

Das Hauptquartier der Five Percent Nation ist die »Allah School« am Rande der St.-Nicholas-Projects in Harlem, New York. Es ist ein winziges, ebenerdiges Gebäude, das in krassem Kontrast steht zu dem brutalistischen Adam-Clayton-Powell-Hochhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite der 7th Avenue. Ein großes Schild an der Frontfassade weist das Haus als Allah School aus, an der äußeren Seitenwand prangt riesig das schwarz-gelb-weiße Five-Percenter-Wappen, das Jay Z in die Schlagzeilen gebracht hatte: die »Universal Flag«, bestehend aus Sonne, Mond, einem Stern und einer großen 7 in der Mitte. Hier vor der Allah School drehten Brand Nubian 1990 ihr Video zur Hit-Single »Wake Up«, rund zwei Jahre später ließ sich die Gruppe hier von Ex-Five-Percenter Fab 5 Freddy für »Yo! MTV Raps« interviewen.

Allah-B

»Peace«, begrüßt Allah Born (kurz: Allah B) Anfang Juni den Autor vor der Allah School mit einem freundlichen Lächeln. Der 65-Jährige mit dem kurz geschorenen Haar trägt dunkelblaue Loose-Fit-Jeans, Sneakers und ein graumeliertes T-Shirt. Auf Brusthöhe ist eine Brosche mit der Universal Flag angesteckt. Allah B ist der Leiter der Street Academy, wie die Allah School auch genannt wird. Er übernahm die Leitung, nachdem er nach fast 30 Jahren aus dem Gefängnis entlassen worden war. 1971 war Allah B wegen Mordes verurteilt worden. »Ich zeige dir erst mal alles«, sagt Allah B, bevor er den Besucher erst durch den recht verwachsenen Garten und dann durch die kleinen Räume der Allah School führt. Das Haus ist den Five Percentern 1967 von der Stadt New York als Leasing-Objekt überlassen worden. Als eine Art Auffangbecken für Schulabbrecher, wie auch Allah B einst einer war. Hier sollten sie ihre Abschlüsse nachholen können.

Das Interview findet in Allah Bs Klassenzimmer statt: dem Computerraum. Die Deckenplatten sind etwas marode, die Wände mit lauter Fotos versehen, auf denen immer wieder »Allah, the Father«, der Gründer der Five Percent Nation, zu sehen ist, aber auch viele andere Five Percenter, darunter einige HipHop-Größen, wie Kool DJ Herc, Rakim oder DJ Kay Slay. »Allah, the Father, hat die Schule auf Basis einer Street Academy entwickelt«, so Allah B. »Ich fand das super als Jugendlicher. Denn der Name beinhaltete die Straße. Und wir Jugendliche kamen von der Straße.« Um es mit den Worten von Wise Intelligent, dem Lead-Rapper der Poor Righteous Teachers, zu sagen: »Die Nation of Gods & Earths machte es cool, Bücher zu lesen.«

Allah, the Father, kam 1928 als Clarence Edward Smith in Danville, Virginia, zur Welt. Als er aus dem Krieg in Korea zurückkehrte, fand er in Harlem zur Nation of Islam von Elijah Muhammad, legte seinen »Sklavennamen« ab und wurde zu Clarence 13X. Inwiefern er die Nation of Islam 1963 aus freien Stücken wieder verließ, ist unklar. Fakt ist: Allah, wie er sich nun nannte, verkündete fortan auf den Straßen von Harlem seine eigene, von der Nation of Islam abweichende Lehre. Demnach gibt es im Unterschied zur Nation of Islam keinen unsichtbaren Gott im Himmel. Vielmehr ist der schwarze Mann Gott, die schwarze Frau ist die »Queen« oder »Erde«. Der weiße Mensch ist der Teufel, der vor 6.000 Jahren von einem Wissenschaftler namens Yacub geschaffen wurde. Ferner sind 85 Prozent der Menschheit taub, dumm und blind. Zehn Prozent kennen die Wahrheit, halten sie aber zurück, um die 85 Prozent auszubeuten. Und fünf Prozent sind die armen, rechtschaffenen Lehrer, die Five Percenter, die wissen, dass der schwarze Mann Gott ist, und versuchen, die 85 Prozent aufzuklären. Darüber hinaus entwickelte Allah mit den »Supreme Mathematics« eine Zahlenmystik. Auch den Buchstaben des lateinischen Alphabets wies er mit dem »Supreme Alphabet« bestimmte Bedeutungen zu: »I’m god, ›G‹ is the seventh letter made«, rappt Vorzeige-Five-Percenter-Rapper Rakim in »No Competition«.

1964 war die Five Percent Nation geboren – hervorgegangen aus der Nation of Islam, entstanden als eine Reaktion auf den anhaltenden Rassismus der weißen Vorherrschaft. Angesprochen von den Five Percentern fühlte sich vor allem die Jugend. So auch der damals 16-jährige Ralph Taylor alias Allah B. »Wir fühlten uns zwar zu Malcolm X hingezogen, nicht aber zur Nation of Islam. Wir wollten unsere Straßenkleidung nicht gegen einen Anzug mit Fliege eintauschen und Zeitungen (den »Muhammad Speaks« der Nation of Islam; Anm. d. Verf.) verkaufen. Die Jugend wurde also nicht wirklich erreicht«, erklärt Allah B. Der Father habe das erkannt und an sich selbst festgestellt, dass der Mensch Gott ist, dessen richtiger Name »Allah« lautet. »Gott ist in uns und findet seinen körperlichen Ausdruck in unseren Extremitäten: in Arm, Bein, Bein, Arm und Kopf (arm, leg, leg, arm, head). Wenn du in dieser Reihenfolge die Anfangsbuchstaben dieser Körperteile zu einem Wort zusammenfügst, manifestiert sich der Name Gottes: A – L – L – A – H.«

»My name is Rakim Allah«, rappte Rakim 1986 in dem wegweisenden Track »My Melody« und gab sich damit als Five Percenter zu erkennen. Allah Bs Handy klingelt. »Entschuldige bitte, das ist mein Sohn«, sagt er, bevor er rangeht. »Hey! Peace Knowledge.« Sein 15-jähriger Sohn meldet sich von der Schule zurück. Stolz zeigt Allah B nach dem Telefonat ein Foto von ihm. Er habe sich gerade seine erste Five-Percenter-Brosche verdient, die man nach und nach erhält, während man sich die Lehre der Nation aneignet. Aufgezwungen habe er sie seinem Sohn nie, er habe von sich aus mehr über die Nation erfahren wollen. »Aber das Wissen steckt ja auch in seinen Genen«, fügt Allah B hinzu. »Save the Babies« ist in der Nation ein bis heute vielzitiertes Motto von Father Allah.

Das Konzept vom schwarzen Gott und weißen Teufel wird nicht von allen Five Percentern per se biologisch interpretiert. »Wir diskriminieren nicht. Der Father hat uns damals gesagt, dass wir weder anti-weiß noch pro-schwarz sind«, sagt Allah B und betont wie viele andere Five Percenter auch: »Wir sind für Rechtschaffenheit und gegen Teufelei.« Die Five Percenter lehrten »alle menschlichen Familien«. Und damit auch die Weißen. Tatsächlich war schon einer der Schüler von Allah ein Weißer: der 2013 verstorbene Azreal. Allah B unterrichtete in den späten sechziger Jahren seinerseits den weißen Barkim. Heute ist der bekannteste weiße Five Percenter der Autor Michael Muhammad Knight alias Azreal Wisdom.

Nach öffentlicher Kritik an Lord Jamars homophobem Disstrack gegen Kanye West Anfang letzten Jahres, weil dieser einen Rock getragen hatte, schloss man jedoch Knight aus der Community der Five Percenter aus – weniger wegen seiner Hautfarbe als vielmehr aufgrund unterschiedlicher Auffassungen von Gender und Sexualität. »In der Five Percent Nation ist eher Platz für einen hetereosexuellen Weißen, als für einen schwulen Schwarzen oder vielleicht sogar eine heterosexuelle schwarze Frau«, befand Knight daraufhin. In diesem Zusammenhang bestätigte Five-Percenter-Repräsentant Born Justice Allah im April gegenüber dem HipHop-Magazin »The Source«, dass in der Nation of Gods & Earths kein Platz für Homosexualität sei.

Verbreitung fand die Lehre der Five Percent Nation über die Grenzen von New York hinaus nicht zuletzt durch Rap. Nur wenige Jahre nach ihrer Gründung in Harlem – Allah, the Father, wurde 1969 unter bis heute ungeklärten Umständen ermordet – entstand in der benachbarten South Bronx HipHop. Und wie die Five Percent Nation sprach HipHop vor allem die Jugend an. Es dauerte nicht lange und unter den HipHop-Fans fanden sich bald auch Five Percenter.

Sha-Be-Allah

Manche Götter gehen noch einen Schritt weiter. »Ohne die Five Percent Nation würde es HipHop gar nicht geben«, befindet Sha Be Allah während des Interviews im Stuyvesant Park im East Village. Der 40-Jährige mit den langen Dreads ist Redakteur bei »The Source«, Reporter der Monatszeitung »The Five Percenter« und Mitglied der Five Percent Nation. Wie Allah B trägt auch er eine Brosche mit der Universal Flag an der Brust. »Herc ging damals mit seinem riesigen Soundsystem und den gigantischen Lautsprechern in die berüchtigsten Projects der South Bronx, um dort aufzulegen. Und er hat mir später selbst erzählt, dass es die Götter waren, die aufpassten und dafür sorgten, dass sein Equipment nicht geklaut wurde.«

Soll heißen: Wenn HipHop-Pionier Kool DJ Herc nicht den Schutz der Five Percenter genossen hätte, wären seine Blockpartys und damit auch HipHop nie zustande gekommen. Herc selbst wird in Charlie Ahearns und Jim Frickes Buch »Yes, Yes, Y’all: Oral History of Hip-Hop’s First Decade« mit den Worten zitiert: »Viele Five Percenter kamen damals auf meine Partys. Sie waren sozusagen die ›Friedenswächter‹. They used to hold me down: ›Yo, Herc, mach dir keine Sorgen!‹ Also hatten wir einfach eine gute Zeit.«

Der Einfluss der Five Percent Nation auf HipHop ist unbestreitbar. Der Ausruf »Peace« rührt von der gleichlautenden Five-Percenter-Grußformel her. Ebenso das aus den »Lost & Found Muslim Lessons« der Five Percent Nation abgeleitete »Word«. Redewendungen wie »show and prove« oder »break something down« (etwas erklären), »drop the bomb« oder »droppin‘ science« gehen ebenfalls auf die Five Percenter zurück. Die »Cipher« wurde ursprünglich von den »Göttern« und »Erden« gebildet, um sich untereinander auszutauschen respektive weiterzubilden: »to build«. Die Bezeichnung »G«, wie etwa in »What’s up, G?«, hat ihren Ursprung bei den Five Percentern und stand auch im HipHop lange Zeit ausschließlich für »God«, also Gott, anstatt für das später populäre »Gangsta«. Der B-Boy-Stance ist auf das »standing on the square« der Five Percenter zurückzuführen. Dabei bilden sie mit ihren Füßen einen rechten Winkel und verschränken den rechten Arm über dem linken. Auch die Zulu Nation von Afrika Bambaataa nahm Anleihen bei der Lehre der Five Percent Nation.

»HipHop kommt von der Straße«, erläutert Sha Be Allah den Einfluss der Five Percenter auf das Genre. »Wenn du wissen willst, was in der Gesellschaft vor sich geht: keep your ear to the streets. Und als HipHop Anfang der siebziger Jahre entstand, waren die Five Percenter die Stimme der Straße. Was also die Götter und Erden an den Straßenecken manifestierten, wurde in den Rap-Songs nachgeahmt.« Keine andere Gruppierung in New York habe damals mehr Einfluss auf die Jugend gehabt als die Five Percent Nation. Ein Einfluss, der sich Sha Be Allah zufolge häufig auch bloß in den Namen der Rapper widerspiegelt. »Eine der bekanntesten Rap-Gruppen aus East New York waren die Fat Boys. Und wie hieß ihr Lead-Rapper? Prince Markie Dee! Und er bekam diesen Namen von dem Gott Prince Love aus East Medina (Medina steht in der Five Percenter-Terminologie für Brooklyn, Mecca für Manhattan etc.; Anm. d. Verf.), lange bevor es die Fat Boys überhaupt gab.«

Viele HipHop-Künstler, darunter einige der bekanntesten, sind erklärte Five Percenter – die Liste ist lang und reicht von The World’s Famous Supreme Team über Rakim, Big Daddy Kane, Poor Righteous Teachers bis zu Busta Rhymes, J-Live, Papoose, DJ Kay Slay und Wu-Tang Clan. Der exponierteste Vertreter der Götternation ist seit einigen Jahren Brand Nubians Lord Jamar. Mit »The 5% Album« veröffentlichte er 2006 eine reine Five-Percenter-Platte. Die CD wartete zudem mit einem umfangreichen Booklet zur Geschichte der Five Percent Nation auf – verfasst unter anderem vom später geschassten Michael Muhammad Knight. Dazu kommen etliche namhafte Rapper, die von den Five Percentern zumindest beeinflusst sind: Nas, Jay Z, Mobb Deep, The Roots, Jay Electronica, KRS One, Guru, Common, LL Cool J, AZ, André 3000, Pete Rock, Queen Latifah, Planet Asia, Digable Planets, Capone & Noreaga, Rhymefest, 9th Wonder, Joey Bada$$ und so weiter. »Rund 80 Prozent im HipHop kommen von den Five Percent«, wagt RZA in seinem Buch »The Wu-Tang Manual« zu behaupten. »In vielerlei Hinsicht ist HipHop Five Percent.«

Andere Rap-Ikonen waren für die Ideologie der Five Percenter weniger empfänglich. »Ich war mit ihnen im Gefängnis und habe mich mit Brüdern unterhalten, die mir sagten: ›Ich bin Gott‹. Wenn du Gott bist, dann öffne das Gefängnistor für mich! Du weißt, wie weit Sonne und Mond entfernt sind, aber ich will wissen, wie ich dieses beschissene Tor öffne, wie ich hier rauskomme! Wenn du mir das sagen kannst, dann werde ich mein ganzes Leben lang ein Five Percenter sein«, wird der in der Tradition der Black Panthers sozialisierte Tupac Shakur in »The Outlaw Bible Of American Literature« aus einem Interview mit »Vibe Online« zitiert.

Wieder andere Künstler fühlten sich insbesondere in der so genannten Conscious-Ära Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger zu anderen Bewegungen hingezogen, etwa zur Nation of Islam (Public Enemy, Ice Cube, Paris), dem Blackwatch Movement (X-Clan), der Nuwaubian Nation (Jay Z und sein damaliger Mentor Jaz-O, MF Doom, Posdnous von De La Soul), den Black Hebrew Israelites (Killah Priest, Sunz of Man) oder der Black Panther Party (The Coup, Dead Prez, 2Pac). Diese »goldene Ära«, in der Conscious-Rap jeder Couleur auch im Mainstream durchaus salonfähig war, markiert die vorläufige Hochzeit der Five Percenter im HipHop.

Popa Wu Symbol2

Danach ist es vor allem der Wu-Tang Clan gewesen, der die Fahne der Five Percenter hochhielt, allen voran The RZA beziehungsweise Prince Rakeem beziehungsweise Ruler Zig-Zag-Zig Allah, der mit dem öffentlichen Zurschaustellen der Universal Flag im Gegensatz zu Jay Z noch keinen Shitstorm ausgelöst hat. Die Lyrics des Wu-Tang Clan stecken voller Terminologie und »Lessons« der Five Percent Nation. Anhand des Supreme Alphabets erklärte RZA bereits 1997 in »Bells Of War« die tiefere Bedeutung von »Wu-Tang«: »That’s the Wisdom of the Universe, that’s the Truth of Allah for the Nation of the Gods.« Popa Wu alias Freedum Allah ist die graue Eminenz des Clans. Er ist es, der in dem epischen »Wu-Tang Forever«-Intro die »Wu-Revolution« aus Sicht der Five Percenter verkündet. An einem wolkenverhangenen Montagnachmittag lädt er zum Interview in seine Wohnung in der Nähe der U-Bahn-Station Broadway Junction in East New York. »Ich bin 58 Jahre alt, sehe aber immer noch aus wie ein Kind. Der Islam hält mich jung«, sagt ein redseliger Popa Wu kurz nach der Begrüßung. Islam meint hier nicht die Religion, sondern den Lebensstil der Five Percent Nation – um es mit der Five-Percenter-Lingo zu erklären: »I Self Lord And Master«.

Das Licht in der Wohnung von Popa Wu ist gedämmt. Ein Großteil des Wohnzimmers besteht aus einem großen Bett und einem riesigen Flatscreen-Fernseher (»Ich sehe nicht mehr so gut!«), auf dem gerade »Der Mann mit der eisernen Maske« läuft. An der Wand hängt ein überdimensionales gelbes »W« aus Stoff, links und rechts davon hängen verschiedene Variationen der Universal Flag. »Die hat mein Vater gemalt«, sagt Popa Wu. Im Zimmer fällt zudem ein großes Keyboard auf. »Das ist der erste Korg, mit dem wir für Wu-Tang Musik gemacht haben«, sagt er und setzt sich in einen großen Sessel, vor dem ein kleiner Tisch mit einer kleinen Schale mit Tabak- und Grasresten steht. Irgendwann habe RZA das Keyboard in seine Obhut gegeben. Ob Popa Wu damit spiele? Schließlich hat er für den Clan nicht nur ein paar Spoken-Word-Aufnahmen gemacht, sondern auch zwei eigene Alben veröffentlicht. »Die Musikphase ist für mich vorbei. Ich habe noch zwei Jahre, dann bin ich 60. Da kann ich keinen HipHop mehr machen.« Immerhin: Das Keyboard bleibt in der Familie.

»ODB war mein kleiner Bruder«, erzählt er. »RZA, GZA, Ol Dirty Bastard und 62nd Assassin von den Sunz of Man – wir gehören alle derselben Familie an.« Als Ältester von ihnen habe er sich um sie und die übrigen Clan-Mitglieder gekümmert – ganz so, als wären es seine eigenen 18 Kinder gewesen. »Als wir das erste Mal nach Deutschland flogen, war das ihr erster Auslandsaufenthalt überhaupt. Und obwohl jeder sein eigenes Hotelzimmer hatte, waren sie ständig nur in meinem Zimmer und blieben in der Nähe von Popa Wu«, erzählt er und lacht. »Bei mir haben sie sich wohlgefühlt.«

Es war Popa Wu (Freedum Allah), der Anfang der achtziger Jahre zwei junge Five Percenter namens Gary Grice und Russell Jones unter seine Fittiche nahm. Each one, teach one. Aus Gary wurde zunächst Allah Justice (später GZA), aus Russell Ason Unique Allah (Ol Dirty Bastard). Der damals 13-jährige Gary gab die Lessons an seinen zwei Jahre jüngeren Cousin Robert F. Diggs weiter. Über zehn Jahre später nannte Robert sich The RZA oder eben Ruler Zig-Zag-Zig Allah und war als solcher gerade mit der Gründung des Wu-Tang Clan beschäftigt, als Freedum Allah zu ihm sagte: »Wir machen diese Musik entweder righteous (rechtschaffen im Sinne der Five Percenter; Anm. d Verf.) – oder gar nicht. Wer zu Wu-Tang gehören will, muss rechtschaffen sein«, erzählt Popa Wu. »Und so kam es, dass auch Raekwon und all die anderen rechtschaffen wurden.«

Popa Wu greift zu seinem iPhone und zeigt Fotos: Popa Wu mit seinem alten Kumpel Kurtis Blow, Popa Wu mit Rakim, mit DMX oder dem Clan. Ein Foto soll das Cover des neuen Wu-Tang-Albums zeigen: der Clan vor einem Sammelsurium von Nationalflaggen, RZA & Co. tragen Medaillons um den Hals, die an olympische Medaillen erinnern. »Immer wenn ich mir das ansehe, ist es, als würde ich Dirty sehen«, sagt Popa Wu und wirkt ein wenig sentimental. »Aber natürlich ist er nicht wirklich da.«

Zwar wohnt Popa Wu in keiner Villa in einem Vorort wie vermutlich manch anderes Clan-Mitglied. Aber er scheint nach wie vor Mentor des Clans zu sein. »Alle Wu-Tang-Platten gehen durch meine Hände. Das müssen sie auch. Deshalb nennen sie mich auch den Truth Analyzer. Und wenn ich spreche, dann bin ich der Executioner. Keiner kann reden so wie ich! Wenn ich einmal anfange zu reden, bringe ich dich um – nicht physisch, aber mental.« Ein eindrucksvolles Bild von Popa Wus rhetorischen Fertigkeiten vermittelt die Film-Dokumentation »Popa Wu – A 5% Story«, die im November in einer längeren Fassung wiederveröffentlicht werden soll. Gedreht hat sie Khalik Allah.

Khalik Allah1 - Eduardo Donoso

Daniel Askaripour alias Khalik Allah ist 28 Jahre alt. Sein Vater ist aus dem Iran, seine Mutter aus Jamaika. Khalik Allah ist nicht besonders groß, seine Stimme ist tief, sein Gesichtsausdruck freundlich. »Peace«, sagt er zur Begrüßung. Er trägt eine beige Carhartt-Jacke, beige Baggy-Pants, Sneakers und ein schwarzes T-Shirt mit der Universal Flag. Auf der Suche nach einem geeigneten Gesprächsort in einem Park in der Lower Eastside geht er mit weit ausladenden Schritten, die Schultern wiegen beim Gehen stark hin und her. Aufmerksam sieht er sich um, auf einer Bank nimmt er Platz. Tagsüber arbeitet Khalik Allah in einem Fernsehstudio. Nachts fotografiert er Junkies, Prostituierte, Thugs und Drogendealer, vorzugsweise an der Ecke 125. Straße/Lexington Avenue in Harlem. »Für die Gesellschaft sind diese Menschen bloß Penner. Aber ich zeige dir, dass diese Menschen lebendig und schön sind. Es ist mir egal, ob ihnen Zähne fehlen, sie mit 16 schwanger sind oder jemanden umgebracht haben. Etwas in ihnen ist immer noch göttlich, und das möchte ich zeigen«, erklärt er.

Die Doku über Popa Wu aus dem Jahr 2006 war einer seiner ersten Filme. Über Popa Wu lernte er den Clan kennen, dadurch hatte er bei RZA & Co. automatisch Respekt: »Popa Wu ist wie ein Patron, er ist die Vaterfigur des Clans«, bestätigt Khalik Allah. Der Doku über Popa Wu folgten Musikvideos für Masta Killa, Cappadonna und Hell Razah, sowie eine weitere »5% Story« über den weißen Five Percenter Azreal. Er freundete sich mit GZA an. Seine ersten Fotos machte Khalik Allah bei sich zu Hause in Long Island von ihm. Die Fotografie lässt ihn von da an nicht mehr los. Längst sind seine Bilder nicht nur auf seiner Website zu sehen, sondern auch in Ausstellungen.

Zur Five Percent Nation findet Khalik Allah im Alter von 14 Jahren nicht durch HipHop, sondern ganz klassisch über einen älteren Five Percenter. Aber die »120 Lessons« der Nation erkennt er schnell wieder in der Musik, die er sowieso schon hört: bei den Gravediggaz und in GZAs »Liquid Swords«. »Die Five Percent Nation stellt im HipHop das Wissen dar«, meint Khalik Allah. »Sie ist das philosophische Fundament von HipHop. Die Five Percent Nation ist das, was im HipHop einer Religion am nächsten kommt, auch wenn wir natürlich keine Religion sind.« Die Five-Percenter-Sicht der Dinge ist für sie eine Kultur, ein Way of Life.

Der Five-Percenter-Antagonismus von Schwarz und Weiß spielt für Khalik Allah keine Rolle mehr. »Ich bin jetzt schon mein halbes Leben lang ein Five Percenter und inzwischen so weit, dass ich nur noch Gott sehe«, sagt er. »Ich bin nicht mehr der Five Percenter, der ich als Jugendlicher war. Ich habe mich weiterentwickelt und gelernt, alle Menschen gleichermaßen zu respektieren. Mich interessiert nicht, welche Hautfarbe ein Mensch hat oder was seine sexuelle Orientierung ist. Ich gehe mit Menschen so um, wie ich möchte, dass man auch mit mir umgeht. Das ist die goldene Regel. Für mich gibt es keinen Teufel mehr. Wenn Allah alles ist, wo kann da noch Platz für den Teufel sein? Er muss ein Trugschluss sein. In Wahrheit ist der Teufel eine Illusion.«

Doch das macht die Five Percent Nation für Khalik Allah nicht obsolet. »Der wichtigste Zweck der Five Percent Nation besteht darin, die Geisteshaltung der Schwarzen weiterzuentwickeln. Es geht darum, dem schwarzen Menschen Knowledge of Self zu vermitteln und ihn aufzuwecken. Nicht nur den Schwarzen, sondern alle Menschen. Es geht darum, klarzumachen, dass es in uns allen eine göttliche Energie gibt. Dies zu erkennen, kann unsere Lebensumstände verbessern. Der Five Percent Nation geht es darum, die Unzivilisierten zu zivilisieren. Sieh dich doch um in der Welt: Überall herrscht Barbarei. Der Nation geht es darum, ein höheres Bewusstsein für unseren Planeten zu entwickeln.«

Gleichwohl habe sich die Five Percent Nation in den vergangenen Jahren verändert, räumt Khalik Allah ein. Während man früher an jeder Straßenecke von Harlem Götter antreffen konnte, würde sich heute vieles nur noch im Internet abspielen, wo viel geredet, aber kaum gehandelt werde. Das spiegele sich auch in der Allah School in Mecca wider, wo im Vergleich zu früher nur noch wenige und dann meist ältere Götter anzutreffen seien. »Aber ich möchte nichts Schlechtes über meine Nation sagen. Ich liebe sie. Wir haben das tiefste psychologische Verständnis überhaupt. Aber wir müssen uns auch weiterentwickeln. Und als einer der jüngeren Brüder habe ich das Gefühl, dass das meine Aufgabe ist. Alles, was ich über die Nation sage, ist meiner Verantwortung für Veränderung geschuldet.«

Auch das Fazit von Allah B zu 50 Jahre Five Percent Nation fällt nicht nur positiv aus. Auf der einen Seite stehe seine Nation für Aufklärung, Charakterbildung, Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Kameradschaft, »aber seit etwa 20 Jahren gibt es auch viel Nabelschau, Entzweiung und einen Mangel an Zusammenhalt. Dabei war der Zusammenhalt immer die große Stärke unserer Nation – als Gegenstück zur Teufelslehre ›Teile und herrsche‹. Wir hatten das lange im Griff, aber es scheint, als würden wir sowohl von innen als auch von außen infiltriert werden«, sagt Allah B und klingt besorgt.

Aber jetzt soll erstmal Einheit demonstriert werden. Anfang Oktober feierte die Five Percent Nation ihr 50. Jubiläum. Am 4. Oktober fand im legendären Apollo Theater in Harlem ein großes HipHop-Tribute-Konzert statt. Gespielt haben dort Busta Rhymes, Big Daddy Kane, Brand Nubian, Papoose, MC Sha-Rock, Freedom Williams und DJ Kay Slay – moderiert von Five-Percenter-Queen Erykah Badu.

Auch Jay Z soll eingeladen gewesen sein. Inzwischen ist er übrigens nicht mehr in Besitz der Kette mit der Universal Flag. Im Juli übergab er sie auf der Bühne des »Brooklyn Hip-Hop-Festivals« an Jay Electronica mit den Worten: »Peace to the God!« Bereits im März war ihr gemeinsamer Track »We Made It« erschienen, in dem die beiden Jays sowohl auf die Five Percent Nation als auch auf die Nation of Islam anspielen. Dass Jay Electronica auf dem Festival in der Uniform der Fruit of Islam, der Schutzgarde der Nation of Islam, auftrat, sorgte für zusätzliche Verwirrung. Fest steht nur, was Jay Electronica 50 Jahre nach Gründung der Five Percent Nation in »We Made It« rappt: »God tribe of Shabazz stylin‘ on the record«. Nach wie vor.

  • frostbertreynolds

    guter artikel. danke für euer gegengewicht in der deutschsprachigen hip hop medienszene, die sich selten abseits der gerade aktuellen promopfade bewegt.

  • emil

    Ich schließe mich meinem Vorredner an…super Artikel. Es ist sehr gut, dass sich hier ernsthaft mit HipHop beschäftigt. Bitte mehr davon

  • Schwerpunk

    Welch eine Schande: Habe es jetzt erst entdeckt und gelesen. Erneut gilt: Das ist Content erster Güte, werte Herren! Wunderbar geschrieben und enthusiastisch recherchiert – ich hatte beim Lesen gleich mehrere Aha-Erlebnisse auf einmal.

    Herzlichen Dank!