Rap und Verschwörungstheorien

Deutschrap und seine Vorliebe für Verschwörungstheorien sind aktuell in aller Munde. Flache Erde, Aliens und Pyramiden – alles hat mittlerweile seinen Platz in diversen Videointerviews. Doch wie konnte es so weit kommen? ALL GOOD-Autor Mathias Liegmal hat nachgezeichnet, wie sich derlei Theorien Schritt für Schritt in der Szene verbreitet haben.

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Einen gewissen Faible für Verschwörungstheorien hatte Deutschrap schon immer. So existieren beispielsweise Songs von Cr7z oder Nate57, in denen sie die Ansicht vertreten, geheime Hintermänner würden nahezu unbemerkt – nur einige eingeweihte Rapper scheinen zur Wahrheit vorgedrungen zu sein – die Fäden ziehen und das politische Geschehen auf der ganzen Welt steuern. Gzuz wiederum bemitleidet alle Menschen, die den Medien noch trauen. Xavier Naidoo wiederum glaubt weder Wissenschaftlern noch Ärzten, wie er dem Musikexpress bereits 1999 in einem aufschlussreichen Interview zu Protokoll gab. Darin vertrat er zudem die Meining, dass Amerika Babylon sei und dass es erwiesen ansah, dass Armageddon im Jahr 1992 begonnen habe, weshalb der Untergang – ebenso wie der entscheidende Kampf zwischen Christentum und Islam – unmittelbar bevorstünde. Diese Ansichten würde er so vehement verteidigen, dass er notfalls seine eigene Mutter verstoßen würde. Es ist ihm also ernst.



Angesichts solcher Aussagen und Inhalte liegt die Frage nahe, weshalb Verschwörungstheorien im Deutschrap erst jetzt in den Fokus geraten. Über die genauen Ursachen kann jedoch nur spekuliert werden. Möglicherweise sah man damals – Brothers Keepers und 3p hin oder her – Naidoo einfach nicht als Teil der Szene an. Möglicherweise tat man diverse Lines als ästhetisches Stilmittel ab, das nicht wortwörtlich zu nehmen sei. Gründe hierfür gab es durchaus. Man denke nur an »Keine Liebe« von Prinz Porno, wo dieser absurde Thesen wie »Adolf Hitler seine UFOs kontrollieren die USA / Bill Gates ist nur ein Klon von Pablo Escobar« vom Stapel ließ. Problematisch war dies aufgrund der klar erkennbaren Überzeichnung jedoch nicht. Auch Samy Deluxe‘ Nebenprojekt Herr Sorge widmete sich dem Themenkomplex vor allem wegen seiner Ästhetik – und vermutlich wegen der Tatsache, dass »Verschwörungstheorien mit schönen Melodien« einfach einen coolen Albumtitel abgibt. Schon allein aufgrund der bunten Hutmacher-Aufmachung war von vorherein klar, dass dies hier nicht für bare Münze zu nehmen ist.



2019 jedoch kann niemand mehr die Augen davor verschließen, dass teilweise gefährliches Gedankengut die Deutschrap-Szene unterwandert hat. Eine erste Zäsur bildete dabei die Dokumentation »Zeitgeist«, die den 11. September mit dem Christentum und dem Bankenwesen verwob und das Misstrauen gegenüber vermeintlichen sicheren Fakten und Erzählungen massentauglich machte. Die Doku sähte damit einen Samen aus, der langsam, aber kontinuierlich zu einer Schlingpflanze heranwuchs, die in der Lage war, sämtliche Gegenargumente für sich zu vereinnahmen.



Vor diesem Hintergrund sind beispielsweise Massivs Behauptung, beim Anschlag auf das WTC seien auffällig viele Juden nicht zur Arbeit in den Twin Towers erschienen, sowie Haftbefehls Hinweise auf die sogenannte »Rothschild-Theorie« zu sehen – eine Theorie, nach der die Weltwirtschaft von einer jüdischen Bänkersfamilie gelenkt wird. Beide Aussagen wurden scharf kritisiert, beide Rapper haben sich im Nachhinein mehr oder weniger davon distanziert. Die Sensibilisierung für derlei Tendenzen hatte zwischenzeitlich offenbar zugenommen, doch tat dies der Verbreitung von Verschwörungstheorie indes keinen Abbruch.



So bezweifelt Fler beispielsweise öffentlich, dass die Erde rund sei. PA Sports und Sido meinen, dass Pyramiden von Aliens gebaut wurden. Olexesh glaubt an die Existenz von Echsenmenschen, die in einer menschlichen Hülle verkleidet als Bodyguards von Barack Obama unterwegs sind. Brutos Brutaloz denkt, dass Plastikflaschen vor allem deshalb östrogenähnliche Stoffe beinhalten, damit die Menschheit gezielt verweiblicht wird. Und Kollegah verteidigt die Existenz von Chemtrails ebenso vehement, wie er immer wieder auf den sogenannten »Pizzagate« aufmerksam macht, demzufolge Hillary Clinton Teil eines Kinderpornoringes sei, der sich im Keller einer Pizzeria organisiert.



Nahezu jedes Interview, das der Fitness-Blogger Leon Lovelock mit einem Rapper führt, hält aktuell neues Material für diese Liste an Absurditäten bereit. Dass besonders Rapper anfällig für Verschwörungstheorien waren und sind, liegt dabei schon in der HipHop-Kultur selbst begründet. Schließlich gehört es seit jeher zum innersten Kern der Kultur, dass sich hier vor allem Unterdrückte und Benachteiligte versammeln, austauschen und gegen ihre Unterdrücker auflehnen.



Dass man dabei den etablierten Autoritäten, Institutionen und Strukturen grundsätzlich skeptisch gegenüber steht, liegt in der Natur der Sache, hatten diese doch schließlich den Status Quo zu verantworten und waren offensichtlich bemüht, ihn in dieser Form auch weiterhin aufrechtzuerhalten. Wer die dunklen Seiten von Berlin oder Frankfurt kennt, wer jahrelang an der Armutsgrenze gelebt und systematische Ausgrenzung erfahren hat, immer wieder von oben herab behandelt wurde und sich trotz aller Bemühungen zu den Verlierern der Ellenbogengesellschaft zählen musste – der hat gute Gründe dafür, an die eine oder andere Verschwörung zu glauben.



Nun war Rap schon immer großartig darin, die Missstände unserer Gesellschaft zu erörtern. Schlecht hingegen war er darin, die dazugehörigen Gründe zu analysieren und passende Lösungsansätze zu entwickeln. Bisher konnte man dies bis zu einem gewissen Punkt immer damit begründen, dass ein dreiminütiger Song eben nicht ausreichend sei, um so komplexe Sachverhalte angemessen behandeln zu können. Vereinfachungen waren angesichts des Mediums also unerlässlich, wenn man keinen zwanzigminütigen Song machen wollte. Auch diese Argumentation mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Verschwörungstheorien lange Zeit weitgehend unkommentiert verbreitet werden konnten.



Die aktuelle Entwicklung ist jedoch keine Frage des Mediums Musik mehr. Verschwörungstheorien werden von Rappern vor allem auch fernab von ihren Songs verbreitet – in ausschweifenden YouTube-Blogs und -Interviews, die teilweise Stunden dauern und Viewzahlen im sechsstelligen Bereich haben. Auch entsprechende Tweets und Facebook-Posts gehören mittlerweile fest dazu. Und schaut man sich die neuesten Business-Pläne eines Kollegah genauer an, so scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis er sein in Teilen äußerst fragwürdiges Gedankengut auch in hochbezahlten Seminaren und Vorträgen zum Besten gibt.



Dabei spielt ihm direkt in die Karten, dass Deutschrap über Dekaden hinweg nicht müde wurde, auf die Mainstream-Medien einzudreschen. Zu viele Artikel und Fernsehbeiträge sind erschienen, die Rap als Sündenbock für gesellschaftliche Fehlentwicklungen benutzen oder ihn zumindest relativ unreflektiert und einseitig betrachten wollten. Auch die hiesigen Rap-Medien waren an diesem Bashing nicht gerade selten beteiligt. Und auch wenn diese Kritik meist berechtig gewesen sein mag, so trug sie doch immer auch zur Verfestigung der Meinung bei, dass man etablierten Medien nicht trauen kann. Die Schlussfolgerung, dass dies nicht nur für Rap, sondern auch für allerlei andere, wenn nicht gar sämtliche Themenfelder gilt, ist da nur noch ein Katzensprung. Da verwundert es dann auch nicht, wenn Juju im Gespräch mit Leon Lovelock »die Medien« kurzerhand allesamt über einen Kamm schert, obwohl sie kurz zuvor noch selbst darauf hingewiesen hat, dass man differenzieren müsse.



Die Autoplay-Funktion und die Empfehlungsalgorithmen tun bei einer solchen Einstellung anschließend ihr übriges – die nächste fragwürdige Pyramiden-Doku ist nur einen Klick weit entfernt. Erst kürzlich wurde bekannt, dass YouTube bewusst Mechanismen abgelehnt hat, die die Verbreitung von Verschwörungstheorien auf der Plattform verhindert hätten. Dabei wäre es weniger um Zensur als viel mehr um das Verhindern von hetzerischen Inhalten gegangen, da ein Großteil der Verschwörungstheorien – insbesondere jene, die von geheimen Logen, Bilderberg-Treffen und Co. handeln – auf einem strukturellen Antisemitismus basieren.

Auch »Pizzagate« oder die Behauptungen des US-Amerikaners Alex Johnes zeigen deutlich, dass Verschwörungstheorien gefährliche, reale Konsequenzen haben können. Doch Klicks stehen hier allem Anschein nach über dem eigenen Verantwortungsbewusstsein. So nutzt mittlerweile auch Leon Lovelock die gewonnene Aufmerksamkeit und hat nun auch ein erstes Video veröffentlicht, das komplett ohne Rapper oder Fitness-Themen auskommt, sondern sich vollständig den Verschwörungstheorien widmet.



Natürlich sind eine skeptische Grundhaltung und kritisches Denken nicht per se verwerflich, sondern Errungenschaften der Aufklärung, die wir unbedingt beibehalten sollten. Man kann man die Wissenschaften durchaus dahingehend kritisieren, dass sie niemals endgültige Wahrheiten zu Tage befördert, ebenso wie man eine Demokratie dafür kritisieren kann, dass sie niemals gänzlich frei von Korruption, Lobbyismus und zwanghafter Machterhaltung ist. Doch bedeutet kritisches Denken eben nicht, sich partout gegen die vorherrschende Meinung zu einem Thema zu stellen und sich immer automatisch jenen Alternativen zuzuwenden, die so weit wie möglich vom Mainstream abweichen.



Nicht immer ist die landläufige Meinung falsch – genauso wenig, wie sie immer richtig ist. Eine kritische Grundhaltung bedeutet vor allem, sich nicht nur wilde Behauptungen um die Ohren zu werfen oder sich etwas »zusammenzureimen«, wie es Kollegah kürzlich in einem sehr fragwürdigen Interview – welches hier bewusst nicht verlinkt ist – beschrieb. Es bedeutet, Behauptungen auch auf ihre Argumente und Belege hin zu überprüfen. Sich zu fragen, wer denn beispielsweise überhaupt ein Interesse daran haben sollte, eine flache Erde zu vertuschen, und wie dieses Interesse genau aussehen soll. Und eine solche Behauptung nicht einfach nur mit »Krass, Bruder« zu kommentieren, wie es Leon Lovelock tut.



Vor diesem Hintergrund sollten Verschwörungstheorien vor allem an der Wurzel bekämpft werden. Soziale Ungleichheit befördert die Verbreitung von Verschwörungstheorien maßgeblich. Rap, der sich als Sprachrohr der sozial Benachteiligten versteht, ist daher besonders anfällig dafür. Zugespitzt wird diese Entwicklung zusätzlich dadurch, dass Rapper den Umgang mit sozialen Medien mittlerweile aus dem Effeff beherrschen – im Gegensatz zu etablierten Parteien, wie die jüngsten Ereignisse um den YouTuber Rezo zeigen. Verschwörungstheorien werden auf diese Weise für Jugendliche besonders attraktiv präsentiert und leicht konsumierbar gemacht. Mit Musik hat all das nicht mehr viel zu tun.