J Dilla King of the Beats

Wenige Monate nach dem Tod des zum Helden gewordenen Produzenten J Dilla verfasste Stephan Szillus für das mittlerweile eingestellte »HHV«-Printmagazin einen zurückhaltenden, dennoch bewegenden Nachruf auf James DeWitt Yancey aus Detroit. Anlässlich seines neunten Todestags veröffentlichen wir den Artikel wieder. Am 7. Februar 2015 wäre Dilla 41 Jahre alt geworden.

JDilla_HHV

Düsseldorf, 4.12.2005. Im »Unique«-Club hatten sich ein paar hundert Jünger zur Messe versammelt. »Du weißt ja, worum es heute Abend geht«, hatte Dank mir wenige Stunden vor dem Konzert mit ernster Stimme zugeraunt. Ich wusste, dass sich der todkranke James Yancey auf seiner letzten Tournee befand. Und trotz des Schocks, der sich bei den Fans angesichts ihres abgemagerten, im Rollstuhl sitzenden Helden breit machte, ließen sie ihn spüren, wie sehr sie ihn liebten und respektierten. Ein besonders leidenschaftlicher Bewunderer hatte sich sogar ein T-Shirt mit dem Schriftzug »J Dilla changed my life« bedrucken lassen. Nach der Show stand ich paralysiert an der Bar, als ich über die Schulter blickte und sah, wie Dilla von seiner Mutter nach draußen geschoben wurde. Ein Mundschutz verdeckte sein Gesicht, er blickte starr nach vorn. Eine Gasse wurde gebildet, kurz darauf schloss sich die Clubtür hinter ihm.

Hamburg, 11.2.2006. Am späten Abend erhielt ich eine SMS mit drei einfachen Worten, deren Bedeutung ich dennoch nicht verstand. »Dilla ist gestorben.« Drei Tage zuvor hatte er seinen 32. Geburtstag gefeiert, am selben Tag war sein Instrumentalalbum »Donuts« bei Stones Throw erschienen. Dennoch kam die Nachricht nicht sonderlich überraschend. Lange hatte er das Ausmaß seiner Krankheit heruntergespielt. Erst jetzt wurde bekannt, dass bei ihm schon im Januar 2002 nach einem Zusammenbruch eine unheilbare Blutkrankheit diagnostiziert worden war, die sein Immunsystem immens beschädigt hatte und massive Nieren- und Herzprobleme zur Folge hatte. Später musste er sich dreimal wöchentlich einer schmerzvollen Dialysebehandlung unterziehen und verbrachte die letzten Jahre seines Lebens mehr oder weniger im Krankenhaus. In den Monaten nach seinem Tod wurde viel über den Menschen James Yancey geschrieben. Fest steht danach vor allem: An der glitzernden Fassade der Musikindustrie hegte er keinerlei Interesse. Statussymbole waren ihm zwar nicht komplett unwichtig, denn wie viele seiner Freunde aus dem Detroiter Stadtteil Conant Gardens pflegte er durchaus ein Faible für Chromfelgen und Goldschmuck. Doch das Herz des Vollblutmusikers gehörte der Straße und dem Untergrund.

Joseph »Amp« Fiddler, der heute weit über 50-jährige Songwriter und ehemalige Parliament-Keyboarder, erzählte mir einmal im Gespräch, wie er den jungen Dilla Anfang der Neunziger kennen gelernt hatte. »Mann, ich weiß noch, wie er damals zum ersten Mal in mein Haus kam«, seufzte er. »Er hatte Beats aus einfachen Pause-Loops auf Kassetten dabei, und ich zeigte ihm meine MPC.« In Fiddlers Heimstudio »Camp Amp« auf der 7 Mile erlernte Dilla das Handwerk des Sample-Choppens. »Außerdem gewährte ich ihm Zugang zu meiner riesigen Jazz-Plattensammlung«, so Fiddler. Erste Ergebnisse dieser Sessions fanden sich auf den Maxis wieder, die Dilla mit seiner Gruppe 1st Down auf Payday veröffentlichte. Um ihn hatte sich eine Crew aus Gleichgesinnten geschart, mit denen er im Laufe seiner Karriere immer wieder zusammenarbeiten würde: T3 und Baatin, mit denen er Slum Village gründete. DJ Houseshoes, DJ Dez und Frank-N-Dank, die ihre Karriere als Tänzer begannen und später von Dilla produziert wurden. Phat Kat und Dillas Cousin Que-D, die haufenweise Beats von ihm bekamen, obwohl er längst genug Ruhm hatte, um sie für teures Geld an x-beliebige Majorkünstler zu verticken. Waajeed, der von Dilla seine erste MPC geschenkt bekam und später selbst zu einem wichtigen Architekten des Detroit-Sounds wurde. Und nicht zuletzt Young RJ und Black Milk, die von ihm in die Geheimnisse der Samplingkunst eingeweiht wurden und sein Erbe später weitertrugen.

Doch zunächst war Dilla ausgezogen, um die Welt zu erobern. Amp Fiddler hatte seinem Freund Q-Tip von einem jungen talentierten Produzenten aus Detroit berichtet. Der zeigte sich spontan begeistert von Dillas Beat-Tape, und kurz darauf fanden erste Produktionen den Weg auf Alben von The Pharcyde, De La Soul und Busta Rhymes. Zeitgleich hatte Dilla mit seinen Detroiter Freunden an einem ersten Slum-Village-Album gearbeitet, das 1996 unter dem Titel »Fan-Tas-Tic Vol. 1« auf Kassette erschien und diesen ganzen eingefahrenen Mikrokosmos namens HipHop am Kragen packte und gehörig durchschüttelte. Der Detroiter Pate hatte die Beatwissenschaft auf ein neues Level gehoben. Spätere Global Player wie Kanye West und Pharrell Williams erstarrten ehrfürchtig angesichts der kunstvoll verwobenen Samples und organisch synkopierten Drumpatterns. Ahmir »?uestlove« Thompson erinnert sich auch immer wieder gerne daran, wie Q-Tip ihm eines nachts komplett euphorisiert den »Fan-Tas-Tic«-Interlude über das Telefon vorspielte.

Gemeinsam mit Tip und Ali Shaheed Muhammad arbeitete Dilla unter dem Kollektivnamen »The Ummah« an den beiden folgenden ATCQ-Alben »Beats, Rhymes & Life« und »The Love Movement«. Über sie lernte er andere Künstler wie die Roots, Erykah Badu, Common und D’Angelo kennen. Nach der Trennung des Tribes arbeitete Dilla an Tips Soloalbum »Amplified«, an Commons »Like Water For Chocolate« und an D’Angelos NeoSoul-Klassiker »Voodoo«. Ein zweites Slum-Village-Album namens »Fan-Tas-Tic Vol. 2« erschien im Jahr 2000, doch Dilla verstand sich inzwischen weniger als Teil einer Gruppe denn als Universalmusiker. Ein neues Kollektiv namens The Soulquarians hatte sich aus ?uestlove, James Poyser, Dilla und D’Angelo gebildet und eine Heimstatt in Jimi Hendrix’ ehemaligem Electric Ladyland-Studio in Manhattan gefunden. Künstler und Produzenten hingen dort ab, schauten sich gemeinsam Konzertfilme aus den Siebzigern an und verschwendeten beispielsweise die Arbeit mehrerer Tage darauf, einen ganz bestimmten Snare-Sound zu erzeugen. Die experimentelle Stimmung gipfelte schließlich in Commons »Electric Circus«-Album, das seiner Zeit so sehr voraus war, dass es von Kritik und Fans hart gescholten wurde. In seinem letzten Interview mit dem Magazin »Scratch« sagte Dilla: »Es ist ziemlich hart, diese Reviews zu lesen und zu merken, dass sie diesen Scheiß nicht verstehen.«

Sicher hatte auch die fortschreitende Krankheit einen Anteil daran, dass er sich nach 2002 immer stärker aus der Öffentlichkeit zurückzog. Das Rampenlicht gefiel ihm aber ohnehin nicht, das Geschäft war für ihn immer Nebensache gewesen – sein Fokus war allein auf die Kunst gerichtet. Just Blaze fragte ihn in dieser Zeit für verschiedene Majorprojekte an, doch Dilla sagte mit der Begründung ab, er müsse jetzt erst mal Aufnahmen mit befreundeten Künstlern wie Frank-N-Dank oder Phat Kat fertig stellen; seine Prioritäten richteten sich nicht nach finanziellen Möglichkeiten. Schließlich kam eine folgenreiche Verbindung nach Los Angeles zustande: Peanutbutter Wolf von Stones Throw Records brachte ihn in Kontakt mit Madlib, der bald zu seinen engsten Freunden zählte und mit dem er das Kollabo-Album »Champion Sound« aufnahm. Im Frühjahr 2004, als sich die Krankheit immer stärker bemerkbar machte, fragte ihn sein guter Freund Common, ob er mit ihm eine gemeinsame Wohnung in L.A. beziehen wolle. Für Dilla bedeutete diese Wohngemeinschaft Ruhe und Frieden, die Stones-Throw-Posse wurde zu seiner zweiten Familie. Sein Arbeitsrhythmus wurde langsamer, die Krankenhausaufenthalte länger. Im November rief er seine Mutter an und bat sie, auf unbestimmte Zeit zu ihm zu kommen.

Madlib und Peanutbutter Wolf brachten ihm eine portable MPC und einen Haufen schwarzes Gold ins Krankenhaus. Trotz höllischer Schmerzen arbeitete er in seinen letzten Lebensmonaten an Projekten wie dem »Donuts«-Album für Stones Throw und dem »The Shining«-Album für BBE, das sein Freund Karriem Riggins später vollenden sollte. Zwei Instrumentals von »Donuts« – darunter eines, das er wissentlich mit »One For Ghost« betitelt hatte – würde Ghostface Killah auf seinem »Fishscale«-Album verwenden. An seinem 31. Geburtstag kam DJ Houseshoes zu Besuch und überbrachte 35 Glückwunschnachrichten aus Detroit. Dilla, der seine Krankheit auch gegenüber Freunden generell herunterspielte, begann in diesem Moment hemmungslos zu weinen. Seine Ruhephasen nutzte er zu spirituellen und religiösen Studien, die ihm offenbar den Abschied vom Leben erleichtern sollten. Mit seinem Schicksal schien er sich arrangiert zu haben, als er im Herbst beschloss, seine Fans ein letztes Mal zu sehen. Nach seiner Rückkehr verbrachte er seinen ersten Geburtstag seit Jahren nicht im Krankenhaus, sondern zu Hause. Drei Tage später fand seine Mutter ihren Sohn auf der Couch. Er war eingeschlafen.

In Erinnerung an James DeWitt Yancey, 1974-2006.

  • ich

    wie findet ihr eigentlich afghaner?