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Ist »It Was Written« das bessere »Illmatic«?

Es gibt unumstößliche Wahrheiten im HipHop. Sie werden nicht hinterfragt. Grand Wizard Theodore hat als Erster gescratcht, The Roots sind die beste HipHop-Band der Welt, Quavo hat den Migos-Flow erfunden und: »Illmatic« ist das beste Debütalbum der Genre-Geschichte und Nas hat nie eine bessere Platte gemacht – auch nicht mit dem Nachfolger »It Was Written«. Aber ist das wirklich so? Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von »Illmatic« haben die ALL GOOD-Autoren Davide Bortot (Jahrgang ’79) und Anthony Obst (Baujahr ’89) diskutiert.

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  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 10:46 Uhr

    Rap ist wie Physik: Besonders einleuchtende Theorien entwickeln sich zu Gesetzen, die als unumstößlich gelten und sich als Grundwissen etablieren. Nichts wird jemals die Geschwindigkeit von Licht im Vakuum annehmen und nie wird ein Rap-Album besser als »Illmatic« gemacht werden. Für diese Einsicht braucht es im Rap zum Glück keinen Einstein.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 11:35 Uhr

    Oha. Wissenschaftstheorie gleich zum Einstieg, ja? Dazu nur folgendes:

    1. Rap ist nicht wie Physik. Rap ist eher so wie Musik.

    2. » […] die als unumstößlich gelten« – merkste selbst, ne? (@goldtrainjohn voice)

    3. Mit Naturgesetzen scheint mir das hier ohnehin wenig zu tun zu haben. Eher mit parareligiösem Fundamentalismus.

    P.S.: Wo wir hier schon beim Abzählen von Hülsenfrüchten sind: Die Frage scheint mir falsch gestellt. »It Was Written« ist natürlich auf gar keinen Fall das bessere »Illmatic«. Wenn überhaupt, ist es das deutlich schlechtere »Illmatic«. Und genau daher rührt die so weit verbreitete wie irrige Annahme, dass es auch schlechter sei als »Illmatic«. Ist es nämlich nicht. Es ist halt anders. Und dabei (sogar noch) besser.

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 12:14 Uhr

    Achso, »anders« ist es. Das klingt mir doch wiederum stark nach fundamentalem Relativismus.  Anders als »Illmatic« ist auch der Stuhlgang von Markus Lanz.

    Im Gegensatz zu Letzterem hat »Illmatic« aber einen ewigen Meilenstein dafür gesetzt, was man auf einem Rap-Album erzählen kann und vor allem wie man es erzählen kann. In 40 Minuten hat noch nie jemand so wenige Silben verschenkt, wie Nas auf »Illmatic«. Das ist gerappte Optimierung – wobei wir dann wieder bei den Naturwissenschaften wären.

    Das mit dem subjektiven »besser« im Bezug auf »It Was Written« musst du jetzt aber erstmal erklären.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 12:52 Uhr

    Ja, »Illmatic« ist ein Meilenstein. Und es hat tatsächlich eine neue Erzählform im Rap etabliert. Aber das hat »It Was Written« auch. 

    Das Album ist – neben vielem anderen – auch ein Lehrstück, wie man sich als Rapper von den Zwängen eines autobiografisch gefärbten Debüts lösen und sich als Künstler, als Musiker weiterentwickeln kann. Das ist in dieser Konsequenz vor »It Was Written« noch keinem Rapper gelungen – das klassische Debüt mit einem Vibe und einem Thema schon. Wenn man die Alben also vergleichen muss, ist »It Was Written« für mich alleine deshalb die größere Leistung. 

    Außerdem ist es, zumindest in meinem iTunes, besser gealtert. Liegt vielleicht an meinem Altherren-ADHS, aber ich könnte mir »It Was Written« noch heute fast täglich geben. »Illmatic« eher nicht.

    Was dieses ganze Verknappungs-Ding angeht: Das halte ich ganz allgemein für überbewertet. Das ist doch erst nachträglich mit den sprichwörtlichen Flutwellen von Sondermüllträgern und der Internet-Inkontinenz des LTE-Zeitalters aufgekommen. (Interessante Nebenüberlegung: Hat sich das Problem mit der digitalen Revolution nicht eigentlich sogar eher erledigt als vergrößert?) Ich glaube nicht, dass das damals wirklich ein Thema war. Wahrscheinlich hatten der Premo und der Pete Rock halt einfach keine Beats mehr über.

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 14:24 Uhr

    Der Alterungsprozess beider Alben ist ein guter Punkt. Mein erster Kontakt mit Nas war »If I Ruled The World«. Das kann man auch als Siebenjähriger ansatzweise verstehen und fresh finden. Bei »Illmatic« ist das schwieriger, weil das natürlich stark im klassischen, Mittneunziger-Eastcoast-Sound der Zeit verankert ist. So ist das aber auch bei »It Was Written« und seinem Escobar/Mafioso-Sound. Insofern stellt sich hier eine Geschmacksfrage.

    Dass »Illmatic« sich aber als Archetyp des klassischen, Mittneunziger-Eastcoast-Sounds etabliert hat, spricht für seine Qualität und Bedeutung über Geschmacksgrenzen hinaus. Dieses ganze Firm-Ding hat Nas doch nur gemacht, weil er »Only Built 4 Cuban Linx« so geil fand.

    Und dass die Produzenten bei »Illmatic« keine Beats mehr über hatten, ist natürlich Quatsch. Ein weiterer Grund, warum das Album so besonders ist: Da treffen vier der größten Produzenten aller Zeiten auf dem Höhepunkt ihres Könnens zusammen – und begeben sich in einen Wettkampf, weil sie schon vorher erahnen, was für einen Stellenwert gerade dieses Debütalbum entfalten wird. Da sind erstklassige Premier-Beats auf der Strecke geblieben. Large Pro und Pete Rock haben x-mal an ihren Versionen rumgeschraubt. Und die Q-Tip Geschichte kennste ja, ne? 

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 14:52 Uhr

    Die Geschmacksfrage. Da hast du vermutlich Recht. Mir gefällt »It Was Written« einfach besser. 

    ABER.

    Mich stört dieses vermeintliche apriorische Herrschaftswissen, das besagt: »Illmatic« > »It Was Written«  Dich nehme ich da explizit aus, weil du (a) über das Zweite zum Ersten gekommen und damit über diesen Anfangsverdacht erhaben bist, und weil du (b) ja auch sonst viel zu integer und schlau bist, um dich um Herrschaftswissen zu scheren. Aber nichtsdestotrotz fand ich die Absolutheit deines Einstiegsposts bezeichnend für eine bestimmte Geisteshaltung. Klar, das ist das Format. Aber es gibt halt genug Leute, die das sogar noch ernster meinen als es sich bei dir liest – und damit automatisch »It Was Written« abwatschen, ohne ihm je eine echte Chance gegeben zu haben.

    Versteh mich nicht falsch – ich bin der letzte, der hier die Fahne für »objektive Bewertungen« schwänge. Aber »It Was Written« ist das am sträflichsten unterschätzte Album der HipHop-Geschichte, vielleicht neben »Wu-Tang Forever«.

    Das »Cuban Linx«-Argument sehe ich wegen grober Wettbewerbsverzerrung als gestrichen an. Falls es da Meinungsverschiedenheiten geben sollte, hole ich meine Kumpels Shawn, Terrence und Quincey.

    Übrigens schon mal überlegt, wie lange Havoc wohl an »The Set Up« saß, bis sich das auf so eine geil eingängige Weise asozial angehört hat? 

    Okay, wahrscheinlich sechs Minuten. Und das ist auch gut so.

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 16:33 Uhr

    Von Herrschaftswissen halte ich nichts. Aber ich halte den Satz »Illmatic ist das perfekte Rap-Album« für ein Gesetz, dass es erstmal noch zu widerlegen gilt. »It Was Written« deswegen abzuwatschen ist natürlich Unsinn. Nas hat noch ein paar andere Alben auf dem Buckel, die oft viel mehr Hatorade-Duschen abbekommen, als sie es verdienen. »I Am« steht für mich auf der Kippe zum Klassiker und »Nastradamus« halte ich für stärker, als alles, was er nach »God’s Son« gemacht hat.

    Auch dieses Phänomen lässt sich meiner Meinung nach direkt von »Illmatic« ableiten – und von der Wucht, die dieses Album wirkungshistorisch entfaltet hat. Klar muss sich ein Künstler immer an seinem Meisterwerk messen lassen. Aber bei Nas ist dieses Meisterwerk eben so unantastbar, dass ein »Blueprint« für ihn nie möglich war.

    Ich betone deswegen die Wirkungsgeschichte, weil diese sich bei »Illmatic« nie komplett von der quasi-objektiven Qualität des Albums lösen lässt. Ein Mythos wurde geschaffen, den sich seither die Realkeeper als Distinktionsmerkmal auf die Fahne schreiben können und mit dem ich in meinem Einstiegspost auch bewusst ein wenig spiele. Nur ist dieser Mythos eben auch in einer Realität begründet, in der es an »Illmatic« nichts geschmacksunabhängiges auszusetzen gibt.

    »The Set Up« ist super, klar. Aber Havoc (wie wir ihn kennen) hätte es ohne »Illmatic« auch nie gegeben.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 19:31 Uhr

    Klar, Nas hat sich mit »Illmatic« königlich selbst gebumst. Wenn er 1996 »Reasonable Doubt« aufgenommen hätte, hätte er ebenso auf die Fresse bekommen. Und gerade deswegen halte ich für wichtig, darauf hinzuweisen, dass »It Was Written« besser ist als alles, was er danach gemacht hat (inklusive »God’s Son«, obwohl ich damals durchaus für ein paar Wochen anderer Meinung war) – und vielleicht eben auch besser als »Illmatic«.

    Kumma: »Illmatic« ist richtig krass, fünf Mics, sechs Kronen, all das. »It Was Written« ist auch richtig krass, auch fünf Mics, auch sechs Kronen, und so weiter. Dabei ist es weder »Wu-Tang Forever« noch »Blueprint«, keine musikalische Neuerfindung und kein bewusstes Statement. Es ist – genau wie »Illmatic« – das Produkt seiner Zeit und seiner Umgebung. Es ist nicht so stringent, aber dafür abwechslungsreicher. Es hat ein paar mehr Ausfälle, aber dafür noch stärkere Einzelsongs. Es hat mehr Features, aber dafür auch mehr Features. Und auf seine eigene, unausgesprochene Art ist es sogar noch einflussreicher gewesen. »Illmatic« mag das Musterbeispiel für den klassischen, reduzierten Mittneunziger-Eastcoast-Sound sein. Aber es ist weder die originale Blaupause für diesen Style, noch hat es besonders lange nachgehallt. Der »Illmatic«-Sound war schon wenig später de facto tot, zumindest in New York. »It Was Written« dagegen war auf eine geile Weise Pop, bevor Biggie, Jay Z oder Outkast es waren – und hat damit vieles vorweggenommen, was noch heute komplett selbstverständlich ist.

    Außerdem: Jetzt setz dir halt mal Kopfhörer auf, pack dich nachts mit Sonnenbrille auf die Rückbank eines Taxis und dreh »Take It In Blood« bis zum Anschlag auf!

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 19:44 Uhr

    »Illmatic« hallt doch immer noch nach – siehe Pro Era, siehe Ratking. Und inwiefern war »It Was Written«-Pop geiler als »Ready To Die«-Pop?

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 19:52 Uhr

    Pro Era, Ratking… klar, und nicht nur die. Aber das ist eine Retrowelle ganz anderer Art. Das ist 20 (!) Jahre her. Da liegen mal locker 6 Meta 90 dazwischen.

    »Ready To Die« halte ich für musikalisch näher an »Illmatic« als an »It Was Written«. Das waren halt auch 1994 schon unterschiedliche Charaktere. Aber die haben beide die Zeitenwende mitgemacht.

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 20:22 Uhr

    Klar ist das Retro und Welle und kein kontinuierlicher Strom seit ’94. Aber der Punkt ist doch, dass »Illmatic« sowas lostritt und »It Was Written« nun mal nicht. Es sei denn vielleicht, Kendrick arbeitet gerade an seinem »It Was Written«? Kann der das? Wie würde sich das anhören, wenn Kendrick Lamar ein »It Was Written« macht?

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 20:28 Uhr

    Wie »good kid, m.A.A.d city« vielleicht?

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 20:30 Uhr

    Ja, vielleicht. Aber »Section.80« ist kein »Illmatic«.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 20:33 Uhr

    Jetzt bin ich verwirrt. Habe ich das behauptet? Vielleicht bin ich aber auch einfach nur unkonzentriert, weil Leopoldseder gerade Money Boys erstaunlich fokussierten MC-Fitti-Diss geschickt hat.

    Hast du dich jetzt schon mit einer Sonnenbrille auf die Rückbank eines Taxis gesetzt?

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 20:38 Uhr

    Nee. »Illmatic«-Nas hätte nachts keine Sonnenbrille dabei. Und der ist immer noch mein Held.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 20:40 Uhr

    Okay, dann mal wirklich Real Talk jetzt: Warum genau ist er dein Held? Tatsächlich ernst gemeinte, interessierte Frage.

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 21:16 Uhr

    Weil er der weiseste Buddha Monk mit der krassesten Street Cred ist. Und weil er die Welt, in der er lebt, bis ins kleinste Detail zu beschreiben vermag und immer ein kleines bisschen klüger als sie ist.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 21:38 Uhr

    »Weil er die Welt, in der er lebt, bis ins kleinste Detail zu beschreiben vermag und immer ein kleines bisschen klüger als sie ist.«

    Das ist interessant. Da muss ich, glaub ich, eine Nacht drüber schlafen. Nur eine kurze Gegenfrage noch: Findest du, dass der Nas von »It Was Written« ein kleines bisschen dümmer ist als die Welt, in der er lebt?

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 21:44 Uhr

    Ich glaube der »It Was Written«-Nas kannte seine Welt einfach nur aus Filmen.

  • allgood_davidebortot
    • Davide Bortot
    • 15. April 2014
    • 21:47 Uhr

    Letzte Frage für heute: Gibt’s diese Welt nicht sogar eigentlich nur in Filmen?

  • allgood_anthonyobst
    • Anthony Obst
    • 15. April 2014
    • 22:21 Uhr

    Hoffen wir’s mal!

  • Chris

    Grad bei der Real Talk Rubrik und den vielleicht teilweise emotionalen Dialogen fänd ich ne Audiospur interessant. Nur so als Einwand. Ansonsten ganz nice…