Otto Waalkes Selbstbeweihräucherung par excellence

Die Geschichtsschreibung von Deutschrap ist nicht nur geprägt von Musikern, es gibt auch Moderatoren und Comedians, die man gemeinhin so gar nicht mit Rap in Verbindung bringen würde. Otto Waalkes, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, ist einer von ihnen. ALL GOOD-Autor Mathias Hansen hat sich mit dem Schaffen des Ostfriesen auseinandergesetzt.

Otto Waalkes

Die einen sagen, deutscher Rap habe mit Torch und Advanced Chemistry begonnen. Andere argumentieren, bereits Falco habe auf »Der Kommissar« doch wohl schon nachweislich gerappt. Von eben jenem Wiener ist wiederum die Aussage überliefert, seine Musik habe mit der HipHop-Kultur so gar nichts zu tun. Wiederum andere verweisen auf Thomas Gottschalk und »Rapper’s Deutsch«, wobei es sich hierbei lediglich um eine Coverversion handelt. Insofern gestaltet sich die Deutschrap-Geschichtsschreibung also erst einmal ein wenig kompliziert.

Im vergangenen Jahr war es dann wiederum Torch aka DJ Haitian Star, der einen weiteren Beitrag zur Dokumentation der Anfänge liefern sollte. Mit seiner Mixtape-Reihe »German 80’s HipHop« brachte der Heidelberger nun auch Nina Hagen, Kraftwerk und Peter Alexander mit ihren frühen Experimenten ins Gespräch. Ebenfalls vertreten: Otto Waalkes. Der Ostfriese definierte deutschen Humor wie kaum ein anderer, einzig Loriot und Heinz Erhardt landeten bei einer Wahl zum besten deutschen Komiker noch vor ihm. Doch wie steht es um sein musikalisches Vermächtnis?



In einem ungewöhnlich ernsten Interview mit der »Zeit« stellte Waalkes einst die Behauptung auf, er habe bereits gerappt, bevor man hierzulande überhaupt einen Begriff dafür gehabt habe – eine These, die überprüft werden will. An zu sichtendem Material mangelt es dabei nicht: Im Laufe seiner Karriere hat Waalkes mehr als ein Dutzend Tonträger veröffentlicht, allesamt auf seinem eigenen Label Rüssl Räckords. Was heutzutage wie ein cleverer wirtschaftlicher Schachzug anmutet, erwuchs seinerzeit aus einer Not heraus: Da die großen Plattenfirmen nur wenig bis kein Interesse an einer Veröffentlichung hatten, brachte der Emdener seine CDs kurzerhand selbst heraus. Die Erstauflage seines Debüts belief sich auf bescheidene 1.000 Exemplare. Klingt nicht diese Anekdote schon irgendwie nach HipHop?



Doch genug der Meta-Ebene – lassen wir die Musik sprechen. Immerhin wollte Waalkes ursprünglich Musiker und nicht Komiker werden, und auch als er sich später als Alleinunterhalter versuchte, blieb die Klampfe sein ständiger Begleiter. Eines der frühen Zeugnisse, die belegen, dass Waalkes auch für Rap-Musik von Beginn an ein offenes Ohr hatte, findet sich auf der CD »Hilfe, Otto kommt«. Es war 1983, nur ein Jahr nach »Der Kommissar« und zwei nach »Rapper’s Deutsch«, als Waalkes mit der Nummer »Otti’s Rap« auftrat – selbst komponiert, stilsicher vorgetragen, und vor allem: auf Deutsch.

Nach diversen Ausflügen in die Filmwelt legte Waalkes 1995 mit seinem neuen Programm »Otto Live!« weitere Rap-Stücke nach. Allen voran ist hier der »Wepper Rap« zu nennen, in dem er seine erste Begegnung mit der HipHop-Kultur beschreibt. Bereits 1973 verschlug es ihn nach Los Angeles, was nur folgerichtig ist, denn seine Komik importierte er anfangs vor allem aus den USA, allen voran von Jerry Lewis, während man in Deutschland den Begriff »Stand Up« zu dieser Zeit noch nie gehört hatte. Auch hierin liegt eine Parallele zur in Deutschland aufkommenden HipHop-Kultur.



Im »Wepper Rap« nun nimmt Waalkes die Rolle des konservativen Grünschnabels ein, der sich von den »Schlabbersachen« und der drastischen Wortwahl der »schwarzen Jungs« betont schockiert gibt und ihnen daher den hanebüchenen Tipp gibt, sich doch ein Beispiel an Fritz Wepper und Horst Tappert zu nehmen: »Es gibt nicht einen ›Derrick‹, in dem sein Anzug schlabbert!« Auch wenn die Erwähnung der beiden Krimi-Darsteller letztlich dem Reim geschuldet sein dürfte, so stehen diese doch gleichzeitig exemplarisch für das politische Klima, in dem Waalkes seinerzeit aufwuchs.

Dass er selbst keinerlei Probleme mit zu weiter Kleidung hat, beweisen die zahlreichen Awardverleihungen, zu denen er stets in Jogginghose erscheint. Auch die rebellische Ader der HipHop-Szene dürfte ihm keineswegs fremd gewesen sein: »Der kleinste gemeinsame Nenner meiner Generation war das Antiautoritäre«, schreibt er in seiner jüngst erschienenen Autobiografie »Kleinhirn an alle«. Schon seine Frisur habe die bürgerliche Mitte merklich aufgebracht: »Was heute durch und durch harmlos wirkt, wurde damals als Provokation begriffen.«



Zu den besagten Eigenproduktionen gesellten sich nach und nach zahlreiche Coverversionen, die sich allesamt in Waalkes‘ Repertoire an »Hänsel und Gretel«-Variationen ansiedeln. Falcos »Rock Me Amadeus« und natürlich »Der Kommissar«, Tic Tac Toes »Scheiße« und »Warum«, Jan Delays »Irgendwie, irgendwo, irgendwann« inklusive Denyo-Part, Fettes Brots »Emanuela« – alle wurden sie mit der Zeit neuinterpretiert. Neuere Auftritte lassen auch Sido und Cro nicht verschont. Seine Vorgehensweise sieht Waalkes nach eigener Aussage als eine Art Sampling an, wobei jede Verarbeitung fremder Texte oder Kompositionen einer Verneigung vor dem Originator gleichkommt.



Was dabei auffällt, ist die Leichtfüßigkeit, mit der Waalkes die verschiedenen Stile adaptiert. Während sich andere Comedians selbst nach der Jahrtausendwende noch eher krampfhaft an Rap-Einlagen versuchen und sich dabei meist recht steif und holprig durch den Beat ackern, hat Waalkes tatsächlich keinerlei Flow-Probleme. Auch reimtechnisch zeigte sich der Emdener übrigens schon immer durchaus virtuos: Bereits 1976 nahm er den 50-Zeiler »Hohes Gericht« in sein Programm auf, bei dem er eine Gerichtsverhandlung vollständig entlang von dreisilbigen Reimen auf die Wortgruppe »Last gelegt« nachstellt: »Mast gesägt«, »Ast gefegt«, »Hast bewegt« – und immer so weiter. Der Begriff des »Doppelreims« war zu dieser Zeit noch in weiter Ferne.



Mit »Dupscheck« hat Waalkes zudem ein Stück im Repertoire, das sich nicht nur als Hommage an die Comedian Harmonists, sondern auch als eine Anleihe an das Beatboxing hören lässt. Darüber hinaus folgte 1996 mit »Isses Otto« erneut eine Nummer, für die Waalkes auf Rap-Rhythmen zurückgreift. Doch nicht nur musikalisch, auch inhaltlich sind hier raptypische Stilmittel erkennen: »Wer hat euch hier hereingelockt und heizt euch kräftig ein?/ Wer bringt euch gleich zum Brüllen und wen findet ihr zum Schreien?« – Selbstbeweihräucherung par excellence.



Der direkt überprüfbare Einfluss auf die deutsche Rap-Szene hält sich in Grenzen. Alligatoah bezieht sich in seinem Song »Schwamm drüber« explizit auf Waalkes‘ »Schwamm-Drüber-Blues«, Ferris MC wiederum hat sich die Pointe für seine Single »Monstertruck« aus dem Stück »Auf dem Lande« abgeschaut. Und dennoch kann davon ausgegangen werden, dass Waalkes so einiges für die Toleranz von Sprechgesang in Deutschland getan haben dürfte. Am Ende stehen alle auf derselben Seite – mit einer nahezu kindischen Freude an Wortspielen und Reimen, initiiert von einer ursprünglich US-amerikanischen Kultur, vorbei an Major-Labels und stets mit einem Seitenhieb gegen das Establishment. Mehr HipHop geht nicht.


Hier gibt es die passende Playlist: Otto Waalkes Rap-Hits

  • Puerto Nico

    Sehr schöner Artikel! Wen ich übrigens auch noch in einem Atemzug mit Falco und den anderen Erwähnten nennen würde, sind Die Ärzte: Die haben auch 1987 auf „Radio Rap“ schon ziemlich ansehnlich gerappt. Und 1993 haben sie in Perfektion auf „FaFaFa“ die Fanta 4 veräppelt :)

  • Schwerpunk

    Interessante Perspektive. Nur eine Anmerkung: Hat Otto in seinen Anfangstagen nicht eher Schallplatten als CDs vertrieben? Originale Vinyls gibt’s noch bei meinem Vater im Wohnzimmerschrank.

  • MarleyMarx

    Mir fehlt bei dem Artikel leider ein wichtiger Aspekt: Otto Waalkes hat in mindestens einem seiner Filme die Verwendung des N-Worts gegenüber Schwarzen propagiert. Wenn ich mich recht erinnere wurde dabei ein schwarzer GI in einer Szene als N**** bezeichnet, was für das überwiegend weiße Publikum anscheinend sehr unterhaltsam war zu dieser Zeit – zumindest hat keiner der Millionen Zuschauer öffentlich Anstoß daran genommen.