Valee Gegenpol zur Überladung

Aktuelle Rap-Superstars stibitzen seine Flows, doch auch das bringt den Chicagoer Rapper Valee nicht aus der Ruhe. Er überzeugt nur mit seiner Musik. Und steht mittlerweile bei Kanyes G.O.O.D. Music unter Vertrag. Valee ist mit seinen 30 Jahren der aktuell interessanteste Rap-Newcomer.

Valee

Zwei der erfolgreichsten Ami-Rap-Singles des Sommers waren so erfolgreich, weil sie irgendwie anders klangen. Das lag vor allem am Flow der Rapper – Tekashi 6ix9ine besetzte mit Nicki Minaj und Murda Beatz auf »FEFE« den ersten Platz der Billboard-Charts und Smokepurpp sammelte mit seinem »Nephew«-Video mit Lil Pump immerhin mehr als 50 Millionen Views. Dabei hatten beide ihren Flow nur geklaut. Und zwar von Valee.

Zum Nachhören: Das Original von »Nephew« heißt »Womp Womp«, die Vorlage für »FEFE« findet man auf »Two 16’s«, wo Valee mit seinem Sechzehner innerhalb von 30 Sekunden das zeitgenössische Flowgame sprengt. Der Vollständigkeit halber: Auch Tyler the Creator hat sich bereits am »Two 16’s«-Flow bedient und konnte mit »OKRA« bislang knapp 20 Millionen Views auf YouTube sammeln. Das Kopieren von Flows kann man haten oder als Notwendigkeit einer dynamischen und lebendigen Kultur ansehen. Wie auch immer, Valee ist in künstlerischer Hinsicht momentan der Impulsgeber im Game.

Der Chicagoer Valee startet momentan zwar als Newcomer durch, unterscheidet sich mit seinen 30 Jahren und bisherigem Werdegang aber gänzlich von den 18-jährigen Junkie-Narzissten mit Manga-Frisuren und ADS. Valee Taylor bricht mit 17 die Schule ab und macht sich kurze Zeit später selbstständig. Unter anderem arbeitet er als Elektriker, Handwerker und schraubt an Autos in der Garage seiner Mutter. Seine gute Arbeit spricht sich herum, die Aufträge kommen rein und er erledigt sie zuverlässig. Die Geschäfte laufen gut. Doch irgendwie langweilt ihn das. Die Legende besagt, dass sich Valee eines Tages eine Konsole kaufen möchte und zufällig an einem Geschäft für Musikequipment vorbeikommt. Es wird also keine Playstation, sondern ein Mikrofon und alles, was man braucht, um einen Beat zu bauen.

Zwei Jahre steckt er in seine Musik, bis er ein erstes Mixtape veröffentlicht. Etwa ein Jahr und fünf weitere Mixtapes später ruft Kanye an und Valee unterschreibt bei G.O.O.D. Music. Mit Kanye als Executive Producer und Pusha T als Gast erscheint die EP »GOOD Job, You Found Me« und irgendwie ist Valee mittendrin im Musikzirkus – mit dabei sein uniquer Flow, der alsbald in den Songs der Megastars widerhallt.

Mehr Farbe, mehr Tattoos, mehr Inszenierung, mehr Waghalsigkeit. Mehr ist besser. Der nächste Stern am Himmel ist immer eine neue Zuspitzung des Superlativs. Trippie Redd, XXXtentacion, Lil Pump, Tekashi, Lil Peep – alles Aushängeschilder einer Generation ohne Vorbehalte und Zukunftspläne. In genau dieser Zeit bildet Valee einen Gegenpol zur Überladung. Er ist ruhig, besonnen und wer seine Musik zum ersten Mal hört, mag sie daher als unspektakulär empfinden, seine Flows als hölzern wahrnehmen und sich fragen, was der ganze Hype soll. (Dem einflußreichen Musik-YouTuber Anthony Fantano ging es etwa so.)

Wer aber genauer hinhört, merkt schnell, wie viel Feinheit und künstlerische Finesse in seiner Musik liegt, wie viel Gefühl für Stimmung Valee mitbringt, wie sorgsam die Flows ausgearbeitet sind und wie harmonisch sich die Vocals auf die Tonleitern der Instrumentals legen. Da stört das bisschen offbeat nicht. Was sollen denn die jüngsten Vertreter der neuen Garde im Geschäft sagen? Denen geht es trotz teils mangelhaften Handwerksqualitäten sehr gut.

Musikalisch bewegt sich Valee natürlich in den Gefilden rund um 21 Savage und Metro Boomins »Savage Mode«, er setzt sich jedoch durch Stimmeinsatz und Flowpattern von allem ab, was zeitgenössischer Trap bisher zu bieten hat. Mit Stimmbändern trocken vom Backwoods Blunt, hauchend, melodisch, stellenweise sogar in Kopfstimme, beflüstert Valee derbe 808s auf bangendem Drumming. Die Atmosphäre ist so schwerelos und hypnotisch wie Playboi Carti auf »Die Lit«, der Sound so knochentrocken wie 21 zu seinen alten Slaughter-Zeiten.

Das Rennen gewinnt Valee dann mit seinem Flow. Während der State of the Art von meist wenig abwechslungsreichen Triolen dominiert wird, besticht Valee mit ungewohnter Rhythmik. Kein Flow gleicht dem anderen. Für jeden Song wird neu gecraftet, dann aber innerhalb der Tracks oft kaum variiert. Dadurch entsteht ein ganz eigener Sog, in den man bei jeder erneuten Wiederholung des Flows tiefer fällt.

Mit 30 Rap-Newcomer, mit 32 Billboard-Star? Features mit Pusha T, Lil Yachty, MattOX und Jeremih finden sich bereits in seiner Diskografie. Aber wie weit kann ein Valee kommen? Als Star für Teenies kann man ihn sich kaum vorzustellen. Einer Karriere kann sowas durchaus im Wege stehen. Nur mit cooler Musik kann man längst nicht mehr zur ganz großen Nummer werden.

Aber für die komplette Szene ist Valee vitalisierend. Vielleicht gerade weil er wirklich nur wegen der Musik da ist und aus keinem anderen Grund. Tatsächlich wirkt die Liebe zur Kunst im modernen Starkult total nebensächlich. Vielmehr ist sie ein Mittel zum Zweck geworden. Valee ist angenehm schlicht. Er braucht weder bunte Haare, noch Aufmerksamkeit scheffelnde Promomoves, die mit Musik überhaupt nichts zu tun haben. Als Person der Öffentlichkeit existiert er quasi nicht. Hier und da ein paar Interviews, ansonsten gibt es seine Mixtapes und seine ein ums andere Mal überraschenden, sehr eigenen Videos. Vielleicht geht es ja doch manchmal so einfach.

Obwohl es noch keine Ankündigung gibt, liegt die Vermutung nahe, dass da bald ein größeres Projekt kommt. Die letzte EP ist bereits ein halbes Jahr alt, umfasste nur sechs Songs und Valee hat davor innerhalb von zwei Jahren sechs Mixtapes rausgeballert.

Text von: Till Böttcher