Italo Reno & Panorama »Das ist nicht cool, sondern unsere Art.« (Original Chabos)

Unter dem Radar der deutschen HipHop-Öffentlichkeit hat sich eine kleine lebendige Untergrund-Rap-Szene entwickelt, die musikalisch und vor allem sprachlich ganz eigene Akzente setzt. Es ist eine Szene von Sinti – den echten Chabos. ALL GOOD hat ein paar ihrer Protagonisten besucht und interviewt. Teil 4 dreht sich um die Mindener Panorama aus der Nachwuchsgeneration von Curse & Co. und Italo Reno vom einstigen Klan – zwei Rapper mit Sinti-Hintergrund.

Panorama & Tschukka Chops

Auf einer Kreidetafel an der Außenwand ist das Tagesangebot der kleinen Martinibar vermerkt. »Heute: Buttjerstulle mit Zwiebeln. Lobi: 2 Niklo« ist da an diesem kalten aber sonnenklaren Novembersamstag zu lesen. Willkommen in Minden! Die kleine ostwestfälische Stadt an der Weser hat nämlich nicht nur eine lebendige Kulturszene und einen eigenen Jazz-Club, in dem sich Musikergrößen aus der ganzen Welt die Klinke in die Hand geben. Minden hat auch ein bis heute außerordentlich florierendes HipHop-Universum, aus dem viele namhafte HipHopper hervorgegangen sind, so wie erst jüngst das Produzenten-Duo Hitnapperz, bestehend aus der einstigen B-Boy-Größe Big Toni und Ricco Schönebeck. Außerdem hat Minden mit der »Buttjersprache« sogar eine eigene Mundart. Und die schlägt sich eben auch schon mal in der Speisekarte nieder. Oder im Rap.

»Juri ist schon drin«, sagt Lokalinhaber Manolito Diesenberg, der vor der Martinibar gerade ein paar Tische und Stühle zurechtrückt. Juri Kreuz nennt sich als Rapper Panorama und zählt zur Nachfolgegeneration von Curse & Co. Anfang 2018 hat er gemeinsam mit Tschukka Chops und Eikbert das Album »Blick in die Sterne« veröffentlicht. Es ist eine grundsolide Untergrund-Platte mit warmen, von BoomBap-Beats unterlegten Soul- und Jazzklängen, auf denen ein handwerklich versierter MC mit Stimme und Flow von hohem Wiedererkennungswert philosophische Grundstimmung verbreitet. Die Martinibar hat sich der 27-Jährige ausgesucht, um mit ALL GOOD über Rap im Allgemeinen und über seinen Sinti-Hintergrund im Besonderen zu sprechen.

Juri, anfangs noch zurückhaltend, aber sehr aufmerksam und interessiert, kommt bei Kaffee und Kuchen selbst ins Reden. Den Sinti-Hintergrund habe er von seiner Mutter, einer deutschen Sintezza. Sein Vater sei Deutscher. »Väterlicherseits habe ich einen Cousin, mütterlicherseits über 20«, sagt er und lacht. Sein Großcousin ist Oswald Marschall, Vorsitzender des Mindener Sinti-Vereins »Mer Ketne« (Wir zusammen) und Mitarbeiter des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Manchmal begleite er ihn zu Veranstaltungen des Zentralrats. In Bielefeld studiert Juri, der bereits eine abgeschlossene Erzieher-Ausbildung hat, Erziehungswissenschaft und Deutsch als Fremdsprache. Nicht zuletzt durch seine Teilnahmen an Veranstaltungen des Zentralrats wisse er von vielen Sinti oder auch Roma, die sich aus Angst vor Repressalien Fremden gegenüber nicht als solche zu erkennen geben. Er selbst habe aus seinem Sinti-Hintergrund zwar nie ein Geheimnis gemacht und sei damit sogar meist auf positive Reaktionen gestoßen. »Aber ich bin ja auch sehr hellhäutig, wodurch ich oft sicher Vorteile habe«, sagt Juri. Er trägt langes dunkelblondes Haar, seine Augen sind blau.

Musikalisch geprägt wurde Juri durch die Musik der Gypsy Kings, Django Reinhardt oder Barry White, die bei ihm zu Hause »auf Dauerschleife« gelaufen seien, und von seinem Großvater mütterlicherseits. Arthur Kreuz, genannt Schuster, sei »ein großartiger Musiker« gewesen, erzählt Juri. Im Beisein seiner Familie, etwa beim sommerlichen Grillen, habe sein Opa früher oder später zur Geige gegriffen, improvisiert und »gefreestylet, also gesungen, und das Thema war die Familie«, erzählt Juri. »Das fand ich toll. Deswegen sage ich immer, dass ich das Freestylen von meinem Opa habe.« Dabei habe sich sein Großvater einer »Mischsprache« bedient, die aus Deutsch und dem Romanes der Sinti bestanden habe. Als Kind habe er lange geglaubt, dass sein Opa kein richtiges Deutsch sprechen könne, wenn der ihn etwa gefragt habe: »Na, wie geht’s dich?!« »Dabei war das nur Slang«, weiß Juri heute.

Er selbst spreche bis auf ein paar Phrasen und Vokabeln leider kein Romanes, und sein Bedauern darüber ist ihm anzusehen. »Sprache verbindet, und das Romanes fehlt mir«, sagt er. Es habe ihn in dem Sinti-Zweig seiner Familie zwar nie jemand das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören. Doch wenn er in seiner Jugend mit seinen Cousins unterwegs gewesen sei und sie Romanes sprachen, was er nicht verstand, dann habe er sich manchmal nicht richtig zugehörig gefühlt. »Aber das lag dann wohl eher an mir«, sagt er nachdenklich. Als er älter wurde, habe er festgestellt, dass die Mindener Buttjersprache viele Worte aus dem Romanes enthält. Was zu dem bizarren Umstand führe, dass manche Mindener ohne Sinti-Hintergrund mehr Romanes-Worte kennen würden als er mit Sinti-Hintergrund.

Die Buttjersprache ist eine Form des Rotwelschs, eine Sondersprache. Neben deutschen und plattdeutschen, jiddischen und jenischen Begriffen besteht das Vokabular der Buttjersprache zu einem großen Teil auch aus Worten aus dem Romanes der Sinti.

Seit er in seiner Jugend Rap für sich entdeckt habe, werde er jedes Mal hellhörig, wenn ein Rapper Worte aus dem Romanes verwendet. Er erinnert sich, mit 17 auf dem »Kein Stress«-Festival in Nienburg gewesen zu sein, als ihm ein Rapper eine CD schenkte, auf dem es einen Titel namens »Chi Lobi« (Kein Geld; in München gibt es auch ein kleines Plattenlabel namens Chi Lobi Records) gegeben habe. Da habe er sich gefragt, ob hinter dem Rapper ein Sinto stecke. Den Mindener Curse, obzwar kein Sinto, hörte Juri von »seinen Kosengs« rappen, eine Bezeichnung für Freunde oder entfernte Verwandte, die Juri so bereits von seinem Sinti-Familienzweig her gekannt habe. Alles klar sei dann bei »Minden Slang« von Italo Reno & Germany gewesen. Der 2003 auf »Big Minden« erschienene Song ist ein kleines Wörterbuch, in dem Vokabeln aus der Buttjersprache übersetzt werden – beziehungsweise aus dem Romanes. Schließlich hat auch Italo Reno einen Sinti-Hintergrund. »Bei dem Song dachte ich: Wie krass!«, erzählt Juri. Damals hätten Italo Reno und Germany immer in der Martinibar abgehangen. »Ich war so 15, als ich dann mit einem Freund da zu denen hin bin und wir sie nach Autogrammen gefragt haben«, erzählt Juri. »Das fanden die natürlich lustig.«

Weniger lustig hätten manche Sinti seinerzeit »Minden Slang« gefunden, sagt Enrico di Ventura alias Italo Reno im Telefongespräch mit ALL GOOD. »Wir haben damals auch viel Hate gekriegt – komischerweise mehr aus der Region als anderswo«, sagt der 38-Jährige. »Komischerweise«, weil viele Mindener durch die Buttjersprache ohnehin bereits ein Stück weit vertraut mit dem Romanes sind, zumindest aber mit dem Großteil der Vokabeln aus »Minden Slang«. Aber die allermeisten Sinti wollen nicht, dass Nicht-Sinti ihre Sprache sprechen oder verstehen. »Die Sinti sind sehr stark darauf bedacht, ihre kulturellen Gepflogenheiten und insbesondere ihre Sprache für sich zu behalten«, schreibt der US-amerikanische und auf Romani-Sprachen spezialisierte Linguist Professor Yaron Matras in seinem 2014 erschienenen Buch »I Met Lucky People: The Story of the Romani Gypsies«. Traditionelle Sinti lehnten es demnach ab, Informationen über ihre Kultur und Sprache mit Außenstehenden zu teilen. Die Einführung von Büchern in ihrer Sprache werde abgelehnt, weshalb ihre Sprache auch nur mündlich von einer Generation an die nächste weitergegeben werde.

»Minden Slang« sei damals aus einer spontanen Idee heraus im Studio entstanden, erzählt Reno. »Wir waren große Big L-Fans und haben dann mit seinem Beat (»Ebonics«; Anm. d. Verf.), auf dem er über seinen Slang rappte, einen Track über unseren Slang aufgenommen.« Ihre Clique habe damals aus Arabern, Türken, Kurden, Deutschen und so weiter bestanden. Ein paar Sinti seien zwar auch dabei gewesen, hätten aber mit HipHop nichts am Hut gehabt. Sprachlich habe es in Minden schon immer diese Parallele zu den Rappern in Frankfurt am Main gegeben, wo Worte aus dem Romanes ebenfalls Einzug in die Alltagssprache gehalten habe. »Daher haben wir uns in Frankfurt mit Jonesmann, Azad, Jeyz und so immer sehr wohlgefühlt – und gleichzeitig immer über die gemeinsame Sprache gewundert«, sagt Reno.

Curse, in dessen frühen Raps auch immer mal wieder Worte aus dem Romanes beziehungsweise aus der Buttjersprache auftauchten, äußerte sich in dem 2002 erschienenen Buch »Fear of a Kanak Planet« von Hannes Loh und Murat Güngör ebenfalls zu den Sprachelementen, die ihn mit Frankfurt verbanden: »In Minden gibt es viele Zigeuner, und wir haben sehr viele Ausdrücke aus dem Romani. Wir sagen zum Beispiel auch ›chabo‹, ›chaya‹ und ›lacho‹, und das sagen ja die Frankfurter auch. Wenn ich dann nach Frankfurt komme, und die Leute sagen ›chilobi‹, und ich weiß, was gemeint ist, dann wundern die sich und fragen: ›Wie, du kennst das auch?‹ Und ich frage mich gleichzeitig: ›Wie, die kennen das auch?‹ Weil ich immer dachte, das sei so ein Mindener Ding.« Tatsächlich gibt es das »Mindener Ding«, das in der ostwestfälischen Stadt Buttjersprache heißt, sprachlich anders zusammengesetzt und unter anderen Namen auch anderswo. In Münster heißt das Rotwelsch »Masematte«, in Gießen »Manisch«, im thüringischen Leinefelde-Worbis »Kochum«, in Paderborn ist es das »Mastbrucher Emmes«, in Koblenz das »Kowelenzer Platt« und vielerorts »Jenisch«. Wobei die Meinungen in der Fachwelt darüber auseinander gehen, ob das Jenische als Rotwelsch oder als eigene Sprache zu klassifizieren ist.

Italo Reno ist der Sohn einer deutschen Sintezza und eines Italieners. Im Gegensatz zu seinem Bruder, der sich um einiges mehr der Sinti-Kultur verbunden fühle und fließend Romanes spreche, sei er eher »der Italiener«. »Ich bin mit Pasta und Italienisch aufgewachsen«, sagt er und lacht. Aber er kenne alle drei Welten: die deutsche, die italienische und die der Sinti. Inzwischen sehe er »Minden Slang« selber kritischer. Denn am meisten gefeiert hätten den Song die deutschen Hörer, was so nicht geplant gewesen sei. »Meine Jungs nenn‘ ich ›Kosengs‹, alle andern ›Hachi‹, ›Bedi‹ und ›Klons‹«, rappte er in dem Track.

Reno kommt viel rum, damals als Rapper, heute als Kaufmann im Angelgeschäft und als Profiangler. 2018 wurde er Weltmeister im Raubfischangeln. Doch bis heute komme es vor, dass Reno dann von Fremden angesprochen und mit Worten wie »Ey, Koseng!« begrüßt werde. »Ich finde es selbst befremdlich, wenn ich Deutsche so reden höre«, sagt er und meint damit diejenigen, die nicht mit diesem Slang aufgewachsen sind. »Die denken dann, das wäre cool, aber das ist es nicht. Das ist nicht cool, sondern unsere Art.« Deshalb verstehe er die Sinti, die darauf bedacht sind, ihre Sprache für sich zu behalten, heute besser. »Heute achte ich da mehr drauf«, sagt er.

In der Martinibar spielt jemand Gitarre, Barbesitzer Manolito Diesenberg singt. »So ist das hier«, sagt Juri. »Einer spielt ein paar Sinti-Rhythmen und es gibt eine kleine Session.« Antoine Le Guellec betritt die Bar, um Juri zur Bandprobe abzuholen. Antoine ist Juris Musikpartner. Auch er ist Mindener. Sein Künstlername Tschukka Chops beinhaltet mit »tschucka« (schön) ein Wort aus der Buttjersprache beziehungsweise aus dem Romanes. Die beiden müssen los. Draußen vor der Tür klärt Juri auf, was auf der Kreidetafel mit dem Tagesangebot in Buttjersprache steht: Die Buttjerstulle mit Zwiebeln koste 2 Euro, denn »Lobi« heiße Geld (hier: Preis) und »Niklo« Euro (früher: Mark). Manolito Diesenberg gesellt sich dazu. Er erwähnt, dass Ayo & Sky, zwei junge Mindener Rapper, erst vor zwei Tagen einen neuen Song samt Video veröffentlicht hätten, der aus lauter Buttjersprache bestehe: »Koseng Part 2«. Allerdings kämen darin so viele Kraftausdrücke vor, das fände er, selber Sinto, nicht so gut – »und vor allem die Alten nicht«, schiebt er mit Blick auf die ältere Generation hinterher, die unter Sinti großen Respekt genießt. Niemand widerspricht. »Okay, Chabs!«, sagt er, reicht die Faust zum Fist Bump und geht wieder in seine Bar. Juri verabschiedet sich mit Antoine in eine andere Richtung.