Die besten Millenial-R&B-und-Rap-Musikvideos

Ein Diddy im Nachbarschaftsstreit, ein müslimilchschlürfender Dame Dash und Bobby V als Einzelhandelskaufmann – Jan Wehn und Wenzel Burmeier küren die skurrilsten Momente aus den Rap- und R&B-Musikvideos der späten 90er und frühen Nullerjahre.

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In Zeiten von Singles mit zwei Minuten Spielzeit und Instagram-Stories kann man schon mal vergessen, dass Musikvideos einst das Medium überhaupt waren und den eigentlichen Song in eine Kurzfilmhandlung oder sonstige cinematische Settings einbetteten – insbesondere im US-Rap und R&B der späten 90er und frühen Nullerjahre ein beliebter Kunstgriff. Wenzel Burmeier und Jan Wehn präsentieren die besten Sequenzen aus den Millenial-R&B-und-Rap-Musikvideos.

Rückblende: Die Neunziger neigen sich dem Ende, das Millennium naht. Die Welt geht unter. Okay, nicht ganz, aber zumindest steht der Musikmarkt kurz vor dem großen Umbruch. Geld für High-Class-Produktionen in der Tradition von Michael Jackson war keines mehr da. Ein paar Kids aber – darunter: Jan Wehn (jw) und Wenzel Burmeier (wb) – werfen ihre Augen noch immer auf die Röhre, während MSN/ICQ-Nachrichten auf dem Second Screen im Minutentakt aufpoppen.

»MTV« (oft), »VIVA« (seltener) und »VH-1« (ganz selten) heißen die Sender ihrer Wahl – und die zeigen zwischen 1995 und 2005 nicht wenig Rap- und R&B-Videos, die oft nicht nur einer simplen Bebilderung der Songs gleichkommen, sondern mit jeder Menge Intros, Outros und Zwischensequenzen ausgestattet waren. Mal mehr, mal weniger gelungen. Mal mehr, mal weniger mit der Haupthandlung der eigentlichen Musikvideos zu tun. Unsere liebsten Sequenzen haben wir hier versammelt.

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  • Sisqo »Thong Song« (1999)

    Sisqo beweist sich als fragwürdigste Vaterfigur: Der drückt der Affäre die Visa in die Hand, damit die seine Tochter bespaßt. Und dann findet die Kleine im weißen Paradies auch noch ‚nen roten Thong. Damn, Daddy! (wb)

  • Ja Rule »Down 4 You (Remix)« feat. Ashanti, Vita & Charli Baltimore (2002)

    Hands down: Kaum einer hatte das mit den turteligen Techtelmechtel-Tracks so raus wie Ja Rule und Ashanti. Für den »Down 4 You«-Remix gab’s noch Unterstützung von Vita und Biggie-Affäre Charli Baltimore plus »Thug Lovin’«-Reminiszenz in Form einer Bobby-und-Whitney-Cameo bei 2:30. Allein das streckt den Song schon auf stolze fünf Minuten und paar Zerquetschte. Mit dem Hollywood’esquen, aber vollkommen aus dem Zusammenhang gerissenen Detektiv-Dialog zu Beginn kommen wir so auf eine Spielzeit von mehr als sechs Minuten. Rekord in dieser Liste! (jw)

  • G. Dep »Special Delivery« (2001)

    Habe mit diesem Video erst verstanden, was Suge Knight damals bei den »Source«-Awards über Producer gesagt hat, die in Videos erstmal ’ne halbe Minute tanzen müssen, bevor der Rapper einsetzen darf. Finde ich aber als Konzept mega. Und was könnte motivierender sein als Diddy, der einem Ad-Libs ins Ohr schreit? (wb)

  • Jagged Edge »Walked Outta Heaven« (2003)

    Weißes Bett, weiße Unterwäsche, weißer Koffer – und dann die Schneekugel. Schnitt. All black everything und Emotionen rauslassen auf der Motorhaube des Caddys. Jeder Shot dieses Videos ist bis zur Perfektion durchgestylt. Bleiben nur zwei Fragen: Erstens, wann dieser Style endlich zurück ist und zweitens, wo das erste deutschsprachige R&B-Quartett bleibt? (wb)

  • Ginuwine »Pony« (1996)

    Glaube, das ist die heimliche Vorlage für den Red Bull Culture Clash. Dass das White-Trash-Ambiente in Ginuwine erstmal den Instinkt weckt, sich auf der Bühne auszuziehen, verstehe ich noch nicht, aber im Prinzip super. (wb)

  • Terror Squad »Lean Back« feat. Fat Joe, Remy Ma (2004)

    Terror Squad is for the children! Wusste schon ODB. (jw)

  • Jennifer Lopez »If You Had My Love« (1999)

    Dieser prähistorische Webcam-Creep markiert den Höhepunkt in J. Los extravaganter Videografie – und nimmt direkt den Voyeurismus vorweg, dem ich damals vor der Glotze verfiel, als »Love Don’t Cost A Thing« bei »MTV« auf Rotation lief. (wb)

  • Cam’ron »Oh Boy« feat. Juelz Santana (2002)

    Klassisches Video-Intro-Set-Up: das Telefongespräch. Hier gestaltet sich die Situation so, dass Dame Dash Dinge zu regeln, aber auch enormen Hunger auf Frühstücksflocken hat, die eine von seinen beiden Lebensabschnittsgefährtinnen sich aber die auf das Telefonat gerichtete Aufmerksamkeit wünscht, während die andere beschließt, sich neben der Cerealienschüssel die Füße zu lackieren. Als Cam’rons Beifahrerin am anderen Ende der Leitung in seinem Fußraum schließlich ihren verloren geglaubten Lippenstift findet, kann es endlich losgehen. Ach ja, clevere Crosspromotion: Im Hintergrund läuft »Live My Life« und macht automatisch Lust auf den Rest der zu dem Zeitpunkt neuen Cam’ron-Platte. (jw)

  • Fabolous, Jagged Edge & P. Diddy »Trade It All Part 2« (2002)

    Apropos verkaufsfördernde Maßnahmen zweier Gewerbetreibender. So nonchalant wie Ice Cube, Diddy und Fabolous zu Beginn von »Trade It All Part 2« den ambitionierten Bootlegger abblitzen ließen, könnte man ja nur Lust auf den »Barbershop«–Film bekommen. (jw)

  • City High »What Would You Do?« (2001)

    Der klassische Treppen-Talk, komprimiert auf zehn Sekunden. Nur echt in der clean version. (wb)

  • TLC »Unpretty« (1999)

    Extrem mystisch: TLC auf ihrem High-Tech-Zen. 1999 dachte man noch, dass die Welt im nächsten Jahr untergeht. Also noch schnell die ganz großen Probleme klären: Chilli entscheidet sich gegen Brustimplantate, Left Eye kämpft sich durch die komplett heruntergewirtschaftete Hood und T-Boz bezwingt Rassismus. Buddha bless this beat! (wb)

  • R. Kelly »I Believe I Can Fly« (1996)

    Zugegeben, eine offensichtliche Wahl. Aber wenn das einsame Kind vorm Kornfeld den Ball ins Wasser wirft und daraufhin erst das Orchester und dann ein Adlerkopf eingeblendet werden, kommen mir umgehend die Tränen. (wb)

  • P. Diddy »Bad Boy For Life« feat. Black Rob & Mark Curry (2002)

    Machen wir uns nichts vor: »Bad Boy For Life« ist das Rap-Video-Intro schlechthin. Diddy rettet sich mit einem Umzug vor dem Burnout und bringt Gerstensaft, Goldene Schallplatten und Girls in die Vorstadt und schon bald verdunkelt sich der Himmel über Suburbia. Klar, dass das einen astreinen Streit vom Zaun hinter den akkurat geschnittenen Hecken bricht, bis irgendwann sogar Ben Stiller auf die Palme gebracht wird. Ach ja, weitere Cameos: Dave Navarro, Travis Barker, Richard Dunn, Xzibit, Ice Cube, Snoop Dogg, Mike Tyson, Pat O’Brien, Baron Davis, Shaquille O’Neal – und Crazy Town. (jw)

  • Usher »U Don’t Have To Call« (2001)

    Leuten auf die Nerven gehen, das kann der Diddy. Gerade eben träumt Raymonds Usher sich in der stabilen Seitenlage noch zu seiner Herzensdame, da scheucht sein Executive Producer ihn schon mit der Bro-Version vom Bootycall aus den Federn. Und Usher? Lässt sich das natürlich nicht zweimal sagen, stürzt sich frisch rasiert und gestylt in die Partynight, brennt mit seinen Spontanchoreos erst die Tiefgarage und dann den Club ab. So muss das doch. (jw)

  • Boyz II Men »Water Runs Dry« (1995)

    Ethno-Mystik anno 1995: Wünsche mir, dass in jeder wundersamen Glaskugel Boyz II Men stecken, die im weißen Frack durch den Schnee und die Savanne steppen. (wb)

  • Mase »Welcome Back« (2004)

    PSA: Mase war zurück. Zumindest 2004. Grund genug, um dem ehemaligen Bad-Boy-Signing dabei zuzuschauen, wie er sich mit neu gewonnener Seelenruhe von Kopf bis Fuß in zitronengelbe Schale (get it?!) wirft, um dann durch Harlem zu flanieren, bis sogar die Hydranten ihre Freude nicht mehr verbergen können – und dann taucht aus dem Nichts schon wieder Diddy auf. Dieses Mal aber dann doch mit guten Neuigkeiten: Mase ist zurück. Na dann… (jw)

  • Janet Jackson »Go Deep« (1998)

    Wenn der Pizzabote zweimal klingelt… (wb)

  • Mya »Movin’ On« feat. Silkk The Shocker (1998)

    Hab’ in der Schule auch mal das Zettelchen-Spiel mitgespielt. War im Nachhinein eher traumatisch, aber bei Mya und Silkk The Shocker fühl ich’s komplett. Bisschen absurd, dass diese Story erstmal davon ausgeht, Silkk würde Mya stehen lassen, wenn die ihm ‘ne Chance gibt. Aber ansonsten perfekt in Szene gesetztes High-School-Drama. (wb)

  • Bobby V »Tell Me« (2005)

    Absolut nachvollziehbare Situation: Eine junge Frau ist auf der Suche nach einer Jeanshose, die vernünftig sitzt und wendet sich natürlich an den fachlich kompetenten Einzelhandelskaufmann Bobby V, der natürlich die passende Denim auf Lager hat. (jw)

  • Bobby V »Slow Down« (2005)

    Gut, noch mal Bobby V – aber hier ist auch wirklich alles drin: Der Luda-Co-Sign für den richtigen Buzz bei den Skeptikern und noch ein kleiner Insider-Joke ob der koitusmotivierten und kosmopolitischen Umtriebigkeit des Mista Valentino, die man ja schon von der Zusammenarbeit der beiden – namentlich »Pimpin All Over The World« – von Ludas »The Red Light District« kennen dürfte. (jw)

  • Keith Sweat »Twisted« (1996)

    Keith Sweat kondensiert den Heist-Movie auf viereinhalb Minuten. Hab mich im Intro spontan in die Dame verliebt, die erstmal die Sturmhaube auszieht, als sie in den Mercedes steigt. Alles klar, Herr Kommissar? (wb)

  • Erykah Badu »On & On« (1997)

    Schon klar, dass bei Erykah gleich ein Film draus werden muss. Aber wie die Szenerie auf dem Land hier erst mit der Kamera aus der ersten Person festgehalten wird, um dann zum Einsatz des Songs in die Distanz zu gehen, während Badu in selbstbewusster Pose den Haushalt schmeißt, hat mindestens das Prädikat Arthaus verdient. (wb)

  • Master P »I Got The Hook Up« (1998)

    Was tun, wenn der Dad nicht einwilligt? Jop, ’nen roten Beamer samt roter Schleife vorm Anwesen parken – und dann mit frisch aufgeladenem Guthaben (s/o D2) auf der Rückfahrt beim Schwarm durchrufen. Percy Miller ist ein Charmeur der alten Schule. (wb)

  • Bow Wow »Like You« feat. Ciara (2005

    Klassisches Boy-slash-Girl-next-door-Drama im Hause Bow Wow/Ciara. Der Snoop-Neffe wohnt Wand an Wand mit der Chanteuse, aber scheinbar weiß weder der eine noch die andere von diesem Umstand, weshalb lieber stundenlang auf dem Sofa rumgelümmelt oder in der Wohnung direkt vor dem Plasma-TV Dunk-Sessions veranstaltet werden – und selbst als die beiden sich dann nach endlosen Telefonaten Ed-Hary-endorsed im Fahrstuhl gegenüberstehen, kommt es nicht zum Elevator Pitch – eine Schande! (jw)