Audio88 & Yassin »Um die Spasten zu verwirren.«

Nach über vier Jahren Wartezeit erscheint dieser Tage endlich »Normaler Samt« von Audio88 & Yassin. 15 Tracks voller Referenzen, Spaß, Inhalten, Rap, Albernheiten, Torch und – ja – Normalität. Wir interviewten das Duo ohne Wikipedia-Eintrag entlang eines Track-by-Track-Gesprächs.

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Die Alkohol-Referenz im Albumtitel mögen sie verloren haben, von einer Portion Sperrigkeit haben sie sich ebenso verabschiedet. Und inzwischen ist auch Deutschrap ein anderer als er noch vor sechs Jahren war, als Audio88 & Yassin ihr Referenzwerk »Zwei Herrengedeck, bitte« veröffentlichten. Mittlerweile blickt ein Act wie Zugezogen Maskulin vom »Intro«-Cover, die Existenz von Money Boys Diplomarbeit ist offiziell von der »Vice« bestätigt, Denyo, Ferris MC, Nico Suave und Curse rappen wieder und DCVDNS spielt auf dem Bundesvision Song Contest. Vielleicht sind Audio88 & Yassin irgendwo dazwischen tatsächlich ein bisschen normal geworden. Der perfekte Zeitpunkt also, um ihr lang versprochenes und heiß erwartetes Album »Normaler Samt«, das sie gemeinsam mit dem Produzenten Torky Tork und DJ Breaque in den letzten Jahren in Berlin aufgenommen haben, zu veröffentlichen. Der perfekte Zeitpunkt ausserdem, um mit dem Duo – entlang der 15 Tracks des Albums – über Torch und Fans, Trap und Metal sowie den wahren und normalen HipHop zu sprechen.

  • Bald habt ihr 10.000 Likes auf Facebook. Passt ja perfekt in eure Promophase. Es wird sicher einen Free-Download-Track geben, oder?

  • Audio88: (lacht)

  • Yassin: Nö. Wir haben ja überhaupt keine Tracks herumliegen. Wir haben gerade so ein Album zusammengeschustert bekommen. Wobei das Timing natürlich perfekt ist. Wir sagen einfach, wir veröffentlichen unser Album bei 10.000 Likes. 

  • Audio88: Ich würde sagen: Bei 10.000 verkauften Einheiten machen wir einen Freetrack. 

  • Und wieso habt ihr keinen Wikipedia-Eintrag?

  • Audio88: Das fragen wir uns auch. 

  • Yassin: Das haben wir vor allem auch unser Label gefragt. Wahrscheinlich war es allen bis jetzt einfach zu anstrengend. Das wäre es mir ja auch – das Wikipedia-Regelwerk ist ja auch schlimm. 

  • Audio88: Musikjournalisten, die ihre Arbeit nicht so ernst nehmen, halten uns das ja auch oftmals vor und sagen dann: Über euch findet man ja gar nichts im Netz. Das heißt aber eigentlich nur: Es gibt von uns keinen Wikipedia-Eintrag. Man findet über uns sehr, sehr viel im Internet. Man kann ja auch viele Sachen von uns anhören! Aber eben keinen Wikipedia-Eintrag mit Informationen wie »Geboren am und in«, damit man dann schreiben kann: Der gebürtige Darmstädter Rapper Yassin… Vielleicht ist es auch einfach gut, dass es keinen gibt. 

  • Lasst uns mal mit dem Track-by-Track beginnen. Im Intro verweist ihr musikalisch auf eine kontemporäre Soundästhetik – es ist ein Trap-Beat. 

  • Yassin: Wir hatten die Grundidee für ein Intro mit Querverweisen auf den deutschen Rap, der uns beeinflusst hat. Wir wollten diesen typischen Intro-Sound noch überspitzen. 

  • Audio88: Da waren eigentlich Dipset-mäßige E-Gitarren-Riffs drauf. 

  • Yassin: Aber dann hätten wir es textlich auch so überziehen müssen, dass es nicht mehr zum Intro getaugt hätte. Und dann habe ich mit Torky diesen trapigen Beat gemacht. Das hat gut gepasst, weil man darauf Ansagen machen kann. Wir wussten, dass das die erste Single sein soll. Die Leute waren ja auch etwas überrascht, als sie den Song gehört haben. Und genau das wollten wir erwirken. 

  • Es gibt also tatsächlich Fans von euch, die sich unsicher waren?

  • Yassin: Die jüngeren Fans, die uns nur aus der Zeit kennen, in der wir bereits so eine lange Diskografie hatten, dass wir nur noch selbstreferenziellen Bullshit gemacht haben, waren das vielleicht schon gewohnt. Aber von den Fans der ersten Stunde hat man schon mal die Bitte gehört, dass man jetzt doch bitte kein Trap-Album machen sollte. 

  • Audio88: Yassin hat ja bereits auf »Quadratur des Dreiecks« gesagt: »Wir machen ab und zu ein paar Songs, um die Spasten zu verwirren«. Und das war eben einer dieser Songs…

  • Es passiert ja sehr oft, dass aktuell angesagten musikalischen Strömungen sofort eine gewisse Inhaltsleere unterstellt wird. Das läuft dann ganz schnell auf ein Früher-war-alles-besser-Ding hinaus. 

  • Yassin: Aber was war denn früher besser? Wenn man die Torch-Bewegung ausklammert, dann muss man sich echt fragen, was früher denn wirklich besser war. Da gab es natürlich mal einen Song gegen Rechts. Aber ansonsten ging’s halt auch nur ums Kiffen, wer gerade die fetten Beats baut, wer an den Reglern sitzt und dann war’s das. Es ist ja auch so, dass wirkliche Inhalte auch verpackt sein können wie bei Haftbefehl oder bei Celo & Abdi. Es kann Unterhaltung sein und trotzdem den Finger in die Wunde legen. Es muss ja nicht gleich der Zeigefinger sein. Aber dass ein moderner Sound keine Inhalte haben kann, ist doch Quatsch. Bestes Beispiel: Das neue Zugezogen-Maskulin-Album – das hat ganz offensichtliche Trap-Einflüsse und da ist von Inhaltsleere wirklich gar nichts zu spüren. 

  •  »Wir haben damals auch immer recht viel in Metal-Foren stattgefunden. Da war unsere Musik aber auch noch rumpeliger und schrammeliger.« Auf Twitter teilen
  • Der zweite Song ist »Schmutzige Rapper«. Da liegt die Frage nahe: Kennt ihr eigentlich Torch? 

  • Yassin: So persönlich? Naja. Wir sind ihm mehrfach begegnet und wir haben uns auf gewissen Ebenen ausgetauscht. Aber wir können jetzt nicht sagen, dass wir ihn persönlich besonders gut kennen. Den Kontakt, den wir hatten, der reicht auch. 

  • Audio88: (lacht)

  • Yassin: Nein, das klingt jetzt so böse. Ich muss mich nicht mit ihm zum Boxen treffen. Natürlich gibt es da diesen Mythos, der auch eine höhere Fallhöhe hat als ein normaler Mensch. Er ist halt Papa Rap. Und wenn du ihm eben begegnest, dann denkst du dir: Wenn er damals die Platte nicht gemacht hätte, dann würden die Leute auch ganz anders über ihn reden. 

  • Zitat: »Die Torch-Referenz im Titel stellt Audio88 & Yassin in eine Reihe mit den großen Nachlassverwaltern des wahren und guten HipHops.« Das muss runter gehen wie Butter, oder?

  • Yassin: Das ist aus der »Visions«. Und wenn sowas in einer Rockzeitung steht, dann ist das schon cool. 

  • Audio88: (lacht)

  • Yassin: Wenn das in der »Juice« gestanden hätte, hätte ich mich verarscht gefühlt. Sind wir Blumentopf, oder was? Ne, aber das habe ich mal als Kompliment aufgefasst. 

  • Das ist auch echt immer etwas mit diesem guten und wahren HipHop…

  • Audio88: Das muss mit unseren Sample-Beats zusammenhängen. Die wurden sogar auf einer MPC gebaut. Auf einer wahren MPC! Und auf wahren Technics wurden die Scratches gemacht. Das ist sehr wahr. Und die Ursprungsversion des Covers war auch nur ein Tag. So wahr! 

  • Yassin: Ich weiß wirklich nicht, was dieser wahre HipHop sein soll. Aber ich freue mich, dass sowas in der »Visions« steht. Wir hatten ja tatsächlich schon vor fünf Jahren immer Leute in Metal-Shirts auf unseren Konzerten. Wir haben damals auch immer recht viel in Metal-Foren stattgefunden. Da war unsere Musik aber auch noch rumpeliger und schrammeliger. 

  • Audio88: Genau, das war das klassische Ich-höre-keinen-HipHop-aber-euch-schon-Publikum. 

  • Will man solche Fans? 

  • Audio88: Joa. Wenn du es schaffst, einen Genre-Fremden zu begeistern, dann ist das cool. 

  • Yassin: Ich finde es auch gerade bei Konzerten schöner, wenn es etwas gemischter ist. Die klare Zugehörigkeit zu einer Gruppe etwa über Klamotten weicht sich sowieso schon auf. Bei uns war es früher schon immer bunt gemischt. Und das war cool, weil man wusste, dass es wirklich nur um die Musik ging und nicht darum, was die Szene vorgibt. 

  • Die Erwartungshaltungen von Fans sind ein wiederkehrendes Thema in eurer Musik. 

  • Audio88: Das hat sich als Thema so herauskristallisiert, ja. 

  • Yassin: Es denken einfach viele Leute, dass nur weil es jetzt eine transparente und gefühlt unmittelbare Kommunikation über soziale Medien zwischen Künstler und Fan gibt, sie auch Teil des Schaffensprozess sind. So ganz ohne Filterung. Da gibt es Leute, die wirklich sagen: Ich habe jetzt eure Facebook-Seite entliked, weil ich den Song nicht geil finde. Also wäre Marktforschung der Hauptantrieb für unsere Kunst. Aber das ist ja totaler Quatsch. Und das sollte man den Leute auch ab und zu bewusst machen. Nicht aus einer arroganten Perspektive heraus, also dass sie die kleinen dummen Fans sind, die gefälligst das zu fressen haben, was man ihnen gibt. Aber die Leute müssen auch mal wieder checken, dass sie sich nicht jeden Kack geben oder jedes Album von jedem feiern müssen. Du kannst kritisch mit der Musik umgehen, aber du musst auch respektieren, dass da jemand Arbeit hineingesteckt hat und das genau so machen wollte. Und wenn wir das nicht gefällt, dann geh einfach. 

  • Audio88: Dieses direkte Fan-Feedback ist teilweise schon echt schlimm. Wenn man dann E-Mails bekommt mit Fragen wie »Warum bist du nicht auf dem Album von Künstler XY?« Was soll das denn? Wir hängen doch nicht alle gemeinsam in einer großen Turnhalle herum, in der in einer Ecke ein Mic steht, in das allen reinrappen und am Ende schustert einer daraus was zusammen. Auch wenn manche Alben so klingen. (lacht) 

  • Yassin: Mit dem ganzen Service-Angebot, das es mittlerweile gibt, um Musik und Medien zu konsumieren, wird suggeriert, dass sich auch die Art und Weise ändern müsste, wie Künstler diese Inhalte herstellen. Aber das ist einfach nicht der Fall! Und da kann man bei einigen Sachen, die man liest, wirklich wütend werden. Weil es einfach dreist ist. 

  • »Es denken einfach viele Leute, dass nur weil es jetzt eine transparente und gefühlt unmittelbare Kommunikation über soziale Medien zwischen Künstler und Fan gibt, sie auch Teil des Schaffensprozess sind.«Auf Twitter teilen
  • Auf »Das Orakel von Delfin« ist grim104 gefeaturet. Wie erlebt ihr den aktuellen, ja, Hype um Zugezogen Maskulin?

  • Yassin: Mit großer Freude. Ich gönne das den Jungs komplett und ich bin froh, dass sie mit dem Album diese Wahrnehmung bekommen.

  • Ein paar Medien haben versucht, einen thematischen Überbau um Zugezogen Maskulin und die Antilopen Gang mit dem Schlagwort »Zecken-Rap« zu konstruieren. Dort wollte man euch auch mit reinpacken. Da hattet ihr aber nicht so Bock drauf. 

  • Audio88: Nein! 

  • Yassin: Nein! 

  • Auf Schubladen hat man ja als Künstler traditionell eher wenig Bock. 

  • Yassin: Ja, und besonders nicht auf Schubladen, die so viel implizieren, das nichts mit Musik zu tun hat. Wenn man uns in die BoomBap-Schublade steckt – ja, gut, dann bin ich da halt drin. Aber wieso sollte jemand einen thematischen Überbau zimmern, den ich selbst für mein Album nicht konstruiert habe? Wir hatten einfach keine so große Lust, uns für eine pseudopolitische Berichterstattung als Futter herzugeben. 

  • Der nächste Track auf dem Album ist der DJ-Track mit dem Titel »Der Rest der Band stellt sich vor«. Was ist euer Lieblings-DJ-Track im Deutschrap? 

  • Yassin: Na, der hier halt. (lacht) Ne, mir fällt keiner ein. Und das wird auch einen Grund haben. 

  • Audio88: Ja, der ist ganz gut. Und dann noch der DJ-Track von Breaque auf meinem Album »Die Erde ist eine Scheide«. (lacht) 

  • Habt ihr den Track mit irgendeinem ironischen Unterton auf das Album gepackt? 

  • Yassin: Nein, überhaupt nicht. Beim Titel vielleicht. Aber wie soll man einen DJ-Track auch betiteln? 

  • Audio88: Das war uns auch ein Anliegen. Weil, auch wenn da Audio88 & Yassin draufsteht, ist es ja ein Album von uns beiden und Torky Tork und Breaque. Demnach war es schon Absicht, dass die beiden da noch ein Spotlight bekommen. 

  • … könnt ihr dahingehend auch gleich ein bisschen etwas zu Torky Tork erzählen?

  • Yassin: Wir kennen Torky jetzt seit drei, vier Jahren und ich habe erst neulich wieder richtig krasse Sachen von ihm gehört, von denen ich nichts wusste. Torky hat früher wohl eine Art Piratensender in Weimar betrieben. Er veranstaltete da scheinbar auch einen Stammtisch für palästinensische und israelische Beat-Maker. Der Typ hat mehr auf dem Kerbholz als wir. Wie sagt man das? Wenn Torky eine Million Jahre alt ist, dann sind wir so die letzte Sekunde. Der hat schon richtig viel gemacht. Wir sind echt richtig froh, dass wir mit ihm ein Album machen konnten. 

  • Der nächste Song ist »Mann im Mond«, auf dem Döll gefeaturet ist. Können wir über Döll sprechen? 

  • Audio88: Ja, gerne. Döll ist ein unglaublich talentierter Rapper. Und er ist eben nicht nur das, sondern er kann auch sehr, sehr gut schreiben. Und das ist leider eine seltene Mischung. Dass jemand auf einem technisch sehr hohen Niveau rappt und dann auch noch so krass flowt und dann auch noch etwas zu erzählen hat. Ich könnte mir sonst niemals Rap anhören, auf dem jemand seiner Ex hinterhertrauert. Und bei ihm ist es das erste Mal, dass ich mir sowas anhören kann – und es auch noch richtig geil finde. Er schafft es, sowas sehr unpeinlich zu machen. 

  • Yassin: Man glaubt ihm einfache jedes Wort – egal ob auf Platte, im Video oder auf der Bühne. Er rappt und du zweifelst kein Wort von ihm an. Dafür brauchst du echt viel – auch Ausstrahlung, Intelligenz und Humor. Der Typ hat ein unglaubliches Talent und macht auch noch was draus. Und das passiert wirklich nicht oft. 

  • Und wieso ist er gerade auf dem Song?

  • Yassin: Die gemeinsame Leidenschaft für Video-Interviews von anderen Rappern führte uns zusammen und gab uns eine Schnittmenge. 

  • Audio88: Genau. Und da unterhält man sich dann zwangsläufig über Sachen, die einen so richtig ankotzen. Und dann überlegt man sich gemeinsam, dass man darüber doch mal einen Song machen könnte. 

  • Yassin: Diese Leidenschaft teilen wir mit beiden – Mädness und Döll. Wir wollten sowieso so einen Song machen – und dann haben wir ihn einfach mit ihnen gemacht. 

  • Es geht in dem Song um Inhaltsleere und Austauschbarkeit. Regt es euch auf, wenn ihr Musik hört, der Inhalte fehlen? 

  • Audio88: Ne, was mich aufregt, ist, wenn nichts dahinter ist, aber dabei suggeriert wird, dass etwas unglaublich deep und wichtig ist.

  • Yassin: Es findet einfach eine Entleerung von Dingen statt. Inhalte werden ja aus allem gestrichen, deswegen tangiert mich das schon. Wenn die Menschen schon im Alltag komplett blind für das Elend anderer werden, weil sie mit Dingen beschäftigt sind, die für sie so extrem wichtig sind, aber keinerlei Bedeutung haben. Und dann meinen andere noch, dass man daraus Kunst machen darf. Und im schlimmsten Fall machen die dann noch Geld damit. Das regt mich schon auf. Das ist eine Unterwanderung der Kultur durch Kapitalismus. Und wenn sich dem jemand mit 20, 25 Jahren ergibt – in einer Zeit also, in der man genau das Gegenteil machen sollte – dann kann man auf genau diese Leute auch mal lyrisch spucken. 

  • Was sagt man einem 20-jährigen, der drei Tage vor einem Sneaker-Store campt, damit er sich Schuhe für 350,- Euro kaufen kann? 

  • Audio88: Dass er ein Spast ist. 

  • Yassin: Wenn er den Schlafsack dann einem Obdachlosen gibt, dann kann er damit zumindest noch was Sinnvolles anstellen. Ich sage ja nicht, dass Materialismus per se schlecht ist. Aber man sollte Dinge nicht auf Podeste heben, die nur gebaut wurden, damit man Dinge da drauf hebt. 

  • Audio88: Ich möchte einen sehen, der sich in 20 Jahren mit seinen Kindern vor seine scheiß Glasvitrine stellt und dann die Geschichte erzählt, wie er für diesen Schuh vier Tage lang vor einem Shop übernachtet hat und darauf richtig stolz ist. 

  • Was könnt ihr zum nächsten Song »Gangzeichen (Dresden)« sagen?

  • Audio88: Das ist das älteste Lied der Platte, der kurz nach dem Remix-Album entstanden ist. 

  • Wieso muss da Dresden in den Titel? 

  • Yassin: Um die Spasten zu verwirren. (lacht) Nein, wir wollten ihn erst »Dresden« nennen und dann habe ich mich als Pop-Aggressor, der ich ja bei der Platte war, dagegen ausgesprochen. Dann wollten wir mit dem Titel »Pisse an dein Auto« gehen – das war natürlich nicht besser. Deswegen halt »Gangzeichen«. 

  • Audio88: Ich bin der Kompromiss in Klammer. Yassin ist ja der Executive Producer bei dem Album, deswegen redet er auch viel mehr. Das wollte ich auch unbedingt, dass das da drin steht. Nicht um mich von irgendwas zu distanzieren, sondern wirklich damit seine Arbeit als Executive Producer, die er ja faktisch auch geleistet hat, zu würdigen. Das sollen die Menschen ruhig wissen, dass er sich mehr Mühe gegeben hat. 

  • Yassin: Ich wollte das ja auch. Mir lag da viel daran. Als Vorbereitung für die Arbeit als Executive Producer habe ich mir Alben, die auch wirklich als richtige Alben gelten, noch mal genau angehört und geschaut, was ich denn da jetzt genau so geil fand. Und dafür habe ich dann Zeit investiert und deswegen habe ich den Titel auch zurecht aufs Auge gedrückt bekommen. 

  • Welche Alben waren das?

  • Yassin: Einmal war es »Grau« von Tua, weil es, obwohl es ein Deutschrap-Album ist, ein richtig krasses Album ist. Dieses Album war wie ein einzelner Song aufgebaut und hatte eine richtig gute Dramaturgie – das ist wirklich krass. Und das Cannibal-Ox-Album habe ich auch viel gehört. 

  • »Ich habe auch noch nie gehört, dass jemand gesagt hat: ›Eure Mucke klingt wie das oder das.‹ Und das ist natürlich schön, wenn man das nicht oft hört. Es ist ein Kompliment.«Auf Twitter teilen
  • Der nächste Song ist »Hundestammbaum«. Darauf ist die Line: »Dein Album könnte von uns sein, aber dann wäre es wesentlich besser.« Glaubt ihr, dass ihr mit eurer Musik aus einem großen Ganzen herausfallt? Also dass ihr etwas macht, was andere nicht können? 

  • Yassin: Das wurde uns jedenfalls jetzt so oft gesagt, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als es zu glauben. (lacht)

  • Audio88: Ich kenne nichts, was vergleichbar ist. 

  • Yassin: Und ich habe auch noch nie gehört, dass jemand gesagt hat: »Eure Mucke klingt wie das oder das.« Und das ist natürlich schön, wenn man das nicht oft hört. Es ist ein Kompliment. 

  • Die Orgel auf »Die Welt dreht sich weiter« hat Torky natürlich selbst eingespielt…?

  • Audio88: Nein. 

  • Yassin: Doch, natürlich. 

  • Audio88: Achso, doch klar. Wenn das der Executive Producer sagt. 

  • Ok. Auf dem Song ist die Line »Der Erfolg eurer Idole gibt uns immer noch recht.« Da wird ja wieder klar mit Feindbildern gearbeitet. Funktionieren Audio88 & Yassin nur mit Feindbildern?

  • Audio88: Ich glaube ja. Also ich zumindest. Yassin hätte abseits von Feindbildern noch ein bisschen mehr zu erzählen. Ich brauche das aber wirklich. Das ist, wie wenn andere Menschen Leserbriefe schreiben und sich über etwas aufregen. Ich verändere ja nichts, wenn ich Sarah Kuttner beschimpfe, aber es ist mir einfach ein Anliegen, dass jeder weiß, dass ich gesagt habe, wie zum Kotzen ich sie finde. Ich brauch‘ das. 

  • Yassin: Das ist natürlich auch ein dankbarer Antrieb, weil einem da nie das Futter ausgeht. Zum Glück. Im Moment, da Rap unser Vollzeitjob ist, kann man bei Audio sagen: Zum Glück. 

  • Audio88: Bei mir läuft. 

  • Yassin: Je beschissener die Welt läuft, desto besser läuft bei dir. 

  • Auf »Köfte und Schnitzel« bezeichnet ihr euch als »Fettes Brot in gut«. 

  • Audio88: Wenn man jetzt davon ausgeht, dass »Normaler Samt« ein normales Rap-Album ist, dann gibt es nichts Dankbareres als Fettes Brot zu dissen. Weil es ist nichts normaler im Rap als ein Fettes-Brot-Diss. Eigentlich kann man kein normales Rap-Album machen, ohne Oli P., Cappuccino, Fettes Brot oder einen von den Fantastischen Vier zu dissen. Bei uns sind es halt die Brote geworden. 

  • Ist der Grat zwischen normal und nicht normal eigentlich schmal? 

  • Audio88: Für uns ist der überhaupt nicht schmal. Aber für Außenstehende ist es relativ schwer zu definieren. Wir zwei haben ein sehr einheitliches Empfinden für normal. Wenn wir etwas sehen, dann wissen wir sofort, wenn es normal ist. 

  • Yassin: Man kann es einfach schwer definieren. Manchmal sind es nur ganz kleine Dinge. Auf dem Weg zum Studio gibt es zum Beispiel eine große Uhr mit einer drehenden Werbeanzeige darunter. Und da wechselt sich eine Werbung für einen Massage-Salon mit einer Werbung für Vasektomie ab. Das ist normal. Vielleicht ist sogar diese Uhr die Definition von normal. 

  • Audio88: Vielleicht kommen wir sogar nach dem Album mit einer Neuauflage von Fettes Brots »Definition von Fett« und die heißt dann »Definition von Normal«.

  • Der nächste Track ist »Dieses Interlude«. Es ist ein Interlude. Wieso braucht es ein Interlude?

  • Audio88: Weil es ein normales Rap-Album ist. Und normale Rap-Alben brauchen mindestens ein Interlude. 

  • Yassin: Ich als Executive Producer kann sagen, dass es an dieser Stelle ein Interlude braucht. Wenn man das Album an dieser Stelle skippt, dann merkt man, dass etwas fehlt. 

  • Könnt ihr etwas zu Enoq erzählen, der als Gast auf »Täter oder Opfer« ist?

  • Audio88: Bester Typ. 

  • Yassin: Ein Freund von uns, den wir über Torky kennengelernt haben. Der macht seit 16 Jahren Musik, aber hat erst vor zwei Jahren seinen ersten 16er gerappt. Der hat früher für irgendwelche »Orgi Pörnchen« und die ganzen Süd-Berliner Beats gemacht. Als er jetzt dann kürzlich seinen ersten 16er gerappt hat, waren wirklich alle aus dem Häuschen. Der kann richtig rappen. Er hat auch ein krasses Melodie-Gefühl. Da wird auch noch was kommen. Wenn nicht alles in die Hose geht, dann noch dieses Jahr. 

  • Auf »Taschentuch« trifft man erneut auf Mädness. 

  • Yassin: Mit Mädness sind wir ja wirklich befreundet, also verbringt man öfters Zeit miteinander. Wir saßen also mal wieder bei Torky und haben ein Bier getrunken. Torky hat dann angefangen, einen Beat zu bauen. Bei Torky ist es dann so, dass er – wenn man nicht schaut – einem einen Stift und Zettel hinlegt und dann muss man halt schreiben. Und das haben wir gemacht. Torky meinte dann, dass der Song auf das Album muss, weil es ein Hit ist. Und dann hat Tua noch drübergeträllert und dann war es sowieso klar. Uns ist erst am Ende aufgefallen, dass Mädness auf drei Songs auf dem Album vertreten ist. Wir sind halt auf jedem Song drauf – das ist viel nerviger.

  • Was war die Inspiration hinter »Taschentuch«?

  • Audio88: Es gibt diese Seite Krepelcoverz – die haben das Cover von Freunde der Sonne nachgezeichnet. Und da reicht die Sonne – es ist entweder DJ Katch oder DJ Release – ein Taschentuch. Das war die Grundidee. 

  • Yassin: Die Hook war am Anfang eigentlich eher ein Witz. Es war erst Mal ein bisschen albern, aber dann haben wir gemerkt, dass es irgendwie geil ist. 

  •  »Manchmal ist es vielleicht ganz gut, sich so ein kleines Rätselchen offen zu lassen und manche Momente auf einem Song einfach ›Burr‹ sein zu lassen.«Auf Twitter teilen
  • Kommt es öfters vor, dass ihr euch fragt, ob etwas zu albern ist?

  • Yassin: Wir müssen uns manchmal zurücknehmen, ja. 

  • Audio88: (lacht) Das kommt auch immer darauf an, wie lange wir an etwas sitzen. Manchmal kommen Sachen heraus, die außer uns wirklich kein Mensch versteht. Aber manchmal landen auch gerade diese Sachen noch auf einem Song. Kunst braucht es sowieso nicht, aber vielleicht braucht auch Rap nicht immer eine Erklärung für jede einzelne Line. Manchmal ist es vielleicht ganz gut, sich so ein kleines Rätselchen offen zu lassen und manche Momente auf einem Song einfach »Burr« sein zu lassen. 

  • Der nächste Song heißt »Nett sind sie alle«. Mich würde interessieren, wie ihr die Veränderung im Splash!-Backstage in den letzten Jahren erlebt habt. Früher haben sich ja da alle immer ganz böse angeschaut und mittlerweile herrscht dort eine extreme Harmonie und Liebe. 

  • Audio88: Wir beobachten das ja nur von außen, weil wir ja immer noch in unserer Ecke sitzen und schauen, wie sich auf einmal die Leute mögen, die sich im Jahr davor noch gehasst haben. 

  • Yassin: Naja, das muss er jetzt natürlich sagen. Ich weiß, dass es früher wirklich schlimm war im Backstage und die Leute lieber zum Pöbel vor der Bühne gegangen sind, als mit der Elite zu hängen. Das finde ich ja viel schrecklicher. Ich freu mich natürlich, wenn Leute unsere Musik mögen, aber ich muss jetzt nicht jeden Moment mit den Fans durchleben. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich etwas Besseres bin, aber auf dem Zeltplatz sind halt auch sehr viele Idioten. Das ist halt auch einfach so im Rap. Auch, dass da so wahnsinnig viele Typen sind. Bei anderen Festivals ist allein schon deswegen die Stimmung besser, weil es einfach nicht so ein Pimmel-Überfluss ist und die Jungs da auch mal einen weggesteckt haben. Dann ist die Stimmung auch schon viel entspannter. Auf dem Splash! hast du manchmal das Gefühl, es fehlt nicht mehr viel und die Jungs holen sich kollektiv mitten in der Crowd einen runter. 

  • Apropos kollektiv einen runterholen. »Normale Freunde« ist ein Posse-Track mit Beiträgen von Hiob, Sylabil Spill, JAW, Mädness, Dexter, El Ray, Rufmord3000, Döll, DCVDNS, grim104, Morlockk Dilemma, Megaloh und den Betty Ford Boys. Habt ihr bei den Gästen eine bewusste Überraschung reingegeben?

  • Yassin: Ja, Rufmord. Der war auch sofort dabei und hat auch seinen Part sofort abgeliefert. Die anderen Überraschungen waren jetzt für uns keine. Mit DCVDNS war schon ewig lang ein Song geplant und bei Megaloh waren wir einfach nur sehr froh, dass er Bock hatte, mit dabei zu sein. 

  • Und fehlt irgendjemand?

  • Audio88: Ja. Es fehlen zwei Leute. Da möchten wir die Namen jetzt nicht nennen, aber die haben wir gefragt und die haben dann aus diversen Gründen nicht geliefert. 

  • »Das letzte Lied« ist das letzte Lied. Ist das ein echter Kinderchor?

  • Yassin: Ja, das waren junge Mädchen. Ähm, das wurde von Mädchen im Kindesalter… wie sagt man das denn, ohne dass es verfänglich klingt? Es wurde von Menschen weiblichen Geschlechts unter 14 Jahren eingesungen. 

  • Audio88: Weil wir es können. Es ist halt ein normales Rap-Album und das braucht einen Kinderchor! 

  • Seid ihr froh, dass die Aufnahmen und Produktion fertig sind?

  • Audio88: Jaaaa! 

  • Yassin: Wobei, ich muss sagen: Jetzt gerade freue ich mich auf das nächste Ding. 

  • Audio88: Ja, das schon. Aber es ist schon ein gutes Gefühl, das Ding endlich abgeschlossen zu haben. Als dann endlich Master-Abgabe war, war das schon gut. Man ist ja schon stolz. Weil – auch wenn das jetzt wirklich die ausgelutschteste Metapher überhaupt ist – dein Baby ist jetzt halt da und du musst dir keine Sorgen mehr machen, weil alles fertig und gut geworden ist. 

  • Yassin: Das Lästigste, was es am Ende gibt, sind die Entscheidungen, die man fällen muss. Während du schreibst, sagst du dir, dass du ja noch was beim Aufnehmen ändern kannst. Wenn du aufgenommen hast, sagst du dir, dass du es vielleicht einfach noch mal aufnimmst. Bei der finalen Aufnahme sagst du: »Das wird ja noch gemischt!« Im Mischen sagst du: »Ach, das können wir noch ein bisschen nachproduzieren.« Und dann: »Im Mastering wird alles ja sowieso noch mal aufgepumpt.« Und dann bist du irgendwann an dem Punkt, an dem du dem Mastering dein finales »Go« geben oder entscheiden musst, wer die Videos dreht oder ob das Cover jetzt wirklich so aussehen soll. Du hast dann täglich Entscheidungen zu fällen, mit denen du dein Werk, das du gerade geschaffen hast, immer noch verzocken kannst, obwohl du schon fertig mit dem Schreiben und Aufnehmen bist. Da waren wir beide sehr froh, dass das jetzt zu Ende war. 

  • Audio88: Da ist es Segen und Fluch zugleich, dass wir beide sehr genau wissen, was wir möchten. 

  • Yassin: Oder vielmehr, was wir nicht möchten. Das ist leider der weitaus anstrengendere und zähere Weg. 

  • Bei dem Blick auf das Cover frage ich mich, ob du seit dem Fotoshooting mehr ergraut bist? Das Shooting ist ja auch schon ein bisschen her. 

  • Yassin: Das kann sein. Muss aber nicht. Je länger meine Haare sind, desto grauer werden sie. Wobei das Gel auch wirklich sehr gut war, das ich bei dem Shooting benutzt habe. Das habe ich vom 1-Euro-Shop gekauft: 1,5 Liter Gel für 99 Cent. 

  • Audio88: Auch ein gutes Beispiel für normal: 1,5-Liter-Töpfe Haargel. 

  • Damit wir dieses Gespräch jetzt nicht unbedingt mit einer Frage über Frisuren beenden… »Normaler Samt« wurde verzögerungsbedingt bereits mit »Detox« und »Chinese Democracy« verglichen. Was ist das Deutschrap-Äquivalent zu diesen beiden Alben, wenn es nicht »Normaler Samt« ist? 

  • Audio88: »BRP Unendlich« natürlich. 

  • Yassin: Stimmt, das ist das einzige Album, auf das noch gewartet wird. 

  • Audio88: Das wäre großartig, wenn Takti jetzt den Preorder-Link posten würde mit dem Hinweis, dass das Album 2019 kommt. 

  • FzumD

    Typisches Beispiel für ein deutsches Detox ist ja auch „Beten und Schreien“ von Das W, nur dass das halt nicht so viele Leute interessieren wird :D

    Ansonsten sehr sehr schönes und angenehmes Interview, hab gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging.

  • Nope

    Album wird schon geil aber dieses Normal-Gimmick haben sie schon vor Release erfolgreich totgeritten.