Maximilian Schneider-Ludorff »Liebe für die Kultur und kommerzieller Erfolg können selten harmonisch übereinkommen.«

There’s life in the old dog yet: Die Tapefabrik – seit eineinhalb Jahren totgeglaubt – ist mit 40 Artists, der Crème de la Crème der deutschen Producer-Szene und drei Bühnen zurück im Schlachthof Wiesbaden. Wir sprachen mit Festivalgründer Maximilian Schneider-Ludorff über den Verlauf der Insolvenz, die Rettung des Festivals und die Rückkehr zu den ursprünglichen Wurzeln.

Tapefabrik

Basierend auf der Grundidee, ein Festival auf die Beine zu stellen, das einfach alle Untergrund-Rap-Acts vereint, die es sonst entweder gar nicht oder aber in dieser Kombination nicht zu sehen gibt, mauserte sich die Tapefabrik von einem kleinen regionalen Abend-Event zur größten HipHop-Jam des Landes. Der Erfolg brachte allerdings ein paar Stolperfallen mit sich: Das Festivalteam hatte mit Planungs- und Budgetschwierigkeiten zu kämpfen und sah sich obendrauf mit einer allgemein schwierigen Marktlage konfrontiert, die die Hochkonjunktur von deutschem Rap im Livesektor mit sich brachte. Nach einem missglückten Versuch, das Festival neben Wiesbaden auch in Berlin zu platzieren, stand Maximilian Schneider-Ludorff mit seinem Team vor der Insolvenz. Noch nicht mal zwei Jahre später ist das Festival dennoch wieder da – und zwar in alter Form. Nachdem wir uns 2015 mit dem Festivalgründer ausführlich über die Gründe des finanziellen Ruins unterhalten haben, interessiert uns natürlich brennend, wie er den Karren aus dem Dreck ziehen und die Tapefabrik wieder zurück auf die Bühne holen konnte:

  • Die Tapefabrik stand im Herbst 2015 quasi vor dem Aus. Im September fand im Schlachthof Wiesbaden eine Benefiz-Veranstaltung statt, um das Festival zu retten und die Insolvenz abzuwenden. Vor Ort waren dann aber leider weniger Besucher als benötigt. Wie konntet ihr das Festival retten?

  • Zum einen muss man sagen, dass eine Insolvenz wesentlich weniger durchschaubar ist, als wir das als Laien zu Beginn glaubten. Das Insolvenzrecht ist auch nicht gerade vorteilhaft für Leute, die wie wir versuchen, sich aus eigener Kraft aus der Lage heraus zu wirtschaften. So mussten wir die Insolvenz zunächst akzeptieren. Die »Tapefabrik UG«, der ursprüngliche Träger der Tapefabrik, befindet sich nach wie vor mit allen dazugehörigen Vermögenswerten in der Hand des Amtsgerichts München.

    Da wir aber mit aller Kraft dafür kämpfen wollten, das Festival weiter stattfinden zu lassen, haben wir einen alternativen Weg eingeschlagen, den wir quasi in drei Schritten abhandeln: Der Schlachthof Wiesbaden hat einen Teil der Schulden übernommen und wird im Gegenzug vorerst zum offiziellen Veranstalter. Der Festivalgründer tritt persönlich und privat ebenfalls für eine vierstellige Summe ein, die er in Raten abzahlt – hierbei handelt es sich insbesondere um Künstlergagen.

    Mit dieser Basis hatten wir die Möglichkeit weiterzumachen. Die Künstler wissen, dass wir alles gegeben haben, ihrem Anspruch an uns gerecht zu werden, unsere Partner wissen, dass sie sich auch in schwierigen Situationen auf uns verlassen können und es gibt einen neuen, zuverlässigen Träger für das Festival. Die gesamte Organisation, Planung, Vorbereitung und Durchführung passiert natürlich weiter durch das Tapefabrik-Team, das seit vielen Jahren ehrenamtlich für das Festival tätig ist.

  • Das heißt ihr konntet die Tapefabrik auf stabile Beine stellen? Inwiefern seid ihr finanziell auf die Einnahmen der kommenden Festivalausgabe angewiesen, um die Tapefabrik weiter am Laufen zu halten?

  • Im Grunde tragen wir keine finanzielle Last mehr im Rahmen der aktuellen Ausgabe, da der Schlachthof Wiesbaden als Träger und als offizieller Veranstalter auftritt. Unser Team erhält dabei für seine Arbeit sogar ein kleines Honorar. Das entbindet uns aber natürlich nicht von einer gewissen Verantwortung und insofern ist daran auch die Zukunft der Veranstaltung gekoppelt. Sollten wir es gemeinsam mit unseren Partnern und Supportern nämlich nicht schaffen, die Veranstaltung erfolgreich wieder aufzubauen, wird auch der Schlachthof es sich zweimal überlegen, das Ganze erneut zu veranstalten. 

  • »Wir haben versucht, wieder zu dem einzigartigen Untergrund-Rap-Event zu werden, das die Tapefabrik mal war.«Auf Twitter teilen
  • Am Samstag ist die Tapefabrik mit 40 Artists also wieder zurück im Schlachthof Wiesbaden. Wie ist die Resonanz bisher? Rennen euch die erleichterten Fans die Bude ein oder läuft der Verkauf weiterhin schleppend?

  • Natürlich lässt man sich als Veranstalter nicht gern in die eigenen Karten schauen, aber der Trend ist wesentlich positiver als in den schwierigen Vorjahren.

  • Ihr habt eure Preispolitik geändert und den Eintritt von 45,- Euro bei der letzten TF in Wiesbaden auf 28,- Euro runtergeschraubt. Geht ihr davon aus, dass ihr durch die günstigen Preise so viel mehr Besucher bekommt, sodass sich das summa summarum rechnet? Oder konntet ihr die Ausgabenseite so stark reduzieren?   

  • Im Grunde haben wir unsere Politik beibehalten. Wir haben grundsätzlich immer mit dem geringstmöglichen Ticketpreis kalkuliert, auch weil wir wissen, dass wir zum Teil ein sehr junges Publikum haben. Das war übrigens auch immer ein wichtiges Bestreben des Schlachthof Wiesbaden, unserer Stammlocation. Die sehen sich auch als aktiven Teil der Jugendkultur der Region. Wie du schon richtig erkannt hast, stimmt es allerdings ebenfalls, dass frühere Budgets einfach viel größer waren bzw. sein mussten. Wir haben unser Konzept umgestellt und setzen jetzt vor allem auf ein breites Spektrum und künstlerische Qualität statt auf »größere« Namen. Das dreht natürlich auch an der Budgetschraube. 

  • Wir haben bei unserem letzten Treffen darüber gesprochen, was so alles dazu geführt hat, dass die Tapefabrik in solche Schwierigkeiten geraten konnte. Unter anderem hast du angeführt, dass ihr im Laufe der Jahre euer Alleinstellungsmerkmal verloren habt, und allen Fans da draußen versprochen: »Wenn wir noch eine Chance bekommen, werden wir definitiv dafür sorgen, dass das Festival wieder dem gerecht wird, was die Tapefabrik einmal war.« Inwiefern bist du diesem Versprechen nachgekommen?

  • Um ehrlich zu sein, war genau dieses Versprechen die Ausgangsbasis unserer diesjährigen Planung. Wir haben versucht, wieder zu dem einzigartigen Untergrund-Rap-Event zu werden, das die Tapefabrik mal war und ich kann nicht ganz ohne Stolz, vor allem für die großartige Arbeit unseres Teams, sagen: Das haben wir erreicht. Und nicht nur das – wir haben außerdem das vielleicht vollständigste Line-Up der Beatkultur in Deutschland. Darauf sind wir sehr stolz und ich hoffe, dass unsere Fans das genau so sehen.

    Nicht außen vor lassen sollte man aber, dass das nur möglich ist, solange wir uns wirklich in unserer »Sparte« bewegen. Auch unsere Sektion der deutschen Rapmusik ist nämlich durchaus auf den großen Festivalbühnen angekommen und das Angebot an kleinen Tagesfestivals und Tourkonzerten ist nach wie vor sehr stark – was uns für die Fans natürlich freut, für uns aber eine gewisse Herausforderung darstellt. Die konnten wir in diesem Jahr aber, wie ich finde, meistern. 

  • »Jeder einzelne Beatartist, jeder Rapper, jeder DJ ist in diesem Jahr unser Headliner.«Auf Twitter teilen
  • Wir sprachen das letzte Mal auch darüber, wie schwierig es ist, den richtigen Headliner für ein Festival wie euch zu finden, weil: »Alles, was eine gewisse Größe erreicht, ist schon zu kommerziell; alles, was diese Größe noch nicht erreicht hat, zieht nicht genügend Leute an.« Wie seid ihr das Thema diesmal angegangen?   

  • Ganz einfach: Wir haben einfach darauf verzichtet. Jeder einzelne Beatartist, jeder Rapper, jeder DJ ist in diesem Jahr unser Headliner. Deshalb ist das Programm auf dem Plakat auch alphabetisch. Obwohl wir Einzelne hervorheben, ist jeder auf einer Stufe, kein Headliner steht »ganz oben«. 

  • Künstler wie Hiob und Morlockk Dilemma, die noch vor einigen Jahren kaum live zu sehen waren und daher der Tapefabrik mit ihrem Auftritt ein Alleinstellungsmerkmal gegeben haben, haben sich über die Jahre mit euch weiterentwickelt. Die beiden spielen inzwischen auf einer Reihe Festivals sowie eigene Touren. Und trotzdem sind sie jedes Jahr wieder dabei. Warum? 

  • Flapsig formuliert: Weil sie für uns zum Inventar gehören. Es gibt natürlich einige Artists, allen voran Morlockk Dilemma, Hiob oder auch eloquent, die wir einfach vermissen würden, wären sie nicht dabei. Aber wir versuchen auch hier neue Wege zu gehen. Morlockk Dilemma wird in diesem Jahr nicht wie üblich mit Hiob, sondern mit Brenk Sinatra auf der Bühne stehen. Hiob wird dafür mit Pierre Sonality als »Die Zampanos« auftreten. Eloquent wird sein Album mit Twit One performen, anstatt wie üblich durch die gesamte SXT Crew flankiert eine Crew-Show zu spielen. So versuchen wir, ohne unsere Wurzeln zu verlieren, dennoch auch Neues vorzustellen. 

  • Nach fünf Jahren Tapefabrik-Geschichte mit Auf und Ab: Was war das Learning? 

  • Das Learning? Man kann nicht beides haben! Liebe für die Kultur und kommerzieller Erfolg können in den seltensten Fällen wirklich harmonisch übereinkommen. Es ist schade, dass im Bereich der konservativen Unterhaltung wie Oper, Theater, Klassische Musik immer noch riesige Fördertöpfe als Ausweg aus diesem Dilemma existieren, aber Veranstalter der Jugendkultur dort kaum Ansatzpunkte haben. Selbst die Stadt Wiesbaden, obwohl wir durch Anreisende aus ganz Deutschland sicher zum Stadtmarketing beitragen, hat sich jahrelang geweigert, auch nur engere Gespräche aufzunehmen.

    Gleichzeitig hat mich – und ich denke, das geht vielen in unserem Team genau so – kaum ein Projekt im bisherigen Leben so bereichert wie die Tapefabrik. Ich habe in ganz Deutschland Freunde, Partner und Seelenverwandte gefunden, die uns bis heute unterstützen. Und auch unsere Insolvenz hat uns lernen lassen, wie man sich durch schwere, belastende Zeiten hindurchbeißt.

    Ich habe durch die Tapefabrik mehr denn je viel Liebe für diese Szene und glaube, HipHop ist nach wie vor eine der wichtigsten Subkulturen – und ich vermeide hier absichtlich das Wort Jugendkultur –, die wir in Deutschland haben. Dafür bin ich dankbar.

  • Nico Schwandt

    Interessantes Interview!