K.I.Z. »Es wäre schön, wenn alle Menschen Linksradikale wären.«

Auf ihrem neuen Album jubeln K.I.Z.: »Hurra, die Welt geht unter«. Fatma Aydemir und Marc Dietrich sprachen mit Maxim, Nico, Tarek und DJ Craft in Berlin.

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K.I.Z. haben im Laufe ihrer Karriere schon so einige Interviews gegeben. Manchmal kamen dabei Frage-Antwort-Spiele heraus, die von Distanz, Insiderjokes und wenig Lust, sich erklären zu wollen, gekennzeichnet waren. Nach zehn Jahren im Spiel und anlässlich der Veröffentlichung von »Hurra, die Welt geht unter« kann man aber fast von einer gewandelten Kommunikationshaltung sprechen: Die Kannibalen in Zivil beziehen Position – offenbar ganz gerne und ziemlich on point. Fatma Aydemir und Marc Dietrich haben Maxim, Nico, Tarek und DJ Craft auf einer sonnigen Kreuzberger Terrasse getroffen. Dabei ging es nicht nur um das neue Album sondern auch um Ironie, das »Flüchtlingsproblem« und politischen Rap.

  • Der Titelsong »Hurra, die Welt geht unter« erzählt von einer postapokalyptischen Utopie, in der die Menschen in Frieden miteinander leben und ihre eigenen Tomaten züchten. Sind K.I.Z. zu Hippies geworden?

  • Nico: Keine Ahnung, jeder will doch irgendwie Hippie sein.

  • Maxim: »Hippie« ist ja kein Schimpfwort, weil man doof findet, dass Leute nett zueinander sind, oder mit dem schlafen, auf den sie Bock haben. Es geht eher darum, dass Hippies nicht regelkonform und unrealistisch sind, das ist es, was die meisten nervt. Warum ich mich über Hippies lustig mache, ist, dass die sich immer alle Widersprüche wegdenken. Auf die Art: Es könnte ja alles gut sein, wenn man nur denkt, dass es gut ist. In dem Song ist es schon anders, weil wir konkret sagen, dass es eine Welt gibt, in der es nicht egal ist, mit wem man schläft, und welche Religion man hat. Es gibt da ein paar Stellen, die durchaus Aggressionen in sich tragen. Insofern würde ich nicht sagen, dass der Song zu 100 Prozent dieses Hippietum verkörpert.

  • Die Kritik äußert sich aber bei weitem nicht mehr so zynisch, wie auf älteren Songs. War das eine bewusste Entscheidung, dass bei diesem Album die Ironie etwas in den Hintergrund tritt?

  • Tarek: Eigentlich nicht. Unser Konzept war es einfach, eine Reihe von Themensongs zu machen – quasi als Herausforderung, damit es interessant bleibt. Aber das ist ja keine Abkehr von dem, was wir vorher gemacht haben. 

  • Nico: Wir wollten diesmal einfach keine Standard-Battletracks machen. 

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  • Diese übertrieben sarkastischen Ansagen haben sich ja wie ein roter Faden durch euer Gesamtwerk gezogen. Ihr habt euch bei den Wahlen auch für »Die Partei« engagiert. Ist das noch aktuell?

  • Nico: Nö, wir sind da jetzt nicht so großartig involviert. Die Zeit brauchen wir auf jeden Fall für unsere Musik, die können wir nicht in Parteiarbeit investieren. Aber wir lassen uns gerne wieder von der »Partei« vor deren Karren spannen, wenn der Wahlkampf wieder losgeht.

  • Tarek: Das Wort »Ironie« kam jetzt ein paar Mal vor in Interviews – ich finde das eigentlich etwas entwertend. Ebenso ein roter Faden war es ja in unserem Werk, dass wir irgendwelche Regeln, die anderen Rappern immer sehr wichtig waren, extra gebrochen haben. Und uns selbst immer als die größten Vollidioten und Opfer stilisiert haben. Das ist ja schon auch eine Einstellung, die viel über uns aussagt. Und zwischen den Zeilen hatten wir immer irgendwelche Aussagen, deshalb stört mich das eigentlich häufig, wenn Leute sagen, dass sei megaironisch oder megalustig. 

  • Inwiefern ist das abwertend, euch als ironisch zu lesen?

  • Maxim: Es klingt so, als würde da keine Aussage drinstecken. Als würden sich die Leute die Message einfach wegdenken und sich nur an dem Witz erfreuen. Wenn Leute sich nun darüber beklagen, dass die Ironie weg sei, dann habe ich echt das Gefühl, dass die auf unsere Botschaften schon immer geschissen haben.

  • Aber dass euch die Botschaft wichtig ist, das ist den Fans doch sicher immer klar gewesen. Ohne die Botschaft würde ja der Witz auch nicht funktionieren. Nur vielleicht habt ihr das in der Vergangenheit manchmal so überspitzt, dass man nicht immer sagen konnte, ob die Botschaft wirklich so angekommen ist, wie es beabsichtigt war.

  • Maxim: Ich denke, wir hatten oft Angst, dass wir zu zeigerfinger- oder oberlehrerhaft rüberkommen, und uns so über den Hörer stellen. Damit macht man ja den Anschein, man würde sich für etwas Besseres halten. Durch dieses Ironische kann man selbst die kritisierte Position einnehmen und sich mit dem Hörer auf eine Art und Weise auch vertragen. 

  • Das war ja zu den Anfängen des Deutschrap auch noch üblich, dass Leute den teacher gegeben haben und dem Hörer die Welt erklären wollten. Aber das war ja nie euer Ansatz.

  • Tarek: Nein, ich finde es auch schrecklich, wenn Rapper so pseudotiefgründige Kopf-hoch-Songs machen – und Leute, die es eher flach mögen, meinen dann plötzlich, das sei so ein total tiefgründiger Typ. Dabei holt er sich nur die ganze Zeit einen darauf runter, wie unglaublich tiefgründig er ist. Wenn solche Leute dann auch noch belächeln, was wir machen, dann denke ich: Alter, wer bist du eigentlich? Was du machst, ist der absolute Dreck, sowas kann ich in fünf Minuten schreiben. 

  • Tarek, dein Solosong »Freier Fall« handelt von Trennung und ist ein gutes Beispiel für einen tiefgründigen Song, der nicht mehr sein will, als er ist, und eben deshalb funktioniert. 

  • Tarek: Das freut mich sehr zu hören, denn ich war sehr unsicher, ob dieser Song auf das Album gehört. Vor allem, weil Liebeskummer so ein oft behandeltes Thema ist. Aber die Jungs meinten, es käme auf die Sätze an, und die sind nach wie vor sehr ehrlich, obwohl ich diese Zeit nicht mehr nachempfinden kann. Ich denke, der Anreiz ist auch, dass der Hörer uns durch solche persönlichen Stücke nach zehn Jahren auch mal näher kennenlernen kann.

  • Auf »Hurra, die Welt geht unter« kommt an mehreren Stellen so eine biografische Ebene rein, indem ihr verschiedene Lebensphasen wie Kindheit, Jugend, Elternschaft thematisiert. War das so geplant?

  • Maxim: Nein, das hat sich eher so ergeben. Ich denke, ein Grund dafür, warum wir das jetzt erst machen, ist, dass es ein gewisses Selbstbewusstsein dafür braucht. Vielleicht muss man davon auch ein bisschen Abstand haben, um es richtig verarbeiten zu können. Ich finde es eigentlich schwierig, dass Künstler, sobald sie einen gewissen Berühmtheitsgrad erreicht haben, jeden Furz aus ihrem Leben ausplaudern müssen und es für interessant halten. Ich fand es halt immer wichtig, dass ich mich auch für Dinge interessiere, die nichts mit mir persönlich zu tun haben. 

  • Es gibt auf »Geld« sinngemäß folgende Line: »Ich kann nicht mehr sagen, dass ich Schwuchteln hasse, weil sonst mein Werbevertrag platzt.« Worauf spielt ihr damit an?

  • Tarek: Man hat den Eindruck, dass bei vielen Rappern, die sagen, sie machen jetzt »erwachsene Musik«, das auf jeden Fall mit dem Finanziellen einhergeht. Weil es weniger profitabel ist, andauernd »Arschficksongs« zu machen. 

  • Maxim: Viele lassen eben diesen sexistischen und homophoben Scheiß nicht weg, weil sie es uncool finden, sondern weil es marktwirtschaftlich einfach unpassend ist. Als wir 2007 bei Rock am Ring nicht auftreten durften, war das ja nicht, weil der Sponsor des Zeltes – Toyota – darauf bedacht ist, den Menschen bessere Werte zu vermitteln, sondern weil das für die Marke eventuell einen finanziellen Schaden bedeuten könnte. Das ist ja die moderne Form von Toleranz. Wenn du Rassist bist, dann verzichtest du auf einen gewissen Teil des Marktes.

  • »Ich finde es megalangweilig, wenn Leute einem die ganze Zeit erzählen, sie seien politische Rapper.«Auf Twitter teilen
  • Es gab im letzten Jahr einen regelrechten Hype um linke Rapper wie Tick Tick Boom, die Antilopen Gang oder Zugezogen Maskulin, die euch ja auch offen als ihre Vorbilder angeben. Seht ihr euch als Teil dieser linken Rapszene?

  • Tarek: Wir kennen die Jungs von Zugezogen und finden großartig, was sie machen. Aber ich würde sie gar nicht so in die Reihe zählen. Ich finde es megalangweilig, wenn Leute einem die ganze Zeit erzählen, sie seien politische Rapper. 

  • Maxim: Ja, dann sag was Politisches! Erzähl‘ nicht die ganze Zeit, dass du links, rechts, mitte bist. Sag etwas, das dem entspricht, dann werden dir die anderen Leute schon den Stempel geben, wenn du ihn unbedingt haben willst. Ich finde es merkwürdig, wenn Musiker immer so eine Fahne schwingen müssen.

  • Das heißt, ihr möchtet nicht als linke Rapper abgestempelt werden?

  • Tarek: Bei uns ist es ziemlich offensichtlich, wir haben bestimmte Wurzeln – ob es jetzt darum geht, dass wir in Kreuzberg aufgewachsen sind oder darum, dass unsere Eltern aus anderen Ländern kommen. Es ist klar, dass wir Linke sind. Es gibt natürlich Leute, die das auch missverstehen. Ich finde es halt so abstrakt, dass man das immer betonen muss. 

  • Nico: Naja, weil deine Eltern aus einem anderen Land kommen, heißt das nicht, dass du kein Nazi bist.

  • Maxim: Ich würde irgendwelche Wurzeln jetzt auch nicht als Argument sehen. Man muss sich halt die Aussage eines Künstlers anschauen. Ich finde es zum Beispiel echt anstrengend, wenn Leute uns sagen: »Hey, schreibt doch mal ›Nazis raus‹ auf Facebook!« Wem soll das denn etwas bringen? Ich könnte also die ganze Zeit rassistischen Scheiß reden, und dann reicht es dir, wenn ich einmal »Nazis raus« auf Facebook schreibe? Dieses extreme Verlangen nach Positionierung finde ich so unsachlich und es langweilt mich auch total. Bei Freiwild zum Beispiel recherchieren die Leute eifrig, ob der Sänger in seiner Vergangenheit richtig organisierter Nazi war, anstatt sich einfach mal einen Song von denen anzuhören. Man müsste sich das Gesicht von diesem Typen gar nicht anschauen, wenn man einen Song hört, weiß man sofort, was Sache ist.

  • Aber nicht alle Hörer mögen das Werkzeug dazu haben, diese Botschaften richtig zu dechiffrieren. Bei Rap war da ja schon immer eine allgemeine Unsicherheit für Außenstehende, die nie richtig deuten konnten, ob das jetzt alles ernst gemeint ist oder nicht.

  • Maxim: Ja, aber das ist nicht nur im Rap so. Es gibt ja auch Bands wie Rammstein oder Laibach, die mit einer rechten Ästhetik spielen, bei denen gehört das ja zum ganzen Konzept. Also ich persönlich fand es immer sehr witzig, wenn uns Leute für Nazis gehalten haben. Ich habe gar nicht das Bedürfnis, dem zu widersprechen. Okay, dann bin ich eben Nazi. 

  • Craft: Wir wurden auch mal von einer ostdeutschen Nazi-HipHop-Crew gebucht. Die hatten Runentattoos und haben im Backstage ein Spanferkel für uns vorbereitet.

  • Maxim: Naja, die Veranstalter waren, glaube ich, kompatibel – aber jetzt nicht aktiv.

  • Craft: Aber es war halt witzig, dass die so große Fans von Tarek waren. Die waren total glücklich, mit ihm im Backstage zu chillen. 

  • Habt ihr euch nicht daran gestört?

  • Maxim: Nein, also ich finde das gar nicht schlimm. Ich fände es natürlich schöner, wenn alle Menschen auf der Welt nur Linksradikale wären, aber ich muss mich jetzt nicht dafür schämen, dass ein Rechter sich meine Musik anhört. Wenn es nun nur solche Leute wären, dann müsste man darüber nachdenken, ob die Inhalte vielleicht zu kompatibel sind. Es ist ja einigen Künstlern passiert, dass sie sehr allgemeingültige Lieder gemacht haben und sich dann ärgerten, als sie auf irgendwelchen CDU-Parteitagen gespielt wurden. Aber dann sollte man überlegen, ob es eigentlich stimmt, dass man Musik für nicht-Alle macht.

  • Also Applaus von falscher Seite ist bis zu einem gewissen Punkt okay, solange die Leute checken, dass ihr nicht auf deren Seite steht?

  • Craft: Naja, je größer eine Band wird, desto mehr unterschiedliche Gruppen erreicht sie auch. Du kannst das nicht immer beeinflussen, wer das wie hört.

  • Tarek: Was sind überhaupt die »falschen Leute«? Es gibt auch so genügend Menschen, die merkwürdige Verhaltensmuster zeigen und mit denen ich mich einfach nicht identifizieren kann, auch wenn sie sagen, sie seien links. 

  • Nico: Wenn ich auf eine Party gehe und da stehen zehn Leute herum, dann kann ich davon schon mal mindestens drei nicht leiden. Man kann sich ja vorstellen, wie das ist, wenn 20.000 vor der Bühne stehen.

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  • Es gibt in »Boom Boom Boom« diese Referenz an die Situation im Görlitzer Park in Kreuzberg, die gerade breit diskutiert wird. Verfolgt ihr diese Diskussion?

  • Maxim: Man kriegt das so mit, klar. Aber diese ganze Flüchtlingsthematik existiert ja schon länger. Der Grundstein von dem Song wurde schon gelegt, bevor es diese ganzen Pegida-Demonstrationen gab.

  • Craft: Es gab ja auch dieses Bezirkstreffen bezüglich des Parks. Da gab es eigentlich auch gute Argumente und Aussagen. Da war eine Frau, die meinte, dass sie sich mehr von einer Wand aus zehn Polizisten bedroht fühlt, die den Park überwachen, als von den 20 Dealern, die da halt am Eingang stehen. Diese ganze Polizei, die da an den Start gebracht wird, ist völlig übertrieben. Das bringt ja auch nichts – das ist einfach ein Katz-und-Maus-Spiel.

  • Das hatte ja auch sicher mit Beschwerden von den Anwohnern des Parks zu tun …

  • Maxim: Das ist halt der Unterschied zwischen Anwohner und Nachbar. Was aber immer sehr bemerkenswert an dieser Flüchtlingsdebatte ist: es geht immer darum, inwiefern »wir« betroffen sind und nicht darum, welche Probleme die Flüchtlinge haben. Erstmal gibt es diese Leute, die behaupten, man muss alle Leute wegknasten, die Drogen verkaufen, oder man muss sie schon an der Grenze abfangen. Dann gibt es die noch Netteren, die sagen, man muss Entwicklungshilfe in Afrika leisten – aber nicht, weil man nett zu den Menschen sein will, sondern weil man verhindern will, dass sie bei uns im Park Drogen dealen. Es geht immer darum, was der deutsche Staat damit für ein Problem hat, erst deshalb ist plötzlich wieder einmal das Elend in den Herkunftsländern ein Thema. Und dann auch meistens auf die Mitleidsschiene – als wäre das Problem vom Himmel gefallen und Europa habe keinen Anteil an dem Elend in diesen Regionen. Immer dieses Elend, was auf einmal kommt – und wir sind dann die guten Deutschen, die noch mal ein Zelt am Oranienplatz erlauben.

  • Um etwas ganz anderes geht es in dem Song »Ariane«, nämlich um das Ausbrechen aus dem Alltag und willenloses Partymachen am Wochenende. Dieser Eskapismus scheint in Berlin ein großes Ding zu sein. Aber ist eure Kritik daran nicht auch etwas konservativ?

  • Maxim: Natürlich ist es übertrieben und dadurch hat es etwas Kritisches. Ansonsten ist es eine Feststellung und bedeutet nicht unbedingt, dass es ein Ausbrechen ist. Zudem hat es auch einfach mit dem Verhältnis von Arbeit und Freizeit zu tun. Das ist kein Unfall. Das gehört genau zu dieser Art von Gesellschaft. 

  • Craft: Die Kritik ist halt, dass so viele Menschen das über sich ergehen lassen und nicht hinterfragen, dass sie die ganze Zeit missbraucht und ausgebeutet werden für wenig Geld. 

  • Nico: Und wenn es nicht nötig wäre, dann gäbe es ja auch nicht sowas wie Urlaub. Es ist halt ein nötiges Übel, dass mal die Arbeit eingestellt werden muss, damit die Leute wieder fresh am Start sind. 

  • Craft: Letztendlich muss jeder selbst entscheiden, wie er damit umgeht. Eine Möglichkeit ist, sich am Wochenende abzuschießen und die Sorgen mal wegzuballern. 

  • Soundmäßig habt ihr auf dem neuen Album auch ein wenig variiert: Klar gibt es Trap- und Dubstep-Elemente. Aber auch Boombap-Beats mit Vocalscratches – was ja seit ein paar Jahren auch wieder im deutschen Straßen-Rap zurückgekommen ist. Wolltet ihr euch da ein wenig ausprobieren oder gehörte das schon immer irgendwie zu euch?

  • Tarek: Wir nennen es »Merk« (Mörk).

  • Maxim: Das ist unser eigener Musikstil.

  • Nico: Wir hatten ja eigentlich immer so ein Potpourri. Beim neuen Album ist es zwar dezenter als vorher, aber das ist bei uns nie ganz abzustellen. Selbst wenn wir uns vornehmen: Jetzt machen wir mal so einen richtig fett einheitlichen Sound.

  • Tarek: Es hat aber so einen roten Faden. Fast alles wurde von Nico produziert.

  • Maxim: Wir sind dem roten Faden um einiges näher gekommen dadurch, dass Nico – und Moses Schneider sowie Gee Futuristic ein wenig – am Sound gearbeitet haben. Vorher war es ja wirklich so, dass erst ein Punksong und dann…

  • Tarek: … ein Schlager kam. 

  • Nico: Dass auf dem neuen Album BoomBap-Beats drauf sind, kommt teilweise auch daher, dass manche Beats tatsächlich zehn Jahre alt sind, die wir da gepickt haben. Kevbeats hat ja im Grunde genommen unser »Das Rap Deutschland Kettensägen Massaker« in Eigenregie produziert. Darauf gab es schon Tareks »Alles Schlampen außer Mutti«, das bereits sehr BoomBap-lastig war. Und die Beats sind eben teilweise aus der gleichen Zeit. Wir hatten Kevbeats so ein wenig aus den Augen verloren. Dann haben wir aber eben diese zehn Jahre alten Beats gepickt und zum Teil neu nachgebaut. 

  • Was macht euer neues Album eigentlich anders als die vorigen?

  • Nico: Die Stimmung ist ab der zweiten Hälfte schon ziemlich düster. Das ist bei uns früher höchstens mal bei einem Song der Fall gewesen. Und es ist auf jeden Fall ein bisschen ruhiger. Also wenn man mal versucht das »Ganz oben«-Mixtape ganz durchzuhören, dann kriegt man schon eher einen epileptischen Anfall. 

  • Craft: Der Song »Freier Fall« ist soundmäßig schon fast deep-house-mäßig. Dadurch, dass das Album nicht mit einem festen Konzept angegangen wurde, hat es sehr viele Facetten und Zitate. Manche Zitate sind uns selbst auch gar nicht bewusst. Kevbeats ist selbst auch so nen Raver, der am Wochenende auch mal zwei, drei Tage auf Technoveranstaltungen ist und diese Musik lebt. Er produziert nebenbei auch mal deep-house-Sachen. Das fließt alles mit ein.

  • Tarek: Ich finde schön, dass da auch mal so ein paar persönliche Sachen mit drauf sind. Mich hat es als 14-Jähriger durchaus mal getröstet, wenn ich Liebeskummer hatte oder geärgert wurde, wenn auf einem Album mal so ein »Wir hatten Löcher in den Schuhen«-Song drauf war. Wir haben diesen einen Song, in dem wir sagen, dass wir praktisch nicht in der Footballmannschaft waren und mit der Prom-Queen ausgegangen sind – das hat schon etwas Tröstendes. Das kann einem was geben. Ich bin froh, dass wir das jetzt auch mal abgehakt haben. Als nächstes kommt vielleicht mal Female Rap und das wir uns als Frauen verkleiden. 

  • Wart wir ihr am Weltfrauentags-Konzert nicht auch mal als Frauen verkleidet?

  • Tarek: Ja, und es war schön mal eine Frau zu sein. Ich war eine miese Ghetto-Schlampe.

  • Maxim: Das ist gar nicht so schwer wie diese Frauen immer behaupten.

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  • Ihr seid das bestimmt schon tausend mal gefragt worden, aber gerade mit Blick auf eure Singles, die meist einen ganz eigenen Stil haben, fällt es schwer, herauszuhören, wovon ihr beeinflusst seid. Was habt ihr früher so gehört?

  • Tarek: Ich habe 2Pac und Mobb Deep gehört. Und was Deutschrap angeht: Aggro Berlin. Wir sind auch in der Nähe von Downstairs zur Schule gegangen. Die waren halt zehn Meter entfernt und ganz Deutschland hat sie gefeiert. Das war ganz cool. Auch weil es so hart war. Das erste Album von DMX ist auch der Hammer. 

  • Maxim: Ich war immer unfassbarer Fan von Three 6 Mafia und diesem ganzen frühen Trap-Zeugs. Aber leider hab ich es nie hingekriegt, das richtig zu biten. Schon 2005 habe ich das versucht. Aber ich war einfach zu wack. Textlich habe ich aber auch sehr viel französische Chansons gefeiert. 

  • Nico: The Prodigy ist auf jeden Fall bei meinen ersten CDs dabei gewesen – genauso wie ODB und Wu-Tang. Ansonsten war ich großer Redman- und Ludacris-Fan. 

  • Craft: Mein Papa hat Massive Attack gehört, die ganzen DJ-Kicks-Reihen, Kruder & Dorfmeister. Deutschrapmäßig war es erst Prinz Porno, dann Westberlin Maskulin und Creutzfeld & Jakob. Amirapmäßig war es querbeet. Three 6 Mafia habe ich durch Nico und seine Freunde kennengelernt. New-York-Sachen kannte ich über den Freund meiner großen Schwester. Mobb Deep, DMX – so diese Schiene. Durch DJ-Vorbilder kamen dann auch Westcoast-Underground und Jazz-Poesie-Rapmusik dazu. Busdriver – vor allem die Flows waren sehr krass. Wenn ich das heute höre, ist das schon auch sehr anstrengend.

  • Was ist der Hauptgrund dafür, dass wir uns darüber freuen können, dass die Welt unter geht?

  • Maxim: Warum der Weltuntergang toll ist? Na, wenn man die Welt gerade so richtig prima findet, dann ist das natürlich scheiße. Für die Leute haben wir natürlich kein gutes Angebot auf Lager. Blatter, den VW-Vorstand und Merkel können wir keine guten Argumente liefern. Aber alle anderen, die wissen, warum sie die Welt scheiße finden, werden diese Frage gar nicht stellen. Dann sei fit für den Wettbewerb und das Fitnessstudio. Trainier’ deine Ellbogen und los geht’s.

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    Cooles Interview, allerdings wäre keine Überschrift unpassender gewesen