Out4Fame: Ruhrpott-Liebe seit 1998

Der Westenhellweg in Dortmund ist so etwas wie die kommerzielle Pulsschlagader der 600.000-Einwohner-Stadt. Zugleich ist er ein Abziehbild so vieler Innenstädte im Ruhrgebiet, bei denen die Einkaufszone bedeutungsgleich mit der Ansiedlung immer gleicher Ketten, Apotheken und Handyläden ist. Auf eine reichhaltige HipHop-Geschichte verweist hier eigentlich nichts: Längst verschwundene Institutionen wie Uprock – ein Graffiti-/Klamotten-/Plattenladen, in dem in den Neunzigern auch gerne mal Too Strong oder Ohne Gleichen bei einem Kronen Export abhingen – waren sowieso immer in der ramschig-charmanten Brückstraßen-Hood und damit näher an der berüchtigten Nordstadt. Und doch ist da aktuell ein Bruch in diesem zu grob gemalten (Stadt-)Bild, denn: Zwischen H&M und P&C prangen in diesem Sommer alle drei Meter Poster mit Namen wie D.I.T.C., Common, Kool G Rap, Kool Savas, Busta Rhymes oder 187 Strassenbande. Nach dreijähriger Probezeit in der Peripherie hat das Out4Fame Festival nach Dortmund, ins Herz des Ruhrgebiets, gefunden! Damit wird ein lang gehegter Traum für die Out4Fame-Heads Sebastian »Catcher« Yurtseven, Mario »Dako« Da Costa und Carlos Wind wahr. Zeit einmal nachzuhören, wie es zu dem Festival kam, aber auch wie sich die Agentur aus einem Hagener Jugendzimmer heraus zur waschechten deutschen Rap-Instanz hustlete.

Catcher wohnt mittlerweile wieder in Hagen-Wehringhausen, jenem multikulturellen Stadtteil, in dem er 1998 als gerade mal 18-Jähriger Out4Fame gegründet hat. Im Gespräch zeigt sich schnell, was sich in den bisherigen Line-Ups des Festivals auch bereits andeutet: Out4Fame bucht und promotet schon immer KünstlerInnen, die dem persönlichen Geschmack entsprechen. Dies bestätigt auch Carlos, der mittlerweile als rechte Hand von Dako Out4Fame allgemein und das Festival im Speziellen mitgestaltet: »Uns wurde damals dieser DSDS-Typ Menowin Fröhlich angeboten. Aber an der schnellen Mark hatten wir kein Interesse!« In einem früheren Interview pointiert Dako die Philosophie recht gut: »Out4Fame steht genau in der Mitte, wir können heute Game bringen und morgen Souls Of Mischief. Wir machen einfach das, was für uns Hip-Hop ist.«

Das Festival ist eindeutig das Resultat einer bunten Neunziger-Sozialisation mit Premo, Rawkus und Wu-Tang einerseits, Dre, Jay-Z und DMX andererseits; aber eben auch einer Jugendzeit zwischen Stammtisch-Freestyle-Tapes, R.A.G. und Doppelkopf. Angesprochen auf den Festival-Slogan »More Real Rap« erklärt Carlos: »Wir sind aber keine Dogmatiker. Jedes Festival hat sein Publikum und wir versuchen halt die Rapper zu holen, die aus unserer Sicht Substanz haben. Dazu holen wir aber auch immer neue Acts, die wir feiern, wie die Azzlacks oder 187er.«

Out4Fame hat längst seinen Abdruck in der deutschen Rap-Geschichte hinterlassen: Die mittlerweile nach Bonn migrierte Agentur für KünstlerInnen-Management, Produktion und Vertrieb hat in den Nullerjahren maßgeblich die »1on1 Freestyle Battle«-Kultur etabliert und natürlich »Feuer über Deutschland« gebracht. Gerade letzteres war eine Karrierestartmithilfe für mittlerweile nicht ganz unbekannte Rapper wie Fard, Casper oder Marteria. Angefangen hat aber alles am Rande des Ruhrgebiets, in Hagen, das eigentlich bestenfalls für seine Neue-Deutsche-Welle-Vergangenheit bekannt ist. Wir befinden uns Mitte der Neunziger, der damals 15-jährige Catcher legt bei Club-Veranstaltungen unter dem Namen Crazy C auf. HipHop ist damals noch vor allem etwas für Leute, die nach der »Source« am Hauptbahnhof-Kiosk suchen und »Word Cup«-Folgen auf VHS konservieren. Damals HipHop-Veranstaltungen gewinnbringend oder zumindest kostenneutral zu organisieren, ist problematisch, denn HipHop ist noch ziemlich Nische.

Am Anfang steht bei Catcher die Einsicht: »Es wird hier einfach nichts passieren, wenn ich es nicht selbst mache.« Er schaltet in den Do-it-yourself-Modus. Die anfänglichen Promotion-Skills sind ausbaufähig: Jams und Club-Abende wurden »mit Wordart-3D-Flyern, auf denen völlig random Wu-Tang-Logos oder so ein grimmiger Capadonna abgedruckt waren« beworben. »Manchmal haben wir auch die konkrete Location-Adresse vergessen«, so der Initiator.

Der Hauptgrund für erste Eventorganisationen war: mit kleinen Konzerten sollten Hagener Acts wie Ultima Ratio oder KSD – aus denen sich später Brenna & Desasta entwickelten – gepusth werden. Das Prinzip war einfach: Die lokalen KünstlerInnen sollten als Vorgruppen für etablierte Größen wie Creutzfeld & Jakob, R.A.G. und ABS Aufmerksamkeit generieren. Doch während Brenna und Co. den Pott nur kurz »back« bringen konnten, zeichnete sich ab, dass die Veranstaltungsorganisation das Kerngeschäft Out4Fames werden sollte.

Die Geschichte dazu geht so: Im Jahr 2001 werden mit »HipHop’s Revenge. Der Pott kocht« unter anderem Spax, DCS und die Stieber Twins in die HipHop-Provinz geladen. Die Hagener Berlet-Halle ist damals gut gefüllt – allerdings von einer nicht unproblematischen Crowd, denn im Anschluss ist die Location komplett gebombt. »Gebäudeschäden« von mehreren Tausend Euro. Großzügig getaggte Nebengebäude und gescrachte Fensterscheiben wirken sich ebenfalls nicht als Inklusionsparameter in einer ohnehin HipHop-skeptischen Veranstalterkultur im Ruhrgebiet aus. »HipHop’s Revenge« Teil 2? Nein, danke! Der Wille zur Großveranstaltung ist aber geweckt: »Mir hat einfach nicht eingeleuchtet, dass in Oberrabenstein ein HipHop-Festival stattfinden kann, dies aber im Ruhrgebiet unmöglich sein soll«, rekapituliert Catcher.

Noch auf der Jam trifft er Steffen Peter, einen Writer und Künstler, der später auch das Out4Fame-Logo entwerfen sollte. Steffen connected Catcher mit dem Mann, der seit ein paar Jahren die Geschicke von Agentur und Festival lenkt: Mario »Dako« Da Costa. Er wird auf Out4Fame durch das Freestyle-Battle-Turnier, das durch 16 Großstädte in Deutschland führt, aufmerksam. Dako, laut Carlos ein echtes »HipHop-Wikipedia«, organisiert damals die HipHop-Bühne auf dem Bonner Rheinkulturfestival. Er bittet Catcher dort seine Freestyler an den Start zu bringen. Man beschließt, sich auch künftig zusammenzutun, denn Dako verantwortet mit der »Jam-Session« eine ähnliche Reihe. Überhaupt verbindet den türkischstämmigen Catcher mit dem in Angola verwurzelten Dako ein großer HipHop-Ethos gepaart mit bestem HipHop-Enterpreneur-Geist. In Eigenregie HipHop groß machen und gleichzeitig den persönlichen Lebensunterhalt mindestens aufbessern. Und das gelingt auch: Mit »Feuer über Deutschland I«, das von Kool Savas gehostet wird und 2006 erfolgreich auf DVD erscheint, wird Out4 Fame large. Mit dem zweiten Teil der Trilogie (2007) wird das Hagener Solo-Projekt immer mehr zur Ruhr-Rhein-Kollabo. Zu tun hat das auch mit einer Qualität, die Dako einbringt: Dako ist in Rapkreisen durch die Rheinkultur gut connected, er weiß, wen man anfragen muss und welche Battle-Konstellation vielversprechend ist. In der zweiten Hälfte der Nullerjahre holt Dako den Argentinier Carlos Wind – den HipHop-verrückten Freund aus Jugendzeiten – ins Boot. Mit ihm organisiert er parallel zu Out4Fame-Projekten vor allem Konzerte mit US-Acts – Helden aus den Neunzigern oder Wesensverwandten.

Im Jahr 2010, stolze elf Jahre nach den ersten Gehversuchen im Hagener Globe, beschließt Catcher dann »die HipHop-Welt ein wenig zugunsten der bürgerlichen Welt« zu verlassen. Das Anglistik- und Geschichtsstudium führt ihn für ein Jahr nach Vancouver: »Ich hätte es schlecht gefunden in dieser Zeit die Marke, die Out 4Fame ja mittlerweile geworden war, zu pausieren. Also habe ich Dako und Carlos gefragt, ob sie nicht während meiner Abwesenheit unter dem Namen Konzerte veranstalten wollen.« Was dann passierte, war jedoch mehr als ein reines bei der Stange halten des Kernklientels: Die Rheinländer holen unter dem Qualitätssiegel Out4Fame große Namen ins Land: Ice Cube, Nas und Busta Rhymes. Out4Fame profiliert sich zunehmend auch im internationalen KünstlerInnen-Segment. Eigentlich ist alles perfekt. Es fehlt eigentlich nur die Realisierung eines Traums, den Catcher, Carlos und Dako teilen: ein eigenes Festival auf die Beine stellen. Dako und Carlos haben die Möglichkeiten dazu in NRW bereits ein paar Mal sondiert. Vorläufige Einsicht: Es hat einen Grund, warum in der ostdeutschen Provinz ein HipHop-Festival stattfinden kann, nicht aber ohne Weiteres im bevölkerungsstärksten Bundesland. Es gibt schlicht kein geeignetes Gelände, das nah an der Stadt gelegen ist und ermöglicht, eine eigene Festival-Infrastruktur zu fassen.

Als pures Glück erweist sich für das Trio 2013 dann eine sehr simple aber ausschlaggebende Idee Catchers: Wenn es kein Gelände gibt, das passend ist für die Installation einer eigenen Festivalinfrastruktur, dann »kann man vielleicht andere Festivals fragen, ob sie nicht einfach ihre Sachen für eine Woche stehen lassen und wir benutzen dann alles von denen.« So geschieht es bei der Kooperation mit den Punkern vom Ruhrpott Rodeo im Falle der ersten drei Festival-Ausgaben in Hünxe. Formal gesehen ist der Traum vom Out4Fame Festival inklusive Auftritte der persönlichen Helden (Wu-Tang, EPMD, Mobb Deep, Haftbefehl, Megaloh) also erfüllt. Aber wer will Träume schon formal erfüllt sehen? Die Suche nach dem Festival in der Stadt geht weiter. Dazu Catcher: »Mein Traum wäre es gewesen in Dortmund-Hörde eine Location zu haben mit Blick auf den Förderturm. So richtig Industrieromantik halt.«

Mit dem Revierpark Wischlingen, der direkt an die Stadt angebunden ist und auf dem dieses Jahr das Out4Fame Festival stattfindet, ist man dieses Jahr immerhin in Dortmund-City angekommen. Die Out4Famer ziehen selbst viel Liebe aus dem Festival. Catcher: »Als ich 2014 das Freestyle-Battle-Finale auf der Hauptbühne moderiert habe, da habe ich einmal dieses typische Call-and-Response-Ding durchgezogen. Du weißt schon: ›Wenn ich sag ›Out4‹ sagt ihr ›Fame‹! ›Out4‹ ›Fame‹– das von Tausenden zu hören, war ein Gänsehautmoment. Da dachte ich mir schon: Krass, dass wir es geschafft haben.« Auch Carlos hat so seine persönlichen HipHop-Momente vom Festival: »Wenn ein Redman – also eine Legende wie Redman! – dir eine handgeschriebene Liste mit konstruktiven Vorschlägen für das Festival übergibt und persönlich Props gibt, dann ist das eine Ehre. Wenn du dann siehst, dass ein Busta Rhymes sich auf eigene Rechnung das ganze Festival-Wochenende ins Hyatt einbucht, um auf der Bühne Mobb-Deep-Parts mitrappen zu können, dann ist das Wahnsinn.«

Das diesjährige Out4Fame Festival findet vom 18. bis 20. August in Dortmund statt. Tickets gibt es hier.

  • Flizzy

    Die Rheinkultur in Düsseldorf? Wat?

  • http://www.allgood.de Jan Wehn

    Hast natürlich recht, Flizzy. Die Rheinkultur fand in Bonn statt. Ist geändert.

  • Flizzy

    Brauchst dich nicht bedanken, Marc. Korrigier einfach. Wie du meinem ersten Beitrag allerdings entnehmen könntest, heißt es „Die“ Rheinkultur. Du Recherchemonster.

  • terrencetoi

    @Marc: Die Geschichte geht SO: Im Jahr 1999!!!! werden mit »HipHop’s Revenge. Der Pott BRENNT« — 2001 wurde vllt. gekocht…aber eher zuhause :P