Film-Review:
»Stretch & Bobbito: Radio That Changed Lives «

Stretch & Bobbito

Im Jahr 2015 bilanziert sich die HipHop-Kultur erstaunlich oft selbst. Klar, HipHop-Dokumentationen und historische Abhandlungen zum Genre hat es auch früher schon gegeben, dieses Jahr scheint dies jedoch stärker und öffentlichkeitswirksamer zu sein als zuvor. Ein N.W.A-Film, der die Kinocharts stürmt, kurz zuvor ein Festival-prämierter Dokumentarfilm über eine lebende Legende (»Time Is Illmatic«), demnächst dann hierzulande in Buchform die große Retrospektive auf die deutsche HipHop-Historie in der Wiederauflage von Hannes Loh und Sascha Verlans Buch »35 Jahre Rap in Deutschland«. Jetzt schlägt ein weiterer Film in die gleiche Kerbe: »Stretch & Bobbito: Radio That Changed Lives«. Der Dokumentarfilm feierte am 30.10. in Berlin in Anwesenheit der namensgebenden Protagonisten Deutschlandpremiere. (Hat hier aber hier bislang noch kein offizielles Releasedatum.)

»Stretch & Bobbito« ist natürlich die Geschichte der Radio-Legenden Robert »Bobbito« Garcia und Stretch Armstrong, die mit ihrer »The Stretch Armstrong and Bobbito Show« in den goldenen Neunzigern die beste Radio-Sendung betrieben, die HipHop je hören durfte. Ab 1990 zunächst im College-Radio angesiedelt, moderierte Bobbito – kongenial unterstützt von seinem DJ Stretch – ab Mitte der Neunziger bei der Vorzeigeadresse Hot97 in New York. Dies geschah mit einer Extraportion Humor und Leichtigkeit, die nur diejenigen aufbringen konnten, die Job und Profession zuvorderst als persönliche Passion verstanden. Dort wurde der Underground hochgehalten, hochgezogen und wieder eingeladen, wenn er schon längst nicht mehr als Geheimtipp galt. Aufgrund der Tatsache, dass die Gäste aber nicht nur einfach den üblich Promo-Talk loswerden durften, sondern dazu angehalten waren, einen exklusiven Verse zu kicken oder zu freestylen, war die Show eben auch eine Bewährungsprobe – vor einem HipHop-Publikum, das zu dieser Zeit Rapper vor allem an ihren Skills maß. Es ist diese Charakteristik, die im Film einen Jay Z dazu bewegt, das Radio-Duo in den höchsten Tönen zu loben oder einen Fat Joe in eine begeisterte Retrospektive versetzt.

Der Slogan »Radio that changed lives« nimmt den Mund dabei nicht zu voll. Der Film wirft Schlaglichter auf eine analoge Zeit, in der das Radio tatsächlich ein Leitmedium war und sich Popularität nicht über zahlreiche Kanäle und Medienformen akkumulierte, sondern konzentriert an zwei, drei Instanzen stattfand. (Man denke etwa noch an die »Unsigned Hype«-Rubrik in »The Source«.) Es ist zumindest eine Überlegung wert, ob die Karrieren von Nas, Mobb Deep, Eminem oder Jay Z ihren bekannten Verlauf genommen hätten, wenn es diese beiden Rap-Nerds und ihre sympathisch-unprofessionelle Radioshow nicht gegeben hätte. Die Doku ist aus Original-VHS-Mitschnitten, Kurzstatements aus der Gegenwart und Studio-Schappschüssen locker komponiert und zelebriert alles, was zwischen das Dreieck Männerfreundschaft, Spaß und Rap-Verses, die das Spiel verändern, passt. Entlang der Entwicklung der Show und der damit verbundenen Erlebnisse aus Sicht der Gastgeber und Gäste führen die 90 Minuten launig durch legendäre Freestyle-Sessions von Souls of Mischief oder Biggie, für die Show gekritzelte Lines, die Teil von Hits wurden wie bei Big L und Anekdoten, die unvergessen bleiben – etwa als der Wu-Tang Clan mit 20 Mann vor der Redaktionstür steht und in die Show will. Mit Exclusives – jenem heiß begehrten Gut, das Radioshows und im Anschluss auch Mixtapes besonders machte – wird ebenfalls nicht gegeizt. Etwa wenn Fat Joe auf einem quietschgelben Sony Walkman ein unbekannter Part von Big Pun vorgespielt wird. Die Gier nach neuem Material, die in Zeiten des Internets weitaus leichter und schneller gestillt werden kann, wusste der eine oder andere damals geschäftstüchtig zu nutzen: Busta Rhymes outet sich als Tape-Dealer, der die Shows auf Band aufzeichnete und für fünf US-Dollar auf der Straße verhökerte. Später wird Bobbito bemerken, dass »wir«, also die Rap-Fans, ein eigenes, manuelles Internet gestartet hätten, das seine Shows auf Tape bis nach Amsterdam oder Schweden brachte.

Überhaupt arbeitet der Film sehr stark auf Basis des Wissens um die eigene Pionierleistung und dem Bewusstsein, ein Archiv von HipHop-Momenten zu besitzen. Dass die Präsentation dessen fast nie in Richtung selbstgerechter Abfeierei kippt, liegt vor allem daran, dass hier zwei Menschen gezeigt werden, die sich wie kleine Kinder freuen, wenn sie einem Nas einen Prä-»Illmatic«-Verse zeigen können. Oder die auf sympathisch-naive Art bei einem Radiosender eine Rap-Show etablieren, obwohl alle Entscheidungsträger sie zunächst für bekloppt halten. Der Rest ist Geschichte – und die wird teilweise auch stark selektiv erzählt. So kommt Bobbitos Label Fondle ‚Em Records überhaupt nicht zur Sprache. Auch werden die Differenzen zwischen Stretch und Bobbito, die in der Moderation jeweils eigener Sendungen resultierten, recht schnell abgehandelt. Was bleiben soll, ist das Bild zweier HipHop-Verrückter, die im DIY-Stil geschafft haben, was nie intendiert war: Eine Radioshow, die von Nachwuchsrappern im Jugendalter fiebrig mitgeschnitten wurde, und ein Format, von dem es zurecht hieß: »Wenn du da warst, hast du es fast geschafft«.

»Stretch & Bobbito« ist ein weiteres wichtiges Stück einer HipHop-Galerie, deren Programm zunehmend auf Neunziger-Retrospektiven setzt. Vielleicht ist es so, dass Werkschauen die Verbindung zu ihren BetrachterInnen verlieren, wenn sie ihnen in ihrem jeweiligen Zeitkontext nichts mehr sagen oder nur noch durch angestrengtes Rückversetzen erfassbar werden. Diese Gefahr läuft der Film nicht: Die Vergangenheit ist noch zu präsent und die Faszination analoger (HipHop-)Zeiten einfach zu groß. Zudem hat die Collage der Nachwuchsstimmen, die zu Ikonen-Stimmen werden, der stillen und bewegten (VHS-)Bilder einen Vorteil: Sie setzt auf die Darstellung der Liebe zur Kultur – und die ist eigentlich zeitlos.