Producer’s Producer #7:
Cella über Mr. Carmack

7_PRODUCERS PRODUCER

Soundcloud ist tot, lang lebe Soundcloud. Und damit auch die Soundcloud-Producer. Der 20-jährige Cella wohnt in Zürich und schießt von dort seine Beats voller verstolperter Drums, verhackter Melodien und verschachtelter Flächen in den Internet-Orkus. Auf dem ebenso in Zürich ansässigen Label Quartz Records veröffentlicht er dieser Tage seine EP »Prologue«. Auf seinen Lieblingsproduzenten stieß Cella natürlich auf Soundcloud. Und seitdem lässt ihn Mr. Carmack nicht los. Eine musikalische Kongruenz der beiden – die Affinität zu melodiösen Synths, die hohe Kunst des soften Drops, der Mix aus HipHop und Electronica – lässt sich nicht bestreiten. Dementsprechend gibt es für die siebte Folge von Producer’s Producer eine Liebeserklärung von Cella an Mr. Carmack.

»Vor etwa fünf Jahren, als ich mich noch täglich auf Soundcloud herumgetrieben und immer stetig nach neuen Künstlern gesucht habe, bin ich auf einen Beatmaker der ganz speziellen Art gestoßen: Mr. Carmack. Wenn ich mich recht erinnere, war der erste Beat in meinem Soundcloud-Feed »Dark Hadou«. Was mich damals schon von Anfang an gepackt hat, war Carmacks sehr experimentelles Sounddesign. Was an dem Sound damals auch neu für mich war: Die Grenzen zwischen normalen HipHop-Beats und elektronischer Musik schienen immer mehr zu verschwinden. Und Carmack hat dies auf eine sehr innovative Art gemacht. Das hat mich wirklich mega inspiriert. Carmack pflegte auch einen sehr interessanten Umgang mit seinem Soundcloud-Profil. Er hat wöchentlich Beats gelöscht und wieder neue veröffentlicht. Man musste die Beats dementsprechend immer herunterladen, wenn man sie mehr als nur eine Woche hören wollte.

Carmack hat ein einzigartiges Sounddesign und eine unglaubliche Breite an Styles. In meinen Augen ist er auch ein Meister der Harmonien, die von mega kompliziert bis zu sehr simpel sind – aber immer das gewisse Etwas haben. So weit ich weiß, kommt Carmack auch von einem eher klassischen Hintergrund und spielt, wenn ich mich nicht täusche, Kontrabass. Ach ja, guter Punkt. Der Dude lässt sich praktisch nie in Interviews blicken. Und auch auf Social Media ist er verglichen mit den meisten anderen Musikern extrem zurückhaltend. Carmack ist trotz steigendem Bekanntheitsgrad und Kollaborationen mit Künstlern wie Kehlani und Jaden Smith Underground geblieben. Das gibt ihm auch einen eher mysteriösen Vibe.

Es fällt mir nicht leicht, mich auf einen Lieblings-Beat von Carmack festzulegen. Vor allem, weil seine Produktions-Styles von Track zu Track sehr unterschiedlich sind. Meine Wahl fällt schlußendlich auf den Track »Go Get Her«, eine Kollaboration mit Jordan Rakei und Tom Misch, die übrigens auch beide Genies sind. Der Beat startet mit einem reizvollen, fast kitschigen atmosphärischen Raum, der dann bei 30 Sekunden mit einer Chordprogression etwas konkreter wird. Bei Sekunde 50 setzen die Drums mit einer einfachen Synth-Line ein. Ich kann den Ton kaum beschreiben, aber für mich hat er etwas Saxophonartiges. Das ganze Stück ist außerdem mit echt eingespielten Gitarren übersät, was der Komposition mehr Leben einhaucht. Der Teil zwischen Minute 1:50 und 2:20 ist mein Lieblings-Musikteil überhaupt. Wenn der Beat wieder einsetzt und diesmal noch mit einem zusätzlichen melodiösen Synth im Hintergrund ergänzt wird, läuft es mir jedes Mal kalt den Rücken runter. Dass der Beat kein richtiges Ende hat, lassen ich mal unkommentiert…

Carmack arbeitet mit Ableton Live. Und das ist, ehrlich gesagt, alles, was ich weiß. Über den Entstehungsprozess seiner Tracks ist nicht so viel bekannt. Auf Carmacks Instagram-Kanal sieht man, dass er in einem ziemlich herkömmlichen Studio arbeitet – darin ein paar Synthesizers, ein paar Instrumente und ein Laptop, den er an ein paar gute Lautsprecher anschließt. In einem kleinen Video auf Instagram hat er aber seine liebsten VST Programme aufgelistet. Eines davon war Synplant, das ich mir dann auch kurz darauf gekauft habe. Mir wurde auch recht schnell klar, von wo Carmack all diese unerklärlichen Sounds nimmt. In diesem Tool ist wirklich nichts kontrollierbar. Und ich habe keine Ahnung, wie es funktioniert. Ein tolles Spielzeug ist es aber allemal.

Mr. Carmack hat wirklich keine Angst, bizarre Töne in seine Tracks einzubauen. Es ist standardmässig so, dass ich einen Beat von ihm zehn Mal hören muss, bis ich ihn geil finde. Das liegt vor allem daran, dass sich mein Gehirn zuerst an die neuen Sound gewöhnen muss. In seinem neusten Projekt »Project Paradis«, das er mit Promnite Beats gestartet hat, wird das auch wieder sehr schön präsentiert. Wenn man die »Paradis EP« hört, wird man zwangsläufig auf Töne stoßen, von denen man nicht wusste, dass sie existieren und von wo sie kommen. Genau das schätze ich so an Carmack extrem.

Ich denke, dass mich Mr. Carmack weniger im Sound, sondern vielmehr in der Ideologie beeinflusst hat. Immer auf der Suche nach einem neuen Sound und neuen Styles zu sein und Genres komplett zu ignorieren – das hat mir Mr. Carmack schon von Anfang an vermittelt.«