ALL GOOD READS #15 / 2014

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Es hat ein wenig gedauert, dass eine neue ALL GOOD READS-Folge erscheint. Es ist aber auch viel passiert – »Zeit Online« feierte Haftbefehl als neuen Dichterfürst, »Welt« schloss in einer (sehr schlechten) Glosse von Fler auf den gesamten Berufsstand Rapper, Hafti gab dem gleichen Medium ein paar wirklich großartige Interview-Antworten, eine HipHop-Kolumnistin machte sich grenzwertig moralisch vertretbare Gedanken über die Grenzen des moralisch Vertretbaren und Cro erlaubte sich einen Spaß und ließ sich von DCVDNS bei einem Telefoninterview mit der Freiburger Webseite »Fudder« vertreten. Nicht zu vergessen das komplette Transkript von Lil Bs Vorlesung am MIT.

Und dann gab es da noch ein Statement von Haftbefehls Management, weil der Offenbacher Rapper sein Engagement für Bob Geldofs Band-Aid-30-Großprojekt kurzfristig absagte und die »Bild« wissen wollte, wieso. In diesem Statement hieß es dann: »Haftbefehl konnte sich mit dem Inhalt nicht identifizieren.« Konsequent vom Baba.

 

Wie dem auch sei – hier sind die ALL GOOD READS #15 / 2014:

 

»Run the Jewels: How 2014’s Brashest Rap Duo Came Back From Oblivion« (Rolling Stone)
Gute Musik führt zu gutem Musikjournalismus. Ist so, bleibt so. Mit »Run the Jewels 2« gelang El-P und Killer Mike eines der Highlights des Jahres. »Rolling Stone« widmete dem Duo eine umfassende Geschichte, die bereits herrlich mit der Punchline »the uncommon hip-hop age of 39« sowie einem Zitat über French Montanas Hausäffchen beginnt, mit so grandiosen Beschreibungen wie »middle-management gangsterism« weitermacht und mit Bildern von Killer Mike und El-P in Sanitäteruniform passend abgerundet wird.

 

»Mykki Blanco And Kathleen Hanna Interview Each Other« (Fader)
Kathleen Hanna ist Punk-Musikerin, Mikky Blanco ist Rapper – beiden war es nie genug, nur das eine zu sein. Wobei das eigentlich gar nicht so viel zur Sache tut, wenn beide von »Fader« auf ein gemeinsames Telefongespräch eingeladen werden. Man spricht über gemeinsame Musik, Partizipation und die Frage, ob man Miley Cyrus und/oder Justin Timberlake fragen sollte, ob sie Feministen sind.

 

»Why are Rap lyrics being used as evidence in court?« (Noisey)
Gerade beschäftigt Amerikas höchsten Gerichtshof – den Supreme Court – der Fall Elonis vs. United States. Es geht dabei um die richtig großen Themen der Menschheit: freie Meinungsäußerung, Online-Drohungen und Rap. Ein Fall, der nicht unwichtig sein wird für die Frage, ob und vor allem wie Rap Lyrics zwischen Kunstfreiheit und Authentizität vor Gericht als Beweismittel zum Tragen kommen können. Das »Vice«-Format »Noisey« hat da mal etwas zusammengetragen.

 

»Jaden and Willow Smith on Prana Energy, Time and Why School is Overrated« (NY Times)
Ob man an dieser Stelle auf ein Interview mit den zwei juvenilen Kindern von Will Smith hinweisen muss? Ob man ein Interview mit einer 14-Jährigen und einem 16-Jährigen, in dem es um Quantenphysik, die Melancholie der Ozeane, Schokolade und hinduistische Lebensenergie geht, lesen möchte? Gute Frage.

 

»The RZA: ›A Servant Sometimes Needs to Be Served‹« (NY Times)
»I always felt it was our duty to express hip-hop from a grown man’s perspective«, sagt RZA im Gespräch mit dem immerguten Jon Caramanica. Ich dachte eigentlich immer, Wu-Tang is for the children?!?

 

»What’s killing comedy. What’s saving America.« (Vulture)
Natürlich ist Chris Rock ein brillanter Gesellschaftsbeobachter – er ist ja auch einer der besten Comedians, die es in der US-zentrierten, westlichen Welt so gibt. Natürlich hat er deswegen auch den einen oder anderen guten, richtigen und wichtigen Punkt zu sagen. Im langen Gespräch mit dem Essayisten Frank Rich geht es um Comedy, Politik im Allgemeinen und George Carlin und Ferguson im Speziellen.

 

»Villainous Jambalaya: Remembering MF DOOM’s MM…Food 10 Years Later« (Watchloud)
Vor ziemlich genau zehn Jahren erschien MF DOOMs Klassiker »MM..Food« – wahrscheinlich nicht DOOMs bestes Album, aber dennoch ein Album, das – völlig zurecht – auch eine Dekade nach der Veröffentlichung seine Kreise zieht. Die Website »Watchloud« befasst sich näher mit dem Meisterwerk.

 

»Ferguson and the history of riots and protest« (Wax Poetics)
Am 9. August erschoss der weiße Polizist Darren Wilson den unbewaffneten Afroamerikaner Michael Brown in Ferguson, Missouri. Vor wenigen Tagen entschied eine Geschworenenjury in Clayton, Missouri, dass sich Wilson nicht für den Tod Browns vor Gericht verantworten muss. Auch wenn man beim Blick in die Kommentarspalten deutscher Hochkulturmedien vielleicht zu einem anderen Schluss kommen könnte, sind sowohl der Tod Michael Browns als auch die Geschehnisse danach eine Tragödie. Und natürlich auch ein Zeichen für den tatsächlichen Status der post-rassistischen amerikanischen Gesellschaft. Neben wirklich hervorragenden Artikeln über die Geschehnisse von Ferguson und wie man sich darüber unterhalten kann, gibt es auch diesen Beitrag in »Wax Poetics«, der einen eher kurzen, aber trotzdem lesenswerten historischen Abriss über Proteste während des Civil Rights Movements bis heute liefert.

 

»Making Peace With Big Bank Hank« (Cuepoint)
Am 11. November verstarb Henry Lee Jackson, besser bekannt als Big Bank Hank, im Alter von 58 Jahren. Mit »Rapper’s Delight« hatten er und die Sugarhill Gang einen der größten Hits, den HipHop jemals hervorgebracht hat. Dabei machte er darauf etwas, was man eigentlich nicht macht: Er rappte die Lyrics eines anderen Rappers. Die Lines waren von Grandmaster Caz, der sich hier an seinen Gefährten erinnert. Rest in Power, Big Bank Hank.

  • Ai, Sie!

    Grandmaster Caz‘ Touren durch Hip/Hip-New York sind nicht nur für absolute Beginner sehr zu empfehlen! steiler typ!

  • Binding

    Was ist peinlicher: Der Welt-Artikel über Fler oder die Reaktion Flers auf diesen Artikel?
    Ich kann absolut nicht verstehen, weshalb sich HipHop-Journalismus in Deutschland stets verteidigend vor ganz Rap-Deutschland stellen muss. Warum fühlt man sich angegriffen, wenn Menschen „von außen“ das richtige sagen: Das Rapper wie Fler peinliche Dumpfbacken sind, die Fremdscham in die Höhe treiben? Warum sagt niemand, der mit HipHop-Journalismus sein Geld verdient, nicht auch mal, was im Rap scheiße läuft, statt Angriffe „von außen“ abzuwehren?
    Peinlich peinlich, die Rudelmentalität der Musik-Journalisten. Ich will kritische Berichterstattung und nicht nur Promo.

  • http://www.allgood.de/ ALL GOOD

    Sehr richtig, endlich sagt’s mal einer! Armes Deutschland!

    Hier, noch mehr unreflektierter Unfug:

    http://allgood.de/meinung/kolumnen/unsichere-zeiten-fuer-totalreporter-und-rapper/

    http://allgood.de/meinung/kommentare/hipster-hass-und-hipsterhass/

  • Jannes

    Was ich nicht verstehe, sind die Kommentare unter dem Haftbefehl Interview.
    Haftbefehl gibt echt interessante Antworten, und das einzige, was diese Leute dazu sagen, ist, dass er sich nicht Deutsch fühlen darf weil seine Eltern nicht Kurden sind.